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Präfix

In der deutschen Morphologie finden sich Präfixe in der Wortbildung bei Verben, Substantiven und Adjektiven. Im Sprachvergleich findet man vielfältige weitere …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundbegriff und Präfigierung
  2. 2. Abgrenzungen und Aufbau
  3. 3. Präfixe bei Substantiven und Adjektiven
  4. 4. Verbpräfixe und Flexion
  5. 5. Präfixe im Sprachvergleich

Grundbegriff und Präfigierung

Ein Präfix ist ein unselbständiger Wortteil und damit ein Affix. Es wird vorne beziehungsweise „links“ an eine Basis angefügt. Dieser Vorgang heißt Präfigierung. Die Basis ist der selbständige Wortteil, mit dem sich das Affix verbindet, um ein erweitertes Wort zu bilden. Der allgemeinere Begriff Basis ist dabei nicht genau dasselbe wie Wortstamm: Eine Basis kann je nach Analyse unterschiedlich bestimmt werden; in den einfachen Beispielen sind Basis und Wortstamm jedoch gleich, wenn man bei Verben die Infinitivendung weglässt.

Beispiele für Präfigierung sind:

  • verbale Basis: „schenk(en)“ → „ver-schenk(en)“
  • adjektivische Basis: „schön“ → „un-schön“
  • substantivische Basis: „Sinn“ → „Un-sinn“

Präfixe stehen im Gegensatz zu Suffixen, die der Basis nachfolgen. Im Deutschen werden Präfixe vor allem bei der Wortbildung von Verben, aber auch bei Substantiven und Adjektiven verwendet.

Abgrenzungen und Aufbau

Präfigierung ist von Komposition, also der Bildung eines zusammengesetzten Wortes, zu unterscheiden. Bei der Komposition werden traditionell ein Bestimmungswort und ein Grundwort verbunden; beide Einheiten sind grundsätzlich wortfähig und besitzen lexikalischen Gehalt. Bei der Präfigierung ist dagegen nur die Basis wortfähig, während das Präfix als grammatisches und abhängiges Element gilt.

Beispiele sind „Un-sinn“ als Präfigierung und „Schwach-sinn“ als Komposition sowie „Erz-herzog“ als Präfigierung und „Groß-herzog“ als Komposition. In „Erz-herzog“ ist „Erz-“ ein Präfix und nicht das selbstständige Substantiv „Erz“. Die Abgrenzung ist jedoch in manchen Fällen schwierig und strittig. Im Übergangsbereich spricht man von Präfixoiden, etwa bei emotional-wertenden Bildungen wie „Riesen-sauerei“ und „Mords-spaß“.

Eine Präfigierung kann mehrfach erfolgen. Die Basis kann bereits eine Präfixbildung sein, auch wenn solche Fälle im Deutschen selten sind. Häufiger sind Kombinationen aus Partikel und Präfix. Beispiele sind „Missgeschick“: miss- [ge- [schick]], sowie „überbeleg(en)“: über- [be- [leg]]. Der Begriff Präfix bezeichnet nur die relative Stellung zur jeweiligen Basis. Deshalb kann ein Präfix im Wortinneren stehen, wenn weitere Affigierungsschritte folgen: In „überbeleg(en)“ ist „über-“ ein Präfix zur Basis „beleg(en)“, während „be-“ ein Präfix zur Basis „leg-“ ist.

Präfixe gehören zur Morphologie, also zum Aufbau von Wörtern; Silben gehören dagegen zur Phonologie, also zur Lautstruktur. Die traditionelle Bezeichnung „Vorsilbe“ ist deshalb fachlich ungenau. Deutsche Präfixe können aus zwei Silben bestehen, zum Beispiel „wieder-holen“. In anderen Sprachen können Präfixe sogar nur aus einem Konsonanten bestehen, der keine eigene Silbe bildet, wie das russische s- in делать delat’ („machen“, imperfektiver Aspekt) → сделать s-delat’ („machen“, perfektiv).

Bei deutschen Präfixen besteht oft eine stärkere Grenze zwischen Präfix und Basis. Beginnt die Basis mit einem Vokal, kann dort der Kehlkopf-Knacklaut „ʔ“ auftreten: „einfach“ → „ver-einfach(en)“, mit der Silbenbildung „ver-ʔein-fa-chen“, nicht „ve-rein-fa-chen“. Präfixe können sich dadurch teilweise wie ein eigenständiges phonologisches Wort verhalten. Im Sprachvergleich bestehen Präfixe außerdem häufiger als Suffixe nur aus einem Konsonanten.

Präfixe bei Substantiven und Adjektiven

Bei der Wortbildung deutscher Substantive und Adjektive überschneiden sich die verwendeten Präfixe teilweise. Auch hier ist die Abgrenzung zur Komposition oft schwierig. Verbindungen mit Präpositionen oder Adverbien können beispielsweise als Komposita bewertet werden, etwa „unter-ernährt“, „zu-geknöpft“ und „ab-geneigt“.

Die Präfixe können unterschiedliche inhaltliche Funktionen haben:

  • Steigernde Bedeutung: „erz-konservativ“, „Erz-schurke“, „Haupt-problem“ und „Haupt-vertreter“. Bei „Haupt-“ ist strittig, ob Präfigierung oder Komposition vorliegt.
  • Negative oder misslungene Gegenbedeutung: „Miss-achtung“, „Miss-griff“ und, mit adjektivischer Basis, „miss-liebig“. „Fehl-griff“ wird dagegen als Kompositum angesehen.
  • Wertungsumkehrung in Verbindung mit Negation: „Un-mensch“ und „Un-sinn“. Bei substantivischer Basis ist „un-“ wertend und nur teilweise negierend. „Unabhängigkeit“ ist dagegen eine Substantivableitung von dem Adjektiv „unabhängig“.
  • Keine echte Negation: Bei „Un-kraut“ ist „un-“ keine Negationskomponente.
  • Reine Negation: „un-schön“, „un-abhängig“, „Nicht-Mitglied“, „nicht-flüssig“ und „non-verbal“. Bei adjektivischen Basen bezeichnet „un-“ eine konträre Negation.

Das Präfix Ex- ist häufig und produktiv. Es bezeichnet, dass eine durch ein Substantiv benannte Eigenschaft nicht mehr besteht. Viele regelmäßige Präfixe sind aus dem Lateinischen oder Griechischen entlehnt, darunter „ultra-“, „prä-“, „pro-“, „hyper-“, „anti-“ und „pseudo-“.

Eine eher grammatische Funktion hat Ge- bei der Kollektivbildung von Substantiven: „Berg“ → „Gebirge“, „Busch“ → „Gebüsch“, „Ast“ → „Geäst“. Bildungen von Verben wie „Ge-schrei“, „Ge-tu-e“ und „Ge-renn-e“ werden dagegen als Zirkumfix analysiert, also als zweiteiliges Affix der Form Ge-…(-e), nicht als reines Präfix.

Verbpräfixe und Flexion

Bei deutschen Verben ist besonders wichtig, ob ein vorangestelltes Element nicht abtrennbar ist oder als abtrennbare Verbalpartikel auftritt. Die bevorzugte Terminologie unterscheidet deshalb Präfixverben und Partikelverben strikt.

Das Verb „umfahren“ zeigt den Unterschied:

  • „Er umfährt das Hindernis.“ „umfáhren“ ist nicht trennbar und bedeutet, einen Weg um das Hindernis herum zu nehmen. Es ist ein Präfixverb.
  • „Er fährt das Hindernis um.“ „úmfahren“ ist trennbar und bedeutet, beim Fahren zu verursachen, dass etwas umfällt. Es ist ein Partikelverb.

Ein Präfix ist ein integraler Teil des Wortes; syntaktische Regeln verarbeiten das ganze Wort. Eine Verbalpartikel verhält sich dagegen syntaktisch wie ein eigenes Wort. Deshalb bleibt sie im Hauptsatz am Satzende, während ein nicht trennbares Präfix beim Verb bleibt. Das Element „um-“ der nicht trennbaren Variante wird trotz seiner Ähnlichkeit mit einer Präposition als Präfix eingeordnet, weil es wie andere Präfixe, etwa „be-“, „ent-“ und „er-“, funktioniert.

Für beide Typen gibt es keinen vollständig eindeutigen Oberbegriff. Teilweise werden Präfixe und Verbalpartikeln als „verbale Satelliten“ zusammengefasst; „Verbzusatz“ wird ebenfalls gelegentlich als Oberbegriff verwendet. Traditionell spricht man auch von „Präfix im weiten Sinn“ und unterscheidet ein trennbares Präfix beziehungsweise eine Partikel von einem nicht trennbaren Präfix. Diese Zusammenfassung ist jedoch unscharf, weil nicht jedes Partikelverb ein Affix enthält. Auch Verbindungen wie „sauber-machen“, „glatt-ziehen“, „rad-fahren“, „kopf-stehen“ und „kennenlernen“ können als Partikelverben bezeichnet werden. Der Begriff „Präfix im weiten Sinn“ betrifft daher nur einen Untertyp mit Partikeln aus geschlossenen Klassen, etwa „ein“, „aus“ und „über“.

Präfixe können die Valenz eines Verbs, also die Zahl und Art seiner Ergänzungen, verändern. Sie verändern aber nicht die Flexionsklasse. Starke Verben behalten auch mit Präfix ihren Ablaut im Präteritum: „vertragen – vertrug“, „betragen – betrug“, „zergehen – zerging“. Eine scheinbare Ausnahme kann durch eine zwischengeschaltete Substantivierung entstehen: „auftragen“ → „der Auftrag“ → „beauftrag(en)“; das neue Verb hat im Präteritum „beauftragte“.

Die Flexionsformen werden beim Präfixverb vom präfigierten Verb als Ganzem gebildet, etwa „[vertrag]-en“. Bei Partikelverben steht die Partikel außerhalb der flektierten Form: „ab-[gefahren]“ und „ab-[zu-fahren]“. Deshalb kann die finite Verbform im Hauptsatz die Partikel am Satzende zurücklassen.

Präfixe im Sprachvergleich

Präfixe und Suffixe kommen weltweit vor, aber Suffixe sind insgesamt häufiger. Das geschätzte Gesamtverhältnis von Präfixen zu Suffixen beträgt etwa 30:70. Es gibt deutlich mehr Sprachen, die grammatische Funktionen nur mit Suffixen ausdrücken, als Sprachen, die dafür nur Präfixe verwenden.

In einer Untersuchung zur Wortbildung hatten 3,6 % der untersuchten Sprachen keine Wortbildungs-Suffixe; 29,9 % hatten dagegen keine Wortbildungs-Präfixe. Eine Untersuchung zur Flexionsmorphologie im World Atlas of Language Structures (WALS) erfasste 828 Sprachen mit ausreichend Flexionsaffixen. Davon hatten 529 Sprachen beziehungsweise 63,9 % vorherrschend oder tendenziell Suffixe, aber nur 152 beziehungsweise 18,4 % vorherrschend oder tendenziell Präfixe. Unter den suffigierenden Sprachen waren Suffixe meist die dominante Technik; unter den präfigierenden Sprachen war die Mehrheit nur tendenziell präfigierend.

Die Zahlen hängen auch davon ab, wie stark eine Sprache überhaupt Affigierung verwendet. Für die WALS-Untersuchung wurde daher ein Schwellenwert festgelegt, ab wann eine Sprache genügend Flexionsaffixe besitzt, um berücksichtigt zu werden. Khmer wird in der typologischen Literatur als eine der wenigen ausschließlich präfigierenden Sprachen genannt, bildet aber keine Flexionsformen und wurde deshalb aus der WALS-Untersuchung ausgeschlossen.

Bestimmte grammatische Kategorien zeigen eigene Präferenzen. Kasus wird an Substantiven in der Regel durch Suffixe und fast nie durch Präfixe markiert. Negation wird dagegen vergleichsweise häufig durch Präfigierung ausgedrückt. Einige Sprachen verwenden sehr viele Präfixe, aber nur bei Verben, etwa Navajo.

Die Bantu-Sprachen sind ein bekanntes Beispiel für stark präfigierende Sprachen. Sie markieren Tempus sowie Subjekt- und Objekt-Kongruenz durch Verbpräfixe. Für Passiv und deverbale Wortbildung verwenden sie dagegen Suffixe. Insgesamt zeigt sich, dass Personalflexion bei der Präfigierung einen relativ großen Anteil einnimmt.

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