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Musik der Mittelalterszene
Die Musik der Mittelalterszene bezeichnet das Musikgenre, das die Mittelalterszene, insbesondere die Mittelaltermärkte, seit den späten 1980er Jahren prägt.
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Begriff und Bedeutung
Musik der Mittelalterszene ist ein Genre, das die Mittelalterszene und besonders Mittelaltermärkte seit den späten 1980er Jahren prägt. Es entstand in Mitteleuropa; stilistische Vorläufer sind Musik des Mittelalters, Folk, Pop und Rock. Einen allgemein anerkannten Namen gibt es nicht. Verwendet werden unter anderem Mittelaltermarktmusik, Mittelaltermusik, Marktmusik, Medieval und selten Mittelalternative.
Sie ist von der historischen Aufführungspraxis mittelalterlicher Musik zu unterscheiden. Diese will europäische Musik bis 1450 möglichst stilistisch authentisch wiedergeben und stellt keinen neuen eigenen Musikstil dar. Die Musik der Mittelalterszene beansprucht dagegen keine historische Authentizität. Sie dient vor allem der Unterhaltung von Marktbesuchern, Gästen bei „Rittermahlen“ und Fans. Künstlerische Freiheiten, Spaß und ein für die Szene passender Klang stehen im Vordergrund.
Das Genre gehört generell zur Unterhaltungsmusik (U-Musik). Die Interpretinnen und Interpreten sind häufig zugleich Komponisten oder Arrangeure. Die Musik wurde mit der zunehmenden Beliebtheit von Mittelaltermärkten zu einem eigenständigen Genre: Es gibt Konzerte und Aufnahmen auch von Gruppen, die nie Teil der Marktszene waren. Weil der Stil noch relativ jung ist, verändert und erneuert er sich fortlaufend.
Zwei Hauptformen
Die heutige Musik der Mittelalterszene wird in zwei Hauptstilrichtungen eingeteilt: einen folkloristischen Stil und einen Dudelsack-Rock-Stil. Ihre Grenzen sind in der Praxis fließend; dies gilt auch für die Abgrenzung zur historischen Aufführungspraxis und zu anderen Musikgenres. Für das Gesamtgenre wie auch für seine Stilrichtungen haben sich keine einheitlichen Bezeichnungen etabliert.
Stilistisch reicht das Genre von Musik mit Gesang, Saiteninstrumenten, Harfen, Flöten, Krummhörnern, Schalmeien und Drehleiern bis zu lauter, rockiger Musik mit Marktsackpfeifen und Davuls. Die jeweiligen Klangvorstellungen, Instrumente, Repertoires und Bühnenauftritte unterscheiden sich deutlich.
Folkloristischer Stil
Der folkloristische Stil orientiert sich vor allem an einem „romantischen“ Bild von Mittelalter und Spielleuten, wie es aus Märchen, Romanen oder Filmen bekannt ist. Es gibt instrumentale Stücke und Stücke mit Gesang; Gesangsstücke überwiegen leicht. Die Lieder sind oft unterhaltend und heiter, können aber auch ernste Texte haben. Die Stimme ist das wichtigste Gestaltungsmittel und wird etwa in „La La La“-Stellen auch instrumental eingesetzt.
Der Gesang kann ein- oder mehrstimmig sowie gleichförmig oder abwechslungsreich arrangiert sein. Zur Begleitung dienen Nachbauten historischer Instrumente aus dem Mittelalter, der Renaissance und späteren Jahrhunderten, etwa Drehleier, Nyckelharpa, Cister und Portativ. Daneben gibt es neuzeitliche oder optisch verfremdete Instrumente, die umgangssprachlich oft „Lauten“ oder „Fiedeln“ heißen, obwohl sie fachlich nicht unbedingt dazu gehören. Typisch sind auch Blockflöten sowie leisere Doppelrohrblattinstrumente wie Krummhorn, Rauschpfeife und Dudelsack. In Instrumentalstücken führen Blasinstrumente meist die Melodie; bei Gesang verdoppeln sie sie oder übernehmen Vor- und Zwischenspiele. Zur Perkussion gehören Trommeln, Tamburine, Schellenkränze, Klappern und Fußschellen.
Die Spielleute treten fast immer gewandet auf. Ihre Kleidung orientiert sich teils an rekonstruierten historischen Vorbildern, teils an Fantasievorstellungen aus romantischer Mittelalterrezeption, Filmen und Büchern. Sie ist oft besonders bunt und auffällig. Ansagen erfolgen überwiegend im für die Mittelalterszene typischen „Marktsprech“.
Repertoire des folkloristischen Stils
Das Liedmaterial stammt nicht nur aus dem Mittelalter, sondern aus unterschiedlichen Quellen und Epochen. Überlieferte Stücke reichen von den Carmina Burana des 11.–12. Jahrhunderts über Walther von der Vogelweide (ca. 1170–1228), Neidhart von Reuenthal (ca. 1210–1240), die Cantigas de Santa Maria des 13. Jahrhunderts und Oswald von Wolkenstein (um 1377–1445) bis zur Renaissance des 15.–16. Jahrhunderts sowie zum 19. und 20. Jahrhundert. Hinzu kommen Neukompositionen, neue Arrangements, Textübersetzungen und Neutextungen alter Lieder.
Im Mittelpunkt stehen Lieder, die sich Dur/Moll-tonal einordnen lassen, weil sie mit Akkordinstrumenten wie Saiteninstrumenten begleitet werden können, sowie Lieder mit verständlichem Text. In Deutschland überwiegen deshalb deutschsprachige Texte der letzten drei Jahrhunderte oder eingedeutschte Texte. Auch Lieder des 19. Jahrhunderts oder der Jugendbewegung des 20. Jahrhunderts werden verwendet, wenn sie antiquiert klingen oder zum historischen Thema passen. Ein auf „alt“ getrimmter Instrumentalklang sowie eine angepasste Stimmführung und Klangvorstellung verbinden dieses vielfältige Material.
Nichtdeutschsprachige Lieder werden häufig im Original gesungen, zum Beispiel auf Latein, (Alt-)Spanisch, (Alt-)Italienisch oder (Alt-)Französisch. Manche, auch deutschsprachige, Interpreten musizieren überwiegend auf Englisch; dies geht meist mit einer stärkeren Orientierung an englischsprachiger Folklore wie Irish Folk einher.
Dudelsack-Rock-Stil
Der Dudelsack-Rock-Stil entwickelte sich in der späten DDR neben dem folkloristischen Stil. Sein melodieführendes Hauptinstrument ist ein besonders lauter Dudelsacktyp ohne historisches Vorbild, der um 1980 entwickelt wurde. Er heißt in der Szene Marktsackpfeife, „Mittelaltersack“ oder „Marktschwein“. Als Hauptstimmung setzte sich A-Dorisch durch. Der Klang ist laut, direkt und hart; deshalb eignet sich das Instrument zur unverstärkten Beschallung großer Flächen auf Mittelaltermärkten. Ursprünglich war es für Volksfeste in der DDR vorgesehen, auf denen Gruppen wie Tippelklimper oder Spilwut auftraten.
Die Marktsackpfeife wird allein oder im Ensemble eingesetzt, mehrstimmig (polyphon) oder zur klanglichen Verdopplung einer Solostimme. Wegen ihrer Lautstärke eignen sich nur wenige Begleitinstrumente. Besonders wichtig sind Perkussionsinstrumente wie Davul und Darabuka. Weitere Blasinstrumente können ähnlich laut sein; Zupfinstrumente sind meist zu leise. Als mögliche Begleitung dienen daher laute Drehleiern sowie durchdringende Cistern und moderne Schlüsselfiedeln. Gesang kommt vergleichsweise selten vor, da er sich gegen die Instrumente schwer durchsetzt. Die Besetzung reicht vom Solospiel über das typische Duo Marktsackpfeife/Davul bis zu zehn Musikern; dabei werden Stimmen nicht zahlreicher, sondern chorisch besetzt.
Das Repertoire stammt überwiegend aus denselben unterschiedlichen Zeiten und Regionen wie im folkloristischen Stil. Es wird stark verändert und oft mit Balkanmelodien sowie orientalischen Vorlagen verbunden; auch Neukompositionen kommen hinzu. Wie weit sich Gruppen von mittelalterlichen Vorlagen entfernen, ist unterschiedlich. Beim Auftreten steht eher ein „finsteres“ als ein romantisches Mittelalterbild im Mittelpunkt. Neben historisch angelehnter Kleidung tragen viele Gruppen wilde, brachiale oder teilweise halbnackte Fantasy-Kostüme. Der Marktsprech ist häufig rau und laut, teils grölend. Ansagen und Geschichten handeln oft vom „rauen Leben“, von Alkohol, Sex und Aufbegehren gegen eine historisch-fiktive Obrigkeit wie Monarch oder Kirche.
Abgrenzungen und Grenztypen
Es gibt Musikformen mit ähnlichen Arbeitsweisen, die wegen ihres deutlich anderen Hintergrunds, ihrer Philosophie, Zuhörerschaft und besonders ihres Klangs nicht mehr zur Musik der Mittelalterszene gerechnet werden. Dazu gehören die Interpretation überlieferter mittelalterlicher Quellen sowie die Verwendung einfacher Satztechniken und Stilmerkmale mittelalterlicher Musik in zeitgenössischen Stilen wie Avantgarde oder Popmusik.
Ein weiterer Grenztyp sind Musiker und Bands, die ihre eigene Rock- oder Metalmusik mit Instrumenten und/oder Texten der Mittelaltermusikszene ergänzen, den Grundstil aber nicht wesentlich verändern und moderne Instrumente wie E-Gitarre, E-Bass oder Schlagzeug einsetzen. Das bekannteste Beispiel ist Mittelalter-Rock. Außerdem spielen Weltmusiker und Folkgruppen ursprüngliche Varianten von Stücken, die auch in der Mittelalterszene verwendet werden, etwa Balkanstücke aus den jeweiligen Kulturen. Das hat nicht automatisch mit der Mittelalterszene zu tun. Die Grenzen bleiben fließend und müssen je nach Interpret oder einzelnem Stück beurteilt werden.