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Sonnenwende

Zu diesem Zeitpunkt herrscht der kürzeste Tag und die längste Nacht, da der größere Teil der täglichen Sonnenbahn unterhalb des Horizonts liegt.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundprinzip der Sonnenwende
  2. 2. Astronomische Definition
  3. 3. Folgen für Tageslänge und Jahreszeiten
  4. 4. Kalender, Punkte und Linien
  5. 5. Kulturelle Bedeutung und Feiern
  6. 6. Politische Nutzung und Beispiele

Grundprinzip der Sonnenwende

Eine Sonnenwende, auch Sonnwende oder Solstitium, ist ein Zeitpunkt im Jahr, an dem die Sonne bei ihrer scheinbaren jährlichen Bewegung auf der Himmelskugel eine Extremstellung erreicht. Außerhalb der Tropen zeigt sich das daran, dass die Sonne mittags ihren höchsten Stand des Jahres erreicht oder ihren niedrigsten. Die Sommersonnenwende bringt auf der jeweiligen Erdhalbkugel den höchsten mittäglichen Sonnenstand, die Wintersonnenwende den niedrigsten.

Auf der Nordhalbkugel liegt die Sommersonnenwende am 20., 21. oder 22. Juni, die Wintersonnenwende am 21. oder 22. Dezember. Auf der Südhalbkugel sind die Verhältnisse umgekehrt: Wenn auf der Nordhalbkugel Winter ist, ist auf der Südhalbkugel Sommer, und umgekehrt.

Astronomisch hängen Sonnenwenden mit der Ekliptik zusammen, also der scheinbaren Bahn der Sonne auf der Himmelskugel. Die Ekliptik hat zu den Sonnenwenden den größten Winkelabstand vom Himmelsäquator. Danach nähert sich die scheinbare Sonnenstellung wieder dem Himmelsäquator. Diesen erreicht sie zu den Tagundnachtgleichen, auch Äquinoktien genannt. Die vier Punkte Sonnenwende, Sonnenwende, Frühlingspunkt und Herbstpunkt bestimmen Anfang und Ende der astronomischen Jahreszeiten.

Astronomische Definition

Die genaue Definition lautet: Die Sonnenwenden sind die Zeitpunkte, in denen die scheinbare geozentrische ekliptikale Länge der Sonne 90° oder 270° beträgt. „Scheinbar“ bedeutet dabei: unter Berücksichtigung von Aberration und Nutation. „Geozentrisch“ bedeutet: von einem gedachten Beobachter im Erdmittelpunkt aus gesehen. Dadurch ist die Definition unabhängig vom tatsächlichen Standort eines Beobachters auf der Erde; die Sonnenwenden treten weltweit zum selben Zeitpunkt ein, auch wenn die Uhrzeit je nach Zeitzone verschieden ist.

Eine einfachere geometrische Beschreibung lautet: Bei einer Sonnenwende nimmt der Winkel Sonnenmittelpunkt-Erdmittelpunkt-Erdpol einen extremen Wert an. Beim minimalen Winkel ist Sommersonnenwende, beim maximalen Winkel Wintersonnenwende. Beide Erdhalbkugeln erleben diese beiden Fälle gleichzeitig, aber jeweils vertauscht. Beim Äquinoktium ist dieser Winkel ein rechter Winkel.

Die Sonnenwenden fallen bis auf wenige Minuten mit den Zeitpunkten zusammen, an denen die Sonne ihre größte nördliche oder südliche Deklination erreicht. Deklination ist der Winkelabstand eines Himmelskörpers nördlich oder südlich des Himmelsäquators. Der Wert beträgt etwa 23° 26′ 20″. Der kleine Zeitunterschied entsteht, weil sich nicht genau der Erdmittelpunkt gleichmäßig in der Ekliptik um die Sonne bewegt, sondern das Baryzentrum des Erde-Mond-Systems. Vom Geozentrum aus gesehen läuft die Sonne daher nicht exakt auf der Ekliptik und erreicht die maximale Deklination nicht immer genau im Sonnwendpunkt.

Folgen für Tageslänge und Jahreszeiten

Die Sonnenwenden markieren den Beginn des astronomischen Sommers beziehungsweise des astronomischen Winters. Wenn die Sonne ihre größte nördliche oder südliche Deklination von 23,4° erreicht, steht sie senkrecht über einem der Wendekreise der Erde. Am 21. oder 20. Juni steht sie über dem nördlichen Wendekreis: Das ist die Sommersonnenwende auf der Nordhalbkugel und die Wintersonnenwende auf der Südhalbkugel. Am 21. oder 22. Dezember steht sie über dem südlichen Wendekreis: Das ist die Wintersonnenwende auf der Nordhalbkugel und die Sommersonnenwende auf der Südhalbkugel.

Zur Wintersonnenwende erreicht die Sonne auf der jeweiligen Halbkugel beim Meridiandurchgang ihren tiefsten Stand im Jahr. Dann gibt es den kürzesten Tag und die längste Nacht, weil der größere Teil der täglichen Sonnenbahn unter dem Horizont liegt. Danach wird der Tagbogen wieder länger und höher. Zur Sommersonnenwende erreicht die Sonne ihren höchsten Stand. Dann gibt es den längsten Tag und die kürzeste Nacht, weil der größere Teil der täglichen Sonnenbahn über dem Horizont liegt. Danach wird der Tagbogen wieder flacher und kürzer.

Nahe den Polarkreisen kann es zur Wintersonnenwende einen Tag ohne Sonnenaufgang geben und zur Sommersonnenwende einen Tag ohne Sonnenuntergang. Dieses Phänomen heißt Mitternachtssonne oder „Weiße Nächte“. Noch weiter in Richtung der Pole dauern Polartag und Polarnacht wochen- bis monatelang. Dann liegt die tägliche Sonnenbahn vollständig über oder unter dem Horizont.

Obwohl der Tag der Wintersonnenwende der kürzeste Tag ist, fällt auf der Nordhalbkugel der früheste Sonnenuntergang schon etwa zehn Tage früher und der späteste Sonnenaufgang erst etwa zehn Tage später. Ursache ist die Zeitgleichung. Zur Sommersonnenwende zeigt sich ein ähnlicher Effekt von etwa vier Tagen.

Kalender, Punkte und Linien

In der Mitteleuropäischen Zeitzone fällt die Sommersonnenwende in diesem Jahrhundert meistens auf den 21. Juni, seit dem Schaltjahr 2020 zunehmend auch auf den 20. Juni. Im 20. Jahrhundert lag sie auf dem 21. oder 22. Juni. Der Grund ist das Verhältnis zwischen Kalenderjahr und Sonnenjahr: Das Gemeinjahr mit 365 Tagen ist knapp sechs Stunden kürzer als das Sonnenjahr mit 365,242 Tagen. Deshalb verschiebt sich der kalendarische Zeitpunkt der Sonnenwenden jedes Jahr um knapp sechs Stunden nach hinten. Schaltjahre gleichen dies weitgehend aus. Die gregorianische Kalenderreform von 1582 verbesserte die Schaltregel; dennoch bleibt eine Abweichung von einem Tag in 3200 Jahren.

Im Moment der Wintersonnenwende steht die Sonne im Vergleich zu den Hintergrundsternen im Winterpunkt. Dieser liegt 90° vom Frühlingspunkt entfernt und hat die Rektaszension 18 h. Er befindet sich derzeit im Sternbild Schütze; etwa in dieser Richtung liegt auch das galaktische Zentrum. Im Moment der Sommersonnenwende steht die Sonne im Sommerpunkt mit der Rektaszension 6 h, derzeit im Sternbild Stier.

Durch die Präzession der Erdachse wandern Winterpunkt und Sommerpunkt in 25.780 Jahren einmal durch den gesamten Tierkreis. Der Winterpunkt lag in der Antike im Sternbild Steinbock und wird sich in etwa 300 Jahren ins Sternbild Schlangenträger verschieben. Der Sommerpunkt lag in der frühen Antike im Sternbild Krebs und befindet sich seit 1990 im Sternbild Stier.

Die Verbindungslinie zwischen den Positionen der Erde zur Sommer- und Wintersonnenwende heißt Solstitiallinie. Sie geht durch die Sonne; ihre Verlängerung außerhalb der Erdbahn verläuft durch Sommerpunkt und Winterpunkt. Sie steht senkrecht auf der Äquinoktiallinie, der Verbindungslinie der Tagundnachtgleichen.

Kulturelle Bedeutung und Feiern

Sonnenwenden hatten in vielen Kulturen eine große Bedeutung, weil die Sonne für das Leben auf der Erde wesentlich ist. Die Verehrung der Sonne und des wiederkehrenden Lichts reicht bis in prähistorische Zeit zurück. Die Sommersonnenwende wurde mit Tod und Vergänglichkeit verbunden, weil danach die Tage wieder kürzer werden. Die Wintersonnenwende stand dagegen für Leben und Auferstehung, weil danach die Tage wieder länger werden.

In Nordeuropa, wo der Unterschied zwischen dunklem Winter und hellem Sommer besonders stark ist und die Nächte im Sommer teils kaum dunkel werden, haben Sonnenwendfeiern als Mittsommerfest besondere Bedeutung. Die Sommersonnenwende ist astronomischer Sommeranfang; meteorologisch beginnt der Sommer dagegen am 1. Juni. Manche Orte und Funde zeigen, dass Menschen die Sonnenwende schon früh beobachteten. Genannt werden der Turm von Jericho aus dem 9. Jahrtausend v. Chr., Stonehenge und die Himmelsscheibe von Nebra. Im Belchen-System lässt sich die Sommersonnenwende durch den Sonnenaufgang vom Elsässer Belchen über dem Kleinen Belchen bestimmen.

Viele Bräuche wurden später mit dem christlichen Johannistag am 24. Juni verbunden, etwa Johannisfeuer. Heutige Sonnenwendfeiern werden von sehr unterschiedlichen Gruppen veranstaltet, darunter religiöse und weltanschauliche Gemeinschaften, Vereine, Gemeinden und Tourismusverbände. Bei Ásatrú gilt das Mittsommerfest nach dem Julfest als zweitwichtigstes Fest. Die Feuerfeste zur Sommersonnenwende in den Pyrenäen sind seit 2015 als immaterielles Weltkulturerbe anerkannt.

Auch die Wintersonnenwende war in vielen antiken und frühmittelalterlichen Kulturen ein wichtiges Fest. Umstritten ist, ob und in welcher Form Germanen und andere Völker Nordeuropas zur Wintersonnenwende das Julfest feierten. Das christliche Weihnachtsfest liegt nach der tatsächlichen Wintersonnenwende. Als es im 4. Jahrhundert gefeiert wurde, fiel es auf den traditionellen kalendarischen Tag der Wintersonnenwende, den 25. Dezember; damals wurde dort auch das Fest des römischen Sonnengottes Sol Invictus gefeiert. Zoroastrier sowie muslimische Völker des iranischen Kulturkreises und Zentralasiens feiern zur Wintersonnenwende die Yalda-Nacht; in Indien und Nepal findet Ende Dezember oder Anfang Januar Makar Sankranti statt.

Politische Nutzung und Beispiele

Sonnenwendfeiern wurden auch politisch besetzt. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden angeblich altgermanische Sonnenwendfeiern „wiederbelebt“ und in die Symbolik von „Volk, Blut und Boden“ eingebaut, besonders durch die SS. In der DDR veranstaltete die Freie Deutsche Jugend bis etwa Anfang der 1960er Jahre Sonnenwendfeiern; als Festredner werden unter anderem Erich Honecker im Jahr 1946 und Hans Modrow im Jahr 1958 genannt.

Ein wichtiger Ort für Sonnenwendfeiern sind die Externsteine. Dort nehmen unter anderem neuheidnische und esoterische Gruppen teil; die Feiern ziehen aber auch Neonazis an. Rechtsextreme Sonnenwendfeiern sorgen besonders für Aufmerksamkeit. Bei der Sonnenwendfeier Pretzien 2006 wurden eine US-amerikanische Flagge und ein Exemplar des Tagebuchs der Anne Frank verbrannt. Seitdem werden rechtsextreme Sonnenwendfeiern in Deutschland zunehmend von der Polizei aufgelöst.

Sonnenwenden erscheinen auch in Kunst und Literatur. William Shakespeares Komödie A Midsummer Night’s Dream, deutsch Ein Sommernachtstraum, spielt während einer Sommersonnenwende. Richard Wagner nutzt in Die Meistersinger von Nürnberg den Johannistag als zeitlichen Rahmen; die Uraufführung fand am Sonnwendtag, dem 21. Juni 1868, in München statt. Ingmar Bergmans Film Das Lächeln einer Sommernacht von 1955 steht ebenfalls in diesem Zusammenhang.

Ein wichtiges wissenschaftliches Beispiel ist Eratosthenes: Er bestimmte etwa 200 v. Chr. den Erdumfang mithilfe der Sonnenhöchststände zur Sommersonnenwende an Orten verschiedener geografischer Breite.

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