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Nationalsozialistischer Weihnachtskult
Der nationalsozialistische Weihnachtskult zielte darauf, die NS-Ideologie auf deutsche Weihnachtsbräuche zu übertragen.
Inhalt5 Abschnitte
Ziel und ideologische Deutung
Der nationalsozialistische Weihnachtskult sollte Weihnachtsbräuche im Sinne der NS-Ideologie umformen. Christliche Inhalte und der Einfluss der Kirchen auf die „Volksgemeinschaft“ sollten zurückgedrängt werden. An ihre Stelle traten völkische, patriotische und angeblich germanische Vorstellungen, Sonnen- und Lichtsymbolik sowie die Verherrlichung von Müttern, Soldaten, Toten und Adolf Hitler. Nach dem Psychologen Wilfried Daim sollte Hitler anstelle Jesu Christi die Rolle eines Messias und Welterlösers erhalten.
Die NS-Ideologen behaupteten ohne historischen Beleg, Weihnachten gehe ursprünglich auf ein germanisches Julfest zur Wintersonnenwende zurück; Christen und Juden hätten es den Deutschen „geraubt“. Tatsächlich ist umstritten, wie groß die Bedeutung der Sonnenwende in der nordischen und spätgermanischen vorchristlichen Mythologie war. Schriftliche Zeugnisse sind nur in geringer Zahl bekannt. Das christliche Weihnachtsfest wurde im deutschen Sprachraum 813 auf der Mainzer Synode eingeführt.
Organisationen wie die Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe, das Amt Rosenberg und später die „Mittelstelle für Fest- und Feiergestaltung“ entwickelten neue Rituale, Symbole und Texte. Alfred Rosenberg wollte eine „germanisch-deutsche Religionserneuerung“ schaffen. Dabei übernahm die NS-Propaganda zugleich Formen christlicher Feiern und sakrale Sprache. Das „Sieg Heil!“ wurde etwa als Anlehnung an das liturgische „Amen!“ verwendet.
Das Regime konnte die Kirchen jedoch nicht einfach ausschalten: Zu Beginn und am Ende der NS-Zeit gehörten nahezu 95 Prozent der Bevölkerung einer christlichen Kirche an. Bei der Volkszählung 1939 bezeichneten sich etwa 3,5 Prozent als „gottgläubig“, rund 1,5 Prozent als glaubenslos. Der 1936 eingeführte Begriff „gottgläubig“ sollte Nationalsozialisten eine religiöse Identifikation außerhalb der Kirchen ermöglichen.
Volksweihnacht, Spenden und Führerkult
Ab Januar 1934 koordinierte Rosenbergs Amt die Umgestaltung zur „Deutschen Weihnacht“. Das Fest sollte als „Fest der Volksgemeinschaft unter’m Lichterbaum“ und als Siegesfeier der „nationalen Wiedergeburt“ erscheinen. Zwischen Rosenberg und Joseph Goebbels bestanden bis 1942 Konflikte über die weltanschauliche Ausrichtung.
In den Jahren vor dem Krieg fanden jährlich mehr als 30.000 öffentliche NS-Volksweihnachtsfeiern mit Bescherung und Speisung Bedürftiger statt. Reichsarbeitsdienst, Wehrmacht, NS-Frauenschaft und Winterhilfswerk organisierten sie. Ziel war, Bedürftige zu unterstützen und zugleich Zustimmung zu den nationalsozialistischen Massenorganisationen zu erzeugen. Maßnahmen gegen christliche Symbole im öffentlichen Raum, etwa 1936 bei der Schaufensterwerbung, wurden wegen der Irritation in der Bevölkerung bald abgeschwächt oder zurückgenommen.
Das Winterhilfswerk des Deutschen Volkes (WHW) wurde 1933 dem Propagandaministerium unter Joseph Goebbels unterstellt und später von der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt organisiert. Haus- und Straßensammlungen appellierten an die „Solidarität mit den notleidenden Volksgenossen“. Türplaketten und Abzeichen machten die Spendenbereitschaft sichtbar und setzten dadurch sozialen Druck ein. Von Oktober bis März wurden außerdem Sportwettkämpfe, „Opferschießen“, Konzerte und andere Aktionen genutzt. Im Krieg sammelte das WHW unter anderem Wolle für Soldaten.
Hitler wurde auch zu Weihnachten als Retter überhöht. Medien und Jugendarbeit zeichneten ihn als „gottgesandten“ und „gottgewollten“ Führer. Die Reichspost verwendete Weihnachten 1937, nach dem Liedvers „Christ der Retter ist da!“, den Stempel „Unser Führer der Retter ist da!“.
Weihnachten im Krieg: Heimat, Front und Rundfunk
Von 1939 bis 1944 nutzte die Führung Weihnachten vor allem für Kriegspropaganda. Die Verbindung von Front und Heimat sowie Heldengedenken und Totenverehrung rückten in den Mittelpunkt. Neue Rituale wie das Totengedenken in der Familie sollten die langen Trennungen und Verluste deuten. Während die Versorgung im Reich zunächst noch eher zufriedenstellend war, unter anderem wegen der Ausplünderung besetzter Gebiete, wurde sie ab 1941 zunehmend kritisch. Familien sparten Lebensmittelmarken für Weihnachtssonderzuteilungen und stellten etwa Kerzen aus Wachsresten her. Luftangriffe, Zerstörung, Evakuierungen und Todesfälle machten ein friedliches Fest immer schwieriger; viele Menschen verbrachten auch Heiligabend im Luftschutzbunker.
An der Front zeigten Wochenschauen und Bildberichte sorgfältig inszenierte Weihnachtsfeiern mit Weihnachtsbaum, auch in U-Booten oder an der Afrika-Front. Berichte über Bastelabende und harmonische Feiern entsprachen laut Artikel jedoch oft nicht der Realität. Nach 1942 kamen Feldpost und Päckchen häufig verspätet oder gar nicht an; die mangelhafte Versorgung verstärkte die Demoralisierung. Päckchen durften meist höchstens ein Kilogramm wiegen, zeitweise nur 100 g. Weihnachten 1942 ließ die Luftwaffe bei den in Stalingrad eingeschlossenen Truppen künstliche, bereits mit Lametta, Sternen und Glocken geschmückte Weihnachtsbäume abwerfen. Von geschätzt 195.000 eingeschlossenen deutschen Soldaten überlebten über 165.000 die Schlacht oder die anschließende Gefangenschaft nicht.
Goebbels hielt jährlich Weihnachtsansprachen im Rundfunk. Ihr Charakter wandelte sich vom Familienfest zum „Fest des nationalen Heldengedenkens“. 1942, als der Untergang der 6. Armee in Stalingrad unvermeidbar war, stilisierte er Weihnachten zum Heldengedenken und forderte Durchhalten. Die letzte Ansprache vom 27. Dezember 1944 war wegen der militärischen Lage nicht mehr im gesamten Deutschen Reich hörbar.
Die Weihnachtsringsendungen des Großdeutschen Rundfunks liefen von 1940 bis 1943 am Heiligabend. Sie sollten über scheinbare Live-Schaltungen und gegenseitige Grüße das Zusammengehörigkeitsgefühl von Front und Heimat erzeugen. Ob die Sendungen tatsächlich live waren, ist zweifelhaft. Die letzte Sendung entstand 1943; 1944 verhinderten Frontverlauf und zerstörte Sendeanlagen weitere Schaltungen.
Umgestaltung von Bräuchen und Symbolen
Die Wintersonnenwendfeier sollte Weihnachten als Fest des „wiederaufsteigenden Lichts“ neu deuten. NSDAP, SS, Hitlerjugend und Bund Deutscher Mädel veranstalteten Feiern mit Schweigemarsch, Fackeln, Liedern, Ansprache, Kranzwurf, „Führerehrung“ und deutschen Hymnen. Sonnenräder wurden angezündet und zu Tal gerollt. Ab 1935 zentralisierte man diese Feiern, ab 1937 erhielten sie Massencharakter. Mit Kriegsbeginn waren sie wegen der Verdunkelungsvorschriften nicht mehr durchführbar.
Die ab 1939 propagierte „Heimholung des Feuers“ sollte das Sonnenwendfeuer in die Häuser übertragen: Kinder sollten Kerzen für den heimischen Baum am „Tannenbaum des Volkes“ entzünden. Der Brauch verbreitete sich kaum. Der Adventskranz sollte durch Sonnwend- oder Lichterkranz ersetzt werden; vier „Wünschelichter“ standen nun für die Jahreszeiten statt für die Adventssonntage. Beim Anzünden sollten Lichtersprüche unter anderem Mutter, Soldaten und dem „Führer“ gewidmet werden.
Auch Weihnachtskrippe, Dekoration und Baum sollten verändert werden. Als Ersatz für die Krippe propagierte man Weihnachtsgärtlein oder Märchengärten mit Wald- und Tiermotiven. Die Jultanne wurde fälschlich als Ableger der germanischen Weltesche dargestellt und mit Äpfeln, Nüssen, Runen, Sonnenrädern, Hakenkreuzen und Sinngebäck geschmückt; ab 1934 war das Hakenkreuz offiziell als Weihnachtsschmuck zugelassen. Die SS erhielt ab 1938 von Heinrich Himmler Julleuchter und Julteller. Julleuchter für die SS-eigene Porzellanmanufaktur Allach wurden in den Konzentrationslagern Dachau und Neuengamme in großen Stückzahlen gefertigt.
Die christliche Weihnachtsgeschichte sollte durch deutsche Märchen ersetzt werden. Frau Holle wurde ab 1938 als „Lebensmutter“ und angeblich als Freya gedeutet. Weihnachten galt als „Fest der allgemeinen Mutterschaft“ oder „Mutternacht“; die deutsche Mutter wurde zum Ersatz für die Gottesmutter stilisiert. 1938 stiftete die NSDAP das Mutterkreuz für kinderreiche Mütter mit Ariernachweis. Der Nikolaustag hieß ab 1940 im offiziellen Sprachgebrauch „Ruprechtstag“; St. Nikolaus sollte durch Weihnachtsmann oder „Sunnwendmann“ ersetzt werden.
Auch Gebäck und Adventskalender wurden ideologisch gestaltet. Der Kalender „Vorweihnachten“ erschien 1942 und 1943 und verband Märchen, Bastelanleitungen und Runensymbolik mit militärischen Motiven. Sinngebäck sollte Formen wie Runen, Sonnen- und Jahresräder annehmen. Im Krieg kamen fett- und zuckerarme Behelfsrezepte sowie Gebäck für Feldpostpäckchen hinzu.
Lieder, Geschenke und Wirkung in der Bevölkerung
Die NS-Propaganda versuchte, traditionelle Weihnachtslieder zu „entchristlichen“ und zu „germanisieren“. Biblische Bezüge wurden entfernt; einige Lieder wie „Tochter Zion, freue dich“, „Du lieber heiliger frommer Christ“ und „Zu Bethlehem geboren“ wurden bei offiziellen Feiern verboten. „Stille Nacht, heilige Nacht“ wurde 1942 so umgedichtet, dass der „strahlende Lichterbaum“ und die Aufforderung „Werdet Lichtsucher all!“ an die Stelle christlicher Aussagen traten. Neue Lieder wie „Hohe Nacht der klaren Sterne“ von Hans Baumann aus dem Jahr 1936 wurden in Rundfunk, Schulen und NS-Organisationen verbreitet. Sie konnten sich im Familienkreis meist nicht gegen die überlieferten Lieder durchsetzen.
Weihnachtsgeschenke sollten ebenfalls Erziehung und Ideologie vermitteln. Mitte der 1930er Jahre nahm Kriegsspielzeug zu, darunter Panzer, Zinnsoldaten, Figuren in HJ-, SA- und SS-Uniformen sowie Spiele wie „Wehrschach“ von 1938. Antisemitische Spiele und Kinderbücher sollten sogar Acht- bis Zwölfjährigen NS-Rassenpolitik vermitteln. Mädchen wurden durch Puppen und Puppenstuben auf eine Mutterrolle vorbereitet, Jungen durch militärisches Spielzeug auf Waffendienst. Im Krieg gingen Konsumgüter und Spielzeug stark zurück; 1943 wurde die Spielwarenproduktion verboten. Geschenke wurden zunehmend aus Resten, Naturmaterialien und umgearbeiteten Gegenständen hergestellt.
Der tatsächliche Einfluss auf private Feiern lässt sich laut Artikel nur schwer bestimmen, weil viele Erkenntnisse auf Zeitzeugenberichten beruhen. Öffentliche Sammlungen und Feiern erzeugten besonders anfangs bei Jugendlichen teilweise Zusammengehörigkeitsgefühl. Die meisten Ersatzrituale, umgedichteten Lieder und neuen Symbole blieben jedoch wenig wirksam. Selbst NS-Medien griffen oft auf traditionelle Weihnachtsbäume und auf „Stille Nacht“ im Originaltext zurück. Viele Menschen suchten besonders im Krieg wieder Trost im christlichen Glauben. Insgesamt gelang es dem Regime nicht, Weihnachten bei weiten Teilen der Bevölkerung als „Fest der wiedererwachenden Natur“ durchzusetzen; am erfolgreichsten wirkte der Führerkult.