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Mehrdeutigkeit
Bei der Mehrdeutigkeit von Wörtern wird eine Polysemie von einer zufälligen Mehrdeutigkeit unterschieden, der Homonymie. Zum Auflösen der lexikalischen …
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Grundbegriff und Bedeutung
Mehrdeutigkeit oder Ambiguität liegt vor, wenn ein Zeichen mehrere Bedeutungen hat. Bei genau zwei Bedeutungen heißt sie auch Doppeldeutigkeit oder Zweideutigkeit. Zeichen können auf verschiedene Weise interpretiert werden; das betrifft nicht nur Wörter, sondern etwa auch Wortteile, Ausdrücke, Wendungen, Sätze, Äußerungen und Vexierbilder. Anspielungen, darunter Frivolitäten und Anzüglichkeiten, können ebenfalls mehrdeutig sein.
Bei sprachlichen Zeichen kann Mehrdeutigkeit unerwünscht sein, etwa in Gesetzestexten, wissenschaftlichen Arbeiten und formalen Sprachen. Dann soll sie durch Disambiguierung, also durch Klärung auf eine Interpretation, vermieden oder beseitigt werden. Sie kann aber auch absichtlich als Stilmittel eingesetzt werden, beispielsweise in Lyrik, Satire, Witzen, Kalauern und psychotherapeutischen Interventionen. Der komische Effekt entsteht oft erst beim Erkennen einer zweiten Bedeutung.
Für die automatische Verarbeitung natürlicher Sprache ist die Auflösung von Mehrdeutigkeit besonders schwierig. Menschen nutzen meist mühelos Zusammenhang und Weltwissen und erkennen auch, ob eine Mehrdeutigkeit beabsichtigt ist. Sprachverarbeitende Programme scheitern daran noch oft. Absichtlich mehrdeutige Texte sind zudem häufig schwer angemessen zu übersetzen, wenn die Zielsprache keine entsprechende Mehrdeutigkeit besitzt.
Mehrdeutige Wörter und Wortformen
Lexikalische Mehrdeutigkeit betrifft einzelne Wörter oder Wortteile. Bei Polysemie hat ein Ausdruck durch seinen Gebrauch mehrere Lesarten, etwa „Schimmel“ als Pferd oder Pilz. Davon wird Homonymie unterschieden: eine zufällige Mehrdeutigkeit gleich lautender oder gleich geschriebener Wörter.
Zur Klärung können Syntax, Semantik oder Pragmatik nötig sein. Pragmatik bedeutet hier der konkrete geschichtliche oder situative Zusammenhang. Im Satz „1916 erkrankte Maurice Ravel an der Ruhr“ kann „Ruhr“ eine Durchfallerkrankung oder den Fluss bezeichnen. Der historische Zusammenhang klärt die Krankheit als gemeinte Bedeutung, weil Ravel 1916 an einer weit von der Ruhr entfernten Front war.
Häufig ist die Prozess-Resultat-Ambiguität, auch Akt-Objekt-Ambiguität. Ein Substantiv bezeichnet dann entweder eine Handlung als Nomen Actionis oder deren Ergebnis als Nomen Acti. „Entscheidung“ kann den Vorgang des Sich-Entscheidens oder das Entschiedene meinen. Dies betrifft oft Wörter auf -ung; auch „Fragestellung“ wird oft für „Frage“ und „Zielsetzung“ für „Ziel“ verwendet.
Januswörter können sogar gegensätzliche Bedeutungen haben: „abdecken“ kann zudecken oder eine Abdeckung entfernen heißen, „erlassen“ einen Strafbefehl ausstellen oder eine Strafe erlassen, „sanktionieren“ billigen oder mit Strafe belegen und „übersehen“ vollständig im Blick haben oder nicht bemerken. „Umfahren“ zeigt das Gegenstück zur Homophonie: Die Schreibweise ist gleich, die Betonung entscheidet. Betonung auf der ersten Silbe bedeutet, ein Hindernis zu überfahren; Betonung auf der zweiten Silbe bedeutet, ihm auszuweichen.
Satzbau, Bedeutung und Bezug
Syntaktische Mehrdeutigkeit entsteht, wenn ein komplexes sprachliches Zeichen mehr als eine grammatische Struktur zulässt. Die Überschrift „Eisprinzessin verzaubert“ kann bedeuten, dass die Eisprinzessin andere verzaubert, oder dass sie von jemandem verzaubert wurde. Ohne Kontext bleibt dies offen. Menschen schließen meist aus der Bedeutung auf die passende Satzstruktur; bei komplexen Sätzen kann eine syntaktische Analyse jedoch mehrere Hundert, meist sehr unwahrscheinliche, aber grammatisch mögliche Analysen liefern.
Mehrdeutig sind unter anderem Nominalisierungen mit Bezug: „Das Fühlen der Hand“ kann das Gefühl eines Menschen für seine Hand oder das Empfinden der Hand bedeuten. Bei „wilde Tiere jagen“ bleibt offen, ob Menschen wilde Tiere jagen oder wilde Tiere selbst jagen. Deutsche Zusammensetzungen wie „Bauernopfer“, „Mauerfall“, „Fenstersturz“ und „Bocksprung“ können ebenfalls aktiv oder passiv verstanden werden. Auch Wortart und Kasus können die Deutung verändern, etwa „Rasen“ als Grünfläche oder schnelles Fahren sowie bei „Herr Blatter ließ Herrn Platini mehrere Millionen Schweizer Franken zahlen“: Dativ würde Empfang, Akkusativ Zahlung durch Platini bedeuten.
Eine andere Form entsteht durch verschiedene Zusammenfassung von Wörtern und Satzteilen. „Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt“ kann heißen, dass er erst am Ende an sich denkt, oder dass er schließlich nur noch an sich denkt. Zu große Kürze kann ebenfalls missverständliche Bezüge schaffen, wenn notwendige Satzteile fehlen.
Semantische Mehrdeutigkeit komplexer Zeichen betrifft mehrere mögliche Bedeutungen trotz gleicher Struktur. „Fluggäste ärgern sich über Gebühr“ kann eine Gebühr oder übermäßiges Ärgern meinen. Bei Skopusambiguität verändert die Reichweite von Wörtern wie „jeder“, „alle“ und „einige“ die Aussage: „Jeder Mann liebt eine Frau“ kann bedeuten, dass jeder Mann mindestens eine Frau liebt, oder dass es eine Frau gibt, die von allen Männern geliebt wird. Bereichsmehrdeutigkeit liegt allgemein vor, wenn unklar bleibt, auf welchen Teil einer Äußerung sich ein Wort oder eine Wortfolge bezieht, etwa bei „Ich traf den Sohn des Nachbarn mit dem Gewehr“.
Schrift, Klang und Sprechabsicht
Bildliche und wörtliche Bedeutung können nebeneinanderstehen. „Ich schneide bei meinen Patientinnen ganz gut ab“ kann bei einem Chirurgen heißen, dass er beliebt ist oder viel wegschneidet. Redewendungen und Sprichwörter können auf ähnliche Weise einen übertragenden und einen wörtlichen Sinn nahelegen.
Phonologische Mehrdeutigkeit oder Homophonie liegt vor, wenn Wörter oder Wortfolgen gleich ausgesprochen werden, zum Beispiel „Frucht-Bar“ und „fruchtbar“ oder „Der Gefangene floh“ und „der gefangene Floh“. Sie kommt auch in Dialekten vor. Umgekehrt sind manche Ausdrücke nur geschrieben mehrdeutig; beim Vorlesen zwingt die Betonung zu einer Entscheidung, etwa bei „umfahren“.
Orthografische Ambiguität entsteht durch eine Schreibweise, die verschiedene Wörter oder Wortgliederungen zulässt. „Wachstube“ kann die Stube einer Wache oder eine Tube mit Wachs sein; „Lachen“ kann Pfützen oder Gelächter bezeichnen. Solche Fälle werden auch für Rätsel genutzt.
Die Rechtschreibreformen ab Juli 1996 ließen teils wahlfreie Getrenntschreibungen zu. Dadurch können Sätze schriftlich mehrdeutig werden, obwohl die Betonung sie mündlich klärt, etwa „Eine Hand voll Teeblätter“ gegenüber „eine Handvoll“. Weitere Beispiele sind „viel versprechend“, „selbst genutzte Immobilien“, „gut gemacht“, „kaputt gekriegt“, „wohl bekannt“ und „zu Lande“. Die Abschaffung oder Einführung bestimmter Schreibungen kann zusätzliche Unklarheiten hervorrufen, etwa bei „gräulichen/greulichen“, „im Allgemeinen/allgemein“, „im Übrigen/übrigens“ und „als Nächsten/als nächsten“.
Pragmatische Mehrdeutigkeit betrifft den Sprechakt: Eine syntaktisch und semantisch eindeutige Äußerung kann unterschiedliche kommunikative Funktionen haben. „Das ist aber kalt hier“ kann Feststellung, Aufforderung oder Klage sein. Das Vier-Seiten-Modell von Friedemann Schulz von Thun unterscheidet dabei Sachseite, Selbstoffenbarung, Beziehungsseite und Appell. Im Beispiel können dies die als kühl empfundene Temperatur, „Ich bin sensibel“, der Vorwurf mangelnder Aufmerksamkeit und die Bitte sein, die Heizung höher zu drehen.
Verwandte Formen und Anwendungsfelder
Vagheit ist nicht dasselbe wie Polysemie. Quantitativ unbestimmte Ausdrücke wie „bald“ oder „ein paar“ müssen bei der Interpretation nicht auf eine präzise Bedeutung festgelegt werden. Auch „Ich gehe davon aus, dass …“ lässt ein Spektrum ähnlicher Haltungen offen, etwa vermuten, erwarten, hoffen oder für wahrscheinlich halten.
Bei Pseudoambiguität oder falschem Zwischensinn eröffnet die Satzanalyse zunächst mehrere Deutungen, die sich erst am Satzende auf eine einzige reduzieren. Dieser Holzwegeffekt kann Leser und Hörer in die Irre führen und soll außerhalb von Sprachspielen vermieden werden. Davon zu unterscheiden sind Formulierungen, bei denen nicht mehrere Bedeutungen vorliegen, sondern eine Bedeutung beabsichtigt war und sprachlich etwas anderes dasteht, etwa missverständliche Zeitangaben oder Bezüge.
Narrative, also literarische, Ambiguität bezeichnet nach Shlomith Rimmon in The Concept of Ambiguity, the Example of James (1977) das Nebeneinander einander ausschließender Möglichkeiten. Beim Lesen werden Daten gesammelt und Hypothesen gebildet; entstehen mehrere gleichwertige, widersprechende Hypothesen, liegt narrative Ambiguität vor. Als Analogie dient der Necker-Würfel: Mehrere Perspektiven sind möglich, aber nur abwechselnd sichtbar. Rimmon zeigt dies an Erzählungen von James, etwa The Figure in the Carpet und The Turn of the Screw. Für Thomas Mann war Doppeldeutigkeit im Sinn koexistierender Antinomien ein Kern seiner Kunstauffassung; am 13. Oktober 1953 notierte er: „Heitere Ambiguität im Grunde mein Element.“
Auch soziale Situationen können mehrdeutig oder ambivalent sein. Sie entstehen durch heterogene Präferenzen und erschweren Entscheidungen. Hilfreich sind eine präzise Wahrnehmung und Bewertung der Situation als kognitiver Aspekt sowie Ambiguitätstoleranz, also die Fähigkeit, Mehrdeutigkeit auszuhalten, als emotionaler oder affektiver Aspekt. Dadurch können problemorientierte Lösungen entstehen; im Design Thinking wird Mehrdeutigkeit ausdrücklich gesucht, um innovative Lösungen zu entwickeln.
In Wirtschafts- und Organisationstheorie spielt Ambiguität im VUCA-Modell eine Rolle, wird aber unscharf verwendet: für Entscheidungen bei widersprüchlichen Informationen oder Präferenzen, bei unbekannten Wechselwirkungen und Kausalzusammenhängen oder bei subjektiven Schätzungen mangels objektiver Daten. Die letzte Verwendung nähert den Begriff dem umfassenderen Begriff der Unsicherheit an.