Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Mittelenglisch

Mittelenglisch nennt man die historische Sprachstufe der englischen Sprache, die etwa zwischen dem 12. und der Mitte des 15. Jahrhunderts gesprochen und …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Definition und zeitliche Einordnung
  2. 2. Gesellschaftlicher Status und Verbreitung
  3. 3. Aussprache und Schreibung
  4. 4. Grammatische Veränderungen
  5. 5. Wortschatz, Dialekte und Literatur

Definition und zeitliche Einordnung

Mittelenglisch ist die historische Sprachstufe der englischen Sprache, die ungefähr von 1100 bis 1500 n. Chr. in Teilen des heutigen Englands und Südschottlands gesprochen und geschrieben wurde. Linguistisch gehört es zu den indogermanischen, germanischen, westgermanischen, nordseegermanischen und anglofriesischen Sprachen. Der Sprachcode nach ISO 639-2 und ISO 639-3 lautet enm; einen ISO-639-1-Code gibt es nicht.

Mittelenglisch bezeichnet keine einheitliche Sprache, sondern eine Vielfalt regionaler Varietäten. Aus ihnen entwickelte sich allmählich der Londoner Standard. Gegenüber dem Altenglischen sind besonders drei Veränderungen wichtig: die starke Vereinfachung der Flexionsformen, die daraus folgende stärkere Verwendung analytischer Satzkonstruktionen sowie die Aufnahme zahlreicher französischer, lateinischer und skandinavischer Wörter.

Der Beginn wird meist mit etwa 1100 angesetzt. Die normannische Eroberung Englands unter Wilhelm dem Eroberer im Jahr 1066 führte zum Verlust vieler Flexionsformen und zur ersten größeren Schicht französischer Lehnwörter. Das Ende wird meist um 1500 angesetzt, als die frühneuenglische Vokalverschiebung, die Great Vowel Shift, einsetzte. Als zusätzliche außersprachliche Kennzeichen gelten der Beginn des englischen Buchdrucks durch William Caxton 1476 und die Krönung Heinrichs VII. 1485, mit der die Tudordynastie begann.

Gesellschaftlicher Status und Verbreitung

Nach der normannischen Eroberung entstand eine romanisierte normannische Adelsschicht. Anglonormannisch, eine französische Varietät, wurde zur Sprache des Hofes und der Verwaltung. Latein blieb die Sprache der Kirche und der Wissenschaft. Englisch wurde zunächst vor allem vom einfachen Volk gesprochen, besaß wenig Prestige und galt als unkultiviert. Für Angehörige der oberen Schichten war Englisch hauptsächlich dann nötig, wenn sie mit der unteren Bevölkerung kommunizieren mussten.

Ab dem 12. Jahrhundert änderte sich der Status des Englischen. Auch Adlige und Mitglieder der Kirchenführung verstanden und sprachen zunehmend Englisch. Der Verlust der Normandie durch König Johann Ohneland im Jahr 1204 verringerte für viele anglonormannische Adlige den engen Kontakt zu Frankreich. Der Hundertjährige Krieg im 14. und 15. Jahrhundert verstärkte außerdem die Ablehnung des Französischen als Sprache eines feindlichen Landes.

Gesellschaftliche Veränderungen unterstützten den Aufstieg des Englischen. Die Pest in der Mitte des 14. Jahrhunderts verringerte die Bevölkerung Englands um etwa 30 Prozent. Der dadurch entstandene Arbeitskräftemangel in der Landwirtschaft verbesserte die Stellung der bäuerlichen Bevölkerung. In größeren Orten und Städten entwickelte sich zudem eine Mittelschicht aus Handwerkern und Kaufleuten, die häufig Englisch und Französisch sprach.

Ab dem 14. Jahrhundert gewann Englisch seinen früheren Status in Parlament, Justiz, Kirche und Literatur zurück. 1362 wurde das Parlament erstmals mit einer englischen Rede des Lordkanzlers eröffnet. Im selben Jahr bestimmte das Statute of Pleading Englisch zur Sprache der Gerichtsverfahren und ersetzte damit das seit der normannischen Eroberung übliche Französisch. Ab 1349 gibt es Belege für Englisch als Unterrichtssprache; gegen Ende des 14. Jahrhunderts war es als Schulsprache weitverbreitet. Ab etwa 1350 begann die Blüte der mittelenglischen Literatur.

Aussprache und Schreibung

Die Aussprache des Mittelenglischen wird aus dem Vergleich mit verwandten Sprachen und älteren Sprachstufen, aus der Analyse von Versdichtung sowie aus der mittelenglischen Schreibung rekonstruiert. Die folgende Vokalbeschreibung bezieht sich auf das Chaucer-Englisch des 14. Jahrhunderts. Zu den kurzen und langen Vokalen gehören geschlossen iː und uː, fast geschlossen ɪ und ʊ, halbgeschlossen eː und oː, der mittlere Vokal ə, halboffen ɛː und ɔː sowie offen a und aː. Genannt werden außerdem die Diphthonge /ɛɪ/, /ɪʊ/, /ɔɪ/, /ɛʊ/, /aʊ/ und /ɔʊ/.

Beim Übergang vom Altenglischen zum Mittelenglischen wurden die altenglischen Diphthonge durch Monophthonge ersetzt. Neue Diphthonge entstanden unter anderem durch die Vokalisierung von Konsonanten: /j/ wurde zu /i/, /w/ und die stimmhafte Variante von /x/ wurden zu /u/. Auch aus dem Französischen übernommene Wörter brachten Diphthonge. Insgesamt waren die Vokalveränderungen während der mittelenglischen Zeit gering im Vergleich zur Great Vowel Shift am Beginn des Frühneuenglischen.

Das Konsonantensystem entsprach im Wesentlichen dem des britischen und amerikanischen Englisch, wies aber einige Unterschiede auf. [ŋ] war ein Allophon, also eine lautliche Variante, von /n/ vor /k/ und /g/ und noch kein eigenständiges Phonem. [ç] nach einem Vorderzungenvokal und [x] nach einem Hinterzungenvokal waren Allophone von /h/ im Silbenauslaut. Diese beiden Laute verschwanden im modernen Englisch.

Die Schreibung stimmte im Mittelenglischen weitgehend mit der Aussprache überein. Eine Ausnahme bilden Doppelbuchstaben zur Kennzeichnung langer Vokale, etwa <aa> in caas, neuenglisch case. Wegen der fehlenden landesweiten Standards gab es starke regionale Schreibvarianten. Im 15. Jahrhundert wurde die Orthografie mit dem überregionalen Chancery Standard zunehmend vereinheitlicht.

Aus der altenglischen Schreibung verschwanden nach und nach Ash <æ>, Eth <ð>, Thorn <þ> und Wynn <ƿ>. Eth wurde beispielsweise im 13. Jahrhundert durch Thorn ersetzt, das später durch <th> verdrängt wurde; Wynn wurde durch ⟨w⟩ ersetzt. Aus dem Normannischen kam Yogh <ȝ>, das für [ɣ], [j], [dʒ], [x] und [ç] verwendet wurde. Außerdem kamen ⟨k⟩, ⟨q⟩ und ⟨z⟩ in Gebrauch.

Grammatische Veränderungen

Die wichtigste grammatische Veränderung war der starke Abbau der Flexion. Flexion bezeichnet die Veränderung von Wörtern zur Kennzeichnung grammatischer Kategorien. Während das Altenglische bei Substantiven und Adjektiven Kasus, Numerus und Genus deutlich markierte, waren diese Formen im Mittelenglischen stark reduziert. Für viele Substantive wurden die Pluralendungen -es und -en verwendet; -en ist im modernen Englisch nur noch in Restformen wie children und oxen erhalten.

Bei einem starken Substantiv wie engel lauteten die Formen im Singular Nominativ und Akkusativ engel, Genitiv engles und Dativ engle. Im Plural standen Nominativ und Akkusativ engles, Genitiv engle und Dativ englen oder englem. Bei einem schwachen Substantiv wie name lauteten die Singularformen Nominativ und Akkusativ name, Genitiv namen und Dativ namen. Im Plural standen Nominativ und Akkusativ namen, Genitiv namene und Dativ namen oder namem.

Das grammatische Geschlecht verschwand. Im Altenglischen waren beispielsweise wife und child wie die deutschen Wörter Weib und Kind Neutra. Im Mittelenglischen richteten sich Pronomen zunehmend nach dem natürlichen Geschlecht einer Person oder Sache. Literarische Ausnahmen blieben möglich, etwa Chaucers feminines Pronomen hire für den Morgenstern Venus.

Viele ursprünglich starke Verben wurden schwach konjugiert. Dazu gehören ache, bow, brew, burn, row, step und weep. Teilweise bestanden starke und schwache Formen lange nebeneinander: help hatte bereits im Mittelenglischen die schwache Präteritumsform helpide, daneben bis in Shakespeares Zeit die starke Form holp für die 3. Person Singular.

Der Abbau der Kasusflexion machte die Satzstellung Subjekt–Verb–Objekt (SVO) und Präpositionen wichtiger. Während die Satzgliedfolge im Altenglischen relativ frei war, wurde SVO besonders in spätmittelenglischer Prosa sowohl in Haupt- als auch in Nebensätzen zunehmend zur Regel: If that a prynce useth hasardye bedeutet neuenglisch If a prince practices gambling. Ältere Bauweisen blieben jedoch erhalten, etwa die Endstellung des Partizips in This tresor hath Fortune unto us yiven, die Verbzweitstellung nach einem einleitenden Adverb in Unnethe ariseth he out of his synne und Fragen ohne das moderne Hilfsverb dummy do: Why lyvestow so longe in so greet age?

Die Personalpronomen unterschieden sich je nach Autor und Mundart. Es gab drei Personen, zwei bis drei Numeri und zwei bis vier Kasus. Neben Singular und Plural kam teilweise ein Dual vor, der offenbar vor 1300 verschwand. Die wichtigste Entwicklung war die Ersetzung des altenglischen hie für die 3. Person Plural durch das aus dem Nordischen stammende they. Bei Chaucer lauten beispielsweise die Formen der 3. Person Plural im Nominativ they, im Genitiv here oder her und im Objektiv hem.

Wortschatz, Dialekte und Literatur

Französisch und Latein waren lange Sprachen von Regierung, Verwaltung, Religion, Recht, Kirche, Mode und Literatur. Deshalb gelangten zahlreiche französische und lateinische Wörter ins Englische. Bis 1250 war die Übernahme französischer Wörter mit etwa 900 Wörtern noch eher begrenzt, darunter baron, noble, dame, servant und story. Nach 1250 nahm die englische Oberschicht zunehmend Englisch statt Französisch an. Aus dieser Zeit stammen beispielsweise government, administer, religion, sermon, justice, crime, fashion, dress und curtain. Schätzungsweise 40 % des französischen Wortanteils im heutigen Englisch wurden allein zwischen 1250 und 1400 übernommen. Insgesamt gelangten in der mittelenglischen Zeit etwa 10.000 französische Wörter ins Englische; etwa 75 % davon sind heute noch in Gebrauch.

Französische Lehnwörter verdrängten teilweise altenglische Wörter, etwa justice das altenglische gerihte und crime das altenglische firen. In anderen Fällen blieben beide Wörter erhalten und entwickelten unterschiedliche Bedeutungen. So bezeichnen cow/ox, sheep, pig/swine und calf die lebenden Tiere, während beef, mutton, pork und veal aus dem Französischen stammen und das Fleisch bezeichnen. Die Lehnwörter wurden vollständig integriert und konnten auch mit angelsächsischen Wörtern Komposita bilden, etwa gentleman aus gentle und man. Unterschiede zwischen heutigen französischen und englischen Formen erklären sich häufig durch die Entlehnung aus dem Anglonormannischen: Aus anglonormannischem cachier entstand catch, aus zentralfranzösischem chacier chase.

Skandinavische, besonders dänische Lehnwörter gehen zwar auf die spätaltenglische Zeit zurück, sind aber oft erst in mittelenglischen Texten belegt. Sie gelangten wegen des langen Zusammenlebens auch in den Grundwortschatz, etwa they, them, their, are, anger, egg, get, ill, knife, leg, skin, ugly, until, till, wing und take. Sie waren besonders in Nordengland und den East Midlands verbreitet und gelangten über die Standardisierung des East Midland Dialect in die Standardsprache. Die verbalen Präfixe ge-, be- und for- wurden als Wortbildungsmittel eingeschränkt; be- und for- blieben teilweise erhalten, ge- geriet außer Gebrauch.

Da Französisch und Latein lange die überregionalen Sprachen von Regierung, Kirche und Schule waren, entwickelte sich zunächst kein einheitlicher englischer Standard. Die wichtigsten Dialekte waren nördliches und südliches Englisch sowie das Englisch der West und East Midlands. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts gewann besonders der Dialekt der East Midlands und der Metropole London an Prestige. Der Londoner Standard breitete sich, unterstützt durch den ab 1476 in London entstehenden Buchdruck, als geschriebener Standard über England aus.

Das bekannteste mittelenglische Werk sind Geoffrey Chaucers Canterbury Tales, eine um 1340 bis 1400 entstandene Sammlung von Erzählungen in einer Rahmenhandlung über eine Pilgerreise zur Kathedrale von Canterbury und zum Grab des heiligen Thomas Becket. Chaucer trug wesentlich dazu bei, Englisch als Literatursprache zu etablieren. Eine mittelenglische Textprobe ist außerdem das Vaterunser aus John Wyclifs erster Bibelübersetzung aus den 1380er Jahren, etwa mit Oure fadir that art in heuenes. Zu den weiteren im Artikel genannten Vertretern gehören William Langland, der Autor von Piers Plowman, der unbekannte Autor von Sir Gawain and the Green Knight sowie John Wyclif als Prosaautor und Bibelübersetzer.

Lernvideos zu Mittelenglisch

Weiterlesen

Englische Sprache Die englische Sprache (Eigenbezeichnung: [ˈɪŋɡlɪʃ]) ist eine ursprünglich in England beheimatete germanische Sprache, die zum westgermanischen Zweig gehört. Flexion In der Grammatik bezeichnet Flexion (lateinisch flexio ‚Biegung'), deutsch auch Beugung oder (österreichisch) Biegung, eine Änderung in der Form eines … Buchdruck 1 Geschichte des Buchdrucks. 1.1 Früher Buchdruck in Asien; 1.2 Johannes Gutenberg; 1.3 Ausbreitung des Buchdrucks · 2 Technik der klassischen Buchdruckkunst. Latein Verben ; Perfekt- stamm · 2. Person Singular Perfekt Konjunktiv Aktiv, du habest geliebt, amāv-, -eri- ; Perfekt- stamm · 3. Person Plural Plusquamperfekt Indikativ … Frühneuenglisch Im Gegensatz zum modernen Englisch konnten im Frühneuenglischen die Modalverben auch ohne begleitendes Verb verwendet werden, allerdings war diese … Modernes Englisch Modernes Englisch oder Neuenglisch (engl. Modern English, auch New English) ist eine Sprachstufe des Englischen, die je nach Definition um das Jahr 1700 … Präfix In der deutschen Morphologie finden sich Präfixe in der Wortbildung bei Verben, Substantiven und Adjektiven. Im Sprachvergleich findet man vielfältige weitere … Kasus den Nominativ, 1. Fall, Wer/Was-Fall · den Genitiv, 2. Fall, Wes(sen)-Fall · den Dativ, 3. Fall, Wem-Fall · den Akkusativ, 4. Fall, Wen/Was-Fall. Numerus Der Numerus (Mehrzahl: Numeri; deutsch: Zahl, Anzahl, Zahlform) ist in der Grammatik eine Zählform zur Bestimmung von Mengenwertigkeiten, also zur … Genus Im Deutschen und anderen Sprachen gibt es Genera, die die Namen der natürlichen Geschlechter (Sexus) „männlich/maskulin“ oder „weiblich/feminin“ tragen. Es … Konjugation (Grammatik) Als Konjugation (von lateinisch coniugatio ‚Verbindung') bezeichnet man in der Grammatik die Bildung der Wortformen eines Verbs (Zeitworts), also die … Dialekt Im deutschen Sprachgebiet erwirbt ein Dialektsprecher ab seinem Eintritt in die Grundschule eine zusätzliche normierte Standardsprache (Standarddeutsch).