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Frühneuenglisch

Im Gegensatz zum modernen Englisch konnten im Frühneuenglischen die Modalverben auch ohne begleitendes Verb verwendet werden, allerdings war diese …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Einordnung und Bedeutung
  2. 2. Aussprache und Lautwandel
  3. 3. Grammatik und Satzbau
  4. 4. Wortschatz, Wortbildung und Bedeutungswandel
  5. 5. Schreibung, Alphabet und Textzeugnisse

Einordnung und Bedeutung

Frühneuenglisch (englisch Early Modern English) ist eine historische Sprachstufe des Englischen. Die Periode wird gewöhnlich auf etwa 1500 bis 1700 datiert. Sie bildet die Übergangsphase zwischen dem Mittelenglischen und dem modernen Englisch. Frühneuenglisch wurde unter anderem in England, Südschottland, Irland, Wales und den britischen Kolonien gesprochen. Linguistisch gehört es zu den indogermanischen, germanischen und westgermanischen Sprachen. Für Englisch ab 1500 gelten die Sprachcodes en (ISO 639-1) sowie eng (ISO 639-2 und ISO 639-3).

Die Sprachstufe ist unter anderem mit William Shakespeare und der King-James-Bibelübersetzung verbunden. Sie ist vor allem durch drei miteinander verbundene Entwicklungen gekennzeichnet: den weiteren Abbau grammatischer Flexionen, die zunehmende Festigung der Wortstellung Subjekt–Verb–Objekt (SVO), große Veränderungen der Aussprache und eine starke Erweiterung des Wortschatzes.

Um 1500 hatte Englisch seine Stellung als Sprache der Oberschicht, des Parlaments und der Justiz zurückgewonnen und das zuvor vorherrschende Französisch der normannischen Oberschicht abgelöst. Latein blieb zunächst die Sprache der Wissenschaft und Gelehrsamkeit. Viele Gelehrte schrieben ab 1500 jedoch zunehmend auf Englisch, weil eine wachsende Mittelschicht durch Grammar Schools lesen und schreiben konnte und nach Bildung verlangte. William Caxton richtete 1476 die erste Druckerpresse Englands ein; gedruckte Bücher wurden dadurch für größere Teile der Gesellschaft erschwinglich.

Für Medizin, Naturwissenschaften, Philosophie, Technik und andere Wissensbereiche fehlten im Englischen zahlreiche Fachausdrücke. Renaissance, neue Erfindungen und Entdeckungen verstärkten diesen Bedarf. Autoren bildeten deshalb neue Wörter oder übernahmen Wörter aus dem Lateinischen, Griechischen und anderen europäischen Sprachen. Die Entlehnung lateinischer Wörter war zunächst umstritten. In der sogenannten inkhorn controversy kritisierten einige Autoren die inkhorn terms als übertrieben gelehrte Ausdrucksweise. Um 1600 war die Debatte weitgehend beendet und die Lehnwörter waren allgemein akzeptiert.

Der Buchdruck förderte außerdem eine einheitlichere Grammatik und Orthographie. Während des Mittelenglischen hatten regionale und individuelle Schreibweisen nebeneinander bestanden; gedruckte Werke verbreiteten nun zunehmend überregionale Formen.

Aussprache und Lautwandel

Die bedeutendste lautliche Veränderung war die frühneuenglische Vokalverschiebung, der Great Vowel Shift. Der Ausdruck wurde vom dänischen Linguisten Otto Jespersen geprägt. Bei dieser Verschiebung rückten die langen Vokale insgesamt höher und nahmen den Platz des jeweils nächstgelegenen Langvokals ein. Die mittelenglischen Vokale /e:/ und /o:/ wurden beispielsweise als [i:] beziehungsweise [u:] ausgesprochen. Deshalb werden meet und food seit dem Frühneuenglischen als [mi:t] und [fu:d] ausgesprochen, obwohl die Schreibungen mit <ee> und <oo> die ältere Aussprache bewahren.

Die hohen geschlossenen Vokale /i:/ und /u:/ wurden zu den Diphthongen /ai/ und /au/. Aus mittelenglisch [hu:s] in house wurde dadurch frühneuenglisch [haus]. Die Ursachen der Vokalverschiebung sind nicht vollständig geklärt. Eine spekulative Erklärung sieht darin den Versuch der Oberschicht, sich nach dem Bedeutungsverlust des Französischen durch eine besondere Aussprache sozial abzugrenzen. Der Great Vowel Shift erfasste jedoch nicht ganz England gleichmäßig. Besonders in nordenglischen Dialekten fand nur die Diphthongierung der geschlossenen Vokale statt.

Um 1500 besaß das Frühneuenglische bereits fast alle Konsonanten des modernen Englisch; die Phoneme /ŋ/ und /ʒ/ bildeten noch Ausnahmen. /ŋ/ war bis 1600 ein Allophon von /n/, also eine stellungsabhängige Variante, die vor /g/ auftrat. Um 1600 wurde die Verbindung /ŋg/ in wortfinaler Stellung, etwa in sing, zu /ŋ/ vereinfacht. Das Phonem /ʒ/ entwickelte sich um 1700 aus der Verbindung /zj/, beispielsweise in vision.

Weitere Veränderungen betrafen Konsonantenverbindungen. In initialen Clustern, also am Wortanfang stehenden Konsonantengruppen, fielen häufig Laute weg; im Cluster /kn/ verschwand etwa das /k/. Das Phonem /x/ mit seinem Allophon /ç/, das dem deutschen <ch> entspricht, fiel weg oder verschmolz durch verschiedene Entwicklungen mit anderen Phonemen. Das Wort knight veranschaulicht den Wandel: Aus mittelenglisch /knɪçt/ wurde am Ende der frühneuenglischen Periode /nait/.

Grammatik und Satzbau

Das Frühneuenglische setzte viele bereits im Mittelenglischen begonnenen grammatischen Entwicklungen fort. Besonders wichtig war der Verlust von Flexionen, also von Endungen, die grammatische Merkmale wie Person, Zahl oder Kasus anzeigen.

Beim Verb existierte zu Beginn der Periode in der zweiten Person Singular noch die Endung -(e)st: thou walk(e)st, thou sayest, thou hast. Im modernen Englisch entsprechen dem you walk, you say und you have. Als das Personalpronomen thou gegen Ende der Periode kaum noch verwendet wurde, verschwand auch die Endung -(e)st. In der dritten Person Singular Präsens konnten zunächst die Endungen -s und -eth nebeneinander stehen, etwa he says und he sayeth. -eth wurde seltener und schließlich vollständig durch -s ersetzt. Diese Entwicklung begann im Norden Englands und breitete sich nach Süden aus.

Adjektive zeigten mehr Schwankungen als im modernen Englisch. Möglich waren beispielsweise bigger, more big und more bigger sowie the biggest, the most big und the most biggest.

Auch die Pronomen veränderten sich. Thou bezeichnete im Mittelenglischen und zu Beginn des Frühneuenglischen die zweite Person Singular; die Formen im Dativ und Akkusativ waren thee. Ye bezeichnete zunächst die zweite Person Plural, mit you als Dativ- und Akkusativform. Um 1600 konnte you sowohl im Singular als auch im Plural als höfliche Anrede verwendet werden, besonders innerhalb der Oberschicht oder gegenüber Höhergestellten. Thou wurde gegenüber Niedriggestellten, innerhalb der unteren sozialen Schichten und zur Kennzeichnung von Vertrautheit verwendet. Um 1700 verschwand thou fast vollständig. Es blieb vor allem in religiösen Texten, etwa im Vaterunser und in englischen Bibelfassungen, sowie als bewusst archaisches Stilmittel erhalten.

Die Syntax ähnelte bereits weitgehend der des heutigen Englisch. Die Reihenfolge Subjekt–Verb–Objekt war in Aussagesätzen am häufigsten. Zu Beginn war die Satzstellung aber weniger festgelegt; Verb–Subjekt oder Adverb–Verb–Subjekt kamen im 16. Jahrhundert noch häufig vor und wurden im 17. Jahrhundert seltener. Ein Beispiel ist „Now comes in the sweetest Morsell of the night“ aus Shakespeares Henry IV., Part 2.

Eine wichtige Neuerung war do als Hilfsverb. Zunächst diente es vor allem zur Betonung in bejahten Sätzen, im 17. Jahrhundert auch in verneinten Sätzen. Die Verwendung von do in Fragen setzte sich erst im modernen Englisch des 18. Jahrhunderts durch. Die Modalverben can/could, dare/durst, may/might, shall/should und will/would besaßen jeweils Präsens- und Präteritumsformen. Daneben gab es must, need, ought und das dichterische list ohne entsprechende Vergangenheitsform. Frühneuenglisches can konnte noch nicht Erlaubnis ausdrücken. Modalverben konnten außerdem ohne folgendes Verb stehen, allerdings zur Beschreibung von Bewegung: „I must to Couentree“ bedeutete „I must go to Coventry“.

In der Nominalphrase war zu Beginn noch die Verbindung eines Demonstrativ- und eines Possessivpronomens vor einem Nomen möglich, etwa this my father. Diese Konstruktion wurde bald durch of-Konstruktionen ersetzt. Doppelte Verneinungen wie „I will not give him no meat“ waren im Mittelenglischen und am Anfang des Frühneuenglischen üblich. Unter dem Einfluss des Rationalismus wurden sie Ende des 17. Jahrhunderts als unlogisch abgelehnt.

Wortschatz, Wortbildung und Bedeutungswandel

Der Wortschatz veränderte sich während des Frühneuenglischen besonders stark. Für Wissenschaft, Forschung, Technik, Kunst, Kultur und Philosophie wurden zahlreiche Wörter aus anderen Sprachen übernommen. Einige Schätzungen gehen von etwa 12.000 Wörtern aus, die allein in dieser Zeit ins Englische gelangten. Die wichtigste Quelle war Latein; weitere Quellen waren klassisches Griechisch sowie Französisch, Spanisch und Italienisch.

Noch heute gebräuchliche Lehnwörter sind beispielsweise atmosphere, disability, expensive, insane, exist und meditate. Aus dem Griechischen, teilweise über das Lateinische, stammen etwa chaos, climax und lexicon. Französische Lehnwörter sind unter anderem entrance und essay, italienische balcony und violin sowie das spanische tobacco. Wörter wurden teilweise unverändert übernommen, etwa climax. In anderen Fällen wurden lateinische Endungen entfernt oder verändert, zum Beispiel -tas zu -ty. Der genaue Entlehnungsweg ist nicht immer feststellbar: fact geht eindeutig auf lateinisch factum und nicht auf französisch fait zurück, während consist und explore aus dem Lateinischen oder Französischen stammen könnten. Manche frühneuenglischen Lehnwörter verschwanden wieder, etwa uncounsellable; andere, wie attemptate, wurden durch konkurrierende Formen wie attempt ersetzt.

Neben den Entlehnungen entstanden neue Wörter mit englischen Mitteln. Dazu gehörten Bildungen nach englischen Wortbildungsregeln wie sunshiny aus sunshine + y, eigene Neuprägungen wie blatant, die Wiederbelebung veralteter Wörter wie doom und die Übernahme von Dialektausdrücken. Auch Edmund Spenser prägte zahlreiche Neubildungen; bis heute verwendete Beispiele sind belt, glance, enshrine und witless.

Die wichtigsten Wortbildungsverfahren entsprachen im Wesentlichen denen des modernen Englisch. Bei der Komposition werden zwei vorhandene Wörter verbunden, etwa mouth-honour in Shakespeares Macbeth. Bei der Konversion entsteht durch einen Wechsel der Wortklasse ein neues Wort, zum Beispiel invoice als Substantiv und to invoice als Verb. Im Frühneuenglischen wurde dieses Verfahren besonders häufig und mit wenigen Einschränkungen genutzt, etwa in the adorn und the detain oder in to exception und to remembrance. Durch Affigierung wurden außerdem lateinische und griechische Präfixe und Suffixe wie -ize und -ate in die Sprache aufgenommen.

Auch Bedeutungen veränderten sich. Generalisierung bedeutet, dass ein Wort einen größeren Bedeutungsbereich erhält: humour bezeichnete zunächst die Substanzlehre des Aristoteles und wurde im Frühneuenglischen auf den heutigen Begriff des Humors ausgeweitet. Bei der Spezialisierung wird der Bedeutungsbereich enger. Meat bezeichnete im Mittelenglischen und zu Beginn des Frühneuenglischen jede Form von Nahrung; im 17. Jahrhundert wurde es auf Fleisch eingeschränkt.

Schreibung, Alphabet und Textzeugnisse

Zu Beginn des Frühneuenglischen bestanden große regionale und individuelle Unterschiede in der Orthographie. Das heutige enough konnte beispielsweise als ynough(e), enoff, yenough, eno', enouch oder enufe geschrieben werden. Die Aussprache veränderte sich durch die Vokalverschiebung stark, während die Schreibung weitgehend auf dem mittelenglischen Stand blieb. Zusätzlich wurden stumme Buchstaben eingeführt, etwa <b> in debt und doubt in Anlehnung an die lateinischen Wörter debitum und dubitare.

Mehrere Rechtschreibreformen wurden vorgeschlagen. Thomas Smith veröffentlichte 1568 Dialogue Concerning the Correct and Emdended Writing of the English Language. Weitere Vorschläge kamen von John Hart (1570), William Bullokar (1580) und Richard Mulcaster (1582). Keine dieser Reformschreibungen setzte sich durch. Dennoch wurde die Orthographie allmählich einheitlicher und näherte sich um 1650 bereits ihrer heutigen Form. Eine vollständige Standardisierung von Orthographie und Grammatik erfolgte erst im modernen Englisch, unter anderem durch Samuel Johnsons Wörterbuch von 1755.

Das Alphabet entsprach grundsätzlich dem modernen englischen Alphabet, wies aber einige Besonderheiten auf. Für s-Laute gab es zwei Allographe, also verschiedene Schriftzeichen für denselben Laut: Das runde s stand am Wortende und am Wortanfang, wenn es großgeschrieben wurde; das lange s „ſ“ wurde in den übrigen Positionen verwendet, etwa in „Speake ſirs“. Die Buchstaben <v> und <u> wurden zunächst nach ihrer Stellung im Wort verteilt: <v> stand am Wortanfang, <u> in der Wortmitte. Ein Textbeispiel, in dem <v> den Konsonanten /v/ und <u> den Vokal bezeichnet, ist von 1635 überliefert. Der Buchstabe <j> wurde anfangs nicht verwendet und tauchte erst um 1630 auf; Jew und Jack wurden daher zunächst Iew und Iack geschrieben.

Das frühneuenglische Vaterunser zeigt die Formen thou, thy und art sowie die für ältere religiöse Texte typische Sprache. Ein weiteres Textzeugnis ist Thomas Wilsons The Arte of Rhetorique von 1553. Wilson kritisiert darin gelehrte Autoren, die sich in kunstvollen Sprichwörtern, dunklen Allegorien und stark latinisiertem Ausdruck ergehen, sodass einfache Leser ihre Rede kaum verstehen.

Zur frühneuenglischen Literatur gehören unter anderem die Dramen William Shakespeares, Christopher Marlowes und Ben Jonsons, die Lyrik von Philip Sidney, Edmund Spenser, John Donne und Andrew Marvell sowie Prosa von Thomas Morus und John Milton. Autoren der Restauration, etwa John Dryden und Aphra Behn, markieren das Ende der frühneuenglischen Zeit.

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