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Radikale Reformation
Der Begriff bezieht sich besonders auf Reformatoren wie Thomas Müntzer, Andreas Bodenstein, Kaspar Schwenckfeld sowie die Täufer, die Antitrinitarier (Unitarier) …
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Grundidee und Bedeutung
Als radikale Reformation werden reformatorische Gruppierungen bezeichnet, die sich in Opposition zu den Reformationsbewegungen von Martin Luther und Huldrych Zwingli entwickelten. Dazu zählen besonders Reformatoren und Gruppen wie Thomas Müntzer, Andreas Bodenstein genannt Karlstadt, Kaspar Schwenckfeld, die Täufer, die Antitrinitarier oder Unitarier sowie die Spiritualisten, die polemisch auch „Schwärmer“ genannt wurden.
Gemeinsam war ihnen die Enttäuschung über die Entwicklung des territorialen Protestantismus. Damit ist eine Form des Protestantismus gemeint, die eng mit der Herrschaft einzelner Fürsten oder Territorien verbunden war. Die radikalen Reformatoren forderten eine weitergehende Reform der Kirche. Wie andere Reformatoren waren sie vom Humanismus geprägt und wollten zu den Idealen der frühen christlichen Gemeinden zurückkehren. Diese Rückwendung wird als Restitution bezeichnet. Viele verband außerdem eine apokalyptische Welt- und Zeitsicht, also die Erwartung einer baldigen Wiederkunft Christi.
Unterschiedliche Ziele
Die radikale Reformation war keine einheitliche Bewegung, sondern sehr vielfältig. Thomas Müntzer verband kirchliche Reform mit Kritik an den bestehenden politischen und sozialen Verhältnissen. Das zeigte sich zum Beispiel in seiner Fürstenpredigt von 1524. Später war Müntzer auch an den Deutschen Bauernkriegen und an der Gründung des Ewigen Rates in der freien Reichsstadt Mühlhausen in Thüringen beteiligt.
Andere Vertreter setzten andere Schwerpunkte. Andreas Bodenstein konzentrierte sich vor allem auf die Reform der Kirche. Dadurch wird deutlich, dass die radikale Reformation sowohl stärker politisch-soziale als auch stärker kirchlich-religiöse Richtungen umfasste.
Täuferbewegung
Eine besonders wichtige Rolle spielten die Täufer. Die Täuferbewegung entstand im Januar 1525 in der Schweiz und breitete sich schnell in großen Teilen Deutschlands aus. Kennzeichnend waren das Priestertum aller Gläubigen, also die Vorstellung, dass alle Gläubigen unmittelbar Zugang zu Gott haben, außerdem Gemeindeautonomie, die Ablehnung des Eides und das Eintreten für Religionsfreiheit.
Die Täufer verstanden sich früh als Freiwilligkeitskirche und Freikirche. Das bedeutet, dass die Zugehörigkeit zur Gemeinde auf freiwilliger Entscheidung beruhen sollte und nicht einfach durch Geburt oder staatliche Ordnung bestimmt war. Unter Johannes Brötli und Balthasar Hubmaier gab es allerdings auch Versuche, eine Territorialkirche oder „Volkskirche“ aufzubauen. Weil die Täufer die Kindertaufe ablehnten, wurden sie polemisch als Wiedertäufer bezeichnet. Bis heute bestehende täuferische Gruppen sind unter anderem die Mennoniten und die Hutterer.
Neben den meist pazifistischen Täufergruppen gab es auch militante Gruppen. Dazu gehörten die stark chiliastischen Täufer von Münster, die um 1534 auftraten. Chiliastisch bedeutet, dass eine Gruppe stark von der Erwartung eines kommenden Gottesreiches geprägt ist. Eine weitere chiliastisch geprägte radikalreformatorische Gruppe waren die Zwickauer Propheten, die bereits 1521 in Wittenberg auftraten.
Spiritualisten und Antitrinitarier
Weitere Gruppen der radikalen Reformation waren die Spiritualisten und die Antitrinitarier. Die Spiritualisten waren stark von der Mystik geprägt und betonten den inneren Glauben. Äußere Zeichen wie die Sakramente spielten für sie kaum eine Rolle. Bedeutende Vertreter des Spiritualismus in der Reformationszeit waren Hans Denck, Sebastian Franck und Kaspar von Schwenckfeld. In Nordamerika gibt es bis heute Schwenkfeldianer. Auch Thomas Müntzer und Andreas Bodenstein können dem Spiritualismus zugerechnet werden. Zwischen Täufern und Spiritualisten gab es teilweise Überschneidungen, besonders bei den süddeutschen Täufern, die eine andere Herkunft hatten als die schweizerischen Täufer. In den ersten Jahren war Hans Hut der wichtigste süddeutsche Täuferführer; er trat das Erbe Müntzers an.
Die Antitrinitarier werden ebenfalls zur radikalen Reformation gezählt. Sie gingen unter anderem auf Matteo Gribaldi, Petrus Gonesius und Fausto Sozzini zurück. Antitrinitarier lehnten die Lehre von der Dreieinigkeit Gottes ab oder stellten sie in Frage. Ein bekannter Vertreter war Michael Servetus, der unter dem Einfluss Johannes Calvins 1553 umgebracht wurde. Auch Giovanni Valentino Gentile und Iwan Tyszkowic wurden wegen ihres antitrinitarischen Glaubens hingerichtet. Teilweise gab es Überschneidungen mit der Täuferbewegung, etwa bei den Polnischen Brüdern. Bis heute gibt es unitarische Kirchen wie die Unitarische Kirche Siebenbürgen. Ein Teil des Unitarismus hat sich jedoch von seinen christlich-reformatorischen Wurzeln gelöst.
Verfolgung und Auswanderung
Die staatskritische radikale Reformation wurde von Fürsten meist als Bedrohung ihrer Macht verstanden und verfolgt. Viele Vertreter wurden verbrannt, ertränkt oder außer Landes gewiesen. Auf dem Reichstag zu Speyer 1529 wurde das Wiedertäufermandat beschlossen, das die Todesstrafe für Wiedertäufer festsetzte.
Auch katholische, lutherische und reformierte Kirchen verfolgten radikalreformatorische Gruppen. Im Augsburger Bekenntnis von 1530 wurden die Täufer ausdrücklich verdammt. Besonders im Dreißigjährigen Krieg und während der anschließenden Rekatholisierung kam es zu umfassender Verfolgung. Im 17. Jahrhundert wurden viele mennonitische Gemeinden im süddeutschen Raum ausgelöscht. Die Hutterer wurden aus Mähren und der Slowakei vertrieben, die Unitarier aus Polen-Litauen und die Schwenkfelder aus Schlesien. In der Schweiz gab es teilweise noch bis ins 18. Jahrhundert staatliche Täuferjäger. Die starken Verfolgungen in Europa führten schließlich dazu, dass große Teile radikal-reformatorischer Konfessionen nach Nordamerika auswanderten.