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Modernisierungstheorie

Eine Modernisierungstheorie ist eine Theorie, die Prozesse der Modernisierung und Ursachen für die Moderne erklärt. Der Begriff bezieht sich auf eine Gruppe …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee
  2. 2. Zentrale Theoreme
  3. 3. Modernisierungsprozesse und Wertewandel
  4. 4. Reflexive Modernisierung
  5. 5. Kritik
  6. 6. Vertreter

Grundidee

Eine Modernisierungstheorie ist eine Theorie, die Prozesse der Modernisierung und die Ursachen der Moderne erklärt. Der Begriff bezeichnet keine einzelne Theorie, sondern eine Gruppe von Entwicklungstheorien aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, vor allem Wirtschafts-, Sozial- und Geschichtswissenschaften.

Im Mittelpunkt steht die Frage, wie es im 18. und 19. Jahrhundert in westlichen Gesellschaften zu den tiefgreifenden Veränderungen der „Moderne“ kam. Modernisierungstheorien nehmen an, dass diese Veränderungen nicht vor allem durch äußere Faktoren wie Bodenschätze verursacht wurden, sondern endogen, also aus der Gesellschaft selbst heraus. Außerdem gehen sie davon aus, dass verschiedene Faktoren zusammenhängen und sich gegenseitig beeinflussen.

Wichtige frühe Bezüge finden sich bei Alexis de Tocqueville (1835/40), Emil Durkheim und Max Weber. Auch Reinhart Kosellecks Konzept der Sattelzeit steht modernisierungstheoretischen Annahmen nahe. Max Weber sah die Moderne, ähnlich wie spätere Vertreter der Theorie, nicht nur positiv.

Zentrale Theoreme

Die Modernisierungstheorie erklärt den Wandel der Moderne mit mehreren Theoremen, also grundlegenden theoretischen Aussagen.

Das Differenzierungstheorem besagt, dass sich gesellschaftliche Bereiche wie Recht, Politik, Wirtschaft und Religion voneinander lösen und jeweils einer eigenen Logik folgen. Dadurch können die einzelnen Teilbereiche effektiver werden. Spannungen, zum Beispiel zwischen Religion und Recht, lassen sich in einer differenzierten Gesellschaft eher friedlich lösen. In traditionalen Gesellschaften kann ein Bereich, etwa die Religion, viele andere Bereiche dominieren; in differenzierten Gesellschaften müssen mehrere Bereiche berücksichtigt und gegeneinander abgewogen werden.

Das Mobilisierungstheorem beschreibt, dass gesellschaftliche Entwicklung die Mobilisierung von Legitimität, sozialen Gruppen und Ressourcen voraussetzt. Dazu gehören Kapital, Kaufkraft, Naturschätze und Technik. Technische, organisatorische und kulturelle Innovationen sind wichtig, weil sie zur Industrialisierung beitragen. Industrialisierung führt nach dieser Theorie zu steigendem Wohlstand. Dadurch werden Bildung, Hygiene und entwickelte Institutionen wie Universitäten, Gesundheitsfürsorge und Sozialsysteme möglich. Durch soziale Mobilisierung, unter anderem durch Urbanisierung, verlieren Standesgrenzen an Bedeutung, und das Ideal der Gleichheit wird wichtiger.

Das Partizipationstheorem besagt: Je stärker eine Gesellschaft differenziert ist, desto wichtiger werden Vermittlungsmechanismen zwischen ihren Teilen. Höhere Bildung, wachsender Wohlstand, der Gleichheitsgrundsatz und die Infragestellung traditionaler Legitimation, etwa durch Herkunft, führen zu einem höheren Beteiligungsniveau bei zentralen Entscheidungen. Weil Bürger durch Industrialisierung materiell besser gestellt sind und etwa durch Steuern am Staat beteiligt werden, wächst ihr Anspruch auf Mitbestimmung. Mehr Partizipation soll Interessenkonflikte verringern und den friedlichen Ausbau von Wirtschaft und demokratischen Institutionen wie Schulen oder Hospitälern ermöglichen.

Das Säkularisierungstheorem meint, dass der Einfluss der Religion abnimmt, wenn durch Differenzierung andere gesellschaftliche Bereiche an Bedeutung gewinnen. Das Theorem der Konfliktinstitutionalisierung besagt, dass strukturell bedingte Interessenkonflikte weniger störend für die Gesamtgesellschaft wirken, wenn ihre Austragung in Institutionen geregelt wird.

Modernisierungsprozesse und Wertewandel

Modernisierung wird als ein Prozess verstanden, der verschiedene konkrete Entwicklungsphasen durchläuft. Diese Phasen schaffen jeweils Voraussetzungen für weitere Entwicklung und bauen aufeinander auf. Ein Beispiel ist die Urbanisierung: Sie stellt Arbeitskräfte in städtischen Zentren bereit, die für die Industrialisierung gebraucht werden. Aus der Industrialisierung folgt nach dieser Vorstellung ein Anstieg des Wohlstandes. Dadurch steigt das Bildungsniveau, während Ungleichheit abnimmt.

Ronald Inglehart sieht im Kern von Modernisierungsprozessen einen Wertewandel von materialistischen zu postmaterialistischen Werten. Dieser Wandel wird durch sozioökonomischen Fortschritt bedingt. Postmaterialistische Werte, auch Selbstentfaltungswerte genannt, umfassen Emanzipation von Autoritäten sowie das Streben nach Selbstverwirklichung, Freiheit, Lebensqualität und Partizipation.

Nach Inglehart ermöglichen Selbstentfaltungswerte, dass der universelle menschliche Wunsch nach Autonomie erfüllt werden kann. Der Wertewandel lässt sich daher als Entwicklung hin zu einer humanistischeren Gesellschaft beschreiben. Diese Werte gelten bei Inglehart als wesentlich für die Effektivität einer Demokratie. Sie zeigen sich in demokratischen Institutionen und fördern die Demokratisierung einer Gesellschaft.

Ronald Inglehart und Christian Welzel betonen jedoch, dass demokratische Institutionen selbst keinen bedeutenden Einfluss auf Selbstentfaltungswerte haben. Für eine effektive Demokratisierung sollte nach ihrer Auffassung daher eher ein durch Modernisierung bedingter Wertewandel vorausgehen als nur die Einführung formaler demokratischer Institutionen.

Reflexive Modernisierung

Die in älteren Modernisierungstheorien enthaltenen Prognosen über zukünftige Modernisierungen in Entwicklungsländern gelten heute als gescheitert. Darauf reagierte die Soziologie gegen Ende des 20. Jahrhunderts unter anderem mit dem Begriff der reflexiven Modernisierung, der besonders mit Ulrich Beck verbunden ist.

Bei der reflexiven Modernisierung steht nicht mehr die traditionale Gesellschaft als Grundlage und Gegenspieler der Moderne im Zentrum. Stattdessen wird die bereits entstandene moderne Gesellschaft selbst zum Ausgangspunkt weiterer Modernisierung. Das bedeutet: Die Moderne erzeugt eigene unerwünschte Nebenfolgen, etwa Umweltzerstörung und Prekarisierung. Diese Folgen müssen in einem reflexiv-modernisierenden Prozess bearbeitet oder behoben werden.

Reflexive Modernisierung wird als grundsätzlich offener Prozess verstanden. Sie verläuft nicht eindeutig und nicht unilinear in Richtung Fortschritt. Sie kann widersprüchlich sein und sogar rückwärts verlaufen.

Kritik

Ein wichtiger Kritikpunkt richtet sich gegen die Gegenüberstellung von „moderner“ und „traditioneller“ Welt. Die Modernisierungstheorie verbindet die moderne Welt oft mit dynamisch, rational und städtisch, die traditionelle Welt mit statisch, irrational oder fatalistisch und agrarisch. Kritiker bemängeln, dass solche Begriffe idealtypische Konstruktionen seien, also vereinfachte Denkmodelle, die der Wirklichkeit nicht vollständig entsprechen. Weder traditionelle noch moderne Gesellschaften passen vollständig in solche Idealtypen. Viele Gesellschaften enthalten Mischungen aus traditionellen und modernen Elementen.

Ältere Modernisierungstheorien der 1950er und 1960er Jahre verstanden Entwicklung oft als unumkehrbaren, zielgerichteten Wachstumsprozess. Talcott Parsons sprach in diesem Zusammenhang von evolutionären Universalien, die für jede gesellschaftliche Entwicklung charakteristisch sein sollten. Seit einigen Jahrzehnten weisen Vertreter der Modernisierungstheorie jedoch den Vorwurf des Determinismus und der Teleologie zurück. Determinismus bedeutet hier, dass Entwicklung als fest vorgegeben erscheint; Teleologie bedeutet, dass sie auf ein bestimmtes Ziel zuläuft.

Weitere Kritik betrifft die Heterogenität von Entwicklungsländern. „Die“ Dritte Welt habe es nie gegeben, weil die Unterschiede zwischen den Ländern zu groß seien. Deshalb könne es nicht eine einheitliche Entwicklungsstrategie für alle geben.

Normative Kritik fragt, ob die beschriebenen Prozesse moralisch zu verurteilen seien. Kritiker wenden ein, Modernisierungstheoretiker sähen Traditionen oft als Hindernisse für den take-off des ökonomischen Wachstums, obwohl Modernisierung radikale Veränderungen traditioneller Gesellschaften mit sich bringe.

Kritisiert wird auch die Vorstellung, Modernisierung sei unausweichlich, unumkehrbar, überall gleichartig und immer progressiv. Diese Sicht naturalisiere sozialen Wandel, also stelle ihn wie einen natürlichen Entwicklungsprozess dar. Als Gegenbeispiele werden Modernisierungsdiktaturen und irrationale Reaktionen auf das Scheitern von Entwicklung genannt, etwa zunehmender Fundamentalismus in arabischen Staaten. Auch die Vorstellung nachholender Entwicklung gegenüber Vorreiterstaaten wie den USA wird angezweifelt: Die Situation der Entwicklungsländer sei nicht dieselbe wie die Europas im 18. und 19. Jahrhundert. Zudem vergrößere sich der Abstand zwischen den reichsten und den ärmsten Ländern immer mehr. Ein vollständiges „Einholen“ sei auch aus ökologischen Gründen nicht möglich, weil der Ressourcenverbrauch pro Kopf der reichsten Länder nicht verallgemeinerbar sei.

Ein weiterer Kritikpunkt ist Eurozentrismus: Westliche Industrieländer, besonders die USA, erscheinen als Vorbild und Ziel. Im Kontext des Kalten Krieges wurde so das westliche System für Entwicklungsländer als einzig anzustrebendes Modell dargestellt. Entsprechend propagierten auch die „sozialistischen“ Länder ihr eigenes Entwicklungsmodell als allgemein verbindlich.

Methodisch wird der Theorie vorgeworfen, zu stark auf Strukturen zu achten und Akteure zu wenig einzubeziehen. Neuere Formen der Modernisierungstheorie haben diese Kritik aufgenommen. Ohne Beteiligung der betroffenen Menschen könne ein Demokratiedefizit entstehen. Als Beispiel nennt der Artikel Modernisierungspläne der Weltbank, die Entscheidungen auf Regierungsebene vorbereiten, ohne die betroffenen Bevölkerungen zu konsultieren. Modernisierung werde deshalb oft als Angriff auf die eigene Lebensweise erlebt, auch wenn sich Teile der Bevölkerung mit modernisierenden Kräften identifizieren.

Vertreter

Zu den bekannten Vertretern oder wichtigen Beiträgern im Feld der Modernisierungstheorien zählen unter anderem Johannes Berger, Peter Flora, Ernest Gellner, Samuel P. Huntington, Reinhart Koselleck, Seymour Martin Lipset, William Arthur Lewis, David McClelland, Ronald Inglehart, Talcott Parsons, Detlef Pollack, Walt Whitman Rostow und Wolfgang Zapf.

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