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Wie hat Migration Deutschland verändert? | DW News

DW Deutsch25:01 103.648 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

Das Wichtigste aus dem Video

Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.

Transkriptautomatisch erstellt · 207 Zeilen
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  1. Wie ist Deutschland von dieser Haltung, zu dieser gekommen?
  2. Wir sind jetzt schon zehn Jahre hier mit den Flüchtlingen belastet. Ich finde, das reicht auch dann irgendwann.
  3. Deutschland verschärft seine Maßnahmen gegen Asylsuchende. Mit Grenzkontrollen und strengeren Regeln.
  4. Heute leben 3,5 Millionen Geflüchtete in Deutschland. Angefangen hat alles 2015.
  5. Die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel wagte einen mutigen Schritt: Sie ließ hunderttausende Asylsuchende ins Land
  6. und stellte Deutschland damit vor eine große Herausforderung: Wir haben so vieles geschafft.
  7. Wir schaffen das! Sie wurde gefeiert und verurteilt.
  8. Was hat sie getan? Sie ist dabei, Deutschland zu zerstören.
  9. Stimmt das? Oder hat Deutschland Einwanderung erfolgreich gemeistert?
  10. In diesem Film geht es um Fakten. Migrations-Kritiker, aber auch Menschen,
  11. die geflohen sind und die heute Deutsche sind. Deutschland hat mir ganz viel gegeben.
  12. Wir besuchen Orte, die für den Wandel Deutschlands stehen. Was ist schief gegangen?
  13. Und was hat geklappt? Warum hat sich Deutschland so verändert?
  14. Wo steht das Land nach 10 Jahren "Wir schaffen das"? Wir beginnen die Reise in Boostedt.
  15. Die Kleinstadt im Norden Deutschlands hat knapp 6000 Einwohner. Zeitweise waren bis zu 2000 Geflüchtete
  16. in der nahegelegenen Landesunterkunft einquartiert. Ich glaube, manche Politiker
  17. sehen nicht, was da vor Ort geleistet werden muss.
  18. Das ist Hartwig Puhlmann. Von Anfang an hat er sich zur Aufgabe gemacht,
  19. zwischen Asylbewerbern und Anwohnern zu vermitteln. Und er hört sich die Sorgen von allen an.
  20. Manche Boostedter haben ihm gesagt, dass sie sich zerrissen fühlen, zwischen dem Wunsch Kriegsflüchtlingen zu helfen und
  21. der Angst vor den Neu-Ankömmlingen. Das hatte Überhand genommen.
  22. Egal, wo man hinging, das war Völkerwanderung. Die liefen zu zehnt, zu zwanzig,
  23. zu Hunderten dort und das war schon, ja, das war schon aussagekräftig.
  24. Das sind zu viele. Für so ein Dorf wie Boostedt.
  25. Und was Puhlmann hier hört, denken viele andere Deutsche auch. In einer Umfrage Anfang des Jahres gaben 70% der Befragten an,
  26. Deutschland solle weniger Geflüchtete aufnehmen. Um zu verstehen, warum das so ist, verlassen wir Boostedt
  27. und werfen einen Blick in die Vergangenheit. Vor einem Jahrzehnt war die Stimmung in Deutschland eine ganz andere.
  28. Deutschland war gerade Fußballweltmeister geworden. Hatte 2015 eine Wirtschaftskrise in Europa ganz gut überstanden.
  29. Das ist Hannes Schammann, ein Migrationsforscher, der sich mit den Auswirkungen von Einwanderung beschäftigt.
  30. Die Stimmung insgesamt im Land war eine gute, man hatte das Gefühl,
  31. Deutschland kann ganz viel schaffen, ist in der Welt vorne dran.
  32. Angela Merkel war eine akzeptierte, ja, Führerin in der Welt. Aber dann passierte folgendes: im Spätsommer kamen immer mehr
  33. Geflüchtete an den europäischen Grenzen an, auf der Suche nach Asyl. Das Ziel vieler: Deutschland.
  34. Unter Zeitdruck traf Angela Merkel die umstrittene Entscheidung, die Menschen ins Land zu lassen.
  35. Wir haben so vieles geschafft, wir schaffen das. Und viele Deutsche, dachten genauso.
  36. In jenem Jahr kamen so viele Asylbewerber nach Deutschland, wie noch nie zuvor.
  37. Fast 480.000 Menschen. Die Herkunftsländer der meisten: Syrien, Afghanistan und Irak.
  38. Und Deutschland hieß sie willkommen. Mit ihren Geschichten, Traumata und Träumen.
  39. Nach einer gefährlichen Reise über das Mittelmeer kam damals auch die Familie von Nebal Altoubal in Deutschland an.
  40. Heute sind sie alle deutsche Staatsbürger. Jetzt habe ich zwei Heimatländer
  41. und das ist sehr schönes Gefühl. Sie leben in Ulm, in Süddeutschland.
  42. Vor zehn Jahren war es unwahrscheinlich, dass Nebal und ihre Familie hier landen würden.
  43. Ihr Zuhause war Syrien, doch ihr Viertel in der Nähe von Damaskus war ständig unter Beschuss.
  44. Wenn Eltern nicht mehr ihre Kinder schützen können, dann müssen sie unbedingt eine Lösung finden.
  45. Und das war die Lösung, dass wir rausgehen, egal wie. Heute sprechen sie fließend Deutsch,
  46. mieten eine Wohnung in einer ruhigen Gegend und arbeiten Vollzeit. Ihre Kinder sind erwachsen und studieren.
  47. Das hier ist unsere Heimat geworden und unsere Heimat vergessen wir auch nicht.
  48. Also, wir versuchen auch, unserer Heimat was zu bringen und Deutschland auch was zu bringen, also alles, was wir halt machen können.
  49. Hier ein Leben aufzubauen, sagt Nebal, sei sehr anstrengend gewesen. Heute arbeitet sie als ausgebildete chemisch-technische Assistentin.
  50. Wir haben alles, was wir machen sollen gemacht und deshalb haben wir es vielleicht geschafft.
  51. Von so einem Leben haben viele geträumt, als sie nach Deutschland geflohen sind.
  52. Doch für einige, ist es nur ein Traum geblieben. Auch Kamiran Dawood floh vor dem Krieg in Syrien.
  53. 2015 ist er mit seiner Familie in Deutschland angekommen. Nur Kamiran hat sich für Interviews bereit erklärt.
  54. Er und seine Familie leben heute in Cottbus, einer Stadt im Osten Deutschlands nahe der polnischen Grenze.
  55. Viele anerkannte Asylbewerber wurden hier untergebracht. Einige sind bis heute geblieben, auch weil Wohnraum hier
  56. relativ erschwinglich ist. Der Ausländeranteil unter den Anwohnern hat sich in der Stadt
  57. seit 2014 fast verdreifacht. Einer von ihnen ist Kamiran.
  58. Er setzte große Hoffnungen in sein Leben in Deutschland. Seit einem Autounfall in Syrien ist Kamirans Hand gelähmt.
  59. Ich kam hierhin und dachte mir, die Medizin hier ist super toll,
  60. allerdings bin ich enttäuscht. Für seine Hand scheint es keine Heilung zu geben.
  61. Aber seine Familie lebt in Sicherheit und seine Töchter gehen zur Schule. Kamiran selbst tut sich noch schwer.
  62. Hauptsächlich aus einem Grund. Als ich in der Sprachschule war,
  63. konnte ich leider das B1-Niveau nicht erreichen, ich habe eine Schreibschwäche.
  64. Ich konnte ein bisschen lesen. Nach zehn Jahren braucht er immer noch Hilfe, um sich
  65. in Deutschland zurechtzufinden. Deshalb besucht Sozialarbeiter Nadeem Manjouneh die Familie regelmäßig –
  66. er hilft ihnen bei Papierkram und anderen Problemen. Später im Film lernen wir Nadeem besser kennen.
  67. Kamiran sagt, es sei schwierig für ihn, einen Job zu finden. Er war nur bis zur 8. Klasse in der Schule.
  68. Der deutsche Arbeitsmarkt erstmal, der ist weiterhin sehr sehr stark von der deutschen Sprache abhängig
  69. und das ist ein großes Problem. Kamiran und seine Familie erhalten vom Staat finanzielle Unterstützung.
  70. Wie viele andere auch. Jeder Zweite aus Ländern wie Afghanistan, Syrien oder Pakistan
  71. erhält Sozialleistungen, die andere Hälfte arbeitet. Viele Flüchtlinge verlassen ihre Heimat wegen Kriegen und Konflikten
  72. und suchen hier Asyl. Wie Menschen aus Syrien, Afghanistan – oder der Ukraine.
  73. Das heißt, viele Geflüchtete sind nicht immer sofort in der Lage, in Deutschland zu arbeiten.
  74. Asylbewerber, die nach Deutschland kommen, sind im Durchschnitt relativ gering qualifiziert.
  75. Das ist Daniel Thym. Der Professor forscht zu deutschem und internationalem
  76. Einwanderungsrecht. Natürlich gibt es auch Ärztinnen und Ärzte dabei, aber die Mehrheit hat
  77. keine universitären oder berufliche Ausbildung durchlaufen. Die reisen ein, können erst mal kein Deutsch, die müssen staatlich
  78. untergebracht werden, die Leben von Sozialleistungen, das dauert einige Jahre, bis die überhaupt einen Job finden und
  79. auch dann arbeiten sie häufig auf einem eher gering qualifizierten Niveau. Eine große Hürde: die Anerkennung ihrer bisherigen Qualifikationen.
  80. Deutsche Behörden akzeptieren diese nicht immer. Das schlägt sich auch in Zahlen nieder.
  81. Es dauert eine Weile, bis Flüchtlinge und Einwanderer Arbeit finden. Doch nach sieben Jahren haben mehr als 60 Prozent der Menschen,
  82. die 2015 ankamen, eine Arbeit gefunden. Haitham, Nebals Ehemann, hat eine gute Stelle gefunden.
  83. In Syrien war er als Schuhmacher selbstständig. Nach weniger als einem Jahr in Deutschland, fing er an,
  84. als orthopädischer Schuhmacher zu arbeiten. Für mich selber ist meine Arbeit wichtig.
  85. Damit kann man leben. Weil mein Plan war, wenn ich entschieden habe nach Deutschland zu gehen,
  86. muss ich auch so schnell wie möglich arbeiten. Wenn Haitham nicht mehr hier wäre,
  87. würde ein großer Baustein von unserem Betrieb zusammenbrechen,
  88. so würde ich das definieren. Viele Experten betonen, wie wichtig Flüchtlinge und Asylsuchende
  89. für den deutschen Arbeitsmarkt sind. Deutschland wirbt um immer mehr Arbeitskräfte aus dem Ausland.
  90. Studien zufolge werden jährlich mindestens 288.000 Fachkräfte benötigt, um die Lücken zu schließen.
  91. Deutschland profitiert bereits heute von rund zwei Millionen Fachkräften aus dem Ausland.
  92. Syrer beispielsweise stellen die größte Gruppe der im Ausland geborenen Ärzte in Deutschland dar – etwa 6.000.
  93. Ohne Einwanderer würden viele essentiell wichtige Bereiche zusammenbrechen.
  94. Wie diese viralen Videos aus Kliniken zeigen. Doch wegen Arbeit kommen die wenigsten Flüchtlinge
  95. nach Deutschland. Sie suchen Asyl, weil sie vor Krieg und Verfolgung fliehen.
  96. Das Recht auf Asyl ist im deutschen Grundgesetz verankert. Es wird unabhängig von Qualifikationen gewährt.
  97. Fachkräfte werden dringend benötigt – egal, ob sie Asyl suchen oder nicht. Die deutsche Bürokratie hat Schwierigkeiten, die vielen Anträge
  98. von Geflüchteten und anderen Einwandern zu bearbeiten. Die Zahl der Ausländerinnen und Ausländer
  99. hat sich in den letzten 10 Jahren in Deutschland ungefähr verdoppelt.
  100. Die Zahl der Behördenmitarbeitenden nicht. Das heißt, allein daran sieht man, dass diese, dass da ganz viel
  101. auf die zukommt, dass die überlastet sind. Je nach Fall, müssen Asylsuchende mindestens drei bis sechs Monate
  102. auf eine Arbeitserlaubnis warten. Aber häufig dauert es noch viel länger, manchmal sogar Jahre.
  103. Das deutsche System, das erzieht Migrantinnen und Migranten zu Passivität.
  104. Sie warten auf irgendeine Entscheidung, dass irgendwas mit ihnen geschieht. Und dann kommt aber irgendwann der Switch, der umgelegt wird,
  105. jetzt musst du dich beweisen auf dem Arbeitsmarkt und das bekommen viele nicht hin.
  106. Eine Sprache, die schwer zu erlernen ist, eine überfordernde Bürokratie, ein Arbeitsmarkt, der schwer zugänglich ist: alles Faktoren,
  107. die Menschen davon abhalten, anzukommen oder sich zu integrieren. Und deshalb springen seit Jahren viele Deutsche ein, um Geflüchteten
  108. in ihrer Freizeit zu helfen. Zurück ins Schwabenland.
  109. Nach Schwendi. Bernd Karrer ist Teil einer Gruppe von Dorfbewohnern, die Nebals Familie
  110. bei ihrer Ankunft unterstützt haben. Bis heute arbeitet er in seiner Freizeit mit Flüchtlingen.
  111. Hallo, Irfan. Schön, dich zu sehen.
  112. Wie geht's? Die Arbeit mit den Geflüchteten
  113. ist ja wirklich eine tolle Sache. Macht wirklich Freude.
  114. Sind ja auch schon kleine Freundschaften entstanden, und wir sehen ja den Sinn und die die Wichtigkeit unserer Arbeit.
  115. Ehrenamtliche Hilfe war entscheidend, um die Menschen beim Ankommen zu unterstützen.
  116. Ich vergesse nie, dass die Deutschen und Deutschland uns hilft. Sehr gut.
  117. 2015 engagierte sich jeder zweite Deutsche in der Flüchtlingshilfe, auch ehrenamtlich.
  118. Doch das änderte sich schnell. Die Hilfsbereitschaft nahm innerhalb von nur zwei Jahren deutlich ab.
  119. Gleichzeitig wurden die Skeptiker lauter. Wir sind das Volk.
  120. Und das kam nicht überraschend. Es war natürlich nie so, dass 2015 alle,
  121. die gesamte Bevölkerung “Hurra” geschrien hat.
  122. Es gab immer natürlich eine eine Anzahl von Menschen, die nicht mehr Vielfalt wollte in Deutschland, die nicht mehr Zuwanderung wollte.
  123. Es gab Ereignisse, durch die die Stimmung gekippt ist. So beispielsweise Silvester in Köln, 2015.
  124. In dieser Nacht erstatteten mehr als 600 Frauen Anzeige wegen sexueller Übergriffe, die passierten, als sie öffentlich feierten.
  125. Die Polizei sagte, sie gehe davon aus, dass ein Großteil der Verdächtigen Nordafrikaner seien.
  126. Doch viele der Täter konnten nicht final identifiziert werden. Am Ende gab es nur in 32 Fällen Verurteilungen, die meisten wegen
  127. Raub oder Diebstahl - Verbrechen, die in dieser Nacht auch begangen wurden. Die Kölner Silvesternacht hat
  128. auf jeden Fall den Fokus auf das Thema Migration, Kriminalität,
  129. Sexualstraftaten gelenkt. Gina Rosa Wollinger ist Professorin für Kriminologie.
  130. Dieser Diskurswandel, den sie beschreibt, hat den Aufstieg einer neuen Partei befeuert:
  131. Der in Teilen rechtsextremistischen AfD – Alternative für Deutschland. 2016 legte die AfD bei Kommunalwahlen deutlich zu.
  132. In den darauffolgenden Jahren hat die Partei zunehmend mit ihrer polarisierenden Rhetorik Einwanderer angegriffen.
  133. Burkas, Kopftuchmädchen und alimentierte Messermänner...
  134. Gerade von einer Partei wie der AFD spielt Kriminalität eine ganz große Rolle.
  135. Also man kann damit Aufmerksamkeit machen, Politik machen und es adressiert einfach so Unsicherheitsgefühle,
  136. die man da schnell fassen kann. In den vergangenen zehn Jahren ist die AfD zur zweitstärksten Partei
  137. im deutschen Bundestag geworden. Bei der letzten Bundestagswahl gab jeder fünfte Wähler
  138. der AfD seine Stimme. In Boostedt, wo wir die Reise angefangen haben,
  139. war es sogar jeder Vierte. Das seien viel zu viele AfD-Anhänger, findet Hartwig Puhlmann,
  140. der pensionierte Polizist. Das, was Weidel und Co sagen,
  141. ist einfach nicht in Ordnung. Das ist rechtlich auch nicht sauber und da müssen wir doch gegenhalten.
  142. Doch Puhlmann sagt, dass es nach zehn Jahren schwieriger sei, dagegenzuhalten. Ich merke es auch manchmal im Freundeskreis, dass mir sehr wichtige
  143. Menschen auch zu Vereinfachung übergehen, weil sie auch manchmal einfachen Lösungen aufgesessen sind.
  144. Gemeinsam mit dieser Runde versucht er dennoch, in seinem Dorf was zu verändern und Brücken zu bauen.
  145. Als es Beschwerden über Müll in der Stadt gab, organisierte die Gruppe täglich Müllsammelaktionen, und viele Asylsuchende halfen mit.
  146. Ich finde das positiv. Es kommt einem viel weniger vor.
  147. Und das ist schon mal gut. Und als die Menschen im Dorf sich unsicher fühlten, zeigten
  148. Sozialarbeiter mehr Präsenz auf den Straßen. Einen Ort, den sie immer besuchen: den örtlichen Supermarkt.
  149. Hier gab es schon Anzeigen wegen Diebstahl und Beschwerden, dass Asylsuchende, hier abends herumlungerten.
  150. Ja, ok. Gehen wir nach hinten. Möchtet ihr hier bleiben?
  151. Stellt eure Fahrräder dahinten ab. Könnt ihr da ein bisschen sprechen
  152. und danach mit deinem Mercedes direkt nach Hause. Wir haben in den Bereichen schon auch bei einigen das Sicherheitsgefühl
  153. gestärkt, also positiv beeinflusst. Natürlich gibt es weiterhin Ängste, weil eben fremde Kulturen hier
  154. in einer gewissen Überzahl sind und trotzdem neben dem Gefühl haben wir ja auch erreicht, dass es so gut wie keine Straftaten auf der Straße gibt.
  155. Trotzdem bleibt es fragil. So: "Wehe, es passiert denn doch was".
  156. Polizeistatistiken zeigen, dass Ausländer generell häufiger verdächtigt werden als Deutsche.
  157. Im vergangenen Jahr waren 35 Prozent der Tatverdächtigen keine deutschen Staatsbürger.
  158. Der Ausländeranteil in Deutschland beträgt allerdings nur rund 15 Prozent.
  159. Jetzt kann man sagen, das ist doch ganz klar überrepräsentiert, aber es
  160. gibt viele Verzerrfaktoren. Einer davon: Menschen zeigen häufiger Personen an,
  161. die sie als Ausländer lesen. Viele Flüchtlinge haben Gewalt erlebt.
  162. Traumata können zu schweren psychischen Problemen führen. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, kriminell zu werden – nicht weil sie
  163. Einwanderer sind, sondern aufgrund ihrer Situation. Ferner sind die Geflüchteten auch nicht ein Querschnitt der jeweiligen
  164. Herkunftsgesellschaft, sondern vor allem junge Männer. Und wir wissen: diese beiden Merkmale, jung und männlich, die sind
  165. sehr stark im Zusammenhang mit Gewaltkriminalität. Es gab einige Verbrechen von Flüchtlingen,
  166. die Deutschland erschütterten. Wie zum Beispiel 2016 in Berlin: Ein Terroranschlag auf
  167. einen Weihnachtsmarkt. Oder 2024 in Solingen: Ein tödlicher Messerangriff auf einem Stadtfest.
  168. Oder dieses Jahr in Aschaffenburg. Dort griff ein psychisch kranker Mann eine Kindergartengruppe mit
  169. einem Messer an und tötete zwei Menschen. Der Tatverdächtige war Afghane und sollte abgeschoben werden.
  170. Diese Fälle sind selten. Dennoch haben sie die Wahrnehmung von Einwanderern, einschließlich
  171. Flüchtlingen, extrem beeinflusst. Studien zufolge sind nach Anschlägen wie diesen rechtsextreme Parteien,
  172. wie die AfD, die großen politischen Gewinner. Aber auch Flüchtlinge und andere Einwanderer sind zunehmend Opfer
  173. von Kriminalität und Gewalt. Antimuslimische Gewalt, Rassismus und andere Formen der Diskriminierung
  174. nehmen zu – ein großes Problem für viele Einwanderer in Deutschland. Nadeem Manjouneh, Kamirans Sozialarbeiter, kennt Rassismus.
  175. Damit haben wir auch täglich zu tun. Also von Klienten, die zum Beispiel
  176. ein Schweineohr im Briefkasten bekommen, zu Klienten, die einfach angeschrien werden.
  177. Nadeem kam als Flüchtling aus Syrien und ist heute deutscher Staatsbürger. Er erzählt uns, dass er selbst schon körperliche Gewalt durch
  178. Rechtsextremisten erlebt habe. In Cottbus werden rechtsextreme Symbole offen gezeigt.
  179. Deutschland hat mir ganz viel gegeben. Ich bin in einer Diktatur geboren und hier konnte ich Demokratie schmecken,
  180. zum ersten Mal. Und zu wissen, dass solche Flaggen, einer Ideologie dienen, von
  181. “Wir wollen nur Menschen hassen aufgrund von Aussehen, Farbe oder Religion”. Und das fühlt sich für mich dann schlecht an.
  182. Laut deutschen Geheimdiensten hat sich die Zahl der potenziell gefährlichen Rechtsextremisten seit 2015 versechsfacht.
  183. Und die Zahl der gemeldeten rassistischen Straftaten hat sich seit 2017 vervielfacht. Es gab schockierende Vorfälle rassistischer Gewalt, wie dieser
  184. Anschlag in Hanau im Jahr 2020. Ein Mann erschoss neun Menschen und hatte dabei Einwanderer im Visier.
  185. Ein düsterer Schluss. Zeit auf das große Ganze zu blicken.
  186. Wir haben recht viel über Kriminalität gesprochen, sowohl über die, die sich gegen Flüchtlinge richtet, als auch über die,
  187. die von ihnen begangen wird – mutmaßlich und bestätigt. Und ja, das Ganze ist das entscheidende Thema
  188. in der deutschen Politik geworden. Die AfD verändert den öffentlichen Diskurs und schürt Skepsis,
  189. Angst und Hass. Ihr politischer Erfolg hat andere Parteien dazu veranlasst,
  190. eine härtere Haltung und Rhetorik in der Einwanderungsfrage einzunehmen. Und das zeigt sich auch in politischen Entscheidungen.
  191. Während Merkel ihre Entscheidung von 2015 noch immer weiter verteidigt, hat sich die aktuelle deutsche Haltung zum Asylrecht drastisch geändert.
  192. Wir ordnen Migration. Mit mehr Begrenzung, mehr Zurückweisung,
  193. mehr Steuerung, mehr Rückführungen. Kritiker sagen, die Maßnahmen seien nicht konform mit europäischem Recht
  194. oder reine Symbolpolitik. Doch sie sind auch eine Reaktion auf die wachsende Forderung nach
  195. Kontrolle und Begrenzung. Deutschland ist also zerrissen.
  196. Zwischen dem Gefühl der Überforderung und dem Willen zu helfen. Doch das Land ist auf Einwanderung angewiesen.
  197. Deutschland steckt in einem demografischen Wandel mit einer schrumpfenden und alternden Gesellschaft.
  198. Experten sagen, dass das Land Einwanderer braucht, um zu überleben. Wo stehen wir also?
  199. Ich glaube, die Aufgabe von 2015, die haben wir überwiegend geschafft.
  200. Wir haben neue Aufgaben dazu bekommen, und es wird jetzt darum gehen, politisch clevere Lösungen zu finden für all diese Probleme und
  201. nicht die ganze Zeit auf 2015 zu schielen, sondern nach vorne zu gucken und zu sagen, wie kriegen wir die Dinge, die jetzt aktuell da sind,
  202. die wir jetzt auch in den letzten Jahren, vielleicht auch erst produziert haben an Problemen, wie kriegen wir das in den Griff?
  203. Die Frage der Zukunft ist also nicht: Können wir es schaffen, sondern wie schaffen wir’s?
  204. In einem Land, das immer älter wird. Und in einer Welt mit Kriegen und dem Klimawandel,
  205. wird Einwanderung nicht aufhören. Um das zu meistern, braucht es den politischen Willen zum Erfolg.
  206. Und Menschen, die bereit sind, die Extrameile zu gehen. Menschen aus der Zivilgesellschaft, die einspringen,
  207. wenn die Behörden überfordert sind. Und Brücken bauen, wenn die Gesellschaft auseinander driftet.