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Religionsdidaktik
Die Religionsdidaktik ist die wissenschaftliche Disziplin, die sich mit religiösen Lehr- und Lernprozessen im Lauf der Biographie beschäftigt.
Inhalt6 Abschnitte
Gegenstand und Ziele
Die Religionsdidaktik ist die wissenschaftliche Disziplin, die religiöse Lehr- und Lernprozesse im Verlauf der gesamten Biographie untersucht. Ihr besonderer Schwerpunkt liegt auf dem schulischen Religionsunterricht. Religion bildet dabei den Gegenstandsbereich; Didaktik bezeichnet die Art und Weise, wie dieser Gegenstand unter der Perspektive des Lehrens und Lernens behandelt wird.
Im schulischen Zusammenhang erscheint Religion vor allem als christliche Tradition, die durch die Kirchen repräsentiert und durch die Theologie reflektiert wird. Die Religionsdidaktik berücksichtigt jedoch auch die religiöse und gesellschaftliche Vielfalt: Das Christentum versteht sich als Teil einer pluralen Gesellschaft, in Deutschland und Europa sind weitere Religionsgemeinschaften präsent, und Religion steht in Beziehung zu anderen gesellschaftlichen Systemen. Künftige Lehrkräfte sollen deshalb verschiedene Erscheinungsformen von Religion erschließen können. Sie sollen Schülerinnen und Schüler nicht nur informieren, sondern auch deren Dialog- und Kommunikationsfähigkeit fördern.
Die Religionsdidaktik versteht sich als wissenschaftlich begründete Reflexion religiösen Lernens und des Lehrens dieses Lernens. Sie untersucht Bedingungen und Kontexte, Möglichkeiten und Grenzen sowie Begründung und Verantwortung religiöser Lernprozesse. Außerdem befasst sie sich mit der Interaktion zwischen Lehrkräften und Lernenden sowie mit Methoden und Medien des Religionsunterrichts.
Als Wissenschaft will sie Kenntnisse vermehren und Einsichten vertiefen. Als praxisbezogene Disziplin soll sie eine wissenschaftlich begründete, reflexive Kompetenz für die Planung, Durchführung und Evaluation religiöser Lernprozesse entwickeln. Dazu beschreibt sie Unterrichtspraxis analytisch und deskriptiv, ermittelt mögliche Ansatzpunkte für gezielte Eingriffe und will auf diese Weise religiöses Lehren und Lernen verbessern.
Theorie und Unterrichtspraxis
Die Religionsdidaktik steht dauerhaft in einem Spannungsverhältnis zwischen Theorie und Praxis. Theoriebildung ist notwendig, weil sie allgemeingültige Aussagen über Zusammenhänge ermöglicht. Dadurch kann Wissen systematisch gewonnen und verallgemeinert werden, auf das spätere Generationen zurückgreifen können.
Zugleich muss die Religionsdidaktik praxisrelevant sein. Didaktik ist eng mit der Wirklichkeit des Lehrens und Lernens verbunden und möchte diese gestalten und verbessern. Sie versteht sich daher nicht als Wissenschaft um ihrer selbst willen, sondern stellt ihre Erkenntnisse in den Dienst von Lehr- und Lernprozessen.
Für das Verhältnis von Theorie und Praxis gibt es logisch drei Positionen:
• Die Theorie geht der Praxis voraus; die Praxis wendet die Theorie an.
• Die Praxis geht der Theorie voraus und führt zur Bildung von Theorie.
• Theorie und Praxis gehen nicht vollständig ineinander auf, sondern sind dialektisch aufeinander bezogen, beeinflussen sich also wechselseitig.
Die Religionsdidaktik folgt vor allem der dritten Position. Sie beobachtet und deutet die Praxis religiösen Lehrens und Lernens und entwickelt daraus Handlungsmodelle und mögliche Szenarien. Gleichzeitig stellt sie bestehende Praxis infrage, weil sie davon ausgeht, bessere Theorien für die Praxis entwickeln zu können.
Forschungswege und Erkenntnisinteressen
Zur Untersuchung ihres Gegenstands – des erzieherischen Handelns in Bezug auf Religion und des religiösen Lernens – nutzt die Religionsdidaktik im Wesentlichen drei Forschungswege:
• Hermeneutik bedeutet Auslegung und Sinnverstehen. Mit ihr werden Theorien entwickelt, die praktisch bedeutsam sein sollen. Erzieherisches Handeln wird dabei vor dem Hintergrund der christlich-jüdischen Tradition ausgelegt.
• Empirie bezeichnet die Gewinnung von Erkenntnissen aus beobachtbarer Erfahrung. Sie erzeugt erfahrungswissenschaftlich begründete Aussagen und hilft dabei, Regeln festzulegen, nach denen Theorien aufgebaut und überprüft werden können.
• Ideologiekritik untersucht erzieherisches Handeln auf Entfremdung und Unterdrückung. Durch Selbstreflexion soll unreflektiertes in selbstkritisches Bewusstsein verwandelt werden. Ihr emanzipatorisches Interesse besteht darin, Menschen aus Abhängigkeiten zu befreien.
Diesen Zugängen entsprechen drei erkenntnisleitende Interessen des Faches: Sinnverstehen durch Hermeneutik, die Produktion von Erfahrungswissen durch Empirie und die Förderung von Emanzipation durch Ideologiekritik. Die drei Perspektiven sind nicht scharf voneinander getrennt, sondern überschneiden sich teilweise.
Historische Entwicklung
Die Religionsdidaktik hat ihren Ursprung in der katholischen Katechetik. Diese entstand im 16. Jahrhundert unmittelbar nach dem Konzil von Trient, um Gläubige aller Generationen systematisch und kontinuierlich im rechten Glauben zu unterweisen. Bereits 1570 wurde sie eine eigenständige Disziplin innerhalb der Theologie. Unter Maria Theresia wurde sie zu einem verpflichtenden Ausbildungsfach für Kleriker und zusammen mit Homiletik, Liturgik und Poimenik der praktischen Theologie zugeordnet. 1744 erklärte Franz Stephan Rautenstrauch sie zu einer universitären Disziplin innerhalb der Pastoraltheologie. In der Aufklärung, als sich Pädagogik und Psychologie als eigene Disziplinen herausbildeten, rückten methodische Fragen der katechetischen Unterweisung in den Mittelpunkt.
Im frühen 19. Jahrhundert entwarf Johann Baptist Hirscher eine Katechetik, deren Ziel nicht das Lernen dogmatischer Sätze, sondern die Förderung der seelischen Kräfte und Glaubenskräfte des Menschen war. Sie sollte bei zentralen Lebensfragen ansetzen und sich auf das Wesentliche des Glaubens konzentrieren.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelten Vertreter der Münchener Methode erste Grundgedanken der eigentlichen Religionsdidaktik. Sie übertrugen die Herbart-Zillersche Formalstufentheorie auf religiöses Lernen und verbanden die Didaktik der Religion erstmals mit Psychologie und Pädagogik. Vertreter der Kerygmatik grenzten sich davon ab: Sie wollten die ursprüngliche Form der Katechetik stärken, wandten sich von den Humanwissenschaften ab und stärker der Theologie zu.
Seit den 1960er-Jahren und dem Zweiten Vatikanischen Konzil entwickelte sich die Religionspädagogik zu einer modernen interdisziplinären Wissenschaft. Sie löste das frühere Verständnis der Katechetik als rein innerkirchliche Wissenschaft ab. Während die Religionspädagogik religiöse Lernprozesse im gesamten Lebenslauf untersucht, konzentriert sich die Religionsdidaktik als ihre Subwissenschaft vor allem auf den schulischen Religionsunterricht, ohne andere Lebensalter und Lernbereiche vollständig auszublenden. Neuere Entwicklungen werden teilweise als performative Religionsdidaktik bezeichnet.
Beziehungen zu anderen Wissenschaften
Die Religionsdidaktik wurde lange als Hilfs- und Anwendungsdisziplin der systematischen Theologie verstanden, welche die kirchliche Lehre in Lernprozesse umsetzen sollte. Heute gilt sie als Subdisziplin der Praktischen Theologie, die mit ihrer eigenen Lehr-Lern-Perspektive einen selbstständigen Beitrag zur Theologie leistet.
Sie verwendet Erkenntnisse verschiedener theologischer Disziplinen. Die biblische Theologie hilft bei der Erschließung biblischer Texte. Die historische Theologie unterstützt die Entwicklung eines geschichtlichen Bewusstseins. Die systematische Theologie erforscht Themen, die für den Religionsunterricht relevant sind. Innerhalb des Faches ist umstritten, welche theologischen Inhalte besonders aufbereitet werden sollen. Lange dominierten etwa Exegese und Systematik, während die Kirchengeschichte eine geringere Rolle spielte.
Weil sich Religionsdidaktik mit Lernen, Bildung und Sozialisation beschäftigt, arbeitet sie außerdem eng mit den Humanwissenschaften zusammen. Die Psychologie untersucht die psychische Seite ethischer und religiöser Lern- und Erziehungsvorgänge und liefert Erklärungen für schulisches Lernen. Die Soziologie ergänzt die empirischen Untersuchungen der Religionsdidaktik und vermittelt Einsichten in menschliche und damit auch religiöse Existenzformen.
Das Verhältnis zu Pädagogik und Theologie wird weltweit unterschiedlich bestimmt. Vier Modelle werden unterschieden:
• Im Autarkiemodell bestimmen Theologie beziehungsweise kirchliches Lehramt das religionsdidaktische Handlungsfeld allein.
• Im Dominanzmodell ist Religionsdidaktik hauptsächlich eine Anwendungswissenschaft der Theologie.
• Im Konvergenzmodell sind Pädagogik und Theologie gleichberechtigt und durch einen gemeinsamen Diskurs aufeinander bezogen.
• Im Exodusmodell wird Religionsdidaktik ausschließlich von der Pädagogik her bestimmt und gehört nicht mehr zur Theologie.
In Deutschland versteht sich die Religionsdidaktik im Sinne des Konvergenzmodells als pädagogisch-theologische Disziplin.
Teilbereiche und Lernorte
Die Religionsdidaktik gliedert sich in zwei Teilbereiche: Didaktik im engeren Sinne und Methodik. Die Didaktik bildet eine Theorie, bleibt aber empirisch orientiert, weil sie sich auf die Praxis bezieht. Sie arbeitet zugleich hermeneutisch, um praktische Abläufe zu erklären, und kritisch, um diese zu prüfen. Die Methodik reflektiert dagegen, wie Lernen konkret konzipiert werden kann.
Eine weitere Unterteilung richtet sich nach den Lernorten. Religiöses Lernen kann beispielsweise im schulischen Religionsunterricht, in der gemeindlichen Katechese, in der Jugend- und Kindergartenarbeit, in der Erwachsenenbildung oder in der Familienarbeit stattfinden. Mit dem jeweiligen Lernort verändern sich auch die Wissenschaften, auf deren Erkenntnisse die Religionsdidaktik als Fachdidaktik besonders zurückgreift. An den Universitäten steht gegenwärtig die Schule im Vordergrund; deshalb ist dort die Schulpädagogik die wichtigste Bezugsdisziplin.