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Modalität (Sprachwissenschaft)

Modalität ist keine grammatische, sondern eine inhaltlich definierte Kategorie. Modalisierte Aussagen können ebenso gut den grammatischen Modus Indikativ tragen …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Abgrenzung
  2. 2. Bedeutung und sprachliche Verwendung
  3. 3. Zirkumstanzielle Modalität
  4. 4. Epistemische und verwandte Kategorien
  5. 5. Logische Analyse
  6. 6. Kontroversen und sprachliche Ausdrucksmittel

Grundidee und Abgrenzung

Modalität ist eine inhaltlich bestimmte Art sprachlicher Bedeutung. Modale Aussagen stellen nicht einfach Einzeltatsachen der wirklichen Welt fest, sondern beziehen andere denkbare Szenarien oder Möglichkeiten ein. Typische Ausdrucksmittel sind Modalverben wie müssen, können und dürfen sowie Adverbien wie möglicherweise, vielleicht und bestimmt. Modalität kann teilweise auch ohne sichtbare Kennzeichnung auftreten.

Der Unterschied zeigt sich etwa zwischen „Der Hund hat die Wurst gefressen“ und „Der Hund könnte die Wurst gefressen haben“. Im zweiten Satz bleibt offen, ob die Behauptung in der wirklichen Welt gilt; sie wird als eines von mehreren denkbaren Szenarien dargestellt. „Ich musste ohne Abendessen ins Bett gehen“ sagt gegenüber „Ich ging ohne Abendessen ins Bett“ zusätzlich ungefähr aus, dass es keine Alternative gab.

Die Sprachwissenschaft grenzt das Gebiet nicht einheitlich ab. Nach einer semantischen Auffassung charakterisiert Modalität Sachverhalte, die über die Wirklichkeit hinaus auf mögliche Szenarien bezogen werden. Diese Analyse schließt an Satzsemantik, philosophische Modalität und Modallogik an. Nach einer konkurrierenden, stärker pragmatischen Auffassung kennzeichnet Modalität vor allem die subjektive Haltung eines Sprechers zu einer Aussage. Allgemein anerkannt ist zumindest, dass Bedeutungen von Modalverben wie können, müssen und dürfen zum Kernbereich gehören.

Modalität ist nicht mit dem grammatischen Modus zu verwechseln. Modus bezeichnet Kategorien wie Indikativ, Konjunktiv und Imperativ; Modalität ist dagegen inhaltlich definiert. Ein modalisierter Satz kann im Indikativ oder im Konjunktiv stehen. Deshalb ist die traditionelle Bezeichnung „Möglichkeitsform“ für den Konjunktiv unangebracht: Der Konjunktiv bezeichnet nicht allgemein die Modalität der Möglichkeit. Ebenfalls anders gemeint ist modal im Sinne von „Art und Weise“, etwa in Modaladverbial, Modaladverb oder Modalsatz.

Bedeutung und sprachliche Verwendung

Die Bedeutung modaler Wörter ist häufig veränderlich. Deshalb unterscheidet die Forschung zwischen ihrem möglichst stabilen semantischen Kern und Wirkungen, die erst aus dem jeweiligen Kommunikationszusammenhang entstehen.

So kann „Du darfst heute länger aufbleiben“ eine Erlaubnis erteilen, während „Du darfst von den Früchten dieses Baums nicht essen“ als Verbot wirkt. „Du musst mir unbedingt erzählen, wie euer Himalayatrip gewesen ist“ kann eine Aufforderung sein, ebenso die höfliche Frage „Können Sie mir bitte sagen, wie spät es ist?“. Dieselben Verben können aber lediglich Sachverhalte beschreiben, etwa in „Woanders dürfen Kinder aufbleiben, so lange sie wollen“ oder „Niemand muss im Vorstellungsgespräch Fragen nach der Familienplanung beantworten“. Erlauben, Verbieten und Auffordern sind kommunikative Funktionen der Pragmatik; die Semantik untersucht dagegen die wörtliche, kontextübergreifende Bedeutung.

Modalität ist auch nicht einfach mit einem bestimmten Gewissheitsgrad gleichzusetzen. „Der Mann muss geistesgestört sein“ kann subjektive Ratlosigkeit ausdrücken und dadurch schwächer wirken als die einfache Behauptung. Nach eindeutigen Tests kann derselbe Satz dagegen als besonders starke Schlussfolgerung erscheinen. Innerhalb des modalen Systems gibt es dennoch Abstufungen: müsste drückt eine schwächere Aussage aus als muss.

Ebenso wenig ist Modalität grundsätzlich nur eine subjektive Färbung. Der modale Gehalt kann bestritten werden: „Nein, er MUSS NICHT geistesgestört sein. Es gäbe auch eine andere Erklärung.“ Modalpartikeln wie wohl verhalten sich anders und können nicht entsprechend verneint werden. Auch „Wenn es einen Fehler gegeben haben könnte, muss der Redakteur den ganzen Text noch einmal durchgehen“ beschreibt objektiv andere Voraussetzungen als „Wenn es einen Fehler gegeben hat …“.

J. Meibauer unterscheidet drei Typen: Aussagen über objektive Möglichkeit oder Notwendigkeit („Fritz kann Präsident werden“), Aussagen über Einstellungen zu einem Sachverhalt („Ich vermute, dass Fritz Präsident wird“) und mit einer Äußerung vermittelte Sprechereinstellungen, die keine eigenständige, bestreitbare Aussage bilden („Fritz wird wohl Präsident werden“). Ob diese Typen tatsächlich eine einheitliche Kategorie bilden, ist umstritten.

Zirkumstanzielle Modalität

Die zirkumstanzielle Modalität beruht auf Umständen: auf Eigenschaften handelnder Personen oder auf anderen objektiven Gegebenheiten der Welt. Dafür werden auch Bezeichnungen wie „agensorientierte Modalität“, „Ereignismodalität“, „nicht-epistemische Modalität“ und englisch „root modality“ verwendet.

Zur dynamischen Modalität gehört die Fähigkeit. „Das Kind kann schon lesen“ bezeichnet das Lesen als möglich, soweit es an den Fähigkeiten des Kindes liegt, unabhängig davon, ob es tatsächlich beim Lesen beobachtet wurde. „Hortensien können in dieser Gegend wachsen“ bezieht zusätzlich Eigenschaften der Pflanzen und der Umgebung ein. Der Satz kann wahr sein, auch wenn dort noch nie Hortensien gepflanzt wurden.

Deontische Modalität bezieht sich auf Gebote, Verbote, Verpflichtungen und Erlaubnisse, die von einer äußeren Quelle wie einer Vorschrift ausgehen. „Maria muss um 10 Uhr bei der Arbeit sein“ bezeichnet eine Verpflichtung, unabhängig davon, ob Maria wirklich erscheint. „Das Kind darf heute bis Mitternacht aufbleiben“ bezeichnet eine von den Eltern gesetzte Erlaubnis, unabhängig davon, ob das Kind davon Gebrauch macht.

Buletische Modalität bezieht sich auf Wünschen und Wollen eines Handelnden. In „Wenn du sie treffen willst, musst du hier warten“ folgt die Notwendigkeit des Wartens aus dem Ziel des Subjekts, nicht aus einem äußeren Gesetz. Alethische Modalität beruht auf Wahrheit oder logischen Gesetzen, etwa: „Wenn eine Primzahl größer als 2 ist, muss sie ungerade sein.“ Dieser Typ kann bereits einen Übergang zur epistemischen Modalität bilden.

Epistemische und verwandte Kategorien

Epistemische Modalität, abgeleitet von altgriechisch epistḗmē „Wissen“, betrifft Möglichkeit und Notwendigkeit auf der Grundlage dessen, was in einer Situation erkennbar ist. „Der Gärtner muss der Mörder sein“ bedeutet epistemisch: Nach dem vorhandenen Wissen ist der Gärtner in allen noch denkbaren Szenarien der Mörder; eine Alternative ist nicht erkennbar. „Der Gärtner könnte der Mörder sein“ bedeutet dagegen, dass mindestens ein widerspruchsfreies Szenario dafür spricht, daneben aber andere Szenarien möglich bleiben.

Epistemische und zirkumstanzielle Modalverben unterscheiden sich grammatisch und logisch. Zirkumstanzielle Verben können dem Subjekt eine semantische Rolle zuweisen, beispielsweise die des Trägers einer Fähigkeit. Epistemische Verben hängen dagegen von einer Einschätzung des Sprechers aufgrund der bekannten Fakten ab. Außerdem unterscheiden sie sich im Verhältnis zum Tempus: „Der Gärtner musste zuhause bleiben“ lässt sich deontisch auf eine vergangene Vorschrift beziehen; das Tempus umfasst logisch das Modalverb. In „Der Gärtner muss zuhause geblieben sein“ ist die gegenwärtige Einschätzung auf einen vergangenen Sachverhalt gerichtet; hier liegt die Vergangenheit logisch unter dem Modalverb. Allgemein stehen zirkumstanzielle Modalverben „tiefer“ in der logischen Struktur als epistemische und werden eher auch Zeitangaben, Negation oder quantifizierten Subjekten untergeordnet.

Umstritten ist die Zuordnung der Evidentialität. Sie kennzeichnet die Quelle einer Information, etwa eigene Wahrnehmung, Bericht oder Schluss aus Anzeichen. Das deutsche „Er soll steinreich sein“ bedeutet ungefähr „Es heißt / Man sagt, er sei steinreich.“ Manche Autoren fassen Evidentialität und epistemische Modalität als sprecherorientierte Modalität zusammen. Andere trennen sie: Modalität betreffe den Geltungsbereich über mögliche Szenarien, Evidentialität dagegen die Informationsquelle.

Auch die Funktionen des Konjunktivs sind nicht eindeutig der Modalität zuzuordnen. In indirekter Rede kann er die Herkunft einer Aussage markieren, etwa in „Trump habe keine Ahnung von Außenpolitik“. De Haan (2001) ordnet den Konjunktiv der freien indirekten Rede als Markierung „unbestätigter Information“ ein und trennt ihn sowohl von Modalität als auch von Evidentialität. Hacquard (2011) verweist dagegen auf einen Zusammenhang im Französischen: Modalverben mit finitem Nebensatz verlangen häufig den Subjonctif. Dennoch bleiben Modus und Modalität verschieden, weil der Modus dort nur der grammatisch abhängige Reflex eines andernorts ausgedrückten modalen Inhalts ist.

Logische Analyse

Eine einflussreiche semantische Theorie analysiert Modalität als Quantifikation über „mögliche Welten“, also alternative Szenarien. Für eine mögliche Welt steht die Variable w, für die ausgezeichnete wirkliche Welt beispielsweise w°. Eine Proposition p kann relativ zu einer Welt wahr sein: p(w°) = 1 oder p(w) = 1; „= 1“ bedeutet, dass sie den Wahrheitswert 1 hat, also wahr ist.

Möglichkeit entspricht einer Existenzaussage: „Der Gärtner könnte der Mörder sein“ heißt, dass es mindestens eine mögliche Welt gibt, in der er der Mörder ist. Notwendigkeit entspricht einer All-Aussage: „Der Gärtner muss der Mörder sein“ heißt, dass er nach dem gegenwärtigen Erkenntnisstand in allen berücksichtigten möglichen Welten der Mörder ist.

Dabei dürfen nicht beliebige Welten einbezogen werden. Eine Modalbasis schränkt die Menge ein. Die Struktur ähnelt einer Wenn-dann-Aussage: „Der Gärtner muss der Mörder sein“ lässt sich darstellen als „Für alle Welten w: Wenn w mit unserem Wissen über die Wirklichkeit und weiteren Bedingungen vereinbar ist, dann ist der Gärtner in w der Mörder.“ Die verschiedenen Modalitätsbereiche beruhen auf verschiedenen Einschränkungen, etwa auf geltenden Gesetzen bei deontischer oder auf vorhandenem Wissen bei epistemischer Modalität. Eine klassische Fassung dieser Modalsemantik stammt von Angelika Kratzer.

Nicht jeder Ausdruck mit Bezug auf mögliche Welten ist ein Modalverb. „Ich glaube, dass Spinat sehr gesund ist“ bezieht sich zwar auf die vorgestellten Welten des Glaubenden. glauben beschreibt aber hauptsächlich dessen Zustand und Einstellung zu einer Proposition; es ist daher kein Modalverb. Auch der Imperativ enthält eine modale Komponente, weil die verlangte Handlung noch nicht wirklich ist, macht jedoch selbst keine Aussage. Modalverben sind dadurch gekennzeichnet, dass sie zusammen mit einem Vollverb eine modale Quantifikation ausdrücken.

Kontroversen und sprachliche Ausdrucksmittel

Über den Umfang des Modalitätsbegriffs besteht keine Einigkeit. Günther Öhlschläger stellte 1984 fest, keiner der vorgeschlagenen Begriffe erfasse alle als modal bezeichneten Ausdrücke; modal werde häufig mehrdeutig, abweichend von der Definition oder ohne Erläuterung gebraucht. Ein klar unabhängiger Gebrauch liegt bei Modaladverb im Sinne eines Art-und-Weise-Adverbs vor.

Frank Robert Palmer versteht Modalität sehr weit als grammatische Oberkategorie neben Tempus und Aspekt. Sie umfasst bei ihm Propositional- und Ereignismodalität sowie die Unterkategorien Modus und Modalsystem. Lewandowski (1994) bestimmt Modalität ebenfalls breit als semantisch-pragmatische Kategorie, die den Modus einschließt, das Verhältnis des Sprechers zur Aussage und der Aussage zur Realität ausdrückt und grammatisch, lexikalisch, intonational oder rhetorisch realisiert werden kann. Sprecherbezogene Definitionen betonen dagegen das Verhältnis von Sprecher, Satzinhalt und Wirklichkeit. Ihrem Wortlaut nach würden sie die zirkumstanzielle Modalität ausschließen; diese Konsequenz ist nicht allgemein akzeptiert.

Eine engere und in modelltheoretischer Semantik sowie Sprachtypologie verbreitete Auffassung beschränkt Modalität auf Möglichkeit und Notwendigkeit. Sie fasst zirkumstanzielle und epistemische Modalität zusammen, weil beide durch dieselben logischen Strukturen analysiert werden können, trennt aber Evidentialität, Modus und pragmatische Kategorien ab.

Im Deutschen wird Modalität durch Modalverben, Satzadverbien beziehungsweise Modalwörter wie möglicherweise, sicherlich und vielleicht, durch Adjektive wie vermutlich und wahrscheinlich, durch Modalpartikeln wie eben, etwa, aber, schon, doch und eigentlich sowie durch den modalen Infinitiv aus Kopulaverb und zu-Infinitiv ausgedrückt. Beispiele dafür sind „Das ist nicht zu schaffen“, „Der Hund hat zu gehorchen“ und „Das bleibt noch zu beweisen“.

Im Sprachvergleich besitzen indoeuropäische Sprachen meist ein ausgeprägtes System von Modalverben oder ein ausgeprägtes Modussystem; manche haben beides. Das Englische verwendet Modalverben häufig, während der Modus fast verschwunden ist. In romanischen Sprachen wirken Modi wie französischer subjonctif, spanischer subjuntivo, portugiesischer subjuntivo beziehungsweise conjuntivo und italienischer congiuntivo stark, daneben bestehen weniger stark grammatisierte Modalverben. Im gesprochenen Französisch geht der Modusgebrauch zurück. Palmer nimmt an, dass Modus und Modalverben sich in ihrer Entwicklung tendenziell ausgleichen und eine Kategorie die andere im Lauf der Zeit ersetzen kann.

Lernvideos zu Modalität (Sprachwissenschaft)

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