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Ludwig Wittgenstein

Wittgenstein lieferte Beiträge zur Philosophie der Logik, der Sprache und des Bewusstseins. Seine beiden Hauptwerke Logisch-philosophische Abhandlung (Tractatus …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Kern und Bedeutung
  2. 2. Leben und Entstehung des Frühwerks
  3. 3. Frühphilosophie und Übergangszeit
  4. 4. Spätwerk und zentrale Begriffe
  5. 5. Deutungen und Nachlass

Kern und Bedeutung

Ludwig Josef Johann Wittgenstein (26. April 1889 in Wien – 29. April 1951 in Cambridge) war ein österreichischer Philosoph und gilt als einer der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Seine wichtigsten Arbeitsgebiete waren die Logik, die Sprache und das Bewusstsein.

Wittgensteins Grundgedanke lautet, dass viele philosophische Probleme durch einen unpräzisen oder irreführenden Gebrauch der Sprache entstehen. Philosophische Arbeit soll deshalb zunächst Begriffe klären und die logische Struktur von Sätzen untersuchen. Durch die Mehrdeutigkeit von Wörtern können laut Wittgenstein grundlegende Verwechslungen entstehen. Diese sprachkritische Ausrichtung beeinflusste den Logischen Positivismus und die Analytische Sprachphilosophie.

Besonders groß war Wittgensteins Einfluss auf den Wiener Kreis, der sich zwischen 1925 und 1935 entwickelte. Zu seinen Mitgliedern oder Gesprächspartnern gehörten unter anderem Moritz Schlick, Rudolf Carnap, Otto Neurath, Hans Hahn, Kurt Gödel und Friedrich Waismann. Wittgensteins Philosophie stand außerdem in Auseinandersetzung mit Gottlob Frege, Bertrand Russell, David Hilbert und dem französischen Konventionalismus. Der Logische Empirismus gilt als weniger radikale Fortentwicklung des Logischen Positivismus.

Leben und Entstehung des Frühwerks

Wittgenstein stammte aus einer wohlhabenden, früh assimilierten jüdischen Industriellenfamilie in Wien. Er war das jüngste von neun Kindern des Stahlindustriellen Karl Wittgenstein und Leopoldine Wittgenstein. Im Palais der Familie verkehrten bedeutende Musiker. Wittgenstein selbst spielte Klarinette; drei seiner Geschwister nahmen sich das Leben. Nach dem Ersten Weltkrieg zeigte er depressive Züge.

Von 1903 bis 1906 besuchte er die K. k. Staats-Realschule in Linz. 1906 begann er an der Technischen Hochschule Charlottenburg ein Ingenieurstudium. Nach seinem Abschlussdiplom als Ingenieur 1908 arbeitete er in Manchester an Flugmotoren und erhielt am 17. August 1911 ein Patent für Verbesserungsvorschläge an Flugzeugpropellern. Auf Anregung Gottlob Freges ging er anschließend nach Cambridge an das Trinity College und beschäftigte sich unter Bertrand Russell mit Logik und den Principia Mathematica. Sein Ziel war, mathematische Axiome aus logischen Prinzipien abzuleiten.

Während des Ersten Weltkriegs diente Wittgenstein als österreichischer Soldat an der Ostfront. Bei Kriegsende geriet er bei Asiago in italienische Gefangenschaft. In dieser Zeit arbeitete er weiter an seinem ersten Hauptwerk und wurde durch Kriegserfahrungen sowie die Lektüre Leo Tolstois auch religiös und mystisch geprägt. 1912 hatte er mit der Arbeit an der Logisch-philosophischen Abhandlung begonnen; im Sommer 1918 vollendete er sie. Eine fehlerhafte Fassung erschien 1921, 1922 folgte eine zweisprachige Ausgabe unter dem Titel Tractatus Logico-Philosophicus.

Der Tractatus blieb, abgesehen von zwei kleineren philosophischen Aufsätzen und einem Wörterbuch für Volksschulen, das einzige zu Wittgensteins Lebzeiten veröffentlichte Werk.

Frühphilosophie und Übergangszeit

Der Tractatus steht für Wittgensteins frühe Sprachphilosophie und für eine sprachkritische Wende, den sogenannten linguistic turn. Philosophische Probleme sollen aufgelöst werden, indem man untersucht, durch welche falsche Verwendung von Sprache sie entstehen. Ziel ist die Unterscheidung zwischen sinnvollen, sinnlosen und unsinnigen Sätzen.

Im Mittelpunkt steht die Abbildtheorie der Sprache. Die Wirklichkeit besteht aus „Dingen“, die in Sachverhalten miteinander verbunden sind. Sprachliche Namen beziehen sich auf Dinge; ein Satz erhält seine Bedeutung jedoch erst durch die Anordnung seiner Namen. Ist die Struktur des Satzes dieselbe wie die Struktur des dargestellten Sachverhalts, ist der Satz wahr. Weicht sie davon ab, ist er falsch.

„Sinnlos“ sind Sätze, die unabhängig von der Wirklichkeit wahr oder falsch sind, etwa Tautologien und Kontradiktionen. „Unsinnig“ sind Sätze, die überhaupt keinen möglichen Sachverhalt darstellen, beispielsweise der Satz „Der Satz, den ich hiermit ausspreche, ist falsch“. Auch Werturteile, Bitten und Aussagen über das, was über die Struktur der Welt hinausgeht, können nach dieser Auffassung nicht als Tatsachen beschrieben werden. Werte lassen sich nicht aussprechen, sondern höchstens „erschweigen“.

Wittgenstein entwickelte im Tractatus die Wahrheitstabellen, die heute zur elementaren Logik gehören. Die Logik bildet für ihn die Grundlage aller Einzelerkenntnis und zugleich deren Grenze. Dies fasst der Satz zusammen: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ Seine Philosophie beschreibt außerdem, dass ihre eigenen Sätze am Ende als unsinnig erkannt werden sollen, nachdem der Leser mit ihrer Hilfe über sie hinausgestiegen ist.

Nach dem Tractatus glaubte Wittgenstein zunächst, seine philosophische Aufgabe erfüllt zu haben. Er besuchte 1919/1920 eine Lehrerbildungsanstalt und arbeitete von 1920 bis 1926 als Volksschullehrer in Trattenbach, Puchberg am Schneeberg und Otterthal. Nach einem Vorfall mit einem Schüler reichte er im April 1926 sein Entlassungsgesuch ein. Danach war er kurze Zeit Gärtnergehilfe in einem Kloster. Von 1926 bis 1928 entwarf er mit Paul Engelmann das Haus Wittgenstein in Wien für seine Schwester Margarethe.

Ende der 1920er Jahre wandte er sich wieder intensiv der Philosophie zu. In einer Übergangsphase vertrat er zeitweise eine Form des Verifikationismus: Die Bedeutung eines Satzes sollte mit der Kenntnis der zugehörigen Verfahren seiner Überprüfung oder seines Beweises verbunden sein.

Spätwerk und zentrale Begriffe

1929 kehrte Wittgenstein nach Cambridge zurück und promovierte über den Tractatus. 1939 wurde er Nachfolger von G. E. Moore als Philosophieprofessor; diese Professur behielt er bis 1947. Nach dem „Anschluss“ Österreichs an NS-Deutschland am 12. März 1938 nahm er die britische Staatsbürgerschaft an.

In den 1930er Jahren entwickelte Wittgenstein seine Philosophie weiter. Wichtige Arbeitsstufen waren The Blue Book, The Brown Book, The Big Typescript, die Philosophischen Bemerkungen und die Philosophische Grammatik. Etwa ab 1936 arbeitete er an den Philosophischen Untersuchungen. Dieses Werk wurde 1949 abgeschlossen und erschien 1953 postum. Es beeinflusste die Philosophiegeschichte noch stärker als der Tractatus und gilt als eines der Hauptwerke der sprachanalytischen Philosophie.

Im Spätwerk steht nicht mehr die Vorstellung im Mittelpunkt, dass Sprache die Wirklichkeit durch zeitlose logische Strukturen abbildet. Wittgenstein vergleicht Sprache nun mit einer alten Stadt, die aus unterschiedlichen Zeiten und Bauformen besteht. Die Bedeutung eines Wortes erklärt er für eine große Klasse von Fällen durch seinen Gebrauch in der Sprache: „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.“

Ein Sprachspiel ist eine sprachliche Tätigkeit innerhalb einer Lebensform. Sprechen gehört dabei zu einem geregelten Zusammenhang menschlichen Handelns. Die Philosophie soll den tatsächlichen Gebrauch von Wörtern beschreiben und Wörter von einer scheinbar metaphysischen auf ihre alltägliche Verwendung zurückführen. Wittgenstein ersetzt den Begriff „Logik“ weitgehend durch „Grammatik“, verstanden als ein Ensemble von Gepflogenheiten einer Lebensform. Anders als die Logik kann diese Grammatik Veränderungen unterliegen.

Philosophische Schwierigkeiten entstehen häufig, weil Menschen Wörter nach irreführenden Bildern gebrauchen. Die Ähnlichkeit von „Ich habe einen Stuhl“, „Ich habe einen Eindruck“ und „Ich habe Zahnschmerzen“ kann etwa dazu verleiten, Eindrücke oder Schmerzen wie räumliche Gegenstände aufzufassen. Wittgensteins Philosophie soll solche Denkverkrampfungen sichtbar machen und lösen. Daher beschreibt er Philosophie als Therapie: „Der Philosoph behandelt eine Frage, wie eine Krankheit.“ Ihr Ziel sei, „der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas“ zu zeigen.

Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete Wittgenstein als Pfleger und später als Laborassistent an Untersuchungen zum hämorrhagischen Schock. 1947 beendete er seine Universitätstätigkeit. Er arbeitete weiter an Fragen der Wahrnehmung, der Gewissheit, des Zweifels und der Philosophie der Psychologie. 1951 starb er an Krebs.

Deutungen und Nachlass

Wittgensteins Werke werden unterschiedlich interpretiert. Gründe dafür sind sein aphoristischer Stil, die geringe Zahl zu Lebzeiten veröffentlichter Schriften und umstrittene editorische Entscheidungen zum zweiten Teil der Philosophischen Untersuchungen. Der Wiener Kreis las ihn teilweise als Vorläufer des Logischen Positivismus; später wurde er auch der Philosophie der normalen Sprache zugerechnet. In der Forschung standen nacheinander unter anderem die Gegenstände des Tractatus, der Begriff der Bedeutung, Sprachspiele, Lebensformen, Privatsprache und das Regelfolgen im Mittelpunkt.

Seit etwa Mitte der 1990er Jahre wird besonders zwischen Standardinterpretation und „resoluter“ beziehungsweise therapeutischer Lesart unterschieden. Die resolute Lesart nimmt den Unsinn-Begriff des Tractatus streng: Der größte Teil des Werkes sei wörtlich unsinnig und habe vor allem eine therapeutische Funktion. Sie betont außerdem eine grundsätzliche Kontinuität zwischen Früh- und Spätwerk. Die Standardinterpretation nimmt dagegen eher einen Bruch zwischen den beiden philosophischen Entwicklungsphasen an und sieht im Tractatus tiefe Einsichten über die Grenzen von Sinn.

Auch das Spätwerk wird in zwei Richtungen gedeutet. Die therapeutische Auffassung meint, Wittgenstein wolle keine letzten Wahrheiten oder absoluten Regeln der Sprache aufstellen. Er entwickle Vergleichsobjekte und Beschreibungen, die verwirrende Bilder auflösen. Die sogenannte metaphysische Auffassung betont dagegen, dass Wittgenstein mit Begriffen wie „Grammatik“, „Sprachspiel“ und „Lebensform“ bestimmte, wenn auch nicht klassisch definierte Strukturen der Bedeutung beschreibe. Umstritten ist daher auch § 43 der Philosophischen Untersuchungen: „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.“ Für die metaphysische Lesart ist dies eine Bestimmung der Bedeutung; für die therapeutische Lesart nur ein möglicher Vergleich, der Denkprobleme lösen kann.

Wittgenstein hinterließ etwa 20.000 handgeschriebene Seiten. Sein philosophischer Nachlass wurde Ende Oktober 2017 in die UNESCO-Liste des Weltdokumentenerbes aufgenommen. Als Verwalter setzte er G. E. M. Anscombe, Rush Rhees und G. H. von Wright ein. Die meisten Schriften wurden erst nach seinem Tod herausgegeben; die Herausgeberentscheidungen sind teilweise umstritten. Seit 2001 liegt eine kritisch-genetische Edition der Philosophischen Untersuchungen vor. Der Nachlass ist in den Wittgenstein Archives at the University of Bergen frei online zugänglich. Die meisten Texte wurden 2022, nach Wittgensteins 70. Todesjahr, gemeinfrei.

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