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Realismus (Kunst)
Die Kunst des Realismus versucht, der sozialen Realität und dem Alltag der Menschen aufgrund genauer Beobachtung ihrer charakteristischen Merkmale ohne …
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Grundidee und Begriffsabgrenzung
Realismus bezeichnet in der Kunstgeschichte eine Mitte des 19. Jahrhunderts in Europa einsetzende Kunstauffassung. Sie wandte sich gegen die idealisierenden Darstellungsweisen von Klassizismus und Romantik. Realistische Kunst richtet sich auf die soziale Wirklichkeit und den Alltag der Menschen. Durch genaue Beobachtung sollen charakteristische Merkmale ohne Schönung, Idealisierung oder Stilisierung sichtbar werden. Dabei geht es nicht nur um eine möglichst naturgetreue Kopie, sondern um die künstlerische Aneignung und Umgestaltung der Wirklichkeit.
Der Begriff wird in zwei Bedeutungen verwendet. Im historischen Sinn bezeichnet er vor allem eine politisch geprägte Kunstströmung des 19. Jahrhunderts, die sich mit Gesellschaft, Alltag, sozialen Verhältnissen, Widersprüchen und Konflikten beschäftigte. Im allgemeinen Sinn heißt eine Darstellung realistisch, wenn sie ihrem Gegenstand besonders nahekommt und dem Anschein nach für wahr gehalten werden kann. Deshalb gab es bereits in früheren Epochen realistische Tendenzen, etwa in der Antike, der Renaissance oder in Albrecht Dürers Aquarell Junger Feldhase (1502). Eine lebensgetreue Darstellung allein macht ein Werk jedoch noch nicht zu einem realistischen Kunstwerk im kunsthistorischen Sinn.
Realistische Kunst ist nicht an eine bestimmte Technik oder einen einheitlichen Stil gebunden. Entscheidend ist der Zusammenhang zwischen der Absicht des Künstlers, der dargestellten Wirklichkeit und der gesellschaftlichen Rezeption des Werks. Sie muss auch nicht streng mimetisch, also naturnachahmend, sein. Der Naturalismus orientiert sich stärker an der äußeren Natur, während der Realismus Wirklichkeit durch Auswahl, Gestaltung und Deutung transformieren kann. Nach Klaus Herding soll ein realistisches Kunstwerk auf die Wirklichkeit nicht nur informierend, sondern auch „transformierend und aufklärend“ einwirken.
Die politische Dimension ist wesentlich. Seit dem französischen Realismus des 19. Jahrhunderts wurde Realismus mit demokratischen und republikanischen Tendenzen verbunden. Roman Jakobson unterschied 1921 zwischen zwei Bedeutungen: Realismus kann eine Kunstströmung sein, die durch ein Maximum an Wahrscheinlichkeit die Realität möglichst unverfälscht wiedergibt; zugleich kann er die Summe der charakteristischen Merkmale einer bestimmten Kunstrichtung des 19. Jahrhunderts bezeichnen. Welche Kunst als realistisch gilt, hängt dabei auch vom historischen Blick des Betrachters ab. Das Wirklichkeitsverständnis verändert sich, weshalb ein Werk in einer Epoche realistisch und in einer anderen nicht realistisch erscheinen kann.
Der Realismus im 19. Jahrhundert
In der Neuzeit bildete sich der Begriff Realismus als Gegenbegriff zum Idealismus heraus. Seit den 1790er Jahren bezeichnete er den Weltbezug moderner, differenzierter Kunst und löste die ältere Kategorie der „Nachahmung“ ab. Zunächst wurde Realismus häufig negativ bewertet, weil man ihn mit bloßer Kopie der Natur gleichsetzte. Erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde er als eigenständige und wertvolle Kunstbewegung anerkannt.
In Frankreich wurde der Begriff, der in der Literaturkritik seit 1821 als Gegenbegriff zum Klassizismus nachweisbar ist, in den 1850er Jahren auf die bildende Kunst übertragen. Vorbereitet wurde die Entwicklung unter anderem durch Théodore Géricault. Jules Champfleury und Edmond Duranty verteidigten den Realismus als wahrheitsgemäße Darstellung der modernen Gesellschaft. Sie wandten sich gegen die klassizistische und romantische Normierung des Schönen in der akademischen Kunst und interessierten sich besonders für die Lebensbedingungen der Unterschicht. Die politische Dimension entstand auch aus der Opposition gegen Napoleon III.
Gustave Courbet (1819–1877) gilt als wichtigster französischer Vertreter und als „Gesicht“ des Realismus. Für ihn war Realismus eine demokratische Kunst, die die „Verneinung des Ideals“ und die „Selbstbefreiung des Individuums“ einschloss. Er wollte eine allgemeinverständliche Kunst schaffen, die nicht nur Bildungseliten zugänglich war. Courbet studierte die Kunst der Alten und Modernen, wollte sie aber weder imitieren noch kopieren. Sein Ziel war eine lebendige Kunst, die Sitten, Gedanken und Erscheinungen seiner eigenen Epoche aus seiner individuellen Sicht übersetzt.
Nach der Ablehnung einiger Werke für die Pariser Weltausstellung von 1855 eröffnete Courbet den eigenen Pavillon du Réalisme. Seine Bilder zeigen häufig Angehörige des ländlichen Mittelstands und der Arbeiterschicht. Ein Begräbnis in Ornans (1850), Die Steineklopfer (1849) und Die Kornsieberinnen (1854) gelten als sozialkritische Beispiele. Auch Jean-François Millet (1814–1875) stellte häufig Landarbeiter und Besitzlose dar. Sein Gemälde Der Mann mit der Hacke (1852–1862) wurde sozialistisch interpretiert, was Millet zurückwies. Eugène Delacroix war teilweise dem Realismus verpflichtet, ging mit schockierenden Sujets und kühner Farbverwendung aber über den Stil der Epoche hinaus und wurde dadurch auch zum Wegbereiter des Impressionismus.
In Deutschland wurde der Realismus unter anderem durch Carl Blechen vorbereitet. Adolph Menzel gilt als wichtigster deutscher Vertreter. Er erhob die Wirklichkeit verschiedener gesellschaftlicher Schichten, etwa im Eisenwalzwerk (1875), ebenso zum Bildthema wie historische Ereignisse. Nach der Deutschen Revolution 1848 wurden auch Ludwig Knaus und Franz von Defregger als Realisten bezeichnet. Diese Richtung stand dem zeitgleichen Bürgerlichen Realismus der deutschen Literatur nahe und wurde von der zeitgenössischen Kritik deutlich vom französischen Realismus Courbets abgegrenzt. Stärker von Courbet beeinflusst waren die Münchner Realisten um Wilhelm Leibl. Die zunehmende Darstellung des Landlebens förderte die Freilichtmalerei und leitete bei Leibl und Menzel teilweise zum Naturalismus und Impressionismus über.
Kritik und Wirklichkeitseffekt
Der Realismus wurde aus verschiedenen Gründen kritisiert. Friedrich Schiller warnte, wer bei der Wirklichkeit stehen bleibe, werde „realistisch“ und bei fehlender Phantasie sogar „gemein“. Diese Kritik beruhte auf der Vorstellung, dass die moderne Lebenswirklichkeit nicht mehr die Schönheit der Antike besitze und deshalb nicht einfach exakt dargestellt werden solle. Auch die platonische Mimesis-Kritik und Hegels Ästhetik werteten die bloße Nachahmung als handwerkliche Leistung ohne eigenen künstlerischen Wert. Kunst sollte Wirklichkeit vielmehr transformieren und dem Realen eine verlorene Schönheit zurückgeben. Goethe erklärte, echte Kunst habe ein reales Fundament, sei aber nicht realistisch.
Die Karikatur Der Realist von Thomas Couture (1865) zeigt die Geringschätzung realistischer Künstler: Ein Maler zeichnet statt einer antiken Büste einen Schweinekopf. Friedrich Nietzsche polemisierte ebenfalls gegen den realistischen Maler, der letztlich das male, was ihm gefalle und was er malen könne. Als Reaktion auf den empfundenen Verlust von Transzendenz entstanden unter dem Einfluss der Romantik Arbeiten der Präraffaeliten, die auch als Symbolischer Realismus bezeichnet wurden.
Nach Roland Barthes ist Wirklichkeit in der Kunst das Ergebnis einer Inszenierung. Viele scheinbar überflüssige Details, die für die Handlung oder das zentrale Motiv nicht notwendig sind, erzeugen einen „Wirklichkeitseffekt“. Sie lassen die Darstellung vollständig und tatsächlich geschehen erscheinen. Diese Details dürfen aber nicht wie eine bloße Aufzählung wirken, sondern müssen kunstvoll in das Werk eingebunden werden. Der Wirklichkeitseffekt kann als Verdrängung von Allegorien verstanden werden, transportiert aber weiterhin metaphorische Inhalte. Gerade die Summierung vieler Fakten wurde an realistischer Kunst häufig kritisiert.
Auch die Fotografie wurde im 19. Jahrhundert abwertend mit realistischer Kunst verglichen. Daguerreotypien schienen jedes Detail objektiv und naturgetreu festzuhalten. Rodolphe Töpffer schrieb 1841, die Realitätsfülle der Fotografie erschwere das Erkennen eines Gegenstands, weil Unterschiede zwischen Vorder- und Hintergrund schwer auszumachen seien. Zugleich erschienen fotografische Porträts aller sozialen Schichten gleich würdevoll, weshalb Fotografie wie Realismus als demokratisch wahrgenommen wurde. William Henry Fox Talbot erklärte 1844, die fotografischen Platten seien durch „Nature's hand“ geprägt. Die Fotografie galt deshalb als „Ikone des Realen“, obwohl die Vorstellung bloßer Nachahmung das komplexere Konzept realistischer Kunst nur unzureichend erfasst.
Realistische Tendenzen im 20. Jahrhundert
Nach dem Ersten Weltkrieg entstand die Neue Sachlichkeit. Eine Ausstellung in der Kunsthalle Mannheim zeigte 1925 unter diesem Titel Werke von 32 Künstlern. Kennzeichnend war eine Überschärfe in der Darstellung von Gegenständen und Figuren. Die Malerei, die auch „Magischer Realismus“ genannt wurde, wollte gesellschaftskritische Alltagswirklichkeit schildern. Eine weitere Ausstellung von 1961 im Haus am Waldsee in Berlin machte „Neue Sachlichkeit“ zur Gattungsbezeichnung. Zu den bekannten Vertretern zählen Otto Dix, George Grosz, Karl Hubbuch, Georg Schrimpf, Richard Oelze, Christian Schad und Käthe Kollwitz.
Der Amerikanische Realismus oder American Scene entwickelte sich in den USA der 1920er und 1930er Jahre. Er wollte den American way of life möglichst wirklichkeitsnah erfassen und grenzte sich ausdrücklich von den europäischen Strömungen der Kunstmoderne ab. Dadurch gilt er als einer der ersten eigenständigen Stile der Kunst in den USA. Bedeutende Vertreter waren Edward Hopper, Georgia O’Keeffe, Charles Sheeler und Grant Wood.
Der Sozialistische Realismus stellte die Kunst nach 1930 in der Sowjetunion in den Dienst der stalinistischen Gesellschaftstheorie. In der DDR wurde Kunst in ähnlicher Weise dem aus dem historischen Materialismus abgeleiteten Konzept des Klassenkampfes untergeordnet. Staat und Partei waren die wichtigsten Auftraggeber; ein freier Kunstmarkt bestand kaum. Die Bezeichnung bezog sich auch darauf, dass Arbeiter und Bauern aus ihrem Alltag dargestellt wurden. Vereinfachte Farbflächen und Umrisse sollten eine monumentale Wirkung erzeugen. Zu den Vertretern gehörten Alexander Michailowitsch Gerassimow, Alexander Alexandrowitsch Deineka und Willi Sitte.
Der Neue Realismus entstand Ende der 1950er Jahre als Gegenbewegung zum Abstrakten Expressionismus und zum Informel. Er nutzte zunächst Aktionskunst, Happening, Fluxus und Objektkunst und wandte sich Alltagsdingen zu, wodurch er Elemente der Pop Art vorwegnahm. Zugleich verband er traditionelle Bildmittel der Malerei mit fotografischen Stilmitteln wie Anschnitt, Ausschnitt, Weitwinkel und Farbstichigkeit.
In Deutschland war die in den 1960er Jahren entstandene Gruppe ZEBRA eine wichtige Erscheinungsform. Ihre Mitglieder arbeiteten in Malerei und Bildhauerei; manche Werke prangerten Krieg, Diktatur, Ungleichheit und Intoleranz an. In Österreich entschieden sich nach 1945 einige Künstler trotz des Verdachts, figurative und naturalistische Kunst stehe der nationalsozialistischen Kunst nahe, bewusst für ein realistisches Menschenbild. Die Wiener Realisten, darunter Fritz Martinz, Georg Eisler, Rudolf Schönwald, Alfred Hrdlicka und Rudolf Schwaiger, behandelten besonders den menschlichen Akt sowie Krieg, Leid, Gewalt, Verfolgung und Repression. Stilistisch bezogen sie sich unter anderem auf den deutschen Expressionismus und den Verismus der Weimarer Republik. Der Fotorealismus übertrug seit den 1960er und 1970er Jahren die Darstellungsmöglichkeiten der Fotografie auf großformatige Leinwandmalerei und wirkte in Nordamerika und Europa.
Realismus im 21. Jahrhundert
Seit Beginn des 21. Jahrhunderts sind in der deutschen Malerei verstärkt neue realistische Tendenzen zu beobachten. In Anlehnung an die „alte Leipziger Schule“ der DDR-Kunst werden sie als „Neue Leipziger Schule“ bezeichnet. Zu den exemplarischen Vertretern gehören an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst ausgebildete oder lehrende Künstler wie Arno Rink, Neo Rauch, Tim Eitel, Aris Kalaizis, Tilo Baumgärtel und Mathias Perlet.
Seit 1990 besteht außerdem der Künstlersonderbund in Deutschland e. V. für Realismus der Gegenwart. Ihm gehören mehrere realistisch arbeitende Künstler an.