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Dialog

Ein Dialog ist ein Gespräch zwischen zwei oder mehreren Personen; eine geführte Rede und Gegenrede. Zuhören als das auf sich wirken Lassen des Gehörten aus …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundverständnis und Entwicklung
  2. 2. Sokratischer und Bohmscher Dialog
  3. 3. Dialog als Methode in Gruppen und Beziehungen
  4. 4. Begegnung und Wirklichkeit
  5. 5. Literarische, christliche und interreligiöse Formen

Grundverständnis und Entwicklung

Ein Dialog ist ein Gespräch zwischen zwei oder mehreren Personen, also eine geführte Rede und Gegenrede. Der Begriff bezeichnet ursprünglich nicht zwingend ein Gespräch zu zweit, sondern das „Zwischen-den-Worten-Sein“: den Austausch von Worten und auch die Leerstellen zwischen ihnen. Ein Gespräch mit nur einer sprechenden Person heißt im eigentlichen Sinn Monolog, also ein Gespräch mit sich selbst oder eine Rede an ein gedachtes Gegenüber. Für Gespräche mit drei oder mehr Personen werden auch die Begriffe Trialog und Polylog verwendet.

Als bewusst eingesetztes Mittel wurde der Dialog zunächst von den Sophisten genutzt. Sie vermittelten Erkenntnisse oder erörterten Probleme mithilfe der klassischen Dialektik, also durch das Gegenüberstellen von These und Antithese. In den platonischen Dialogen erreichte diese Form einen ersten literarischen Höhepunkt. Im Humanismus wurde sie unter anderem von Erasmus von Rotterdam und Ulrich von Hutten weitergeführt. Im Lauf der Zeit entwickelte sich der Dialog sowohl zu einer philosophischen und pädagogischen Methode als auch zu einer Form persönlicher Begegnung, gemeinsamer Entscheidungsfindung und literarischer Darstellung.

Sokratischer und Bohmscher Dialog

Die sokratischen Dialoge wurden von Platon überliefert. Sokrates ging es um das direkte Gespräch, in dem das Wissen des Gesprächspartners durch Mäeutik, die „Hebammenkunst“, an die Oberfläche gebracht werden soll. Für ihn kann der Dialog besonders in kleinen oder kleinsten Gruppen eigenverantwortliches und selbstbestimmtes Denken fördern.

Ein sokratischer Dialog schafft einen zeitlich und örtlich geschützten Raum, in dem die Beteiligten ihre inneren Haltungen zu Fragen des Alltags erkunden. Alle gelten als gleichermaßen verantwortlich für eine gemeinsame Wirklichkeit, die im Gespräch „jetzt und hier“ gestaltet wird. Ein Wechsel von konvergentem und divergentem Fragen kann dabei den Prozess vorantreiben. Erkundet werden eigene und fremde Gewohnheiten, Annahmen, Wertvorstellungen sowie Denk- und Verhaltensweisen. Die Grundfrage lautet: „Was tust Du da, und wie kommst Du dazu, das … so zu verstehen, wie Du es tust?“ Sie soll nicht zu Ursachenforschung, Bewertung oder Beurteilung führen, sondern Raum für das schaffen, was im Augenblick bedeutsam ist. Die Fähigkeiten des sokratischen Dialogs unterstützen verbindliche Abmachungen und Entscheidungen mit hoher Akzeptanz.

Der Physiker David Bohm wandte sich in seiner letzten Lebensphase verstärkt dem menschlichen Bewusstsein und der zwischenmenschlichen Verständigung zu. Daraus entstand der Bohmsche Dialog, den er im Austausch mit Jiddu Krishnamurti entwickelte. Bohm versteht Dialog als vertiefte Form des Gesprächs. Gefühle, Wertungen und Vorannahmen, die Denken und Handeln bestimmen, sollen bewusst werden. Dadurch können die Lebens- und Erfahrungsgeschichten der Beteiligten, der Gesprächsgegenstand und die eigenen inneren Prozesse besser verstanden werden. Dies kann Veränderungen von Standpunkten und Haltungen ermöglichen. Der Dialog ist für Bohm daher nicht nur Kommunikation, sondern ein Weg zur grundlegenden Transformation einzelner Menschen und von Gruppen. Das Arbogast Dialogprojekt zur Förderung und Verbreitung dieses Ansatzes dauerte von 2006 bis 2016.

Dialog als Methode in Gruppen und Beziehungen

Im Dialogue-Project am Massachusetts Institute of Technology wurde der Dialog unter William Isaacs von 1992 bis 1994, unter anderem mit Peter Senge, Freeman Dhority und Peter Garrett, weiterentwickelt. Ziel war, Dialog in Unternehmen und Organisationen einzusetzen und eine „lernende Organisation“ zu schaffen. Die starke methodische Ausrichtung passt allerdings nicht ohne Weiteres zu Bohms Grundauffassungen und deren Wurzeln bei Jiddu Krishnamurti.

Isaacs nennt vier elementare Dialogfähigkeiten:

  • Zuhören bedeutet, das Gehörte aus einem inneren Schweigen heraus auf sich wirken zu lassen.
  • Respektieren bedeutet, auf Abwehr, Schuldzuweisung, Abwertung und Kritik gegenüber den Dialogpartnern zu verzichten.
  • Suspendieren bedeutet, eigene Gedanken, Emotionen und Meinungen zu erkennen und zu beobachten, ohne sich auf sie zu fixieren.
  • Artikulieren bedeutet, eine eigene authentische Sprache zu finden und die eigene Wahrheit auszusprechen.

Wesentlich ist außerdem der „Container“, also ein Raum, Gefäß oder Setting, in dem ein intensives, direktes und vertrauensvolles Gespräch gefahrlos eingeübt und geführt werden kann. Ohne einen solchen Vertrauensraum gibt es nach Isaacs keinen Dialog. Anders als bei Bohm übernimmt bei Isaacs ein Dialogbegleiter oder Facilitator eine tragende Rolle.

Martina und Johannes Hartkemeyer verbreiteten dieses Grundkonzept über ihr Dialogprojekt im deutschsprachigen Raum. Zunächst verstanden sie Dialog als lehr- und lernbare Kommunikationsmethode für Gruppen, die ein gemeinsames Verständnis ermöglicht. Später betonten sie den Dialog als Methode zur Verdeutlichung des Denkens über die „Realität“ und zum gemeinsamen Lernen. Zu den von ihnen hervorgehobenen Kernfähigkeiten gehören eine lernende Haltung, radikaler Respekt, Offenheit, generatives Zuhören, das Beobachten der eigenen Beobachtung, das Suspendieren von Annahmen und Bewertungen, Verlangsamung, von Herzen sprechen, produktives Plädieren und eine erkundende Haltung. Dafür entwickelten sie Ausbildungswege zum Dialogbegleiter. Die starke Betonung der Methode wird ebenfalls als nicht ohne Weiteres mit Bohms Grundansichten vereinbar beschrieben.

In den aus Viktor Frankl und Carl Rogers hervorgegangenen Encounter-Bewegungen wurde Dialog zu einer Form vertiefter Begegnung in Partnerschaft und verbindlicher Gemeinschaft. Bei Marriage Encounter bezeichnet er einen kombinierten schriftlich-mündlichen Austausch zur Vertiefung der Paarbeziehung. Jede Person nimmt zunächst die eigenen Gefühle zu einem aktuellen Thema wahr und teilt sie dem Partner oder der Partnerin mit; die andere Person hört zunächst nur zu. Erst danach werden Gedanken und Fragen geäußert. Dabei werden gegenseitiges Vertrauen, unerfüllte Grundbedürfnisse und mögliche Schritte für ein vertieftes Zusammenleben beachtet. Ähnliche Formen sollen bei Konflikten Verletzungen vermeiden und schneller zu Lösungen führen.

Begegnung und Wirklichkeit

Martin Buber unterscheidet sich von Bohm, Isaacs und den Hartkemeyers. Während diese vor allem gemeinsames Denken und Lernen in Gruppen mit Blick auf die „lernende Organisation“ behandeln, stellt Buber die Begegnung eines Menschen mit einem Gesprächspartner und letztlich das Verhältnis zum mosaischen Gott in den Mittelpunkt. Das „Zwischen“ den Menschen besitzt für ihn eine eigene, existenzstiftende Bedeutung. Die Qualität des Dialogs hängt vom unmittelbaren Verhältnis der Gesprächspartner ab und bestimmt bei Buber letztlich auch das Verhältnis zu Gott. Wer den anderen als bloßes Objekt behandelt, beseitigt das Geheimnis dieses Zwischen.

Bubers „echtes Gespräch“ setzt voraus, dass man sich dem anderen als „personenhafter Existenz“ wesenhaft zuwendet, sich selbst einbringt, den Schein überwindet und authentisches Sein anstrebt. Vorgefertigte Redebeiträge haben darin keinen Platz.

Bei Karl-Martin Dietz ist Dialog mehr als eine Gesprächsform: Er bezeichnet einen Prozess, durch den der Logos hindurchgeht. Logos wird dabei im Anschluss an Heraklit von Ephesus als unvergängliche, die Dinge der Welt steuernde Wirkenskraft verstanden, die auch in der menschlichen Seele lebt. Eine Zusammenarbeit ist dialogisch, wenn sie von Ich zu Ich und zugleich auf die Wirklichkeit bezogen ist, wobei das Ich selbst zur Wirklichkeit gehört. Der sokratische Dialog ist für Dietz durch die Verantwortlichkeit der Gesprächspartner für ihr Denken, die Fähigkeit zur Selbstdistanzierung beziehungsweise Ironie und die Bemühung um eine wirklichkeitsbezogene Begriffsbildung gekennzeichnet. Gemeinsam mit Thomas Kracht entwickelte Dietz daraus die Dialogische Führung beziehungsweise Dialogische Kultur. Sie beruht auf den vier Dialogischen Prozessen „Individuelle Begegnung“, „Transparenz“, „Beratung“ und „Entschluss“.

Literarische, christliche und interreligiöse Formen

In der Literatur ist der Dialog eine Gattung, in der mehrere Sprecherinnen oder Sprecher verteilte Rollen übernehmen. Bei Platon dient er der philosophischen Erörterung und zeigt, wie man über bloßes Meinen hinaus zu Erkenntnis gelangen kann. Unterschiedliche Ansichten treffen aufeinander; durch ihre Mitteilung und Auseinandersetzung können Einsichten entstehen, die einer einzelnen Person verschlossen bleiben.

Im Drama charakterisiert der Dialog die Figuren und entwickelt die Handlung. Eine Sonderform der Epik ist der Dialogroman, der fast ausschließlich aus Gesprächen und Figurenrede besteht. Als Textform ermöglicht der Dialog eine lebendige Darstellung, beleuchtet ein Thema aus verschiedenen Richtungen und vermittelt oder konfrontiert voneinander abweichende Positionen. Er kann außerdem die persönliche Meinung eines Autors verdecken, etwa zum Schutz vor Zensur, oder ein Misstrauen gegenüber der einheitlichen Form schriftlicher Texte ausdrücken.

Im Christentum wird der Dialog unterschiedlich verwendet. Ein Katechismus kann den Glauben in Form von Frage und Antwort vermitteln; diese Form dient dort aus didaktischen Gründen vor allem dem Auswendiglernen und enthält keine offene Freiheit des Gesprächs. In der Apologetik, also der Verteidigung des Glaubens gegenüber Skeptikern und Andersdenkenden, werden Einwände aufgegriffen und beantwortet. Thomas von Aquin beginnt in seiner Summe der Theologie die einzelnen Artikel jeweils mit einem Einwand und beantwortet ihn anschließend. Religionsgespräche dienten außerdem der Auseinandersetzung zwischen Konfessionen, beispielsweise zwischen Martin Luther und Huldrych Zwingli über das Verständnis des Abendmahls. Im 20. Jahrhundert bemühten sich Konfessionen in ökumenischen Gesprächen darum, trotz Streitfragen gemeinsame Grundlagen zu entdecken.

Der interreligiöse Dialog soll verschiedene Glaubenssysteme kennenlernen, ihre Unterschiede erörtern und Vorurteile abbauen. Er dient außerdem dem Aufbau von Beziehungen und dem Gespräch über vermutete oder tatsächliche Differenzen. Im späten 20. Jahrhundert wurde besonders der jüdisch-christliche Dialog intensiviert. Daneben wurden Gespräche zwischen Christen und Muslimen, teilweise unter Einbeziehung von Juden als „Abrahamitischer Dialog“, sowie zwischen Christen und Buddhisten gefördert. Interreligiöses Lernen in Schule und Hochschule betont dabei die unmittelbare persönliche Begegnung.

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