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Mehrsprachigkeit in der Literatur

Herkunft ist primär auf Deutsch geschrieben, enthält aber zudem implizite und explizite Mehrsprachigkeit. Explizite Mehrsprachigkeit kommt vor, wenn Wörter …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Grundformen
  2. 2. Grundlegende Gestaltungsverfahren
  3. 3. Mehrere Schriften und Zeichensysteme
  4. 4. Mehrsprachigkeit in Drama und Erzähltext
  5. 5. Lyrik und homophone Übersetzung

Begriff und Grundformen

Literarische Mehrsprachigkeit, auch Polyglossie oder Multilingualismus, bezeichnet die bewusste oder unbewusste Umsetzung gesellschaftlicher Mehrsprachigkeit in literarischen Werken. Da Sprache zugleich Kultur ausdrückt, kann Mehrsprachigkeit etwa politische Entwicklungen, soziale Unterschiede und Migrationserfahrungen sichtbar machen. Mehrsprachige Texte gibt es von der Antike über das Mittelalter und die Frühe Neuzeit bis zur Moderne.

Latente oder implizite Mehrsprachigkeit liegt vor, wenn ein Text äußerlich einsprachig ist, aber Strukturen oder Denkweisen einer anderen Sprache enthält. Das kann beispielsweise durch Übersetzung entstehen. Emine Sevgi Özdamar reichert ihre Texte bewusst mit impliziten Einflüssen aus dem Türkischen an.

Manifeste oder explizite Mehrsprachigkeit ist unmittelbar erkennbar, weil Wörter, Wendungen oder längere Passagen aus mehreren Sprachen verwendet werden. Dabei zählen nicht nur verschiedene Nationalsprachen: Auch Dialekte und Soziolekte, also Sprachformen bestimmter gesellschaftlicher Gruppen, können Mehrsprachigkeit erzeugen. Deshalb ist fraglich, ob es in der Literatur überhaupt eine vollständig von Mehrsprachigkeit abgrenzbare Einsprachigkeit gibt.

Grundlegende Gestaltungsverfahren

Beim Sprachwechsel erscheinen unterschiedliche Sprachen als klar getrennte Einheiten. Bei der Sprachmischung werden dagegen Elemente verschiedener Sprachen innerhalb derselben Einheit miteinander verbunden. Beide Verfahren stehen in Beziehung zu linguistischen Erscheinungen wie Code-Switching, dem situationsabhängigen Wechsel zwischen Sprachen, und Kontaktsprachen. In literarischen Werken werden sie gezielt als ästhetische Mittel eingesetzt. Frühe Beispiele verbinden Latein mit Volkssprachen. In der Frühen Neuzeit nahm ihre Bedeutung unter anderem durch den Buchdruck zu. Auch in der Moderne blieb literarische Mehrsprachigkeit trotz der stärkeren Vorstellung nationaler Einsprachigkeit wichtig.

In der Figurenrede wird Mehrsprachigkeit sichtbar, wenn Figuren mit verschiedenen Sprachen aufeinandertreffen. Dialoge können unterschiedliche Sprachen, Übersetzungen, Sprachwechsel oder Verständigungsprobleme enthalten. Dadurch lassen sich Figuren charakterisieren, soziale und kulturelle Zugehörigkeiten kennzeichnen, Machtverhältnisse zeigen und dargestellte Lebenswelten authentischer gestalten.

Auch ein Zitat kann in einem übertragenen Sinn als „fremdsprachig“ gelten, weil es die Stimme, Ausdrucksweise oder Perspektive einer anderen Person in einen Text einführt. Zitate stehen sowohl im Haupttext als auch im Peritext, also beispielsweise in Motti und Widmungen.

Mehrere Schriften und Zeichensysteme

Mehrschriftlichkeit bezeichnet die Verwendung oder Behandlung verschiedener Schriften und Zeichensysteme. Thematisierte oder erzählte Mehrschriftlichkeit liegt vor, wenn ein Werk über den Wechsel zwischen Schriftsystemen oder andere mehrschriftliche Phänomene spricht. Gezeigte Mehrschriftlichkeit ist dagegen im Text selbst sichtbar, weil mehrere Schriften miteinander vermischt werden. Solche Kombinationen können kulturelle Unterschiede, historische Entwicklungen und Grenzüberschreitungen darstellen. Unbekannte Zeichen erzeugen häufig einen Verfremdungseffekt und führen Lesern die Grenzen ihrer Lesekompetenz vor Augen.

Monika Schmitz-Emans unterscheidet mehrere Ebenen: die Mischung verschiedener Schriftarten und Schriftsysteme wie Alphabet- und Silbenschriften; die Verbindung unterschiedlicher Alphabete wie des lateinischen, griechischen und kyrillischen; typografische Unterschiede innerhalb eines Schriftsystems, etwa Schriftart und Größe; sowie die Mischung von Handschrift, Druckschrift und digitaler Schrift.

Hinzu kommen alternative Zeichensysteme wie Brailleschrift, Morsecode oder Flaggensignale, etwa in Hans Magnus Enzensbergers Das Wasserzeichen der Poesie (1985). Weitere Formen sind Kryptografie und Geheimcodes wie in Jules Vernes Voyage au centre de la terre (1864), erfundene Sprachen und Schriften für fiktionale Welten wie in J. R. R. Tolkiens „Herr der Ringe“ (1954/55) sowie Mischformen aus Schrift und Bild, beispielsweise kunstvoll gestaltete Initialen.

Mehrsprachigkeit in Drama und Erzähltext

Andreas Gryphius’ Scherzspiel Horribilicribrifax Teutsch von 1663 handelt von standesgemäßer Partnerwahl und zeigt Mehrsprachigkeit im Drama des 17. Jahrhunderts. Bereits der Autorenname ist latinisiert: Aus Andreas Greif wird Andreas Gryphius. Der Titel wird meist aus dem lateinischen horribilis cribrum als „schrecklicher Siebmacher“ gedeutet. Wegen der fehlerhaften Sprache des Stücks ist aber auch „schrecklicher Schreiberling“, abgeleitet von horribilis scribifax, als Deutung vorgeschlagen worden.

Das kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg entstandene Stück bewertet Sprachmischung negativ: Nach barocker rhetorischer Auffassung drückt die Rede den Charakter aus. Deutsch, Italienisch, Französisch, Spanisch, Altgriechisch, Latein und Hebräisch werden mit Dialekten, deutschen Soziolekten und Funktiolekten sowie der Zaubersprache Cyrilla vermengt. Ein Funktiolekt ist eine Sprachform, die an einen bestimmten Tätigkeitsbereich gebunden ist. Die Sprache kann zwischen einzelnen Sätzen und sogar innerhalb eines Satzes wechseln. Deshalb scheinen die Figuren teilweise eine neue, eigene Sprache zu sprechen.

Die Mischung erzeugt Komik und Missverständnisse. Die alte Cyrille deutet etwa lateinische Sätze des Sempronius als deutsche Äußerungen, sodass beide nicht wirklich dieselbe Sprache verwenden. Latein kennzeichnet Gelehrsamkeit, kann Figuren aber auch nur gebildet erscheinen lassen, obwohl sie es nicht sind.

Saša Stanišić behandelt in seinem 2009 erschienenen, hauptsächlich deutschsprachigen Buch Herkunft eigene Migrationserfahrungen. Das Werk enthält implizite und explizite Mehrsprachigkeit. Serbokroatische und englische Wörter bilden die explizite Ebene. Das serbokroatische Poskok bedeutet „Hornotter“, vermittelt aber durch den Klang der Kindheit zusätzliche Gefühle. Stanišić nennt zunächst nicht die deutsche Übersetzung, sondern umschreibt die Begegnung mit der Schlange und die damit verbundene Angst. Danach nähert er sich der Bedeutung schrittweise: Das in poskok enthaltene skok heißt „Sprung“ und erzeugt die bedrohliche Vorstellung, die Schlange könne einem an den Hals springen. Andere Stellen werden direkt übersetzt, etwa serbokroatisch zitierte patriotische Lieder aus Jugoslawien.

Explizite Mehrsprachigkeit übernimmt in Herkunft vor allem kreative und emotionale Funktionen. Implizite Mehrsprachigkeit zeigt dagegen die Lebenswirklichkeit geflüchteter Menschen: Saša und seine Mutter sprechen in Deutschland öffentlich nicht mehr ihre Muttersprache, nachdem sie dafür zurechtgewiesen worden sind.

Lyrik und homophone Übersetzung

Franz Daniel Pastorius verwendet in seinen Handschriften sieben Sprachen: Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Niederländisch, Griechisch und Latein. Sie treten als Sprachwechsel und als Sprachmischung auf; seine gedruckten Werke sind dagegen eher einsprachig. Die Mehrsprachigkeit diente dem transatlantischen Kulturtransfer während der Kolonisation Nordamerikas, besonders Pennsylvanias. Seine Gedichte sollten eine neue Gemeinschaft mit gemeinsamer Sprache erreichen und möglichst breite Teilhabe ermöglichen.

Die nicht zur Veröffentlichung vorgesehene Handschrift Beehive fordert zur kritischen Beschäftigung mit politischen Zuständen auf. Ein Gedicht über Unabhängigkeit und Einbürgerung verbindet politische Inhalte mit verschiedenen Formtraditionen: den für englische Lyrik typischen fünfhebigen Jambus und den im Englischen ungewöhnlichen Haufenreim. Ein fünfhebiger Jambus besitzt fünf jambische Versfüße; beim Haufenreim reimen sich mehr als zwei aufeinanderfolgende Verse. Pastorius verbindet damit explizite Mehrsprachigkeit auf der Wortebene mit latenter Mehrsprachigkeit in der Form. Diese Mischung soll unterschiedliche Leser einbeziehen und den Zusammenhalt der entstehenden Nation entwerfen.

Eine besondere lyrische Technik ist die homophone Übersetzung. Während eine semantische Übersetzung den Sinn möglichst genau überträgt, bildet die homophone Übersetzung vor allem den Klang des Ausgangstextes in der Zielsprache nach; die Bedeutung tritt zurück. Aufgrund dieses gleichzeitigen Bezugs auf zwei Sprachen besitzt sie eine starke intrinsische Mehrsprachigkeit.

Die Technik etablierte sich besonders in der Lyrik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als experimentelle Kunstform. Im deutschsprachigen Raum wurde Ernst Jandl bekannt, nach dessen gleichnamigem Gedicht von 1964 auch die Bezeichnung „Oberflächenübersetzung“ gebräuchlich wurde. Jandl bildet den ersten Vers von William Wordsworths Gedicht my heart leaps up when i behold klanglich als „mai hart lieb zapfen eibe hold“ nach.

In Frankreich nutzten besonders Mitglieder von Oulipo dieses Verfahren. Weitere deutschsprachige Vertreter sind Oskar Pastior, Yoko Tawada und Herbert Schuldt. Für Am Quell der Donau (1998) übersetzten Schuldt und der amerikanische Lyriker Robert Kelly ein Gedicht Hölderlins mehrfach hin und her, wobei sich homophone und semantische Übersetzungen abwechseln.

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