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Mehrsprachigkeit

Deutsch als Fremdsprache wird in der Schule von einer Lehrkraft didaktisch übermittelt und gelernt, hier erfolgt also ein gesteuerter Spracherwerb. · Deutsch als …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und grundlegende Formen
  2. 2. Mehrsprachige Gesellschaften und ihre Ursachen
  3. 3. Spracherwerb und mehrsprachiges Sprechen
  4. 4. Probleme und Chancen
  5. 5. Mehrschriftlichkeit

Begriff und grundlegende Formen

Mehrsprachigkeit bezeichnet die Fähigkeit eines Menschen, mehr als eine Sprache zu sprechen oder zu verstehen. Bezogen auf eine Familie, soziale Gruppe, Kultur, Gesellschaft, ein Gebiet oder einen Staat meint sie, dass mehrere Sprachen nebeneinander gelten und von den beteiligten Personen oder Institutionen verbreitet oder üblich verwendet werden. Viele Menschen erwerben mehrere Sprachen in der Familie oder später in Kindergarten und Schule.

Man unterscheidet mehrere Formen:

  • Individuelle Mehrsprachigkeit ist die Fähigkeit eines Menschen, in mehreren Sprachen zu kommunizieren.
  • Gesellschaftliche Mehrsprachigkeit liegt vor, wenn in einem Staat oder einer Region mehrere Sprachen verbreitet verwendet werden.
  • Institutionelle Mehrsprachigkeit bedeutet, dass öffentliche Einrichtungen mehrere Sprachen verwenden oder mehrere Amtssprachen gelten.
  • Funktionale Mehrsprachigkeit liegt vor, wenn verschiedene Sprachen in unterschiedlichen Lebensbereichen und Bedeutungszusammenhängen genutzt werden, etwa eine Sprache im Beruf oder in der Bildung und eine andere im familiären oder sozialen Umfeld.
  • Diglossie bezeichnet ursprünglich eine funktionale Zweisprachigkeit, bei der zwei sozial unterschiedlich bewertete Sprachvarietäten verschiedenen Bereichen zugeordnet sind.
  • Kulturelle Mehrsprachigkeit beschreibt das Nebeneinander verschiedener Sprachen durch Einwanderer oder Minderheiten.
  • Literarische Mehrsprachigkeit ist das implizite oder explizite Vorkommen mehrerer Sprachen in einem literarischen Werk.

Gesellschaftliche und institutionelle Mehrsprachigkeit sind häufig mit der Mehrsprachigkeit einzelner Menschen verbunden. Bilingualismus und Multilingualismus werden in vielen Veröffentlichungen austauschbar verwendet. Der Unterschied betrifft dort lediglich die Zahl der Sprachen: Bilingualismus meint Zweisprachigkeit, Multilingualismus beziehungsweise Polylingualismus Mehrsprachigkeit. In Ländern wie Belgien, Deutschland und der Schweiz wird häufig der Ausdruck Mehrsprachigkeit bevorzugt.

Individuelle Mehrsprachigkeit kann früh oder später erworben werden. Frühe Mehrsprachigkeit entsteht von Geburt an oder in der frühen Kindheit, zum Beispiel durch zweisprachige Eltern. Erworbene Mehrsprachigkeit entsteht später, etwa in Schule, Beruf oder durch Auslandsaufenthalte. Die Sprachen können gleich gut beherrscht werden (symmetrische Mehrsprachigkeit) oder unterschiedlich gut (asymmetrische Mehrsprachigkeit). Umstritten ist, welches Sprachniveau für Mehrsprachigkeit erforderlich ist: Nach einer weit gefassten Auffassung genügt alltagsnahe Verständigung in mehreren Sprachen; eine strengere Auffassung verlangt muttersprachliche Beherrschung beider Sprachen und spricht dann von perfektem oder wahrem Bilingualismus beziehungsweise Ambilingualismus.

Mehrsprachige Gesellschaften und ihre Ursachen

Gesellschaftliche Mehrsprachigkeit kann verschiedene Ausprägungen haben. In mehrsprachigen Staaten mit Territorialprinzip sind mehrere Sprachen Amtssprachen, aber jeweils auf bestimmte Teile des Staatsgebiets beschränkt oder überschneiden sich nur geringfügig. Beispiele sind die Schweiz, Belgien und Kanada; dort müssen nicht alle Einwohner mehrsprachig sein.

In Staaten mit individueller Mehrsprachigkeit beherrscht ein großer Teil der Bevölkerung mehrere Sprachen und verwendet sie je nach Situation. Fast alle afrikanischen Staaten gelten in diesem Sinne als mehrsprachig. Viele Menschen sprechen eine oder mehrere einheimische Sprachen und zusätzlich eine Amtssprache der ehemaligen Kolonialmächte, etwa Englisch oder Französisch. Einsprachige Staaten mit Minderheitsregionen besitzen nur eine Amtssprache, aber kleinere anderssprachige Gebiete, beispielsweise mit Bretonen in Frankreich, Katalanen in Spanien oder einer deutschsprachigen Minderheit in Dänemark. Langjährig in einer Region lebende Minderheiten werden als autochthone Minderheiten bezeichnet. Allochthone Minderheiten sind dagegen durch Einwanderung entstanden und meist über das Staatsgebiet verteilt, etwa italienische und türkische Einwanderer und ihre Nachfahren in Deutschland, aber auch Fachkräfte, Firmenangehörige, Diplomaten und Akademiker im Ausland.

Seit den 2000er Jahren untersucht die Forschung verstärkt die Sprache im öffentlichen Raum. Mehrsprachige Straßen- und Geschäftsschilder, Werbeplakate und Hinweistafeln gehören zur sogenannten Sprachlandschaft (Linguistic Landscape). Beispiele für sichtbare Mehrsprachigkeit sind Straßennamen in Serbisch, Slowakisch und Ungarisch im serbischen Dorf Belo Blato sowie dreisprachige Schulbeschilderungen auf Italienisch, Ladinisch und Deutsch in Gröden in Südtirol.

Die wichtigsten Ursachen gesellschaftlicher Mehrsprachigkeit sind meist politischer und historischer Natur. Militärische Eroberungen und Annexionen verbreiten häufig die Sprache der Eroberer; so verbreiteten sich Latein, Griechisch und Arabisch in vielen Teilen der Welt. Während der Kolonisation führten Erobererstaaten ihre Sprache oft durch Zwang ein. Nach dem Ende der Kolonialherrschaft blieb sie teilweise als offizielle Sprache bestehen, etwa Französisch in mehreren afrikanischen Staaten. Die willkürlichen kolonialen Grenzziehungen verliefen zudem oft durch Stammesgebiete. Dadurch wurden verschiedene Sprachgruppen in einem Staat zusammengefasst und gerieten auch untereinander in Sprachkontakt.

Migration und Immigration durch Arbeits- und Fluchtmigration, berufliche Mobilität und Tourismus fördern Mehrsprachigkeit. Besonders in Grenzregionen, Städten und Gebieten mit sprachlichen Minderheiten gehört sie zum Alltag. Für Minderheiten ist der Erwerb der Sprache des Gastlandes häufig notwendig; je größer die Minderheit ist, desto geringer kann jedoch der Zwang dazu sein.

Sprachpolitik kann Sprachen und ihre Sprecher gezielt fördern oder unterdrücken. Während des Franquismus wurden die Sprachen der Basken und Katalanen in Spanien unterdrückt. Dagegen führte die aktive Förderung des modernen Hebräisch in Israel zur Etablierung einer neuen Nationalsprache. Die Europäische Union fördert Mehrsprachigkeit unter anderem durch den Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen und Erasmus+. Sie verfolgt das Ziel, dass jeder Bürger bereits von klein auf Gelegenheit zum Lernen von mindestens zwei Fremdsprachen erhält.

Auch die Globalisierung wirkt als Ursache. Fremdsprachenkenntnisse gelten zunehmend als Voraussetzung für moderne Berufsausbildung und viele Arbeitsplätze. Zugleich erzeugen weltweite Waren-, Dienstleistungs- und Kapitalströme eine gewisse Dominanz des Englischen, fördern aber auch das Interesse an lokalen Sprachen. Für die internationale Vermarktung müssen Produkte an verschiedene Märkte angepasst werden; bei Software heißt dies sprachliche und rechtliche Lokalisierung.

Spracherwerb und mehrsprachiges Sprechen

Mehrsprachiger Spracherwerb kann simultan oder sukzessiv erfolgen. Beim simultanen Zweitspracherwerb werden mehrere Sprachen gleichzeitig erworben, etwa wenn die Eltern unterschiedliche Sprachen sprechen. Beim sukzessiven Zweitspracherwerb lernt ein Kind eine weitere Sprache erst nach dem Erwerb seiner ersten Sprache, zum Beispiel später in der Schule. Außerdem wird zwischen ungesteuertem und gesteuertem Erwerb unterschieden.

Ungesteuerte Mehrsprachigkeit ist ein unbewusster Vorgang in natürlicher Umgebung. Die Sprache wird durch alltägliche soziale Kontakte erworben, etwa beim Spielen mit anderen Kindern. Gesteuerte Mehrsprachigkeit ist ein bewusster, ausdrücklich organisierter Lernprozess mit Lehrkräften in Bildungseinrichtungen. In Deutschland werden diese Formen häufig den Begriffen Deutsch als Fremdsprache (DAF) und Deutsch als Zweitsprache (DAZ) zugeordnet: DAF wird in der Schule didaktisch vermittelt und gehört zum gesteuerten Erwerb; DAZ wird auf natürliche Weise in einer deutschsprachigen Umgebung erworben. Die Grenzen sind jedoch nicht immer eindeutig. Wer Deutschunterricht in einem deutschsprachigen Land besucht, lernt zugleich durch Kontakte mit Muttersprachlern ungesteuert. Auch Migrantenkinder erwerben die Sprache des Gastlandes in der Schule gesteuert und im Kontakt mit Gleichaltrigen ungesteuert.

Natürlicher Mehrspracherwerb kann unter verschiedenen Bedingungen stattfinden: in gemischtsprachigen Familien mit einer ein- oder zweisprachigen Umwelt, in gemischtsprachigen Familien mit einer dritten Umgebungssprache oder in Familien mit einer Familiensprache L1 und einer anderen Umweltsprache L2, etwa in Kindergarten, Schule und Außenwelt. Beim Prinzip „eine Person – eine Sprache“ spricht jeder Elternteil mit dem Kind seine Muttersprache. Dadurch wird der Sprachgebrauch an bestimmte Personen gebunden; Kinder können beispielsweise zwischen „Papasprache“ und „Muttersprache“ unterscheiden. In solchen Familien werden die beiden Sprachen meist gleichzeitig erworben. Bei Kindern aus Migrantenfamilien beginnt der Erwerb der Umgebungssprache häufig erst nach dem Erwerb der Herkunftssprache, wenn sie im Alter von etwa drei bis vier Jahren in Kindergarten und Schule kommen.

Code-Switching ist der Wechsel zwischen verschiedenen Sprachvarietäten bei bilingualen oder multilingualen Sprechern, abhängig von den Erfordernissen der Kommunikationssituation. Früher wurde dies als Defizit oder als Unfähigkeit bewertet, die Sprachen zu trennen. Heute gilt Code-Switching als Fähigkeit, mit der Sprecher beide Sprachen gezielt einsetzen und ihre Kommunikation möglichst genau gestalten.

Interferenz bezeichnet die Übertragung sprachlicher Strukturen von einer Sprache in eine andere. Sie kann Aussprache, Wortschatz oder Grammatik betreffen. Eine Interferenz in der Aussprache wird umgangssprachlich auch als ausländischer Akzent bezeichnet. Grammatische Interferenz kann etwa die Übernahme eines Satzbaus oder die Wahl einer Präposition sein, die in einer Sprache korrekt, in der anderen aber ungrammatisch ist. Ein Beispiel lautet: „Ich hab’ das auf dem Fernsehen gesehen“ nach dem englischen „I’ve seen it on TV“.

Probleme und Chancen

Frühere Auffassungen, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen, sahen Mehrsprachigkeit als Gefahr für die sprachliche, psychologische und gesellschaftliche Entwicklung. Bis ins 20. Jahrhundert wurde behauptet, bilinguale Erziehung könne intellektuelle Zurückgebliebenheit, Stottern und soziale Marginalisierung verursachen. Diese Ansichten gelten heute als überholt. Studien zeigen keinen direkten Zusammenhang zwischen Bilingualismus und Stottern. Der Erwerb zweier Sprachen verursacht auch keine grundsätzliche Tendenz zu psychologischen Problemen. Allerdings kann die Konfrontation mit zwei Kulturen unter Umständen zusätzlichen Aufwand bei der Entwicklung der persönlichen Identität erfordern. Vorbehalte gegen bilinguale Erziehung bestanden dennoch noch in Studien der 1970er und 1980er Jahre bei Ärzten, Schulpsychologen und Lehrern.

Im Zusammenhang mit nationaler Einheit wurde Mehrsprachigkeit ebenfalls lange kritisch beurteilt. Die Romantik des 18. und 19. Jahrhunderts verband Sprache, Identität und nationalen Zusammenhalt eng miteinander. Später unterdrückten viele europäische Nationalstaaten Minderheitensprachen. Neuere Forschung zeigt jedoch, dass Sprachkompetenzen nicht zwangsläufig das Identitätsverständnis bestimmen; die nationale Zugehörigkeit hängt stärker von anderen Faktoren ab. Die Vorstellung, Mehrsprachige könnten keine Sprache sicher beherrschen und sich deshalb in einer mehrsprachigen Gesellschaft nicht verständigen oder nicht integrieren, wird unter anderem von Roth und Eichinger als Sprachbarrieren-Argument vertreten.

Eine weitere Debatte betrifft die sogenannte Halbsprachigkeit (Semilingualismus). Gemeint ist die These, mehrsprachig aufwachsende Menschen lernten keine ihrer Sprachen vollständig und korrekt und entwickelten deshalb einen unsicheren Ausdruck sowie einen begrenzten Wortschatz. Ausgangspunkt waren Untersuchungen aus den 1970er Jahren zu finnischen Immigrantenkindern in Schweden. Diese zeigten bei der Einschulung schwache Kenntnisse im Finnischen und schlechtere Ergebnisse im Schwedischen als einsprachige schwedische Kinder. Als mögliche Ursache wurde genannt, dass die Erstsprache noch nicht vollständig erworben war, als bereits die Zweitsprache verlangt wurde. Daher wurde ein sukzessiver Spracherwerb empfohlen.

Spätere Studien ergaben differenziertere Ergebnisse. Leistungen in Sprach- und Intelligenztests hängen unter anderem von der Haltung der Lehrkräfte und Eltern, dem sprachlichen, sozioökonomischen und kulturellen Hintergrund sowie vom Testdesign ab. Suzanne Romaine fasst linguistische Studien seit den 1970er Jahren dahingehend zusammen, dass für hohe Kompetenz in zwei Sprachen vor allem die Sprache durch Unterricht gefördert werden sollte, die sonst weniger Entwicklungsmöglichkeiten hat. Zweisprachigkeit an sich sei kein Grund für schlechte Schulleistungen; sozioökonomische Faktoren seien entscheidend. Wird die Herkunftssprache in der Schule nicht gefördert, kann ein Kreislauf entstehen: Schwache Kenntnisse der Herkunftssprache erschweren die schulische Leistung in der Schulsprache und werden anschließend als Beleg für „Halbsprachigkeit“ verwendet.

Mehrsprachigkeit kann kognitive Vorteile haben. Mehrsprachige Kinder wählen sorgfältiger aus, welche Sprache sie mit welcher Person verwenden, und verfügen über größere Aufmerksamkeitskontrolle, weil sie eine Sprache aktivieren und eine andere gleichzeitig zurückhalten. Sie entwickeln schneller ein metasprachliches Bewusstsein, also ein Bewusstsein für Sprache als System. Dadurch erkennen sie beispielsweise eher, dass Wörter Symbole für Dinge der Außenwelt sind, stellen Wortgrenzen schneller fest und verstehen grammatische Regeln besser. In manchen Sprachtests erkennen sie ungrammatische Formen schneller; eine australische Studie zeigte zudem, dass mehrsprachige Kinder beim Lesenlernen einsprachigen Kindern um einige Monate voraus sein können.

Mehrsprachige Personen, die beide Sprachen flüssig beherrschen, erzielten in Untersuchungen außerdem höhere Werte bei sprachlicher und figurativer Originalität. Mehrsprachigkeit erweitert den individuellen Horizont, erleichtert interkulturelle Verständigung und bietet schulische sowie berufliche Vorteile. Gesellschaften profitieren durch bessere internationale Beziehungen, sprachkundige und interkulturell vermittelnde Beschäftigte sowie durch das kreative Potenzial mehrsprachiger Sprecher.

Mehrschriftlichkeit

Mehrschriftlichkeit oder Mehrschriftigkeit bedeutet, die Schriftsysteme und Rechtschreibregeln mehrerer Sprachen zu beherrschen. Dazu gehört auch, sich schriftlich mit schwierigen Satzstrukturen und umfangreichem Wortschatz auszudrücken und Texte an Adressaten und Sachthema anzupassen.

Eine Sprache kann durch das Eintauchen in eine anderssprachige Gesellschaft erworben werden. Der Schriftspracherwerb ist dagegen normalerweise an Schulunterricht oder andere Bildungseinrichtungen gebunden. Migrantenkinder, die beispielsweise in Deutschland zur Schule gehen, lernen daher häufig nur Deutsch als Schriftsprache. Ihre Familiensprache bleibt oft eine mündlich verwendete „Haussprache“, die nur innerhalb der Familie gesprochen wird. Die Kinder wachsen dann in einem Land mit einer anderen Sprache auf und werden auch in der Schule nur in dieser Sprache alphabetisiert.

Für eine ausgeglichene Mehrsprachigkeit gilt Mehrschriftlichkeit als wichtiger Bestandteil. Deshalb sollte die Entwicklung schriftlicher Fähigkeiten in allen Sprachen mehrsprachig aufwachsender Kinder besonders gefördert werden.

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