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Mensur (Studentenverbindung)

Eine Mensur ist ein traditioneller, streng reglementierter Fechtkampf zwischen zwei männlichen Mitgliedern unterschiedlicher Studentenverbindungen mit …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Definition, Zweck und Grundregeln
  2. 2. Beteiligte, Ausbildung und Verletzungsrisiko
  3. 3. Historische Entwicklung und Formen
  4. 4. Verbindungen, Rechtslage und politische Umbrüche
  5. 5. Wirkung auf Sprache und öffentliche Kritik

Definition, Zweck und Grundregeln

Eine Mensur ist ein traditioneller, streng reglementierter Fechtkampf zwischen zwei männlichen Mitgliedern verschiedener Studentenverbindungen. Gefochten wird mit geschärften Klingenwaffen, dem Korb- oder Glockenschläger. Verbindungen, die Mensuren pflegen, heißen schlagend. Sie gibt es vor allem in Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie vereinzelt in Belgien, Polen und im Baltikum. Verletzungen und ihre Narben werden Schmisse genannt.

Die Mensur ist weder Sport noch Duell. Es gibt keinen Sieger und keinen Verlierer; jeder Paukant wird unabhängig von seinem Gegner bewertet. Maßgeblich sind unter anderem Stand, Moral und Technik. Die Bewertung übernimmt der Mensurconvent, ein Gremium anwesender Mitglieder der jeweiligen Verbindung.

Im Mittelpunkt stehen aufrechte Teilnahme, Durchhalten, Disziplin und die Beherrschung von Angst und Affekten (Contenance). Ein Zurückweichen gilt als Niederlage, eine Verletzung dagegen nicht. Anders als beim historischen Duell dient die Mensur nicht dazu, Beleidigungen zu rächen oder Satisfaktion, also Genugtuung, zu geben. Ehrenhändel mit Waffen sind heute rechtlich verboten.

Beim Mensurfechten sind ausschließlich Hiebe erlaubt; Stiche sind verboten. Trefferfläche ist nur der Kopf, während der übrige Körper durch Schutzwaffen geschützt wird. Die Paukanten stehen grundsätzlich in fester Stellung; bewegt wird vor allem der Schlagarm, der zugleich zur Deckung dient. Jeder Waffenring besitzt einen eigenen Fecht-Comment mit Regeln zu Waffen, Schutzkleidung, Kommandos, Hieben, Hiebkombinationen, Gangzahl und Gangdauer. Die Comments können sich deutlich unterscheiden. Üblicherweise wird zu Beginn und Ende ein Ehrengang geschlagen.

Beteiligte, Ausbildung und Verletzungsrisiko

An einer Mensur wirken regelmäßig ein Unparteiischer, zwei Paukanten, zwei Sekundanten, zwei Testanten, zwei Protokollführer, zwei Schlepper, ein oder zwei Paukärzte und einige Spektanten mit. Der Unparteiische gehört keiner der beiden beteiligten Verbindungen an. Er überwacht die Einhaltung der Regeln und besitzt das Hausrecht im Pauklokal. Er unterbricht die Partie normalerweise nicht selbst und entscheidet vor allem dann, wenn ein Sekundant eine Handlung beanstandet; seine Entscheidungen gelten meist als nicht anfechtbar.

Die Paukanten folgen den Kommandos ihrer Sekundanten und sprechen nur leise mit ihnen. Der Sekundant ist für Schutz und rechtliche Vertretung seines Paukanten zuständig, kontrolliert die Ausrüstung, gibt die Kommandos und springt bei „Halt“ mit einem stumpfen Sekundantenschläger zum Schutz ein. Testanten prüfen die Klinge, desinfizieren sie und können regelwidrige Hiebe beanstanden. Protokollführer dokumentieren die Partie für Mensurkarte und Paukbuch. Schlepper stützen in den Pausen den Fechtarm und verhindern unkontrollierte Klingenbewegungen. Mindestens ein approbierter Arzt muss Verletzungen beurteilen und kann die Mensur jederzeit abbrechen.

Das Pauken ist das Erlernen des studentischen Schlägerfechtens. Pflichtschlagende Verbindungen verlangen meist mindestens eine Paukstunde pro Werktag im Semester. In der Hiebschule werden Grundhiebe zunächst an einem Phantom geübt, einem lederumwickelten Holzklotz in Kopfhöhe. Beim Contrapauken simulieren zwei Fechter mit stumpfen Waffen, Paukhelm und Schutzkleidung eine scharfe Mensur und lernen zugleich den Comment. Erst wenn technische und persönliche Voraussetzungen erfüllt sind, wird ein passender Gegenpaukant gesucht.

Bis etwa 1850 führten Waffen, fehlende Schutzvorrichtungen und die Duellform häufig zu schweren oder tödlichen Verletzungen. Seit dem Hiebfechten um etwa 1760 und besonders seit der Erfindung der Paukbrille 1857 sank das Risiko. Die letzte bekannte Mensur mit tödlichem Ausgang ereignete sich am 28. Januar 1933 in Göttingen bei einer Bestimmungsmensur zwischen Holzminda und Alemannia; der Schläger verfing sich unter dem Nasenblech und drang ins Gehirn ein.

Heute schützen unter anderem Paukbrille, Nasenblech, Halsbandage, verlängerte Halskrause, Plastron, Kettenhemd und schnittfeste Schutzkleidung. Möglich bleiben Schnittwunden am Kopf oder Gesicht, Beulen und Blutergüsse. Klingen werden ständig desinfiziert, sodass Wundinfektionen nicht mehr vorkommen. Ein Restrisiko schwerer Verletzungen besteht dennoch. An manchen Orten gilt die Sieben-Gänge-Regel: Zu früh beendete Partien müssen von beiden Paukanten wiederholt werden.

Historische Entwicklung und Formen

Seit dem 16. und 17. Jahrhundert trugen vornehme Studenten Fechtwaffen und entwickelten eigene Verhaltensnormen, die später zum Comment wurden. Spontane Rencontre- oder Raufduelle waren ungeregelt und gefährlich. Universitäten versuchten deshalb, durch Fechtmeister und geregelten Unterricht Verletzungen zu vermindern. Um 1684 wurden mit dem Duellmandat von Jena Beschicksleute und Beistände eingeführt; Duelle sollten an einem vereinbarten Ort, zu einer festgelegten Zeit und nach Regeln stattfinden.

Im 18. Jahrhundert wurden Duelle trotz Verbots häufig gesellschaftlich akzeptiert. Der gewöhnliche Degen bot jedoch wenig Schutz. Der um 1750 in Frankreich entwickelte Pariser Stoßdegen führte wegen seiner gefährlichen Stiche oft zu tödlichen Lungenverletzungen. Nach einem tödlichen Göttinger Studentenduell von 1766 entstand das studentische Hiebfechten mit einer Frühform des Korbschlägers. In Ostdeutschland entwickelte sich der Glockenschläger. In den 1790er Jahren wurde das Tragen von Waffen in Städten weitgehend verboten, wodurch spontane Raufduelle erschwert wurden.

Im 19. Jahrhundert bestanden regional Hieb- und Stoßmensuren. Stoßmensuren blieben besonders in Jena, Erlangen, Landshut beziehungsweise München und Würzburg üblich. Die letzten Todesfälle durch Lungenfuchser ereigneten sich in Jena und München in den 1840er Jahren; die letzte Stoßmensur soll 1860 in Würzburg stattgefunden haben. Beim Hiebfechten wurde auf Zeit gefochten. Ein „Anschiss“ war damals eine mindestens einen Zoll lange, klaffende Wunde, aus der mindestens ein Tropfen Blut floss.

Bis etwa 1850 waren Mensuren ausschließlich Duelle zur Bereinigung von Ehrenhändeln. Danach setzte sich die Bestimmungsmensur durch: Fechtbeauftragte bestimmten passende Gegenpaukanten, zunächst mithilfe von Bestimmzetteln. Der Kösener Congress beschloss dieses Prinzip 1859 deutschlandweit. Weil nicht jeder Student Streit suchen wollte, entstanden zunächst formale Beleidigungen und Kontrahierkneipen als Fechtaufforderungen.

Die Bestimmungsmensur wurde zunehmend ungefährlicher. Schutzwaffen, feste Körperstellung, die Beschränkung auf den Kopf, verkürzte Mensur und festgelegte Hieb- und Gangzahlen ermöglichten Partien ohne Treffer. Üblich waren vier bis sechs Hiebe je Gang und etwa 30 bis 45 Gänge, selten bis zu 60. Eine besonders defensive Haltung oder Angstreaktion konnte zur Moralabfuhr führen.

Die Verabredungsmensur oder Contrahage ist eine umstrittene Sonderform. Bei einer persönlichen Contrahage wählen zwei Einzelpersonen ihre Partie selbst; bei einer PP-Suite oder „Hatz“ treten Listen von Fechtern zweier Verbindungen gegeneinander an. Beim Waffenwechsel wurden im 19. Jahrhundert bei bestimmten Partien unterschiedliche Waffen nach einigen Gängen ausgetauscht. Das Säbelfechten blieb dagegen ein beweglicher Zweikampf mit tödlichen Waffen, war gesetzlich verboten und gilt nicht als Mensur im heutigen Sinn. In Dorpat bestand bis 1939 außerdem die beweglichere Kreismensur mit freier Bewegung innerhalb eines Kreises.

Verbindungen, Rechtslage und politische Umbrüche

Pflichtschlagende Verbindungen verlangen Mensuren und schreiben meist eine Mindestzahl vor. Fakultativ schlagende Verbindungen üben das Pauken, stellen scharfe Partien aber frei. Freischlagende Verbindungen unterhalten keinen verpflichtenden Fechtbetrieb, erlauben ihren Mitgliedern das Pauken und Fechten jedoch auf Wunsch. Nichtschlagende Verbindungen lehnen Mensuren grundsätzlich ab; bis zum Zweiten Weltkrieg übten manche dennoch bis zur Mensurreife, ohne eine scharfe Mensur zu schlagen.

Im Deutschen Kaiserreich war die Mensur nicht mehr allgemeine studentische Kultur, sondern vor allem eine Einrichtung von Studentenverbindungen. Die Schutzmaßnahmen waren weitgehend auf dem heutigen Stand. Ein Mitglied focht häufig vier bis sechs Mensuren in jedem der ersten drei bis vier Semester, insgesamt also etwa 12 bis 24. In der Weimarer Republik wurde das Duell durch das Erlanger Verbände- und Ehrenabkommen von 1928 praktisch bedeutungslos; die Mensur blieb jedoch bestehen.

Der Nationalsozialismus stellte die Bestimmungsmensur am 26. Mai 1933 durch Änderung des § 210a StGB straffrei. Die Verbindungen wurden zwischen 1934 und 1936 zwangsaufgelöst. Kameradschaften betrieben teilweise Säbelfechten als Wehrsport, aber offiziell keine scharfen Mensuren. Die Ehrenordnung von 1937 sah unbedingte Satisfaktion auf leichtem Säbel vor; ab 1938 musste jeder Zweikampf genehmigt werden. Ab etwa 1941 wurden vereinzelt heimliche Verbindungen und Mensuren innerhalb von Kameradschaften wiederbelebt.

In der Bundesrepublik verzichteten die mensurschlagenden Verbände 1951 bis 1953 endgültig auf die unbedingte Satisfaktion mit der Waffe. Nach Aufhebung des § 210a StGB durch den Alliierten Kontrollrat 1946 war die Rechtslage zunächst unklar. Der Göttinger Mensurenprozess endete mit einem Freispruch; der Bundesgerichtshof bestätigte ihn am 29. Januar 1953. Eine Mensur bleibt danach straflos, wenn sie keine Ehrenhändel austrägt und Sicherheitsregeln und Schutzwaffen tödliche Verletzungen sicher ausschließen. Das Bundesverwaltungsgericht stellte 1975 klar, dass Mensuren im Regelfall weder Dienstvergehen noch Wehrstraftat sind.

Nach dem Zweiten Weltkrieg sank die Zahl der Mensuren stark. Heute verlangen pflichtschlagende Verbindungen meist eine bis fünf oder sechs Pflichtpartien. In der Studentenbewegung kam es 1971 zu zahlreichen Reformen und Verbandsaustritten. Die Deutsche Burschenschaft schaffte die Pflichtmensur damals ab, führte sie 2024 jedoch erneut ein. In der DDR gründeten Studenten 1989 die Akademische Fechtgemeinschaft Halle/Leipzig. Am 22. September 1990 fand bei Saaleck der erste und letzte Pauktag der DDR statt; dabei wurden fünf Mensuren gefochten.

Wirkung auf Sprache und öffentliche Kritik

Aus dem studentischen Fechten stammen mehrere bildliche Ausdrücke der deutschen Umgangssprache: „auf Anhieb“ geht auf den ersten Hieb eines Ganges zurück; „jemandem eine Abfuhr erteilen“ auf das Abführen eines Paukanten nach einem medizinisch erforderlichen Abbruch; „einen Anschiss kassieren“ auf eine früher definierte blutende Wunde. „Pauken“ entwickelte sich von der Bezeichnung des Fechttrainings über das Üben allgemein zur Bedeutung „intensiv lernen“. „Terz machen“ bezieht sich auf einen bestimmten, als gefährlich geltenden Hieb und bedeutet heute „Ärger verursachen“.

Heinrich Mann kritisierte in seinem Roman Der Untertan die schlagende Verbindung als Institution, die im Kaiserreich autoritäre Charaktere und eine Unterordnung des Einzelnen unter das Kollektiv hervorbringe. Seine Darstellung wurde von damaligen Verbindungen als Karikatur zurückgewiesen; Viktor Mann erklärte 1949, die Überzeichnung habe vorhandene Schwächen verdeutlicht.

Kurt Tucholsky verstand das studentische Fechten als Fortsetzung des Duells und als soziale Kanalisierung von Gewalt. Er kritisierte, dass die Verantwortung für moralisches Verhalten auf die Gruppe verlagert werde, das Individuum verschwinde und eine herrschende Kaste erzogen werde. Sein Gedicht „Deutsche Richter von 1940“ verband die Mensur mit der Vorstellung, dass die späteren Träger staatlicher Macht aus dieser gewalttätigen Erziehung hervorgehen könnten.

Allgemeiner wird die Mensur als Rest eines überholten Rechtssystems und Rituals kritisiert. Weil sie äußerlich dem Duell ähnelt, sehen manche Kritiker in ihr einen Atavismus, also einen Rückfall in frühere Formen privater Konfliktaustragung, sowie eine strukturelle Nähe zum Militarismus. Andere werfen ihr vor, Härte, moralische Gleichgültigkeit, autoritäre Unterordnung und die Missachtung des Individuums einzuüben. Schlagende Verbindungen betonen dagegen, dass die heutige Mensur weder Konflikte austrägt noch auf ein Duell vorbereitet.

Weitere Kritik richtet sich gegen den Charakter der Mensur als Männerbund. Diana Auth und Alexandra Kurth deuteten sie als Abschottung gegen weibliche Einflüsse, besonders seit der Zulassung von Frauen zum Studium. Bis heute gibt es in schlagenden Verbindungen nur wenige ernsthafte Debatten über Frauen als Mitglieder oder Mensurteilnehmerinnen. Stand 2024 stellen jedoch einige wenige gemischtgeschlechtliche Verbindungen ihren Mitgliedern das Mensurfechten frei.

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