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Alte Musik

Alte Musik reicht vom frühen Mittelalter über die Musik der Renaissance bis zum Spätbarock, also etwa zum Jahr 1750. Gelegentlich wird auch der lateinische …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und zeitlicher Rahmen
  2. 2. Historische Aufführungspraxis und Instrumente
  3. 3. Wiederentdeckung, Forschung und Konzertleben
  4. 4. Quellen, Editionen und Zuschreibungen
  5. 5. Editionen, Ausbildung und heutige Bedeutung

Begriff und zeitlicher Rahmen

Alte Musik bezeichnet europäische Musikstile vor der eigentlichen klassischen Musik. Sie reicht vom frühen Mittelalter über die Renaissance bis zum Spätbarock, also ungefähr bis 1750; auch Musica antiqua oder Early Music sind gebräuchliche Bezeichnungen. Dazu zählen mittelalterliche Monophonie und Gregorianischer Choral, Ars antiqua und Ars nova, Musik der Renaissance sowie Frühbarock (etwa 1600 bis 1650), Hochbarock (etwa 1650 bis 1710) und Spätbarock (etwa 1710 bis 1750).

Diese Einteilung ist nur eine grobe Orientierung. Musikstile, regionale Schulen und einzelne Werke lassen sich nicht immer eindeutig einer Epoche zuordnen. Hugo Riemann sprach statt von Renaissance von „Musik des durchimitierenden a cappella-Stils“ und nannte Barockmusik „Musik des Generalbasszeitalters“. Auch Ludwig Finscher und Arnold Feil vermieden den Begriff Renaissancemusik beziehungsweise bezweifelten eine einfache Folge Mittelalter – Renaissance – Barock – Klassik – Romantik. Im 21. Jahrhundert wird Musikgeschichte daher teilweise schlicht nach Jahrhunderten gegliedert.

Schon ab 1320 bezeichnete Ars antiqua einen überwundenen Stil, während Ars nova als neue Musik gefeiert wurde. Der heutige Begriff Alte Musik meint jedoch vor allem Musik, deren Aufführungstradition vielfach unterbrochen war und die mit wissenschaftlichen und praktischen Methoden wieder erschlossen wurde.

Historische Aufführungspraxis und Instrumente

Aufführungen und Aufnahmen Alter Musik werden meist von spezialisierten Musikern und Ensembles gestaltet. Historische Aufführungspraxis bedeutet, Aufführungsbedingungen früherer Zeiten möglichst fundiert zu erforschen: Instrumente, Spielweisen, Stimmungen und Stimmungssysteme, Besetzung, Tempo, Artikulation, Verzierung und Notation. Bilddokumente und Notentexte helfen bei der Rekonstruktion. In England wurde Alte Musik fast lückenlos weiterüberliefert, doch auch dort veränderte sie sich durch das Tradieren.

Viele Instrumente waren zeitweise außer Gebrauch. Die Originalklang-Bewegung begann laut Artikel 1905 in München mit der Deutschen Vereinigung für Alte Musik. Im 20. Jahrhundert wurden unter anderem Zink, Krummhorn, Kortholt, Rankett, Dulzian, Schalmei, Pommer, Serpent, Blockflöte, Laute, Cembalo, Gambe, historische Orgel und Hammerflügel wieder für die Praxis gewonnen oder nachgebaut. Arnold Dolmetsch stellte 1919 einen Nachbau einer Alt-Blockflöte vor. Otto Steinkopf und Günter Körber bauten zahlreiche Renaissance- und Barockblasinstrumente nach. Die Orgelbewegung, etwa von 1920 bis 1970/1980, wandte sich von der romantischen Orgel ab und orientierte sich besonders an norddeutschen Barockorgeln.

Nicht jeder historische Rekonstruktionsversuch setzte sich durch. Das „Bachklavier“ von Karl Maendler aus den 1920er Jahren war ein Cembalo mit umfangreicher dynamischer Registrierung und hatte wenig mit einem Cembalo der Bachzeit zu tun. Der Bach-Bogen beruhte auf der falschen Annahme, man habe zu Bachs Zeit mit einem Rundbogen regelmäßig gleichzeitig bis zu vier Violinsaiten gestrichen. Auch „Bachtrompete“ ist ein falscher Begriff: Johann Sebastian Bach kannte keine Ventiltrompete, weil Ventile erst Anfang des 19. Jahrhunderts erfunden wurden. Die historisch belegte Barocktrompete, eine Naturtrompete ohne Ventile, stellte Spieler vor besondere Schwierigkeiten und wurde erst zögerlich wiederbelebt.

Eine vollständige Wiederherstellung vergangener Klänge ist nicht möglich. Nikolaus Harnoncourt betonte, jede heutige Monteverdi-Aufführung bleibe eine Aufführung ihrer eigenen Zeit. August Wenzinger erklärte, es gebe keinen allgemeinen „Kanon der Alten Musik“: Wissen, Können und Sensibilität der Ausführenden sollen einem Werk möglichst nahekommen und es lebendig vermitteln.

Wiederentdeckung, Forschung und Konzertleben

Um 1800 konzentrierte sich das bürgerliche Konzertleben überwiegend auf neue und klassische Musik; vorklassische Musik blieb weitgehend unbeachtet. Die Aufführung von Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion durch Felix Mendelssohn Bartholdy 1829 gilt als Beginn einer breiten Bach-Renaissance. Die Bach-Gesellschaft Leipzig wurde 1850 gegründet, eine erste Gesamtausgabe der Bach-Werke begann 1851. Im 19. Jahrhundert förderten Historismus, Musikwissenschaft, Notensammlungen und Denkmalausgaben die Wiederentdeckung. Auch der Gregorianische Choral wurde Ende des 19. Jahrhunderts in Melodien und Rhythmen restituiert.

Im frühen 20. Jahrhundert verbanden Musikphilologie, Instrumentenbau, Jugendmusikbewegung und erste Ensembles Forschung mit praktischer Aufführung. Musikphilologie untersucht und ediert historische Quellen kritisch. Friedrich Ludwig erschloss besonders mittelalterliche Musik, etwa Organum, frühe Quadratnotation, Modalrhythmik und Isorhythmie. Die Jugendmusik- und Gambenbewegung griff Musik und Instrumente des 16. und 17. Jahrhunderts auf; sie betrachtete Alte Musik oft als für Laien leicht ausführbares Repertoire. Dies führte laut Dieter Gutknecht später auch zu Vorurteilen, Alte Musik sei bloße Laienmusik oder historische Aufführungspraxis eine sektiererische Anti-Haltung.

Nach dem Zweiten Weltkrieg machten zahlreiche Ensembles Alte Musik durch Konzerte und Aufnahmen international bekannt. Als wichtige Stationen nennt der Artikel unter anderem die Cappella Coloniensis von 1954, das Leonhardt-Consort von 1955, den Concentus Musicus Wien mit ersten Konzerten auf historischen Instrumenten 1957, Musica Antiqua Köln von 1973, die Academy of Ancient Music von 1973, Hespèrion XX von 1974, das Amsterdam Baroque Orchestra von 1979 und die Akademie für Alte Musik Berlin von 1982. Ende des 20. Jahrhunderts war Alte Musik im Konzertleben und an Hochschulen etabliert.

Im 21. Jahrhundert reicht historisch informierte Aufführungspraxis häufig über 1750 hinaus: Auch Mozart, Haydn, Beethoven sowie teilweise Musik der Romantik und Spätromantik werden auf historischem Instrumentarium erforscht und gespielt. Zugleich verfolgen regionale Ensembles das Ziel, Überlieferungen einzelner Städte, Höfe oder Landschaften wieder aufzuführen. Heute ist nicht allein eine möglichst genaue Rekonstruktion wichtig: Viele Interpreten nutzen historische Erkenntnisse kreativ, weil Spiel- und Hörweisen vergangener Zeiten nicht zu hundert Prozent rekonstruierbar sind und ein großer Teil der Musik zwischen Mittelalter und Mozart improvisatorisch war.

Quellen, Editionen und Zuschreibungen

Alte Musik ist nur aufführbar, wenn Quellen erhalten, zugänglich und lesbar sind. Archive und Bibliotheken bewahren Autographe, also vom Komponisten selbst geschriebene Noten, Handschriften und frühe Notendrucke. Beispiele sind das Bach-Archiv Leipzig seit 1950, das Deutsche Musikgeschichtliche Archiv seit 1954 und das Heinrich-Schütz-Archiv seit 1988. In der Staatsbibliothek zu Berlin befinden sich 80 Prozent aller Autographe Johann Sebastian Bachs. Für die Restitution des Gregorianischen Chorals sind die Neumenhandschriften der spätestens 719 gegründeten Stiftsbibliothek St. Gallen besonders bedeutsam.

Historische Sammlungen bündeln Werke verschiedener Komponisten oder Zeiten, etwa das Buxheimer Orgelbuch ab 1460, die Linzer Orgeltabulatur ab 1611, das Fitzwilliam Virginal Book mit Cembalomusik ab 1562 und die Dübensammlung mit etwa 2300 Werken von über 300 benannten Komponisten. Digitale Zugänge ergänzen Archive: Die Music Encoding Initiative dient seit dem 21. Jahrhundert der Kodierung, dem Austausch und der Archivierung von Musik. Das seit 2008 auch Petrucci Music Library genannte International Music Score Library Project stellt viele gemeinfreie Noten der Alten Musik online bereit.

Verluste erschweren die Forschung. Handschriften wurden etwa zu Makulatur oder zum Feueranzünden verwendet; Werke von Heinrich Schütz, Dietrich Buxtehude und Johann Sebastian Bach gelten teilweise als verschollen. Beim Brand der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek 2004 gingen Handschriften und seltene Drucke verloren, darunter ein Stimmbuch von Orlando di Lasso aus dem Jahr 1588.

Auch Autorschaften sind mitunter unsicher. In Werkausgaben erscheinen vermutete Werke oft in Anhängen mit kritischem Bericht. Im Bach-Werke-Verzeichnis bedeuten BWV Anh. 190–200 verschollene Werke und Fragmente, BWV Anh. 201–207 zweifelhafte Werke und BWV Anh. 208 fälschlicherweise zugeschriebene Werke. Die Urheberschaft von Bachs Toccata und Fuge d-Moll BWV 565 ist umstritten. Bachs Sechzehn Konzerte für Cembalo solo, BWV 972–987, sind dagegen Werke anderer Komponisten. Das häufig Tomaso Albinoni zugeschriebene Adagio g-Moll stammt laut Artikel von Remo Giazotto. Von 148 Kompositionen in der ersten Pergolesi-Gesamtausgabe gelten heute nur noch 30 als echt.

Editionen, Ausbildung und heutige Bedeutung

Seit dem 19. und besonders im 20. Jahrhundert machten Musikhistoriker, Musikwissenschaftler und Verlage große Teile der Alten Musik wieder zugänglich. Sammel- und Gesamtausgaben bieten verlässliche Notentexte für Forschung und Musizierpraxis. Urtextausgaben versuchen anhand von Autographen, Handschriften, Ausgaben letzter Hand und Erstdrucken einen Notentext zu erstellen, der dem ursprünglichen Willen des Komponisten möglichst nahekommt; historisch-kritische Ausgaben legen ihre editorischen Entscheidungen und Quellen offen.

Werkverzeichnisse schaffen Überblick und erleichtern die Zuordnung von Werken. Wichtige Beispiele sind das Bach-Werke-Verzeichnis (BWV) von 1950, das Schütz-Werke-Verzeichnis (SWV) von 1960, das Ryom-Verzeichnis (RV) für Antonio Vivaldi von 1973, das Buxtehude-Werke-Verzeichnis (BuxWV) von 1974 und das Händel-Werke-Verzeichnis (HWV) von 1978. Wegen Neufunden und neuer Bewertungen bleiben solche Verzeichnisse veränderbar.

Alte Musik wird heute an spezialisierten Einrichtungen gelehrt, etwa an der Schola Cantorum Basiliensis in Basel sowie an Hochschulen in Deutschland und Österreich. Das Institut für Aufführungspraxis in Trossingen umfasst historische Interpretationspraxis vom Mittelalter bis zur Romantik. Festivals, Konzertreihen und spezialisierte Labels verbreiten die Musik zusätzlich; eine bedeutende Aufnahmeleistung war die erste Gesamtaufnahme der Bachkantaten von 1970 bis 1989 durch Concentus Musicus Wien unter Nikolaus Harnoncourt und Leonhardt-Consort unter Gustav Leonhardt.

Alte Musik gilt heute oft als Bereicherung oder Korrektiv des üblichen klassisch-romantischen Konzertrepertoires. Ihre Kenntnisse können auch neue Höreindrücke bei bekannten späteren Werken ermöglichen. Neben quellenorientierten Aufführungen gibt es Neuinterpretationen und Crossover, beispielsweise Jacques Loussiers Jazzbearbeitungen von Bach oder das Zusammenwirken von Jan Garbareks Saxophon mit dem Hilliard Ensemble. Solche Projekte zeigen, dass Alte Musik sowohl historisch erforscht als auch gegenwärtig neu gestaltet wird.

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