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Polysemie

B. Wort, Morphem oder Syntagma) bezeichnet, der mehrere unterscheidbare Bedeutungen hat, wobei aber diese Bedeutungen ein gewisses Maß an Ähnlichkeit oder …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Bedeutung
  2. 2. Entstehung und Grundformen
  3. 3. Regelmäßig erschließbare Bedeutungen
  4. 4. Abgrenzung und sprachwissenschaftliche Modelle
  5. 5. Wörterbücher und quantitative Zusammenhänge

Begriff und Bedeutung

Polysemie bezeichnet in der Sprachwissenschaft die Eigenschaft eines sprachlichen Ausdrucks, mehrere unterscheidbare, aber inhaltlich miteinander verwandte Bedeutungen zu haben. Ein solcher Ausdruck heißt polysem. Das können nicht nur Wörter sein, sondern auch Morpheme, Lexeme oder Syntagmen. Polyseme Ausdrücke sind mehrdeutig; ihre Bedeutungen weisen jedoch eine Ähnlichkeit, eine gemeinsame Kernbedeutung oder einen anderen begrifflichen Zusammenhang auf.

Der Begriff kann unterschiedlich weit verstanden werden: Allgemein meint Polysemie die Mehrdeutigkeit eines sprachlichen Zeichens. In einer engeren, in der Sprachwissenschaft üblichen Bedeutung bezeichnet sie systematische Mehrdeutigkeit und wird damit von der zufälligen Mehrdeutigkeit, der Homonymie, unterschieden. Der Zusammenhang zwischen den Bedeutungen kann auf gemeinsamer Herkunft beruhen, muss dies aber nicht.

Die meisten Wörter sind polysem. Polysemie gilt deshalb als Normalfall natürlicher Sprache und als Ausdruck sprachlicher Ökonomie: Ein vorhandener Ausdruck kann mehrere verwandte Sachverhalte bezeichnen. Das Polysemieproblem besteht darin, im jeweiligen Kontext die passende Bedeutung zu bestimmen. Polysemie kann Missverständnisse und Fehlschlüsse verursachen, wird aber auch für Wortspiele sowie für sprachschöpferische oder dichterische Wirkungen genutzt.

Entstehung und Grundformen

Polyseme Bedeutungen können durch Metaphorik, Metonymie, Bedeutungsentlehnung, elliptischen Gebrauch, die Wiederbelebung alter Bedeutungen oder die fachsprachliche Ausdifferenzierung eines Begriffs entstehen.

Bei der Polysemie durch Spezialisierung erhält ein allgemeiner Ausdruck in einem besonderen Zusammenhang eine veränderte Bedeutung und kann dadurch zum Fachbegriff werden. Umgekehrt kann ein Fachbegriff später auch eine allgemeinsprachliche Bedeutung annehmen.

Bei der Bedeutungserweiterung wird ein Ausdruck übertragen verwendet. Im Satz „Peter ist eine Banane“ bezeichnet Banane nicht dauerhaft eine Person; vielmehr werden Eigenschaften einer Banane, etwa lang und krumm zu sein, auf Peter übertragen. Solche nur im jeweiligen Kontext entstehenden Lesarten werden nicht im Wörterbuch erfasst. Verfestigt sich die Übertragung im Sprachgebrauch, kann sie dagegen als eigene Bedeutung aufgenommen werden, wie bei Schwein in „Peter ist ein Schwein“.

Regelmäßig erschließbare Bedeutungen

Reguläre Polysemie, auch systematische Polysemie oder polysemes Muster genannt, liegt vor, wenn sich bei einer Gruppe lexikalischer Zeichen aus einer Bedeutung regelmäßig eine weitere erschließen lässt. Bezeichnungen für Institutionen können beispielsweise zugleich für deren Mitglieder oder deren Gebäude stehen.

Das Wort Schule zeigt dieses Muster:

• „Er geht noch zur Schule“ bezeichnet die Institution. • „Die Schule streikt heute“ meint die zugehörige Personengruppe, also etwa Schüler und Lehrer. • „Unsere Schule steht unter Denkmalschutz!“ bezeichnet das konkrete Gebäude.

Vergleichbare Lesarten sind bei Universität, Kindergarten, Parlament, Rathaus und Bank möglich. Diese regelmäßig aus dem Zusammenhang erschließbaren Bedeutungen werden nach dem Artikel nicht im Wörterbuch erfasst.

Zur Erklärung wird teils von einer Bedeutungs- oder Konzeptfamilie gesprochen. Eine andere Auffassung behandelt die Lesarten als gewöhnliche lexikalische Mehrdeutigkeit, bei der Bedeutungen durch Analogie auseinander hervorgehen. So bedeutet gesund bei „gesunder Mensch“ etwas anderes als bei „gesunde Biokost“; im zweiten Fall ist gemeint, dass die Nahrung Gesundheit erhält oder verschafft.

Abgrenzung und sprachwissenschaftliche Modelle

Bei Polysemie sind die verschiedenen Bedeutungen ähnlich oder voneinander abgeleitet. Bei Homonymie besitzen gleich aussehende oder gleich klingende Wörter dagegen Bedeutungen, zwischen denen keine erkennbare Ähnlichkeit besteht. Homographie bezeichnet gleiche Schreibweise bei verschiedener Bedeutung und oft verschiedener Aussprache, etwa mōdern „verwesen“ und modérn „fortschrittlich“. Homophonie bezeichnet gleiche Aussprache bei verschiedener Bedeutung und oft verschiedener Schreibweise, etwa malen und mahlen.

Die Grenze zwischen Polysemie und Homonymie bleibt unscharf. Man kann Polysemie als mehrere Bedeutungsvarianten eines einzigen Lexems und Homonymie als mehrere Wörter mit demselben Wortkörper bestimmen. Dann entsteht jedoch die schwierige Frage, wann ein einziges und wann mehrere Wörter vorliegen. Häufig lässt sich dies nur mit vertieften Kenntnissen der Wortgeschichte entscheiden.

Ein Beispiel ist Bank in den Bedeutungen „Geldinstitut“ und „Sitzgelegenheit“. Beide gehen etymologisch auf ein Wort zurück und gelten nach einem herkunftsbezogenen Kriterium als Polysemie. Aus heutiger Sicht ist jedoch kein klarer Bedeutungszusammenhang mehr erkennbar. Wörterbücher behandeln Bank deshalb teils als ein Wort, teils – wie der Duden – in getrennten Einträgen.

Auch Bauer kann „Landwirt“ oder „Vogelkäfig“ bedeuten. Beide Bedeutungen haben eine gemeinsame etymologische Wurzel, sind aber klar verschiedene Bildungen: Bauer „Landwirt“ ist maskulin und in der Regel schwach flektiert; Bauer „Vogelkäfig“ kann neutral oder maskulin sein und wird stark flektiert. Wegen solcher Grenzfälle wird teilweise vorgeschlagen, allgemeiner von lexikalischer Mehrdeutigkeit, Ambiguität oder Äquivokation zu sprechen.

Modelle der Polysemie sollen erklären, worin die semantische Nähe der Bedeutungen besteht. Genannt werden die „Zwei-Ebenen-Semantik“ von Manfred Bierwisch und das „Netzwerkmodell der Polysemie“ aus der kognitiven Linguistik.

Wörterbücher und quantitative Zusammenhänge

In der Lexikografie, also der Wörterbucherstellung, werden die einzelnen Bedeutungen durch mehrere semantische Kommentare innerhalb eines Artikels beschrieben. Polyseme stehen gewöhnlich unter einem Stichwort, Homonyme unter getrennten Stichwörtern. So kann Pferd in einem Eintrag unter anderem „großes Säugetier“ und „Turngerät“ bedeuten, während Bank als „Sitzgelegenheit“ und als „Geldinstitut“ in zwei Einträgen erscheinen kann. Die schwankende Abgrenzung führt allerdings zu unterschiedlichen Zahlen: Das Guinness-Buch der Rekorde nannte 1997 für Läufer 24 Bedeutungen, während der Duden von 2012 nur 6 Bedeutungen aufführte. Bei Zug wurden 16, in einer früheren gedruckten Ausgabe noch 24 Bedeutungen unterschieden.

Mehrdeutigkeit erschwert auch die Indexierung von Dokumenten. Werden Inhalte durch definierte Schlagwörter erschlossen, müssen die Bedeutungen daher in einem kontrollierten Vokabular voneinander abgegrenzt werden.

Quantitativ lässt sich erstens untersuchen, wie häufig die einzelnen Bedeutungen eines Ausdrucks in Texten oder Textkorpora vorkommen. Die nach Häufigkeit geordneten Daten können mit einem mathematischen Modell beschrieben werden, das als Gesetzeshypothese gilt. Zweitens untersucht man Beziehungen zwischen Polysemie und anderen Spracheigenschaften:

• Je länger Wörter durchschnittlich sind, desto geringer ist ihre Polysemie. Dieser umgekehrte Zusammenhang wurde für Chinesisch, Japanisch und Indonesisch sowie von Köhler für das Deutsche nachgewiesen. • Die Polysemie steht in einem negativen Zusammenhang mit der Größe des Lexikons einer Sprache. • Sie steht in einem positiven Zusammenhang mit der Polytextie, also damit, dass Wörter in vielen verschiedenen Texten oder Textarten vorkommen. • Je älter Wörter sind, desto mehr Bedeutungen besitzen sie im Durchschnitt. Dieser Zusammenhang wurde unter anderem für Englisch und Japanisch nachgewiesen.

Lernvideos zu Polysemie

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