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Ronald Inglehart
Ronald F. Inglehart (* 5. September 1934 in Milwaukee, Wisconsin, USA; Bekannt wurde Inglehart in den 1970er Jahren durch seine Theorie des Wertewandels. en ( …
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Person und wissenschaftliche Bedeutung
Ronald F. Inglehart (5. September 1934–8. Mai 2021) war ein US-amerikanischer Politologe. Von 1978 bis 2010 lehrte er als Professor an der University of Michigan; ab 1985 leitete er dort außerdem als Programmdirektor das Center for Political Studies.
Inglehart wurde vor allem durch seine Theorie des gesellschaftlichen Wertewandels bekannt. Seine Forschung untersuchte, wie Wohlstand, Sicherheit, Religion und Modernisierung die Einstellungen von Menschen sowie politische Entwicklungen beeinflussen. Eine wichtige empirische Grundlage bildeten internationale Befragungen. Inglehart arbeitete unter anderem am Euro-Barometer und an den World Values Surveys mit. Letztere ermöglichen den Vergleich von Wertvorstellungen in unterschiedlichen Ländern und Kulturen.
2011 erhielt er gemeinsam mit Pippa Norris den Johan-Skytte-Preis der Universität Uppsala, der als international höchste Auszeichnung für Politologen bezeichnet wird.
Theorie des Wertewandels
Ingleharts in den 1970er Jahren entwickelte Theorie des Wertewandels baut auf der Bedürfnispyramide von Abraham Maslow auf. In diesem Modell sind menschliche Bedürfnisse stufenförmig geordnet: Zunächst versucht ein Mensch, grundlegende Bedürfnisse wie Selbsterhaltung und Sicherheit zu befriedigen. Erst wenn diese weitgehend erfüllt sind, gewinnen höhere Bedürfnisse wie soziale Anerkennung und Selbstverwirklichung an Bedeutung.
Inglehart übertrug diesen Gedanken auf die Entstehung politischer und gesellschaftlicher Wertorientierungen. Entscheidend ist dabei die formative Sicherheit, also der Wohlstand und die Sicherheit, die ein Mensch während seiner Kindheit und Jugend erlebt. Wer in dieser prägenden Lebensphase unter sicheren und wohlhabenden Bedingungen aufwächst, entwickelt nach der Theorie mit größerer Wahrscheinlichkeit eine postmaterialistische Einstellung. Wer dagegen Armut oder Unsicherheit erlebt, neigt eher zu einer materialistischen Einstellung.
Materialistische Werte richten sich besonders auf Sicherheit, stabile Ordnung und die Absicherung der Grundversorgung. Postmaterialistische Werte stellen dagegen unter anderem politische Freiheit, Mitbestimmung, Umweltschutz und Selbstentfaltung in den Mittelpunkt. Mit wachsendem Wohlstand einer Gesellschaft soll die Bedeutung materialistischer Werte abnehmen, während postmaterialistische Ziele wichtiger werden.
Inglehart zufolge neigen Materialisten eher zu konservativen Einstellungen. Sie bewerten beispielsweise Homosexualität häufiger negativ, missbilligen Abtreibungen eher und sind im Durchschnitt patriotischer und religiöser. Inglehart erklärte die stärkere Religiosität damit, dass Menschen mit geringer formativer Sicherheit eher Halt in der Religion suchen. Postmaterialisten sind dagegen in „neuen politischen Bewegungen“ wie der Friedens- und der Umweltschutzbewegung besonders stark vertreten. Sie wählen häufiger Parteien der „neuen Politik“, etwa die Grünen. Das Aufkommen grüner Parteien wird daher zu einem erheblichen Teil mit diesem Wertewandel in Verbindung gebracht.
Messung und Kritik
Zur statistischen Überprüfung seiner Theorie entwickelte Inglehart den Inglehart- oder Postmaterialismus-Index. Dieser soll materialistische, postmaterialistische und gemischte Wertorientierungen mithilfe einer Rangordnung erfassen.
Befragte wählen aus vier politischen Zielen die beiden aus, die sie für am wichtigsten halten:
- Aufrechterhaltung der nationalen Ordnung
- mehr Mitsprache bei wichtigen politischen Entscheidungen
- Bekämpfung steigender Preise
- Schutz der Redefreiheit
Die Aufrechterhaltung der Ordnung und die Bekämpfung steigender Preise stehen für materialistische Prioritäten. Mehr politische Mitsprache und der Schutz der Redefreiheit gelten als postmaterialistische Prioritäten. Aus der Auswahl von zwei Zielen entstehen sechs mögliche Kombinationen. Inglehart ordnete sie den Gruppen Materialisten, Postmaterialisten oder gemischte Typen zu.
Der Index ist unter Sozialwissenschaftlern methodologisch umstritten. Außerdem widersprechen empirische Untersuchungen teilweise der von Inglehart angenommenen eindimensionalen Entwicklung, nach der sich Wertorientierungen bei wachsender Sicherheit in einer Richtung vom Materialismus zum Postmaterialismus verschieben. Als Beispiel nennt der Artikel Klein (1995). Der Index ist daher ein wichtiges Forschungsinstrument, seine Aussagekraft und die zugrunde liegende Theorie werden jedoch kritisch diskutiert.
Drei Gesellschaftsstufen
Inglehart unterschied drei gesellschaftliche Entwicklungsstufen, denen jeweils bestimmte Lebensbedingungen und Hauptziele zugeordnet sind:
- Die vormoderne Gesellschaft ist eine Mangelgesellschaft. Ihr vorrangiges Ziel ist die Sicherung des eigenen Überlebens.
- Die moderne Gesellschaft beziehungsweise Industriegesellschaft strebt nach Leistung, Wohlstand und Sicherheit. Ihr Ziel ist die Überwindung der Armut.
- Die postmoderne Gesellschaft ist durch einen gestiegenen Lebensstandard sowie durch Konsum und Dienstleistungen gekennzeichnet. Ihr zentrales Ziel ist die Selbstverwirklichung.
Diese Dreistufentheorie ergänzt die Theorie des Wertewandels: Wenn sich die Lebensbedingungen von Mangel und Unsicherheit zu Wohlstand und Sicherheit verändern, sollen sich auch die gesellschaftlich vorherrschenden Ziele von Überleben und materieller Absicherung in Richtung Selbstverwirklichung verschieben.
Religion, Modernisierung und Demokratie
In seinen späteren Arbeiten untersuchte Inglehart verstärkt, welche Rolle Religion und religiöse Kulturen bei der Entwicklung von Politik und Demokratie spielen. Säkularisierung bezeichnet dabei den Bedeutungsverlust von Religion in Gesellschaft und Politik; Demokratisierung meint die Entwicklung hin zu demokratischen politischen Strukturen.
Inglehart sah einen starken Zusammenhang zwischen Säkularisierung und Demokratisierung. Beide Prozesse seien über die Modernisierung miteinander verbunden. Modernisierung umfasst hier den wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Wandel von Gesellschaften.
Der Zusammenhang verläuft nach Inglehart jedoch nicht überall gleich. Unterschiedliche religiöse Kulturen erzeugen Pfadabhängigkeiten: Frühere kulturelle und religiöse Entwicklungen beeinflussen also, welchen weiteren Weg die Modernisierung eines Landes nimmt. Deshalb können sich Gesellschaften trotz ähnlicher Modernisierungsprozesse hinsichtlich Religion, Wertorientierungen und Demokratie unterschiedlich entwickeln.