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Wertewandel

Der Begriff Wertewandel kennzeichnet einen Wandel gesellschaftlicher und individueller Normen und Wertvorstellungen.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Grundlagen
  2. 2. Drei soziologische Deutungen
  3. 3. Ingleharts stille Revolution
  4. 4. Werteverfall oder Wertesynthese
  5. 5. Bildung und gesellschaftliche Folgen

Begriff und Grundlagen

Wertewandel bezeichnet die Veränderung gesellschaftlicher und individueller Normen und Wertvorstellungen. Werte geben an, was Menschen oder Gesellschaften für wünschenswert und wichtig halten; Normen sind daraus abgeleitete Regeln und Erwartungen für das Verhalten. Manche Wertvorstellungen bleiben relativ dauerhaft, besonders wenn sie der Selbst- und Existenzerhaltung dienen. Andere verlieren mit veränderten Denkweisen ihre bisherige Begründung oder werden nur noch neben neuen, abweichenden Vorstellungen toleriert. Als Beispiele nennt der Artikel Schamhaftigkeit, Feiertagsheiligung und Nahrungstabus.

Auch scheinbar alte Regeln können gegenüber einer früheren Praxis einen Wandel bedeutet haben. Das alttestamentliche Vergeltungsprinzip „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ wird heute rechtlich und moralisch anders beurteilt. Zu seiner Zeit begrenzte es jedoch die Vergeltung, wirkte strafmildernd und sollte ausufernde Blutrache verhindern.

Was genau unter Wert und Norm zu verstehen ist, wird in den Humanwissenschaften je nach Fach, Methode und Terminologie unterschiedlich bestimmt. Entsprechend umstritten ist auch, ob Veränderungen als Anpassung, Fortschritt, Krise oder Verfall zu bewerten sind. Walter Heistermann bestritt die bereits 1966 benannte Krise sittlicher Werte: Die Werte selbst seien „krisenfrei und eindeutig wie der Sinn von ja und nein“; abhängig von Produktionsweise und sozialem Gefüge seien vielmehr die menschlichen Haltungen. Rupert Lay stellte dagegen 2006 eine langfristige „Verschiebung der Werteordnung“ bis hin zu einem „Verfall der Werte“ fest und forderte eine „neue Redlichkeit“.

Wertewandel hängt außerdem mit psychologischer Entwicklung, Sozialisation und Kultur zusammen. Eltern, soziale Gruppen und gesellschaftliche Bedingungen beeinflussen, ob Menschen überlieferte Wertvorstellungen übernehmen, korrigieren oder ablehnen. Otto W. Haseloff beschrieb 1959 Kultur als Orientierungssystem und zugleich als veränderbare, „lebensdienliche Gestaltung objektiver Sachverhalte“. Alexander und Margarete Mitscherlich untersuchten die Weiterentwicklung elterlicher Wertdeutungen und veröffentlichten 1967 nach einer 20-jährigen Analyse ihre Ergebnisse. Erich Fromm entwarf 1976 in „Haben oder Sein“ das Ziel einer Gesellschaft, die „Antagonimus durch Solidarität“ ersetzt und menschliches Wohlergehen sowie die Verhinderung menschlichen Leids anstrebt.

Drei soziologische Deutungen

Die soziologische Forschung stellt drei zentrale Deutungen gegenüber. Ronald Inglehart beschreibt seit den 1970er Jahren eine Abwendung von materiellen und eine Hinwendung zu postmateriellen Werten. Er versteht dies als Entwicklung zu einer humanistischeren Gesellschaft, in der Autonomie, Freiheit, Emanzipation und gesellschaftliches Engagement wichtiger werden.

Elisabeth Noelle-Neumann deutet die Veränderungen seit 1968 dagegen als kontinuierlichen Werteverfall. Als Anzeichen gelten für sie die abnehmende Bedeutung von Kirche und Religion, Autoritätsverluste, der Bedeutungsverlust traditioneller Tugenden, weniger Gemeinsinn und sinkendes politisches Engagement.

Helmut Klages vertritt mit dem Konzept der Wertesynthese eine vermittelnde Position. Danach verdrängen neue Werte die alten nicht vollständig. Pflichtbewusstsein und Selbstentfaltung können miteinander verbunden werden und produktiv zusammenwirken. Wertewandel erscheint bei ihm als Erfordernis moderner Gesellschaften, in denen zugleich ein Zwang zur Individualisierung besteht.

Ingleharts stille Revolution

Ronald Inglehart bezeichnete 1977 den durch sozioökonomische Modernisierung ausgelösten Übergang von materialistischen zu postmaterialistischen Werten als „Stille Revolution“. Materialistische Werte umfassen das Streben nach Wohlstand, physischer und wirtschaftlicher Sicherheit sowie die Orientierung an Recht und Ordnung. Sie stehen nach Inglehart mit ethnozentrischen Einstellungen sowie geringerem Vertrauen und geringerer Toleranz in Zusammenhang. Postmaterialistische Werte oder Selbstentfaltungswerte umfassen Selbstverwirklichung, Freiheit, Emanzipation, Lebensqualität, Zugehörigkeit, Ansehen sowie intellektuelle und ästhetische Zufriedenheit. Sie fördern außerdem Geschlechtergleichheit, Umweltschutz und den Wunsch nach Partizipation, also gesellschaftlicher und politischer Mitwirkung.

Die Theorie beruht auf zwei Schlüsselhypothesen. Nach der Mangelhypothese spiegeln die Prioritäten eines Menschen seine sozioökonomische Umwelt: Den höchsten subjektiven Wert erhalten Dinge, die relativ knapp sind. In Anlehnung an Abraham Maslows Bedürfnishierarchie nimmt Inglehart an, dass höhere Bedürfnisse wie Selbstentfaltung erst stärker werden, wenn grundlegende physiologische Bedürfnisse befriedigt sind. In Armut und Unsicherheit erhalten deshalb Wohlstand und Sicherheit Vorrang.

Nach der Sozialisationshypothese wirkt sich die Umwelt mit erheblicher Verzögerung auf die Wertprioritäten aus. Prägend sind vor allem die Bedingungen während der Entwicklungsjahre; die dabei entstandenen Werte bleiben später relativ stabil. Kurzfristig können Inflation, politische Unsicherheit oder Kriminalität materialistische Orientierungen verstärken. Langfristig nehmen postmaterialistische Werte vor allem durch den Austausch von Geburtenkohorten zu: In Europa zeigen die während der Weltkriege und der Nachkriegszeit sozialisierten Jahrgänge weniger postmaterialistische Werte als jüngere, unter wohlhabenderen und politisch sichereren Bedingungen aufgewachsene Jahrgänge.

Umfragen der World Values Survey Association weisen auf Zusammenhänge zwischen wirtschaftlichem Wohlstand, höherer Bildung, Säkularisierung und postmaterialistischen Werten hin. Bildung gilt bei Abramson und Inglehart allerdings zugleich als Anzeichen des sozioökonomischen Status. Inglehart und Welzel betonen, dass der Wandel weder determiniert noch linear ist und nicht zu einem weltweit einheitlichen Wertesystem führt. Religion, Tradition, Philosophie, Migration und weitere Faktoren wirken ebenfalls mit; daher handle es sich nicht einfach um eine Verwestlichung. Abramson und Inglehart erwarten zudem, dass der Trend zum Postmaterialismus mit fortschreitender Modernisierung schwächer wird.

Inglehart und Welzel verbinden Selbstentfaltungswerte mit „materieller, intellektueller und sozialer Unabhängigkeit“. Menschen erhalten dadurch mehr Möglichkeiten zu selbstbestimmtem Handeln. Wenn sich solche Werte in Institutionen niederschlagen, können sie die Demokratisierung fördern. Nach dieser Theorie beeinflussen Selbstentfaltungswerte besonders die Entstehung effektiver Demokratien stark, während demokratische Institutionen umgekehrt nur geringe Wirkungen auf diese Werte haben.

Kritisiert werden unter anderem die Messinstrumente: 1970 wurden materialistische und postmaterialistische Werte anhand von vier, später anhand von zwölf Items bestimmt. Weitere Einwände betreffen die strikte Trennung zwischen Materialisten und Postmaterialisten, die unkritische Übernahme von Maslows Bedürfnispyramide und die Generationenhypothese.

Werteverfall oder Wertesynthese

Elisabeth Noelle-Neumann bewertet die Ausbreitung von Selbstentfaltungswerten auf Kosten traditioneller bürgerlicher Pflichten, der sogenannten preußischen Tugenden, als Gefahr. Sie verbindet den seit 1968 sichtbar gewordenen Generationenkonflikt mit nachlassender Bindung an Religion und Kirche, geringerer Akzeptanz von Normen, Hierarchien und Autoritäten sowie dem Bedeutungsverlust von Höflichkeit, gutem Benehmen, Pünktlichkeit, Ordentlichkeit, Sauberkeit und Sparsamkeit. Hinzu kämen eine stärkere Freizeitorientierung anstelle bürgerlicher Leistungsethik sowie eine Abnahme von Gemeinschaftssinn, Bindungsfähigkeit und Engagement in bewährten politischen Formen. Darin sieht sie eine Gefahr für die pluralistische Gesellschaft. Als mögliche Gegenmittel nennt sie eine stärker werteorientierte Erziehung und eine Veränderung der öffentlichen Meinung.

Helmut Klages ordnet Werte anhand zweier Dimensionen: Selbstentfaltungswerte sowie Pflicht- und Akzeptanzwerte. Die Selbstentfaltungswerte bestehen aus gesellschaftsbezogenen und aus individualistischen beziehungsweise hedonistischen Wertkomplexen. Durch die Verbindung beider Dimensionen entsteht eine Vierfelder-Matrix mit vier Wertetypen. Konventionalisten orientieren sich stark an Pflicht- und Akzeptanzwerten, Idealisten vor allem an Selbstentfaltungswerten. Resignierte zeigen bei beiden Dimensionen geringe Ausprägungen. Realisten weisen in beiden Bereichen hohe Werte auf und verkörpern damit die Wertesynthese.

Wertesynthese bedeutet, dass alte und neue Werte nicht gegeneinander stehen müssen. Besonders bei aktiven Realisten können sie produktiv zusammenwirken. Thomas Gensicke stellte im Anschluss an Klages auch bei der heutigen Jugend eine allgemeine Neigung dazu fest.

Klages stimmt Inglehart zu, dass in Industriegesellschaften Gehorsam und Unterordnung zurückgehen, während Selbstständigkeit und freier Wille an Bedeutung gewinnen. Gegen einen vollständig einseitigen Wandel spricht für ihn jedoch, dass „Ordnungsliebe“ und „Fleiß“ relativ konstant bleiben. Den Zusammenhang zwischen Bruttosozialprodukt und individualistischen Werten erklärt er weniger durch wachsenden Postmaterialismus als durch Entwicklungen im Bildungs- und Beschäftigungswesen.

Bildung und gesellschaftliche Folgen

Ein höheres Bildungsniveau hängt nach Klages und Inglehart mit individualistischen Werten zusammen. Wissen ermöglicht Jugendlichen, die Wertvorstellungen ihres sozioökonomischen Umfeldes zu relativieren. Die Sozialisation in Peer Groups, also Gruppen Gleichaltriger, unterstützt Orientierungen an Selbstständigkeit und Selbstentfaltung. Besonders Kinder aus unteren Sozialschichten können sich mit zunehmender Bildung bewusst stark von den Werten ihrer Eltern abgrenzen. Das moderne Schulsystem verlangt von Schülerinnen und Schülern Selbstständigkeit und Reflexionsfähigkeit und bietet neue Möglichkeiten der Selbstdarstellung. Dieser „Zwang zur Selbstentfaltung“ beeinflusst ihre Werteorientierung wesentlich.

Selbstverwirklichung entspricht nach Klages den Anforderungen moderner Gesellschaften. Wenn große wertgebende Institutionen an Bedeutung verlieren, entstehen kleinere autonome Subsysteme, die diesen Verlust ausgleichen können. In ihnen werden Kreativität, Beweglichkeit und Neugier benötigt. Selbstentfaltung ist dabei nicht bloß lustvolle Triebbefriedigung, sondern die Anforderung, eigene Fähigkeiten zu entwickeln und in das gesellschaftliche Leben einzubringen.

Empirisch lasse sich kein allgemeiner Verlust von Sekundärtugenden wie Ordnungsliebe, Fleiß und Pflichterfüllung feststellen. Sie würden vielmehr situationsabhängig eingesetzt und seien deshalb weniger deutlich sichtbar. Auch die wachsende Toleranz gegenüber Minderheiten zeigt, dass Selbstentfaltung nicht zwangsläufig Egoismus oder Verantwortungslosigkeit bedeutet. Selbstverwirklichung muss ebenso wenig zur Vereinzelung führen, weil neue soziale Netzwerke entstehen können.

An die Stelle „universaler“ Wertvorstellungen treten Werte, die unterschiedliche gesellschaftliche Subsysteme verbinden: instrumentelle Intelligenz, Flexibilität, Anpassungs- und Umstellungsgeschick sowie die Fähigkeit, Misserfolge oder Versagen auszuhalten und produktiv zu verarbeiten. In den 1990er und 2000er Jahren nahmen bei jungen Menschen zugleich klassische deutsche Sekundärtugenden wieder zu. Die Shell Jugendstudien zeigen dies an den Werten „Gesetz und Ordnung respektieren“, „nach Sicherheit streben“ und besonders „fleißig und ehrgeizig sein“. Weil Selbstentfaltung, vor allem in hedonistischer Form, ebenfalls wichtig bleibt, wird dies als grundlegende Bereitschaft zur Wertesynthese gedeutet. Die Studien sprechen außerdem von einem neuen Bedürfnis nach Ordnung und Berechenbarkeit in einer unübersichtlich gewordenen globalisierten Welt.

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