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Neume
Neumen (griechisch νεῦμα neuma, deutsch ‚Wink') werden graphische Zeichen, Figuren und Symbole genannt, die seit dem 9. Jahrhundert zur Notation der …
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Grundidee und Funktion
Neumen sind graphische Zeichen, Figuren und Symbole, die seit dem 9. Jahrhundert vor allem zur Notation des Gregorianischen Gesangs verwendet werden. Sie stehen meist über dem Text und zeigen die melodische Gestalt sowie die gewünschte Interpretation an. Gelegentlich wurden sie auch genutzt, um weltliche und religiöse Melodien außerhalb der Liturgie aufzuschreiben.
Der Gregorianische Gesang wurde zunächst weiterhin vor allem durch Vor- und Nachsingen gelernt. Neumen dienten dabei als Gedächtnisstütze und Kontrollhilfe: Sie konnten die Richtung einer Melodie, ihren Ausdruck, rhythmische Feinheiten, Artikulation und später auch Tonhöhen genauer festhalten. Der ursprüngliche ältere Begriff für solche musikalischen Zeichen war häufig nota; die Bezeichnung Neume im Sinn musikalischer Schriftzeichen ist erst seit dem 11. Jahrhundert belegt und wurde besonders im 19. und 20. Jahrhundert allgemein üblich.
Entstehung und frühe Überlieferung
Über Ursprung und Entstehung der Neumen beziehungsweise notas gibt es verschiedene Theorien; keine gilt als zweifelsfrei gesichert. Diskutiert werden mögliche Vorbilder wie Handzeichen der Cheironomie, griechisch-syrische, syrisch-soghdische, griechisch-koptische und lateinische Punktzeichen, byzantinische und hebräische ekphonetische Zeichen wie die Teamim sowie prosodische Zeichen und Akzente wie Akutus und Gravis. Ebenfalls wird erwogen, dass von den Goten vermittelte Vorbilder aus Südgallien und Spanien in karolingischen Skriptorien aufgenommen wurden. Eine andere Position lautet, dass die gregorianischen Neumen ohne direkte Vorbilder in karolingischer Zeit aus praktischen Bedürfnissen heraus entstanden.
Eine wichtige Rolle spielte das karolingische Bemühen um Vereinheitlichung von Liturgie und Schrift. In der Admonitio generalis Karls des Großen von 789 werden notas genannt; Kenneth Levy und Leo Treitler ordneten diese der frühen Verschriftlichung des Gregorianischen Gesangs zu. Treitler datierte den Beginn dieser notas ins späte 8. oder frühe 9. Jahrhundert.
Die ältesten überlieferten Quellen mit Neumeneintragungen stammen aus dem 9. Jahrhundert. Sie gehören deutschen, französischen, nordspanischen und paläofränkischen Neumenfamilien an und betreffen nicht nur Gregorianischen Gesang, sondern auch außerliturgische religiöse und weltliche Texte. Drei besonders wichtige liturgische Sammlungen aus dem frühen 10. Jahrhundert sind der Codex Sangallensis 359 aus St. Gallen, der Codex Laon 239 und der Codex Chartres 47 aus der Bretagne. Ihre Neumen werden heute St. Galler, lothringische und bretonische Neumen genannt.
Neumenfamilien und Schreibzentren
Die schriftliche Erfassung und Weitergabe des Gregorianischen Gesangs erfolgte über Skriptorien, also Schreibwerkstätten, die häufig eigene Formen der Neumenschrift entwickelten. Mehr als 100 europäische Orte sind bekannt. Manche Neumenfamilien wurden nach solchen Zentren benannt, zum Beispiel St. Gallen, Benevent und Bologna. Andere tragen Landschaftsnamen, etwa aquitanische, lothringische oder bretonische Neumen.
Die verschiedenen Familien hatten gemeinsame Grundanliegen, unterschieden sich aber in Gestalt und Zielrichtung. Besonders wichtig waren zwei Aufgaben: das Auf und Ab der melodischen Linie sichtbar zu machen und den textbezogenen Ausdruck des Gesangs zu sichern. Die St. Galler Neumenschrift gilt in Bezug auf den beabsichtigten Ausdruck als besonders ausgereift und ist am besten erforscht. Mit ihrer Entschlüsselung und Interpretation beschäftigt sich die Gregorianische Semiologie.
Haupttypen der Notation
Eine grundlegende Unterscheidung ist die zwischen adiastematischen und diastematischen Neumen. Adiastematische Neumen zeigen keine genauen Tonhöhenintervalle, sondern vor allem die Richtung der Melodiebewegung innerhalb einer Neume. Viele ältere Neumenfamilien gehören hierzu. Sie können Rhythmus, Artikulation, Dynamik und Tempo oft recht genau angeben, unter anderem durch Litterae significativae, also kleine Zusatzbuchstaben mit Hinweisen zur Interpretation.
Diastematische Neumen machen die Melodiebewegung intervallisch sichtbar, also die Abstände zwischen Tönen. Dafür geben sie interpretatorische Feinheiten meist weniger genau an. Zu diesem Typ gehören Notationen, die sich an eingeritzten oder gezeichneten Linien orientieren. Guido von Arezzo († 1050) setzte Neumen auf vier Linien im Terzabstand; die F-Linie war zunächst rot, die c-Linie gelb, manchmal grün. Damit schuf er eine Grundlage für die Hufnagelnotation und die mittelalterliche Quadratnotation, wie sie ähnlich auch in neuzeitlichen Ausgaben wie dem Graduale Romanum vorkommt.
Eine weitere Einteilung unterscheidet Akzent- oder Linienneumen und Punktneumen. Akzent- oder Linienneumen stellen Melodien durch meist kursiv geneigte Linienzüge oder Ligaturen dar, die jeweils kurzen Tonfolgen entsprechen; dies ist bei den St. Galler Neumen besonders entwickelt. Punktneumen verwenden punktförmige Zeichen für Einzeltöne, etwa bei aquitanischen, bretonischen und lothringischen Neumen. Viele regionale Familien verbinden beide Formen.
Eine Sonderstellung hat der Codex H. 159 von Montpellier aus dem 11. Jahrhundert, der adiastematische Neumen mit Buchstabennotation verbindet. Mit seiner Hilfe konnten Benediktiner der Abtei Sankt Peter in Solesmes die relativen Tonhöhen des Gregorianischen Gesangs ziemlich genau rekonstruieren. Daraus entstand 1883 der von Dom Joseph Pothier herausgegebene Liber Gradualis.
Namen, Grundformen und Zusatzzeichen
Bei Neumen unterscheidet man Einzeltonneumen, Gruppenneumen und Mehrgruppenneumen. Alle Einzeltonneumen sowie fast alle Doppeltonneumen und Dreifachtonneumen haben eigene Namen; längere Formen werden meist umschrieben. Die früheste Erwähnung von Neumennamen findet sich um 1100 bei Johannes Cotto. Listen mit Neumennamen zu Lehrzwecken entstanden seit der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts, weitere bis ins 15. Jahrhundert; manche heute gebräuchlichen Namen wurden erst im 19. und 20. Jahrhundert geprägt.
Die Grundneumen wurden meist nach ihrer Gestalt benannt. Zu den wichtigen Grundformen gehören etwa Punctum, Virga, Clivis, Pes, Torculus, Porrectus, Climacus und Scandicus. Varianten konnten durch zusätzliche Bezeichnungen beschrieben werden, zum Beispiel Porrectus flexus oder Torculus resupinus.
Verzierungsneumen erfassen besondere Gesangspraktiken oder Melodieformeln. Dazu zählen unter anderem Bi- und Tristropha, Bi- und Trivirga, Trigon, Oriscus, Virga strata, Pressus major, Pressus minor, Pes stratus, Pes quassus, Salicus und Quilisma. Die Ausführung des Quilisma ist ungewiss; seine Wellenform bezeichnet wahrscheinlich ein Glissando oder eine Art Tremolo. Aribo schrieb zwischen 1069 und 1078 in De musica: „Tremula est neuma quam gradatam vel quilisma dicimus […]“.
Liqueszierende Neumen werden bei bestimmten Buchstabenfolgen des Textes verwendet. Liqueszenz soll den Melodiefluss bei aufeinanderfolgenden Konsonanten oder Diphthongen erhalten und zugleich klare Artikulation ermöglichen. In Handschriften wird das Ende betroffener Gruppenneumen meist verkürzt oder gekrümmt; Beispiele sind Cephalicus, Epiphonus und Ancus.
Zusatzzeichen dienten der genaueren Interpretation. Das Episem zeigt eine Dehnung des bezeichneten Tons an. Litterae significativae, auch Romanusbuchstaben, geben Hinweise zu Dynamik, Tempo, Stimmklang und Melodierichtung; Notker Balbulus († 912) hielt sie erstmals in einem Lehrbrief fest. Beispiele sind t für tenere, also „halten“, m für mediocriter, „ein wenig“ oder „mäßig“, c für celeriter, „schnell“ oder „rasch“, und s für sursum, „hinauf“. Auch die Trennung einer eigentlich zusammengehörigen Neume in kleinere Neumen konnte rhythmische Unterschiede sichtbar machen.
Grenzen bei Mehrstimmigkeit
Bei mehrstimmiger Musik stießen adiastematische Neumen an praktische Grenzen. Ein wichtiges Beispiel ist das um 1050 in der Abtei Winchester entstandene Tropar-Sequenziar, der Winchester-Tropar, der auf einer Vorlage um 980 beruht. Er enthält zweistimmige Organa, die mit adiastematischen Neumen notiert wurden. Die textlosen Organalstimmen und die textierten Cantus-Stimmen wurden getrennt aufgeschrieben; nicht zu jeder Organalstimme ist eine Cantus-Stimme erhalten.
Bei der vermutlich aus dem nichtkirchlichen Bereich stammenden Sequenz Planctus Cigni, der „Schwanenklage“, sind beide Stimmen vorhanden. Der Schreiber setzte in die Organalstimme die Buchstaben d und x als Orientierung für den Sänger. Zweistimmig aufführbar war ein solches Organum nur, wenn die Sänger beide Stimmen bereits kannten; deshalb kann es heute nicht sicher rekonstruiert werden. Für mehrstimmige Kompositionen lag deshalb der Übergang zu diastematischen Notationen und später zu linierter Modalnotation nahe, die neben Tonhöhen auch Tondauern erfassen konnte.