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NS-Zwangsarbeit in Bochum und Wattenscheid
Der Artikel Zwangsarbeit in Bochum und Wattenscheid behandelt den Einsatz von Zwangsarbeitern in den damals selbstständigen Städten Bochum und Wattenscheid.
Inhalt5 Abschnitte
Bedeutung und Umfang der Zwangsarbeit
Während des Zweiten Weltkriegs setzte das nationalsozialistische Deutschland in den damals selbstständigen Städten Bochum und Wattenscheid ausländische Zwangsarbeiter ein. Ihre Arbeit war für kriegswichtige Bereiche wie Bergbau, Rüstungsindustrie und produzierendes Gewerbe wichtig. Nahezu jedes Bochumer Unternehmen beschäftigte Zwangsarbeiter. Besonders stark profitierte das Stahlwerk Bochumer Verein.
Die Angaben zur Zahl der Lager unterscheiden sich: Der 1950 erschienene „Catalogue of camps and prisons in Germany and german-occupied territories“ des International Tracing Service in Arolsen nennt 66 Zwangsarbeiterlager in Bochum und Wattenscheid. Ein Bericht an den Bochumer NSDAP-Kreisleiter Ernst Riemenschneider vom 14. Juli 1943 führt dagegen 100 Lagerstandorte auf. Diese Aufstellung erfasst 4.525 Kriegsgefangene, 5.519 männliche und 32 weibliche „verschiedene Ausländer“ sowie 5.515 männliche und 1.663 weibliche „Ostarbeiter“, zusammen 17.254 Personen.
Ende Februar 1944 befanden sich etwa 30.000 Zwangsarbeiter in Bochum, im April 1945 noch mehr als 27.000. Insgesamt mussten dort über 32.000 Menschen Zwangsarbeit leisten; 40 % von ihnen arbeiteten im Bergbau. In Wattenscheid gehörten unter anderem die Zechen Centrum-Morgensonne und Holland sowie die Firmen Erich Blum KG, Karl Hamacher und Schwarz KG zu den Einsatzorten.
Betriebe, Lager und Häftlingsgruppen
Die Lager waren an viele Betriebe und Zechen angeschlossen. In der Liste von 1943 erscheinen beispielsweise Lager der Zechen Hannover-Hannibal, Lothringen, Mansfeld, Constantin, Carolinenglück und Präsident, des Bochumer Vereins, der Eisen- und Hüttenwerke AG, der Reichsbahn sowie städtische Lager. Die Stadtverwaltung selbst nutzte fünf Säle und Schulen zur Unterbringung von Gefangenen und „Fremdarbeitern“; außerdem entstanden zwei große Lager 1940 und ein weiteres 1943.
Der Bochumer Verein beschäftigte mehr als 7.500 Zwangsarbeiter und unterhielt mindestens zwölf Lager für zivile Arbeitskräfte und Kriegsgefangene. Zu ihnen gehörten das Lager für französische Kriegsgefangene „Goldbach“, das Lager „Saure Wiese“ an der Essener Straße und ein Lager für russische Arbeiter an der Hüttenstraße. „Saure Wiese“ war 1943 mit 765 sogenannten „Ostarbeitern“ und 290 „verschiedenen Ausländern“ belegt.
Mitte 1944 wurde an der Brüllstraße das Außenkommando Bochum des Konzentrationslagers Buchenwald eingerichtet, um die Rüstungsproduktion des Bochumer Vereins zu unterstützen. Es bestand bis März 1945 und umfasste mehr als 1.600 Häftlinge. Seit dem 21. August 1944 gab es außerdem bei der Eisen- und Hüttenwerke AG ein weiteres Buchenwald-Außenkommando. Dort waren etwa 600 bis 700 Häftlinge, größtenteils jüdische KZ-Häftlinge, in einem gesonderten, von der SS bewachten und mit elektrischem Zaun begrenzten Lager untergebracht; es wurde am 21. März 1945 aufgelöst. In Wattenscheid bestand am Mariannenplatz ein Lager auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Vereinigte Maria Anna Steinbank mit mehreren hundert Insassen.
Arbeitsalltag, Ausgrenzung und Gewalt
Die Zwangsarbeit war mit schwerer körperlicher Arbeit, unzureichender Versorgung und schlechten Unterkünften verbunden. Der von 1942 bis 1945 bei Gebr. Mönninghoff eingesetzte Viktor Schmitko berichtete von ständigem Hunger, Arbeit an heißem Metall in der Schmiede, Sonntagsarbeit, Reparaturen und dem Entladen von Waggons. Er zog sich dabei einen Bruch zu.
Ein Bericht von Mitarbeitern des Reichsministeriums für die besetzten Ostgebiete vom Ende 1942 beschrieb die Lage beim Bochumer Verein als katastrophal: Arbeiter seien stark heruntergekommen, Lager vernachlässigt und schmutzig, Essen unzureichend; außerdem seien Prügel, die Trennung von Familien und Fluchtversuche auch von Frauen genannt. Für die Zeche Holland in Wattenscheid berichtete er von kalten, unordentlichen und schmutzigen Baracken und Essräumen, schlechten Krankenverhältnissen sowie unzureichender Lagerführung.
Abzeichen auf der Kleidung kennzeichneten und stigmatisierten Menschen nach ihrem Status: „P“ für Polen und „Ost“ für Ostarbeiter. Als Arbeitsverweigerung oder Regelverstoß bewertete Handlungen konnten zur Überstellung in ein Konzentrationslager oder zur „Sonderbehandlung“ führen. Im Juni 1941 wurde in Eiberg im Amtsgerichtsbezirk Wattenscheid ein polnischer Landarbeiter, dem sexuelle Kontakte zu einer Deutschen nachgesagt wurden, öffentlich gehängt. Polnische Zwangsarbeiter mussten die Hinrichtung ansehen; einige mussten sie ausführen.
Auch beim Luftschutz waren Zwangsarbeiter ausgegrenzt. Die „Richtlinien des Luftschutz-Leiters Bochum zur Bunkerbenutzung“ schlossen „Ausländer: Juden, Zigeuner und sonstige Fremdrassige“ ausdrücklich von Bunkern aus. Arbeitgeber oder die Betroffenen selbst sollten für Schutz sorgen. Die Lager boten meist nur unzureichende Splittergräben, sodass zahlreiche Zwangsarbeiter Opfer der Bombenangriffe wurden. Schmitko und der jüdische Überlebende Rolf Abrahamsohn berichteten zudem von Beleidigungen und Schikanen durch Teile der Zivilbevölkerung.
Kriegsende und Nachkriegszeit
Als US-amerikanische Truppen näher rückten, wurden die Lager geräumt und Menschen in Todesmärschen sowie Bahntransporten verschleppt. In Bochum und Wattenscheid kam es zu Endphaseverbrechen. Noch wenige Stunden vor dem Einmarsch der US-Truppen erschoss die Gestapo in ihrer beschlagnahmten Villa in der Bergstraße 76 zwanzig Zwangsarbeiter und verscharrte die Leichen in Bombentrichtern im Bochumer Stadtpark. Am 5. April 1945 wurden im Lager der Westfalia Dinnendahl Gröppel AG an der Verkehrsstraße sechs junge Menschen, darunter fünf junge Frauen, willkürlich erschossen. Weitere Erschießungen werden für Höntrop, Dahlhausen und den Mariannenplatz in Wattenscheid genannt.
Einige Befreite starben noch Wochen später an den gesundheitlichen Folgen der Haft. Jüdische Häftlinge des Lagers Brüllstraße wurden, soweit ihre Leichen nicht verbrannt worden waren, auf den jüdischen Friedhof an der Wasserstraße umgebettet. An mehr als zwölf Stellen im Stadtgebiet wurden Fremd- und Zwangsarbeiter in Kriegsgrabstätten beigesetzt.
Ende Mai 1945 lebten noch rund 10.000 Personen in Lagern. Nach dem Einmarsch britischer Truppen am 6. Juni 1945 begann der Rücktransport alliierter Kriegsgefangener und Fremdarbeiter. Am 1. Dezember 1945 befanden sich nur noch 475 dieser Personen in Bochum; bis zum 1. Juli 1946 waren alle abtransportiert. Ein Bericht von 1948 stellte 203 vollständig erhaltene und 38 teilweise erhaltene Baracken fest, die überwiegend Baracken der Organisation Todt zur Unterbringung von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern gewesen sein dürften.
Teile der Nachkriegserinnerung konzentrierten sich auf Bombardierungen, Einmarsch und Übergriffe freigelassener Zwangsarbeiter. Der Zusammenhang mit NS-Regime, Krieg und den vorherigen Verfolgungs- und Haftbedingungen wurde dabei häufig nicht berücksichtigt.
Aufarbeitung und Erinnerungsorte
Der Lagerleiter Hermann Grossmann vom KZ-Außenkommando Brüllstraße wurde im Buchenwald-Hauptprozess zum Tode verurteilt und 1948 hingerichtet. Bereits 1945 entstand Streit über einen Gedenkstein, besonders über die Mitverantwortung des Bochumer Vereins. 1992 lud Bochum eine kleine Gruppe ehemaliger Zwangsarbeiter ein; Mitarbeiter des Stadtarchivs führten danach Interviews mit weiteren Besuchergruppen. Im Jahr 2000 beschloss der Rat der Stadt Bochum eine Resolution für Entschädigung.
Auf dem Hauptfriedhof Bochum liegen 1.720 Zwangsarbeiter aus unter anderem Polen, der Sowjetunion, Jugoslawien, Belgien und Frankreich. Drei Gräberfelder werden durch Gedenksteine und eiserne Gedenkbücher markiert. Auf dem Jüdischen Friedhof Wasserstraße gibt es 54 Gräber jüdischer Zwangsarbeiter. Weitere Gräber befinden sich auf zahlreichen Stadtteilfriedhöfen. Auf dem Blumenfriedhof wurden neben 50 russischen und zwei italienischen Gräbern 307 Zwangsarbeiter aus der UdSSR beigesetzt; ein Schulprojekt ermöglichte dort 2019 ein Denkmal.
Eine Gedenktafel am Eingang des Stadtparks an der Bergstraße erinnert an die von der Gestapo verscharrten Opfer. Weitere Tafeln stehen in der Talstraße in Eppendorf und an der Ruhrmühle in Dahlhausen. Erhaltene ehemalige Lagerbaracken gibt es an der Zeche Lothringen in Gerthe und an der Bergener Straße in Bergen; die Überreste des Lagers Heinrichstraße in Gerthe wurden 2020 als Bodendenkmal eingetragen. Für „Saure Wiese“ entstand 2012 ein Gedenkort, an der Brüllstraße wurde 2018 eine Stolperschwelle verlegt und 2019 ein künstlerisches Denkmal am neuen städtischen Betriebshof eingeweiht. An vielen anderen Lagerstätten gibt es kaum oder keine baulichen Spuren mehr.