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Messianische Juden

Als messianische Juden bezeichnen sich Menschen, die an Jesus Christus als ihren Messias glauben, sich aber zugleich dem Judentum zugehörig fühlen und …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundverständnis und Einordnung
  2. 2. Identität, Gemeinden und Gottesdienst
  3. 3. Strömungen und kulturelle Unterschiede
  4. 4. Entstehung und Verbreitung
  5. 5. Jüdische und kirchliche Bewertungen

Grundverständnis und Einordnung

Messianische Juden sind Menschen, die Jesus Christus als Messias glauben, sich zugleich zum Judentum zugehörig fühlen und jüdische Bräuche pflegen. Ihre Bibel umfasst Tanach (Altes Testament) und Neues Testament, das sie oft „Zweites Testament“ nennen; beide gelten ihnen als vollständig von Gott inspiriert.

Im Artikel bezeichnet der Begriff vor allem unabhängige Gemeinden, die jüdische Identität und Jesusglauben bewusst verbinden. Die Bezeichnung ist jedoch nicht eindeutig: Manche entsprechenden Gemeinden verwenden sie nicht, während einzelne Juden in christlichen Kirchen sie für sich nutzen. In den Gemeinden leben auch Menschen ohne jüdisch geprägte Identität, die meist „messianische Nichtjuden“ heißen. Theologisch stehen viele den evangelikalen Christen nahe; ihre Spiritualität ist häufig charismatisch beeinflusst. Gegenüber traditionellem Christentum unterscheiden sie sich besonders durch Gottesdienstformen, Festkalender und die Frage der Thoraobservanz, also der Verpflichtung, Gebote der Thora einzuhalten.

Jüdische Organisationen, das israelische Oberste Gericht und überwiegend Juden in Israel erkennen messianische Juden religiös nicht als Juden an. Die großen Kirchen in Deutschland begegnen ihnen zurückhaltend, vor allem wegen der Judenmission. Viele evangelikale Kirchen verstehen messianisches Judentum dagegen als Teil des evangelikalen Christentums.

Identität, Gemeinden und Gottesdienst

Messianische Juden verstehen sich als Juden, die Jesus von Nazareth als göttlichen Messias des jüdischen Volkes bekennen. Wie stark jüdische Identität oder Jesusglaube sichtbar werden, ist unterschiedlich. Die Union messianisch-jüdischer Gemeinden (UMJC) beschreibt messianisches Judentum als jüdisches Leben in jüdischer Identität, das in der Thora wurzelt, sich in Tradition ausdrückt und im Neuen Bund erneuert und vollzogen wird. Sie gehört damit zum „jüdischen Flügel“ der Bewegung. Viele berufen sich auf die Jerusalemer Urgemeinde und auf das Apostelkonzil in Apg 15 EU: Nichtjuden, die an Jesus glauben, müssten nicht zum Judentum übertreten und jüdische Gebote halten.

Die Bezeichnung „Christen“ wird oft abgelehnt. Gründe sind die Verfolgung von Juden durch Menschen, die sich Christen nannten, die bevorzugte hebräische Sprache und die Überzeugung, mit dem Glauben an Jeschua HaMaschiach die jüdische Identität nicht aufzugeben.

Eine zentrale Hierarchie gibt es nicht. Netzwerke sind unter anderem die Internationale messianisch-jüdische Allianz mit nationalen Allianzen, die UMJC, Ausbildungs- und Missionsorganisationen wie Jews for Jesus und Chosen People Ministries beziehungsweise Beit Sar Shalom. Seit 2018 verbindet Yachad BeJeshua jesusgläubige Juden aus katholischen, orthodoxen und protestantischen Kirchen, Freikirchen sowie eigenen Gemeinden und Synagogen.

Der Hauptgottesdienst wird meist am Schabbat gefeiert. Er kann einem Siddur folgen oder freikirchlich geprägt sein; die Thoralesung gilt als Höhepunkt. Kippa und Tallit sind verbreitet, aber meist nicht verpflichtend, und Geschlechter werden in der Regel nicht räumlich getrennt. Gefeiert werden jüdische Jahresfeste wie Pessach, Schawuot und Sukkot, deren Riten messianisch neu gedeutet werden. Jesus heißt meist Jeschua, Paulus Scha’ul. Jungen werden in der Regel beschnitten; die Taufe wird überwiegend als Gläubigentaufe durch vollständiges Untertauchen praktiziert. Das Abendmahl wird je nach Gemeinde wöchentlich, monatlich oder jährlich an Pessach am 14. Nisan gefeiert.

Strömungen und kulturelle Unterschiede

Die Bewegung ist nicht einheitlich. Das wichtigste Spannungsfeld ist die Thoraobservanz. Thoraobservante Richtungen sehen Juden als von Gott verpflichtet an, die Gebote der Thora zu halten. Manche beschränken dies auf die alttestamentlichen und heute umsetzbaren Gebote, andere erkennen auch die Halacha, das jüdische Religionsgesetz, als maßgeblich an. Wieder andere entwickeln eine eigene messianisch-jüdische Halacha aus Altem und Neuem Testament sowie jüdischer Halacha. Sie betrachten die Thora nicht als abgelöst und grenzen sich teils von nichtobservanten Gruppen ab.

Nichtobservante Gruppen sehen keine göttliche Pflicht zur Thoraobservanz. Viele übernehmen dennoch ausgewählte jüdische Praxis, halten den Sabbat oder beachten Gebote, die auch für Nichtjuden gelten. Dies kann der Identifikation mit dem jüdischen Volk oder einem nicht anstößigen Leben im jüdischen Umfeld dienen. Gerade diese Richtung wird von evangelikalen Christen unterstützt. Einzelne messianische Juden stehen auch christlichen Dogmen wie der Dreieinigkeit kritisch gegenüber und werden dann teilweise als Antitrinitarier nicht als Christen anerkannt.

Kulturelle Kontexte prägen die Praxis: In Israel stützt sich jüdische Identität oft auch auf Staatsbürgerschaft, Steuern und Militärdienst; in der Diaspora ist die Synagogenzugehörigkeit wichtiger. Deshalb integrieren Gemeinden außerhalb Israels im Durchschnitt mehr synagogale Traditionen; in den USA werden Kippa und Tallit häufiger getragen. Mitglieder aus der ehemaligen Sowjetunion wuchsen oft in einem areligiösen Umfeld auf und lernten jüdische Praxis teils erst nach ihrem Jesusglauben kennen; sie sind im Durchschnitt christlicher geprägt, zeigen aber eine zunehmende Hinwendung zu jüdischer Praxis.

Entstehung und Verbreitung

Eine direkte historische Tradition von den Judenchristen der ersten Jahrhunderte zu heutigen messianischen Juden besteht nicht. Die frühe judenchristliche Gruppe verlor ab dem 2. Jahrhundert durch die Mission unter Nichtjuden an Bedeutung und verschwand. Die heutige Bewegung wurzelt in den Hebräischen Christen des 19. Jahrhunderts.

Im Umfeld judenmissionarischer Organisationen entstanden damals Gruppen jesusgläubiger Juden, die ihre „hebräische“ Identität bewahren wollten. Die London Society for Promoting Christianity Among the Jews wurde 1809 gegründet; 1814 begannen hebräische Gottesdienste in London, 1845 entstand in Hamburg eine Jerusalem-Gemeinde. 1884 gründete Joseph Rabinowitz in Kischinew eine messianische Synagoge, die sich bewusst von christlichen Kirchen abgrenzte. Seine „Gemeinde von Israeliten des Neuen Bundes“ zerfiel 1939 mit der eskalierenden Judenverfolgung.

Im frühen 20. Jahrhundert entstanden mehrere Allianzen; die International Hebrew Christian Alliance hatte 1936 14 nationale Unterallianzen in Europa. Der Holocaust zerstörte die meisten davon bis 1945. In den 1960er- und 1970er-Jahren erneuerte eine jüngere Generation in Israel und den USA die Bewegung und bezog jüdische Praxis stärker ein. 1975 wurde die Hebrew Christian Alliance of America in Messianic Jewish Alliance of America umbenannt. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs verbreitete sich die Bewegung auch in Staaten der ehemaligen Sowjetunion und gelangte mit jüdischen Kontingentflüchtlingen nach Deutschland.

Die größten Zentren liegen in den USA und Israel. Für 2016 wurden etwa 300 Gruppen und Gemeinden in den USA, ca. 120 in Israel und 25–40 in Deutschland geschätzt. Die größte Gemeinde befindet sich in Chișinău und hat über 1000 Mitglieder. In Deutschland bestehen Gemeinden seit den 1990er-Jahren vor allem durch Einwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion; deshalb wird häufig Russisch gepredigt. In Israel wurden 1998–1999 rund 80 Gruppen und Gemeinden mit etwa 5.000 Personen erfasst; 2008 lautete die Schätzung 6.000–15.000 Mitglieder. Heute werden dort ungefähr 80–120 Gemeinden oder Gruppen genannt.

Jüdische und kirchliche Bewertungen

Das Judentum erwartet den Messias künftig und erkennt Jesus nicht als Messias an, weil er nach jüdischer Auffassung die Kriterien nicht erfüllt. Messianische Juden gelten daher als christliche Sondergemeinschaft. Nach israelischer Rechtspraxis verlieren Personen jüdischer Herkunft, die eine andere Religion angenommen haben, darunter messianisches Judentum, grundsätzlich Ansprüche aus dem Rückkehrgesetz. Dieses gewährt Juden ein Einwanderungsrecht nach Israel, die Alija. Nach der Halacha bleibt die jüdische Abstammung zwar formal bedeutsam, religiös gelten Betroffene jedoch als vom Judentum abgefallen. Sie dürfen in Israel nicht religiös heiraten; eine Zivilehe gibt es dort nicht.

Besonders umstritten ist die missionarische Tätigkeit vieler messianischer Juden unter Juden, die sich auf Mt 28,19–20 EU stützt. Jüdische Vertreter kritisieren dies scharf; der Zentralrat der Juden in Deutschland wirft ihnen vor, gezielt Kontingentflüchtlinge aus Osteuropa anzuwerben und deren geringe Kenntnisse des Judentums auszunutzen.

Die evangelische und die römisch-katholische Kirche in Deutschland vertreten einen Heilsweg, kritisieren aber Judenmission. Die EKD bezeichnete den religiösen Status messianischer Juden 2000 als ungeklärt. Ihr Beschluss von 2016 erklärte, Christen seien nicht berufen, Juden zum Religionswechsel zu führen; messianische Juden wurden dabei nicht erwähnt. 2017 folgte die Positionsbestimmung „Judenchristen – jüdische Christen – ‚messianische Juden‘“. Bei Kirchentagen waren Beteiligungen zunächst eingeschränkt, 2010 gab es beim Ökumenischen Kirchentag in München erstmals eine eigene Veranstaltungsreihe, 2013 einen Stand bei der SELK und 2015 ein Podiumsgespräch.

Die katholische Kirche betont seit Nostra aetate des Zweiten Vatikanischen Konzils von 1965 die fortbestehende Erwählung Israels und lehnt eine Judenmission zur Rettung vor „ewiger Verdammnis“ ab. Messianische Juden werden nicht ausdrücklich genannt; die Kirche bleibt ihnen gegenüber zurückhaltend bis ablehnend. 1995 gründeten messianische Juden und christliche Vertreter in den USA Towards Jerusalem Council II, damit Kirchen jesusgläubigen Juden ihre jüdische Identität nicht absprechen.

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