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Militarismus in Deutschland
Das 19. Jahrhundert sah die Verbindung von Militarismus und Nationalismus. Starke reaktionäre und rechts-konservativ geprägte Kräfte bestimmten den Charakter …
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Begriff und Bedeutung
Deutscher Militarismus bezeichnet eine geistige und gesellschaftliche Strömung, in der Militär und militärische Werte einen starken Einfluss auf Staat und Zivilgesellschaft haben. Er entwickelte sich mit den stehenden Heeren des 18. Jahrhunderts. Dazu gehörten eigene Militärrechtsprechung, Wehrpflicht, Kasernen und die Abgrenzung von Militärangehörigen gegenüber der Zivilgesellschaft. Im 19. Jahrhundert verband er sich eng mit Nationalismus; im 20. Jahrhundert erreichte er in den Weltkriegen seinen Höhepunkt.
Der Artikel unterscheidet zwei Formen: Militarismus im engeren Sinn bedeutet einen bestimmenden Einfluss von Militärs auf das zivile Leben. Das Deutsche Kaiserreich, die Weimarer Republik und das Dritte Reich werden in diesem Sinn als militaristische Staaten bezeichnet. Militarisierung im weiteren Sinn liegt vor, wenn zivile Institutionen und Menschen sich nach militärischen Prinzipien wie Befehl, Gehorsam, Uniformierung, Hierarchie und Disziplin organisieren oder militärische Formen nachahmen. Die DDR wird so eingeordnet; auch Altpreußen hatte Züge eines militarisierten Staates. Beide Formen konnten zusammen oder getrennt auftreten.
Preußen und die Entstehung militärischer Strukturen
Als Wurzeln des deutschen Militarismus gelten Preußen im 18. und frühen 19. Jahrhundert sowie die spätere Reichsgründung unter preußischer Führung. Seit 1648 konnten deutsche Territorialfürsten dauerhaft eigene Heere unterhalten. Unter Friedrich Wilhelm, dem „Großen Kurfürsten“, wuchs die brandenburgisch-preußische Armee in Kriegszeiten auf bis zu 30.000 Mann. Eine straffere Verwaltung und die Entmachtung der Obristen sollten die Soldateska disziplinieren und gewalttätige Übergriffe auf Zivilisten verringern.
Friedrich Wilhelm I., der „Soldatenkönig“, setzte ab 1713 auf Militärreformen. Die Armee wurde zu einem zentralen Zweck des Staates: 73 % des preußischen Jahresbudgets entfielen auf das Militär. Beim Tod des Königs 1740 zählte die stehende Armee 83.000 Mann bei 2,5 Millionen Einwohnern. Zeitgenössisch wurde Preußen daher als Militärmonarchie beschrieben. Dennoch war der Soldatenstand im 18. Jahrhundert vielfach verrufen; Einquartierungen und teils gewaltsame Werbung belasteten die Bevölkerung.
Die Armee prägte zugleich die Gesellschaft. Uniformierung, Linientaktik, gleich getaktetes Marschieren, Befehlsketten und Hierarchien wurden als neue Formen kollektiver Organisation wirksam. Der Artikel beschreibt dies für die frühe Staatsbildung auch als ordnende, Gewalt in der Bevölkerung begrenzende Kraft, die jedoch individuelle Interessen stark zurückstellte. Nach der Niederlage gegen Napoleon 1806 begrenzte der Friedensvertrag das Heer auf 42.000 Mann. Das Krümpersystem bildete nacheinander Rekrutengruppen aus. Die Reformen öffneten die Armee stärker für Bürgerliche, schafften Spießrutenlaufen ab und führten Landwehr sowie Wehrpflicht ein. Das Ideal war der „Staatsbürger in Uniform“ statt des bloßen Söldners.
Armee, Reich und Massenmilitarismus
Nach 1815 setzten die Armeen demokratische Aufstände gewaltsam nieder und verfolgten nach Darstellung des Artikels in den innenpolitischen Kämpfen bis 1933 auch eigene, gegen demokratische Kräfte gerichtete Ziele. In Preußen lag der Oberbefehl nach der Verfassung von 1850 beim König, nicht beim Parlament. Im Preußischen Verfassungskonflikt ging es unter anderem um die Frage, ob das Heer ein „Königsheer“ oder ein „Parlamentsheer“ sein solle. Die Armee grenzte sich zunehmend ab und wurde als „Staat im Staate“ beschrieben.
Die Einigungskriege von 1860 bis 1871 steigerten das Ansehen des Militärs stark. Von 1871 bis 1945 sieht der Artikel die „klassische Zeit des deutschen Militarismus“. Neben dem älteren feudal-konservativen Militarismus entstand ein bürgerlich-nationalistischer, stärker egalitär ausgerichteter und außenpolitisch expansiver Militarismus. Allgemeine dreijährige Wehrpflicht, Reserveoffizierslaufbahnen und nationale Erfolge banden Bürgertum, Bauern und Arbeiter ein. Die Armee galt als „Schule der Nation“: Millionen Wehrpflichtige und Reservisten wurden an Hierarchie, Anpassung und soldatische Tugenden gewöhnt.
Technischer Fortschritt verstärkte diese Entwicklung. Hinterlader, leistungsfähigere Artillerie, Eisenbahn und Kommunikationstechnik erhöhten Beweglichkeit und Zerstörungskraft. Spätestens seit 1890 sei ein militärisch-industrieller Komplex nachweisbar: Armee, Regierung und Unternehmen wie Krupp waren eng verbunden; Krupp rüstete die schwere Artillerie aus, Heinrich Ehrhardt seit 1905 die Feldartillerie. 1913 hatte das Deutsche Reich bei 68 Millionen Einwohnern knapp 900.000 Soldaten; Frankreich verfügte bei 40 Millionen Einwohnern über 845.000 Soldaten.
Militärische Bilder prägten Erziehung und Alltag, etwa Soldatenspiele, Paraden, Denkmalfeiern, behördliche Umgangsformen nach Befehl und Gehorsam sowie Studentenverbindungen. Zugleich berichtet der Artikel von Schikanen, körperlichen und seelischen Misshandlungen und jährlich bis zu 20.000 Desertionen. Die Zabernaffäre von 1913 mobilisierte Opposition gegen die Rolle des Militärs, blieb aber eine Minderheit. Aufrüstung, Flottenpolitik und nationalistische Verbände förderten Kriegsbereitschaft.
Weltkriege, Weimarer Republik und Nationalsozialismus
Im Ersten Weltkrieg führte das „Augusterlebnis“ 1914 nach dem Artikel zu einem Gefühl nationaler Geschlossenheit und Einkreisung durch Feinde. Der „Burgfrieden“ schränkte politische Auseinandersetzung ein; Propaganda und Kriegswirtschaft erfassten die Gesellschaft. Die Oberste Heeresleitung gewann faktisch politische Kontrolle, sodass das Reich in eine Militärdiktatur abglitt. Heldenverehrung, Kriegspropaganda und Jugendorganisationen förderten eine gewaltbejahende Sozialisation.
Nach 1918 kehrten große Zahlen enthemmter Frontsoldaten zurück. Freikorps, die Rote Ruhrarmee, Schwarze Reichswehr und später die SA führten paramilitärische Strukturen fort. Kapp-Putsch 1920 und Hitlerputsch 1923 zeigen die Bedrohung der Republik. Die Dolchstoßlegende und Revanchismus wirkten weiter. Trotz der Rüstungsbeschränkungen des Versailler Vertrags blieb die Reichswehr ein politisch einflussreicher „Staat im Staate“ und betrieb laut Artikel eine „kalte Militarisierung“, die auf spätere Wiederaufrüstung zielte.
Im Dritten Reich erreichte der Militarismus seinen zerstörerischen Höhepunkt. Auf die Wiedereinführung der Wehrpflicht durch das Wehrgesetz vom 21. Mai 1935 folgten massive Aufrüstung und paramilitärische Organisationen wie Hitlerjugend, Reichsarbeitsdienst, SA und SS. Staat und Gesellschaft wurden totalitär und militärisch durchdrungen, persönliche Autonomie stark eingeschränkt. Die Erziehung von Kindern und Jugendlichen zielte auf militärische Verhaltensweisen und Opferbereitschaft; die Napola sollte besonders künftige Eliten formen. Der 1939 von Deutschland begonnene Zweite Weltkrieg war ein Angriffs- und Vernichtungskrieg, begleitet von unzähligen deutschen Kriegsverbrechen und totaler Mobilisierung. In der Endphase wurden auch Kinder eingesetzt, von denen Tausende starben.
Nach 1945 versuchten Alliierter Kontrollrat und Alliierte Hohe Kommission, Militarismus durch Umerziehung dauerhaft zurückzudrängen. Die Behauptung vieler Angeklagter, nur Befehle ausgeführt zu haben, und die spätere Veteranen-Apologetik förderten den Mythos der „sauberen Wehrmacht“. Dieser wurde laut Artikel erst seit den 1990er Jahren durch Aufklärung, Ausstellungen und Dokumentationen in der Mehrheitsvorstellung widerlegt.
Bundesrepublik, DDR und vereintes Deutschland
In der Bundesrepublik diskreditierte die Niederlage von 1945 den Militarismus dauerhaft. Dennoch bestanden personelle und gedankliche Kontinuitäten: 1957 stammten sämtliche 44 Generäle und Admiräle der Bundeswehr aus der Wehrmacht, überwiegend aus dem Generalstab des Heeres. Veteranenverbände blieben zahlreich, aber politisch begrenzt; Forschende schätzen 1000 bis 2000 Verbände, denen 10 bis 35 % der Veteranen angehörten. Anders als nach 1918 entstand jedoch kein breiter Revisionismus.
Beim Aufbau der Bundeswehr ab 1956 sollte ein neuer Militarismus verhindert werden. Die Wehrverfassung erhielt eine pluralistisch-demokratische Grundlage; Soldatsein sollte ein Beruf neben anderen Zivilberufen sein. Zivile Protestbewegungen gegen Wiederbewaffnung und später große Friedensbewegungen der 1980er Jahre begleiteten diese Entwicklung. Obwohl die Bundeswehr in den 1980er Jahren wieder etwa eine halbe Million Soldaten umfasste, nahm die gesellschaftliche Sonderstellung des Militärs ab.
Die DDR verstand ihre Nationale Volksarmee offiziell als Bruch mit älteren deutschen Militärtraditionen und erklärte Kapitalismus zur Ursache von Imperialismus und Militarismus. Westdeutsche Beobachter prägten dagegen den Ausdruck „Rotes Preußentum“, weil die DDR unter anderem feldgraue Uniformen, Paraden, Militärmusik, Stechschritt und Drill übernahm. Die Geschichtsforschung geht laut Artikel von einer grundlegenden Militarisierung der DDR aus: Etwa 750.000 Personen, rund 10 % der Erwerbstätigen, waren in militärische oder paramilitärische Organisationen eingebunden. Diese Militarisierung diente primär der inneren Herrschaftssicherung und war nicht wie im Dritten Reich nach außen aggressiv ausgerichtet. Die Friedensbewegung „Schwerter zu Pflugscharen“ wandte sich gegen Rüstung und Krieg.
Seit dem Ende des Kalten Kriegs sank die Zahl der Soldaten, Standorte und Großwaffen deutlich; 2019 gab es auf deutschem Gebiet deutlich weniger als 1000 Panzer und vergleichbare Großkampfgeräte. Die Wehrpflicht wurde 2011 ausgesetzt, Frauen erhielten Zugang zu allen militärischen Bereichen. Nach 2014 rückten wegen der russischen Annexion der Krim und des Kriegs in der Ostukraine Bündnis- und Landesverteidigung wieder neben Auslandseinsätze. Der Verteidigungshaushalt 2019 betrug rund 43,2 Milliarden Euro. Militärische Rituale und die Sichtbarkeit von Uniformen haben insgesamt an Bindekraft verloren. Gegenwärtig überwiegt in Deutschland eine kritische Auseinandersetzung mit dem Militarismus und seinen millionenfachen Opfern.