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Bilingualismus

Mit Bilingualismus oder Zweisprachigkeit wird die Fähigkeit bezeichnet, zwei Sprachen zu sprechen oder zu verstehen. Die Bezeichnung kann sich sowohl auf …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und zentrale Formen
  2. 2. Forschung und Kriterien der Beschreibung
  3. 3. Formen des individuellen Bilingualismus
  4. 4. Zweisprachigkeit, Bildung und Migration
  5. 5. Bilingualer Unterricht und Sprachpolitik

Begriff und zentrale Formen

Bilingualismus oder Zweisprachigkeit bezeichnet die Fähigkeit, zwei Sprachen zu sprechen oder zu verstehen. Der Begriff kann sich auf einzelne Menschen (individueller Bilingualismus), auf ganze Gesellschaften (gesellschaftlicher Bilingualismus) oder auf die Forschung über dieses Phänomen beziehen. Zweisprachigkeit ist eine Form der Mehrsprachigkeit.

Individuelle Zweisprachigkeit liegt vor, wenn eine Person in zwei Sprachen über aktive oder passive Kenntnisse der Grammatik und Kommunikation auf einem bestimmten Niveau verfügt. Dieses Niveau muss nicht in beiden Sprachen gleich sein. Eine Person kann beispielsweise eine Sprache besser sprechen, eine andere aber besser lesen oder verstehen. Zweisprachige Menschen erwerben ihre Sprachen häufig bereits in der Kindheit; Fremdsprachen können jedoch auch im Erwachsenenalter gelernt werden.

Zweisprachigkeit bedeutet nicht automatisch, dass jemand übersetzen oder dolmetschen kann. Übersetzen ist eine besondere berufliche oder alltagsbezogene Fähigkeit. Bilinguale Menschen können ihre Sprachen außerdem mischen oder voneinander trennen. Dieses Code-Switching, also der Wechsel zwischen Sprachen, gehört meist zum normalen Verhalten Mehrsprachiger und kann oft bewusst oder unbewusst an die Gesprächssituation angepasst werden. Nur bei bestimmten Erkrankungen, etwa Aphasien, kann Sprachmischung problematisch sein.

Gesellschaftlicher Bilingualismus liegt vor, wenn in einer Gesellschaft zwei Amtssprachen verwendet werden; bei zwei oder mehr Amtssprachen spricht man von einer mehrsprachigen Gesellschaft. Amtssprachen, Minderheitensprachen und Dialekte können in unterschiedlichen Lebensbereichen eingesetzt werden. Eine solche funktionale Verteilung heißt Diglossie. Gesellschaftlicher Bilingualismus betrifft außerdem Sprachkontaktformen wie Pidgin- und Kreolsprachen sowie Regelungen für Schulen, Vereine und Verwaltungen. In Gebieten mit zwei Ethnien können utraquistische Regelungen einen zweisprachigen Unterricht oder zweisprachige Institutionen vorsehen.

Forschung und Kriterien der Beschreibung

Eine eindeutige Grenze, ab wann Zweisprachigkeit vorliegt, gibt es nicht. Keine Form von Bilingualismus setzt voraus, dass alle Sprachen auf demselben Niveau beherrscht werden. Zur Beschreibung werden vor allem folgende Faktoren berücksichtigt:

  • Kompetenz und Dominanz: Wie gut werden die Sprachen kommunikativ und sprachlich beherrscht, und welche ist stärker ausgeprägt?
  • Zeit: Wann begann der Kontakt mit den Sprachen, in welchem Abstand wurden sie erworben und wie lange wurden sie benutzt?
  • Gesellschaft: Ist das Umfeld ein- oder mehrsprachig, und in welchen Lebensbereichen werden die Sprachen verwendet?
  • Status: Welchen sozialen Status und welches Ansehen haben die Sprachen?
  • Identität: Welche kulturelle Identität und welches Zugehörigkeitsgefühl verbindet die Person mit den Sprachen?

Mit Bilingualismus befassen sich mehrere Disziplinen. Die Linguistik untersucht vor allem Spracherwerb und Sprachsysteme. Die Psychologie, besonders Entwicklungspsychologie und Kognitionsforschung, erforscht unter anderem Gedächtnis und Wahrnehmung. Die Fremdsprachendidaktik untersucht den gesteuerten Fremdsprachenerwerb und gliedert Kompetenzen etwa in Hören, Lesen, Sprechen und Schreiben; auch literacy, also Lesefähigkeit, gilt als wichtig.

Neurolinguistik und Psycholinguistik untersuchen, wie mehrsprachige Menschen im Gehirn sprechen und verstehen und wie Sprachen neurologisch organisiert sind. Die Spracherwerbsforschung untersucht Erwerbsphasen und Grammatik, häufig anhand langfristiger Studien. Die Soziolinguistik betrachtet Mehrsprachigkeit in Gruppen und Gesellschaften, Sprachkontakt, Sprachwandel, bedrohte Sprachen, Kreol- und Pidginsprachen sowie teilweise Gebärdensprachen. Die philologische Forschung vergleicht Texte und Äußerungen verschiedener Sprachen, um typologische, semantische und kulturelle Unterschiede sowie die Rolle von Sprachmittlung zu untersuchen.

Weitere Einteilungen beschreiben Motivation, Beherrschungsgrad, soziale Einbettung und die gesellschaftliche Funktion von Sprachen. Instrumentale Zweisprachigkeit meint den Erwerb aus praktischen Gründen; integrative Zweisprachigkeit den Erwerb mit dem Ziel, Teil des Zielkulturkreises zu werden. Diese Dichotomie gilt jedoch als problematisch, weil Spracherwerb viele Ursachen hat, Kinder nicht unbedingt bewusst motiviert sind und Alter, Umfeld und Erwerbsbedingungen zu wenig berücksichtigt werden.

Die Unterscheidung zwischen aktivem und passivem Sprachgebrauch ist ebenfalls unzureichend. Auch Lesen und Verstehen enthalten aktive Prozesse. Begriffe wie symmetrisch, asymmetrisch, dominant, isolierter und sozialer Bilingualismus beschreiben daher nur bestimmte Ausschnitte. Ein hoher Fokalisierungsgrad bedeutet, dass zwei sprachliche Systeme situationsabhängig gut getrennt werden; bei geringer Fokalisierung treten häufiger Vermischungen, Transfer oder Interferenz auf. Diese Trennbarkeit kann bei derselben Person je nach Situation unterschiedlich sein.

Formen des individuellen Bilingualismus

Beim simultanen Früh-Bilingualismus kommt ein Kind bereits beim Sprechenlernen gleichzeitig mit zwei Sprachen in Kontakt, etwa wenn jeder Elternteil eine andere Sprache verwendet. Früh und gleichzeitig erworbene Sprachen können zunächst mit einer Verzögerung der Sprachproduktion verbunden sein, die sich meist schnell ausgleicht. Ob Kinder später beide Sprachen gleich gut beherrschen, hängt jedoch auch von den Lebensumständen ab. Entscheidend ist, ob beide Sprachen weiterhin häufig und in unterschiedlichen Situationen benutzt werden. Da Sprachen selten überall gleich verwendet werden, ist ein direkter Vergleich der Fähigkeiten schwierig.

Die Verarbeitung der Sprachen im Gehirn ist umstritten. Die separate development theory nimmt an, dass Kinder ihre Sprachen früh trennen. Die fusion theory geht davon aus, dass Lexikon und Grammatik anfangs noch nicht ausdifferenziert sind. Paradis’ Subsystem-Hypothese beschreibt die Sprachen als zwei Untersysteme eines allgemeinen sprachlich-kognitiven Systems. Diese Systeme sind zunächst analytische Modelle und müssen im Gehirn nicht an klar begrenzten Orten liegen.

Konsekutiver Bilingualismus bedeutet, dass ein Kind seine Sprachen nacheinander erwirbt. Für Kinder, die vor der Pubertät in einer natürlichen Umgebung eine zweite Sprache erwerben, werden oft gute Chancen auf hohe Kompetenz und eine akzentarme Aussprache angenommen. Die Forschung zum Alter und zum angeblich akzentfreien Erwerb ist jedoch nicht abgeschlossen; weitreichende Aussagen gelten als nicht ausreichend belegt.

Beim additiven Bilingualismus wird eine neue Sprache erworben, ohne die erste Sprache zu verlieren. Beim subtraktiven Bilingualismus wird die erste Sprache zugunsten einer neuen Sprache vernachlässigt. Dies kann geschehen, wenn eine Minderheitensprache einen niedrigeren Status als die Mehrheitssprache hat. Die Begriffe werden in der Sprachforschung verwendet, sind in der Sozialpsychologie aber umstritten.

Später Bilingualismus entsteht häufig im Jugend- oder Erwachsenenalter, etwa durch Migration in ein anderssprachiges Land. Das sprachliche Ungleichgewicht kann größer sein als beim frühen Bilingualismus. Dennoch können beide Sprachen in vielen Lebensbereichen mit hoher Kompetenz verwendet werden. Oft entwickeln sich bereichsspezifische Teilkompetenzen: Wissenschaftler können beispielsweise schwierige fremdsprachige Texte lesen, ohne die Sprache fließend zu sprechen.

Die Erziehung in einer Nicht-Muttersprache ist umstritten. Einzelne Fallstudien zeigen, dass Kinder auch bei begrenzter Exposition eine zweite Sprache erwerben können, wenn Eltern konsequent jeweils eine Sprache verwenden. Untersuchungen zu gehörlosen Kindern weisen darauf hin, dass eine Gebärdensprache durch die Umgebung auf muttersprachlichem Niveau erworben werden kann, auch wenn die Eltern sie nicht als Muttersprache beherrschen. Eine Studie an 42 Kindern mit Autismus fand jedoch, dass Eltern in einer Fremdsprache seltener und weniger synchron antworteten; daraus wurde vor allem weiterer Forschungsbedarf abgeleitet.

Zweisprachigkeit, Bildung und Migration

Ältere Studien aus den 1950er- bis 1970er-Jahren behaupteten, Zweisprachigkeit führe zu unterentwickelter Intelligenz. Diese Untersuchungen gelten heute als mangelhaft, weil sie unter anderem Immigrantenkinder aus unteren sozialen Schichten mit Einsprachigen aus der Mittelschicht verglichen und häufig nur in der L2, der zweiten Sprache, testeten. Lambert und Peal zeigten 1962, dass zweisprachige Kinder in sprachlichen und nichtsprachlichen Intelligenztests besser abschnitten als Einsprachige. Ob Zweisprachigkeit die Ursache war oder umgekehrt gute Fähigkeiten den Spracherwerb erleichterten, blieb offen. Heute werden eher leichte kognitive Gewinne festgestellt, besonders beim bewussten Umgang mit Sprache. Nach E. Bialystok können kognitive Fähigkeiten im hohen Alter bei zweisprachigen Menschen langsamer nachlassen.

Schlechtere schulische Leistungen zweisprachiger oder zugewanderter Kinder lassen sich nicht einfach auf die Zweisprachigkeit zurückführen. Eine Studie der Universität Lausanne aus dem Jahr 2000 nannte unter anderem folgende Risikofaktoren: Die andere Sprache wird als unbedeutend angesehen, das Kind kommt aus einer niedrigeren sozialen Schicht, es ist bei der Einwanderung über 10–12 Jahre alt, und die Schule vernachlässigt seine Muttersprache. Auch traumatische Migrationserfahrungen, Statusverlust, Identitätsprobleme und Stress können die sprachliche Entwicklung und Leistungsfähigkeit beeinflussen.

Kinder, die vor dem Schulbeginn eine Minderheitensprache gut, die Umgebungssprache aber weniger gut beherrschen, erreichen im Durchschnitt nicht immer das Niveau einsprachig aufwachsender Kinder. Das bedeutet jedoch nicht, dass Zweisprachigkeit selbst die Ursache schlechter Schulleistungen ist. Zu unterscheiden sind im neuen Land geborene Kinder, die die Umgebungssprache oft früh erwerben, und Kinder, die sie erst nach dem Umzug lernen. Gute schulische Förderung kann sprachliche Rückstände verringern und Zweisprachigkeit zu einer größeren Gesamtsprachkompetenz entwickeln lassen.

Falscheinschätzungen entstehen, wenn Akzent, begrenzte Kenntnisse der Landessprache oder besondere Sprachformen als Hinweis auf geringe allgemeine Fähigkeiten gedeutet werden. Aufbauklassen für neu eingereiste Kinder wurden häufig an Grund-, Haupt- und Realschulen eingerichtet; ältere Kinder wurden teilweise unabhängig von ihren Fähigkeiten nicht an Gymnasien aufgenommen. Dadurch können Leistungspotenziale unberücksichtigt bleiben.

Eine Einbeziehung der Muttersprache kann Bildungschancen und Anerkennung fördern. Familien verwenden unterschiedliche Modelle: eine gemeinsame Familiensprache, zusätzliche Förderung, je eine Sprache pro Familienmitglied oder gemischten Sprachgebrauch. Einstellungen gegenüber Zielland und Zielsprache sowie Motivation und Nutzungshäufigkeit beeinflussen den Erwerb. Diese Einstellungen sind teilweise unbewusst und sollten daher nicht als persönliche Schuld bewertet werden. Neurophysiologische Untersuchungen liefern keine eindeutige Bestätigung oder Widerlegung der Annahme, dass eine Fremdsprache über dieselben Hirnareale wie die Muttersprache gelernt wird. Untersuchungen der York University in Toronto zufolge kann Zweisprachigkeit den Ausbruch der Alzheimer-Krankheit um ungefähr vier bis fünf Jahre verzögern.

Bilingualer Unterricht und Sprachpolitik

Bilingualer Unterricht verbindet zwei oder mehr Sprachen mit schulischer Bildung. Eine weitere Sprache wird nicht nur im Sprachunterricht, sondern teilweise oder vollständig auch im Sachfachunterricht, etwa in Erdkunde, verwendet. Beispiele sind Schulen in mehrsprachigen Ländern, Auslandsschulen, internationale Schulen und Gehörlosenschulen mit Gebärdensprache und Landessprache. In mehrsprachigen Gesellschaften werden mehrere Sprachen verstärkt unterrichtet; teilweise sind Schulabschlüsse in beiden Sprachen und rechtlich in zwei Ländern möglich, etwa beim AbiBac.

Eine Untersuchung zum deutsch-französischen Unterricht im Schweizer Kanton Wallis ergab, dass Kinder bei Unterricht in zwei Sprachen die L2 schneller erlernten und allgemeine sprachliche Kompetenzen entwickelten. Eine Verschlechterung der L1 wurde nicht festgestellt. Cummins erklärte dies mit der Developmental Interdependence Hypothesis: Beim Erlernen der ersten Sprache werden kognitive Ressourcen für den Erwerb der Zweitsprache entwickelt.

Der politische Umgang mit Zweisprachigkeit gehört zur Sprachpolitik. Staaten können eine Nationalsprache fördern und Minderheitensprachen schwächen oder mehrere Sprachen gesetzlich und institutionell anerkennen. Historische Beispiele für eine Vorrangpolitik sind die Durchsetzung des Französischen nach der Französischen Revolution, die Russifizierung im Russischen Reich, die sprachpolitischen Bestrebungen in der Zweiten Polnischen Republik und die Unterdrückung der polnischen Sprache im deutschen Kaiserreich.

In Südtirol wurden nach dem Ersten Weltkrieg zunächst Versuche unternommen, die deutsche Sprache zurückzudrängen; heute bestehen zwei- und dreisprachige Ortsschilder und ein institutionell unterschiedlich ausgeprägter Bi- beziehungsweise Multilingualismus. In den USA wird Englisch von Behörden deutlich bevorzugt. Während des Ersten Weltkriegs und danach wurden deutschsprachige Bürger verfolgt, das Sprechen des Deutschen verboten und deutsche Nachnamen teilweise anglisiert; vor dem Ersten Weltkrieg gab es allein in Chicago über 27 deutschsprachige Zeitungen. Kanada, Belgien, Luxemburg, Finnland und die Schweiz fördern Mehrsprachigkeit dagegen aktiv.

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