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Wie hat Migration Deutschland verändert? | DW News
Das Wichtigste aus dem Video
Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.
Transkriptautomatisch erstellt · 207 Zeilen
- Wie ist Deutschland von dieser Haltung, zu dieser gekommen?
- Wir sind jetzt schon zehn Jahre hier mit den Flüchtlingen belastet. Ich finde, das reicht auch dann irgendwann.
- Deutschland verschärft seine Maßnahmen gegen Asylsuchende. Mit Grenzkontrollen und strengeren Regeln.
- Heute leben 3,5 Millionen Geflüchtete in Deutschland. Angefangen hat alles 2015.
- Die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel wagte einen mutigen Schritt: Sie ließ hunderttausende Asylsuchende ins Land
- und stellte Deutschland damit vor eine große Herausforderung: Wir haben so vieles geschafft.
- Wir schaffen das! Sie wurde gefeiert und verurteilt.
- Was hat sie getan? Sie ist dabei, Deutschland zu zerstören.
- Stimmt das? Oder hat Deutschland Einwanderung erfolgreich gemeistert?
- In diesem Film geht es um Fakten. Migrations-Kritiker, aber auch Menschen,
- die geflohen sind und die heute Deutsche sind. Deutschland hat mir ganz viel gegeben.
- Wir besuchen Orte, die für den Wandel Deutschlands stehen. Was ist schief gegangen?
- Und was hat geklappt? Warum hat sich Deutschland so verändert?
- Wo steht das Land nach 10 Jahren "Wir schaffen das"? Wir beginnen die Reise in Boostedt.
- Die Kleinstadt im Norden Deutschlands hat knapp 6000 Einwohner. Zeitweise waren bis zu 2000 Geflüchtete
- in der nahegelegenen Landesunterkunft einquartiert. Ich glaube, manche Politiker
- sehen nicht, was da vor Ort geleistet werden muss.
- Das ist Hartwig Puhlmann. Von Anfang an hat er sich zur Aufgabe gemacht,
- zwischen Asylbewerbern und Anwohnern zu vermitteln. Und er hört sich die Sorgen von allen an.
- Manche Boostedter haben ihm gesagt, dass sie sich zerrissen fühlen, zwischen dem Wunsch Kriegsflüchtlingen zu helfen und
- der Angst vor den Neu-Ankömmlingen. Das hatte Überhand genommen.
- Egal, wo man hinging, das war Völkerwanderung. Die liefen zu zehnt, zu zwanzig,
- zu Hunderten dort und das war schon, ja, das war schon aussagekräftig.
- Das sind zu viele. Für so ein Dorf wie Boostedt.
- Und was Puhlmann hier hört, denken viele andere Deutsche auch. In einer Umfrage Anfang des Jahres gaben 70% der Befragten an,
- Deutschland solle weniger Geflüchtete aufnehmen. Um zu verstehen, warum das so ist, verlassen wir Boostedt
- und werfen einen Blick in die Vergangenheit. Vor einem Jahrzehnt war die Stimmung in Deutschland eine ganz andere.
- Deutschland war gerade Fußballweltmeister geworden. Hatte 2015 eine Wirtschaftskrise in Europa ganz gut überstanden.
- Das ist Hannes Schammann, ein Migrationsforscher, der sich mit den Auswirkungen von Einwanderung beschäftigt.
- Die Stimmung insgesamt im Land war eine gute, man hatte das Gefühl,
- Deutschland kann ganz viel schaffen, ist in der Welt vorne dran.
- Angela Merkel war eine akzeptierte, ja, Führerin in der Welt. Aber dann passierte folgendes: im Spätsommer kamen immer mehr
- Geflüchtete an den europäischen Grenzen an, auf der Suche nach Asyl. Das Ziel vieler: Deutschland.
- Unter Zeitdruck traf Angela Merkel die umstrittene Entscheidung, die Menschen ins Land zu lassen.
- Wir haben so vieles geschafft, wir schaffen das. Und viele Deutsche, dachten genauso.
- In jenem Jahr kamen so viele Asylbewerber nach Deutschland, wie noch nie zuvor.
- Fast 480.000 Menschen. Die Herkunftsländer der meisten: Syrien, Afghanistan und Irak.
- Und Deutschland hieß sie willkommen. Mit ihren Geschichten, Traumata und Träumen.
- Nach einer gefährlichen Reise über das Mittelmeer kam damals auch die Familie von Nebal Altoubal in Deutschland an.
- Heute sind sie alle deutsche Staatsbürger. Jetzt habe ich zwei Heimatländer
- und das ist sehr schönes Gefühl. Sie leben in Ulm, in Süddeutschland.
- Vor zehn Jahren war es unwahrscheinlich, dass Nebal und ihre Familie hier landen würden.
- Ihr Zuhause war Syrien, doch ihr Viertel in der Nähe von Damaskus war ständig unter Beschuss.
- Wenn Eltern nicht mehr ihre Kinder schützen können, dann müssen sie unbedingt eine Lösung finden.
- Und das war die Lösung, dass wir rausgehen, egal wie. Heute sprechen sie fließend Deutsch,
- mieten eine Wohnung in einer ruhigen Gegend und arbeiten Vollzeit. Ihre Kinder sind erwachsen und studieren.
- Das hier ist unsere Heimat geworden und unsere Heimat vergessen wir auch nicht.
- Also, wir versuchen auch, unserer Heimat was zu bringen und Deutschland auch was zu bringen, also alles, was wir halt machen können.
- Hier ein Leben aufzubauen, sagt Nebal, sei sehr anstrengend gewesen. Heute arbeitet sie als ausgebildete chemisch-technische Assistentin.
- Wir haben alles, was wir machen sollen gemacht und deshalb haben wir es vielleicht geschafft.
- Von so einem Leben haben viele geträumt, als sie nach Deutschland geflohen sind.
- Doch für einige, ist es nur ein Traum geblieben. Auch Kamiran Dawood floh vor dem Krieg in Syrien.
- 2015 ist er mit seiner Familie in Deutschland angekommen. Nur Kamiran hat sich für Interviews bereit erklärt.
- Er und seine Familie leben heute in Cottbus, einer Stadt im Osten Deutschlands nahe der polnischen Grenze.
- Viele anerkannte Asylbewerber wurden hier untergebracht. Einige sind bis heute geblieben, auch weil Wohnraum hier
- relativ erschwinglich ist. Der Ausländeranteil unter den Anwohnern hat sich in der Stadt
- seit 2014 fast verdreifacht. Einer von ihnen ist Kamiran.
- Er setzte große Hoffnungen in sein Leben in Deutschland. Seit einem Autounfall in Syrien ist Kamirans Hand gelähmt.
- Ich kam hierhin und dachte mir, die Medizin hier ist super toll,
- allerdings bin ich enttäuscht. Für seine Hand scheint es keine Heilung zu geben.
- Aber seine Familie lebt in Sicherheit und seine Töchter gehen zur Schule. Kamiran selbst tut sich noch schwer.
- Hauptsächlich aus einem Grund. Als ich in der Sprachschule war,
- konnte ich leider das B1-Niveau nicht erreichen, ich habe eine Schreibschwäche.
- Ich konnte ein bisschen lesen. Nach zehn Jahren braucht er immer noch Hilfe, um sich
- in Deutschland zurechtzufinden. Deshalb besucht Sozialarbeiter Nadeem Manjouneh die Familie regelmäßig –
- er hilft ihnen bei Papierkram und anderen Problemen. Später im Film lernen wir Nadeem besser kennen.
- Kamiran sagt, es sei schwierig für ihn, einen Job zu finden. Er war nur bis zur 8. Klasse in der Schule.
- Der deutsche Arbeitsmarkt erstmal, der ist weiterhin sehr sehr stark von der deutschen Sprache abhängig
- und das ist ein großes Problem. Kamiran und seine Familie erhalten vom Staat finanzielle Unterstützung.
- Wie viele andere auch. Jeder Zweite aus Ländern wie Afghanistan, Syrien oder Pakistan
- erhält Sozialleistungen, die andere Hälfte arbeitet. Viele Flüchtlinge verlassen ihre Heimat wegen Kriegen und Konflikten
- und suchen hier Asyl. Wie Menschen aus Syrien, Afghanistan – oder der Ukraine.
- Das heißt, viele Geflüchtete sind nicht immer sofort in der Lage, in Deutschland zu arbeiten.
- Asylbewerber, die nach Deutschland kommen, sind im Durchschnitt relativ gering qualifiziert.
- Das ist Daniel Thym. Der Professor forscht zu deutschem und internationalem
- Einwanderungsrecht. Natürlich gibt es auch Ärztinnen und Ärzte dabei, aber die Mehrheit hat
- keine universitären oder berufliche Ausbildung durchlaufen. Die reisen ein, können erst mal kein Deutsch, die müssen staatlich
- untergebracht werden, die Leben von Sozialleistungen, das dauert einige Jahre, bis die überhaupt einen Job finden und
- auch dann arbeiten sie häufig auf einem eher gering qualifizierten Niveau. Eine große Hürde: die Anerkennung ihrer bisherigen Qualifikationen.
- Deutsche Behörden akzeptieren diese nicht immer. Das schlägt sich auch in Zahlen nieder.
- Es dauert eine Weile, bis Flüchtlinge und Einwanderer Arbeit finden. Doch nach sieben Jahren haben mehr als 60 Prozent der Menschen,
- die 2015 ankamen, eine Arbeit gefunden. Haitham, Nebals Ehemann, hat eine gute Stelle gefunden.
- In Syrien war er als Schuhmacher selbstständig. Nach weniger als einem Jahr in Deutschland, fing er an,
- als orthopädischer Schuhmacher zu arbeiten. Für mich selber ist meine Arbeit wichtig.
- Damit kann man leben. Weil mein Plan war, wenn ich entschieden habe nach Deutschland zu gehen,
- muss ich auch so schnell wie möglich arbeiten. Wenn Haitham nicht mehr hier wäre,
- würde ein großer Baustein von unserem Betrieb zusammenbrechen,
- so würde ich das definieren. Viele Experten betonen, wie wichtig Flüchtlinge und Asylsuchende
- für den deutschen Arbeitsmarkt sind. Deutschland wirbt um immer mehr Arbeitskräfte aus dem Ausland.
- Studien zufolge werden jährlich mindestens 288.000 Fachkräfte benötigt, um die Lücken zu schließen.
- Deutschland profitiert bereits heute von rund zwei Millionen Fachkräften aus dem Ausland.
- Syrer beispielsweise stellen die größte Gruppe der im Ausland geborenen Ärzte in Deutschland dar – etwa 6.000.
- Ohne Einwanderer würden viele essentiell wichtige Bereiche zusammenbrechen.
- Wie diese viralen Videos aus Kliniken zeigen. Doch wegen Arbeit kommen die wenigsten Flüchtlinge
- nach Deutschland. Sie suchen Asyl, weil sie vor Krieg und Verfolgung fliehen.
- Das Recht auf Asyl ist im deutschen Grundgesetz verankert. Es wird unabhängig von Qualifikationen gewährt.
- Fachkräfte werden dringend benötigt – egal, ob sie Asyl suchen oder nicht. Die deutsche Bürokratie hat Schwierigkeiten, die vielen Anträge
- von Geflüchteten und anderen Einwandern zu bearbeiten. Die Zahl der Ausländerinnen und Ausländer
- hat sich in den letzten 10 Jahren in Deutschland ungefähr verdoppelt.
- Die Zahl der Behördenmitarbeitenden nicht. Das heißt, allein daran sieht man, dass diese, dass da ganz viel
- auf die zukommt, dass die überlastet sind. Je nach Fall, müssen Asylsuchende mindestens drei bis sechs Monate
- auf eine Arbeitserlaubnis warten. Aber häufig dauert es noch viel länger, manchmal sogar Jahre.
- Das deutsche System, das erzieht Migrantinnen und Migranten zu Passivität.
- Sie warten auf irgendeine Entscheidung, dass irgendwas mit ihnen geschieht. Und dann kommt aber irgendwann der Switch, der umgelegt wird,
- jetzt musst du dich beweisen auf dem Arbeitsmarkt und das bekommen viele nicht hin.
- Eine Sprache, die schwer zu erlernen ist, eine überfordernde Bürokratie, ein Arbeitsmarkt, der schwer zugänglich ist: alles Faktoren,
- die Menschen davon abhalten, anzukommen oder sich zu integrieren. Und deshalb springen seit Jahren viele Deutsche ein, um Geflüchteten
- in ihrer Freizeit zu helfen. Zurück ins Schwabenland.
- Nach Schwendi. Bernd Karrer ist Teil einer Gruppe von Dorfbewohnern, die Nebals Familie
- bei ihrer Ankunft unterstützt haben. Bis heute arbeitet er in seiner Freizeit mit Flüchtlingen.
- Hallo, Irfan. Schön, dich zu sehen.
- Wie geht's? Die Arbeit mit den Geflüchteten
- ist ja wirklich eine tolle Sache. Macht wirklich Freude.
- Sind ja auch schon kleine Freundschaften entstanden, und wir sehen ja den Sinn und die die Wichtigkeit unserer Arbeit.
- Ehrenamtliche Hilfe war entscheidend, um die Menschen beim Ankommen zu unterstützen.
- Ich vergesse nie, dass die Deutschen und Deutschland uns hilft. Sehr gut.
- 2015 engagierte sich jeder zweite Deutsche in der Flüchtlingshilfe, auch ehrenamtlich.
- Doch das änderte sich schnell. Die Hilfsbereitschaft nahm innerhalb von nur zwei Jahren deutlich ab.
- Gleichzeitig wurden die Skeptiker lauter. Wir sind das Volk.
- Und das kam nicht überraschend. Es war natürlich nie so, dass 2015 alle,
- die gesamte Bevölkerung “Hurra” geschrien hat.
- Es gab immer natürlich eine eine Anzahl von Menschen, die nicht mehr Vielfalt wollte in Deutschland, die nicht mehr Zuwanderung wollte.
- Es gab Ereignisse, durch die die Stimmung gekippt ist. So beispielsweise Silvester in Köln, 2015.
- In dieser Nacht erstatteten mehr als 600 Frauen Anzeige wegen sexueller Übergriffe, die passierten, als sie öffentlich feierten.
- Die Polizei sagte, sie gehe davon aus, dass ein Großteil der Verdächtigen Nordafrikaner seien.
- Doch viele der Täter konnten nicht final identifiziert werden. Am Ende gab es nur in 32 Fällen Verurteilungen, die meisten wegen
- Raub oder Diebstahl - Verbrechen, die in dieser Nacht auch begangen wurden. Die Kölner Silvesternacht hat
- auf jeden Fall den Fokus auf das Thema Migration, Kriminalität,
- Sexualstraftaten gelenkt. Gina Rosa Wollinger ist Professorin für Kriminologie.
- Dieser Diskurswandel, den sie beschreibt, hat den Aufstieg einer neuen Partei befeuert:
- Der in Teilen rechtsextremistischen AfD – Alternative für Deutschland. 2016 legte die AfD bei Kommunalwahlen deutlich zu.
- In den darauffolgenden Jahren hat die Partei zunehmend mit ihrer polarisierenden Rhetorik Einwanderer angegriffen.
- Burkas, Kopftuchmädchen und alimentierte Messermänner...
- Gerade von einer Partei wie der AFD spielt Kriminalität eine ganz große Rolle.
- Also man kann damit Aufmerksamkeit machen, Politik machen und es adressiert einfach so Unsicherheitsgefühle,
- die man da schnell fassen kann. In den vergangenen zehn Jahren ist die AfD zur zweitstärksten Partei
- im deutschen Bundestag geworden. Bei der letzten Bundestagswahl gab jeder fünfte Wähler
- der AfD seine Stimme. In Boostedt, wo wir die Reise angefangen haben,
- war es sogar jeder Vierte. Das seien viel zu viele AfD-Anhänger, findet Hartwig Puhlmann,
- der pensionierte Polizist. Das, was Weidel und Co sagen,
- ist einfach nicht in Ordnung. Das ist rechtlich auch nicht sauber und da müssen wir doch gegenhalten.
- Doch Puhlmann sagt, dass es nach zehn Jahren schwieriger sei, dagegenzuhalten. Ich merke es auch manchmal im Freundeskreis, dass mir sehr wichtige
- Menschen auch zu Vereinfachung übergehen, weil sie auch manchmal einfachen Lösungen aufgesessen sind.
- Gemeinsam mit dieser Runde versucht er dennoch, in seinem Dorf was zu verändern und Brücken zu bauen.
- Als es Beschwerden über Müll in der Stadt gab, organisierte die Gruppe täglich Müllsammelaktionen, und viele Asylsuchende halfen mit.
- Ich finde das positiv. Es kommt einem viel weniger vor.
- Und das ist schon mal gut. Und als die Menschen im Dorf sich unsicher fühlten, zeigten
- Sozialarbeiter mehr Präsenz auf den Straßen. Einen Ort, den sie immer besuchen: den örtlichen Supermarkt.
- Hier gab es schon Anzeigen wegen Diebstahl und Beschwerden, dass Asylsuchende, hier abends herumlungerten.
- Ja, ok. Gehen wir nach hinten. Möchtet ihr hier bleiben?
- Stellt eure Fahrräder dahinten ab. Könnt ihr da ein bisschen sprechen
- und danach mit deinem Mercedes direkt nach Hause. Wir haben in den Bereichen schon auch bei einigen das Sicherheitsgefühl
- gestärkt, also positiv beeinflusst. Natürlich gibt es weiterhin Ängste, weil eben fremde Kulturen hier
- in einer gewissen Überzahl sind und trotzdem neben dem Gefühl haben wir ja auch erreicht, dass es so gut wie keine Straftaten auf der Straße gibt.
- Trotzdem bleibt es fragil. So: "Wehe, es passiert denn doch was".
- Polizeistatistiken zeigen, dass Ausländer generell häufiger verdächtigt werden als Deutsche.
- Im vergangenen Jahr waren 35 Prozent der Tatverdächtigen keine deutschen Staatsbürger.
- Der Ausländeranteil in Deutschland beträgt allerdings nur rund 15 Prozent.
- Jetzt kann man sagen, das ist doch ganz klar überrepräsentiert, aber es
- gibt viele Verzerrfaktoren. Einer davon: Menschen zeigen häufiger Personen an,
- die sie als Ausländer lesen. Viele Flüchtlinge haben Gewalt erlebt.
- Traumata können zu schweren psychischen Problemen führen. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, kriminell zu werden – nicht weil sie
- Einwanderer sind, sondern aufgrund ihrer Situation. Ferner sind die Geflüchteten auch nicht ein Querschnitt der jeweiligen
- Herkunftsgesellschaft, sondern vor allem junge Männer. Und wir wissen: diese beiden Merkmale, jung und männlich, die sind
- sehr stark im Zusammenhang mit Gewaltkriminalität. Es gab einige Verbrechen von Flüchtlingen,
- die Deutschland erschütterten. Wie zum Beispiel 2016 in Berlin: Ein Terroranschlag auf
- einen Weihnachtsmarkt. Oder 2024 in Solingen: Ein tödlicher Messerangriff auf einem Stadtfest.
- Oder dieses Jahr in Aschaffenburg. Dort griff ein psychisch kranker Mann eine Kindergartengruppe mit
- einem Messer an und tötete zwei Menschen. Der Tatverdächtige war Afghane und sollte abgeschoben werden.
- Diese Fälle sind selten. Dennoch haben sie die Wahrnehmung von Einwanderern, einschließlich
- Flüchtlingen, extrem beeinflusst. Studien zufolge sind nach Anschlägen wie diesen rechtsextreme Parteien,
- wie die AfD, die großen politischen Gewinner. Aber auch Flüchtlinge und andere Einwanderer sind zunehmend Opfer
- von Kriminalität und Gewalt. Antimuslimische Gewalt, Rassismus und andere Formen der Diskriminierung
- nehmen zu – ein großes Problem für viele Einwanderer in Deutschland. Nadeem Manjouneh, Kamirans Sozialarbeiter, kennt Rassismus.
- Damit haben wir auch täglich zu tun. Also von Klienten, die zum Beispiel
- ein Schweineohr im Briefkasten bekommen, zu Klienten, die einfach angeschrien werden.
- Nadeem kam als Flüchtling aus Syrien und ist heute deutscher Staatsbürger. Er erzählt uns, dass er selbst schon körperliche Gewalt durch
- Rechtsextremisten erlebt habe. In Cottbus werden rechtsextreme Symbole offen gezeigt.
- Deutschland hat mir ganz viel gegeben. Ich bin in einer Diktatur geboren und hier konnte ich Demokratie schmecken,
- zum ersten Mal. Und zu wissen, dass solche Flaggen, einer Ideologie dienen, von
- “Wir wollen nur Menschen hassen aufgrund von Aussehen, Farbe oder Religion”. Und das fühlt sich für mich dann schlecht an.
- Laut deutschen Geheimdiensten hat sich die Zahl der potenziell gefährlichen Rechtsextremisten seit 2015 versechsfacht.
- Und die Zahl der gemeldeten rassistischen Straftaten hat sich seit 2017 vervielfacht. Es gab schockierende Vorfälle rassistischer Gewalt, wie dieser
- Anschlag in Hanau im Jahr 2020. Ein Mann erschoss neun Menschen und hatte dabei Einwanderer im Visier.
- Ein düsterer Schluss. Zeit auf das große Ganze zu blicken.
- Wir haben recht viel über Kriminalität gesprochen, sowohl über die, die sich gegen Flüchtlinge richtet, als auch über die,
- die von ihnen begangen wird – mutmaßlich und bestätigt. Und ja, das Ganze ist das entscheidende Thema
- in der deutschen Politik geworden. Die AfD verändert den öffentlichen Diskurs und schürt Skepsis,
- Angst und Hass. Ihr politischer Erfolg hat andere Parteien dazu veranlasst,
- eine härtere Haltung und Rhetorik in der Einwanderungsfrage einzunehmen. Und das zeigt sich auch in politischen Entscheidungen.
- Während Merkel ihre Entscheidung von 2015 noch immer weiter verteidigt, hat sich die aktuelle deutsche Haltung zum Asylrecht drastisch geändert.
- Wir ordnen Migration. Mit mehr Begrenzung, mehr Zurückweisung,
- mehr Steuerung, mehr Rückführungen. Kritiker sagen, die Maßnahmen seien nicht konform mit europäischem Recht
- oder reine Symbolpolitik. Doch sie sind auch eine Reaktion auf die wachsende Forderung nach
- Kontrolle und Begrenzung. Deutschland ist also zerrissen.
- Zwischen dem Gefühl der Überforderung und dem Willen zu helfen. Doch das Land ist auf Einwanderung angewiesen.
- Deutschland steckt in einem demografischen Wandel mit einer schrumpfenden und alternden Gesellschaft.
- Experten sagen, dass das Land Einwanderer braucht, um zu überleben. Wo stehen wir also?
- Ich glaube, die Aufgabe von 2015, die haben wir überwiegend geschafft.
- Wir haben neue Aufgaben dazu bekommen, und es wird jetzt darum gehen, politisch clevere Lösungen zu finden für all diese Probleme und
- nicht die ganze Zeit auf 2015 zu schielen, sondern nach vorne zu gucken und zu sagen, wie kriegen wir die Dinge, die jetzt aktuell da sind,
- die wir jetzt auch in den letzten Jahren, vielleicht auch erst produziert haben an Problemen, wie kriegen wir das in den Griff?
- Die Frage der Zukunft ist also nicht: Können wir es schaffen, sondern wie schaffen wir’s?
- In einem Land, das immer älter wird. Und in einer Welt mit Kriegen und dem Klimawandel,
- wird Einwanderung nicht aufhören. Um das zu meistern, braucht es den politischen Willen zum Erfolg.
- Und Menschen, die bereit sind, die Extrameile zu gehen. Menschen aus der Zivilgesellschaft, die einspringen,
- wenn die Behörden überfordert sind. Und Brücken bauen, wenn die Gesellschaft auseinander driftet.