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Max Ernst
Mit seinen Gemälden, Collagen und Skulpturen schuf der Künstler rätselhafte Bildkombinationen, bizarre Wesen, die häufig Vögel darstellen, und phantastische …
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Bedeutung und Lebensweg
Max Ernst (2. April 1891 in Brühl–1. April 1976 in Paris), eigentlich Maximilian Maria Ernst, war ein bedeutender Maler, Grafiker und Bildhauer deutscher Herkunft. 1948 erhielt er die amerikanische, 1958 die französische Staatsbürgerschaft. Sein Werk ist geprägt von rätselhaften Bildkombinationen, fantastischen Landschaften, bizarren, häufig vogelähnlichen Wesen sowie Collagen, Künstlerbüchern und Skulpturen.
Nach dem Abitur studierte Ernst von 1910 bis 1914 in Bonn Altphilologie, Philosophie, Psychologie und Kunstgeschichte. Er beschäftigte sich mit Sigmund Freud und der Kunst von Menschen mit psychischen Erkrankungen. Außerdem interessierte er sich für Hieronymus Bosch, Pieter Bruegel, die deutsche Romantik, Vincent van Gogh und die moderne Avantgarde. 1911 lernte er August Macke kennen und beschloss, als Autodidakt Maler zu werden.
Von August 1914 bis November 1918 war Ernst im Ersten Weltkrieg in Frankreich und Polen eingesetzt. Er empfand seine Rückkehr 1918 als eine „Wiedergeburt“. 1919 gründete er mit Johannes Theodor Baargeld und Hans Arp die Kölner Dada-Gruppe. 1922 zog er nach Paris, ließ seine Familie zurück und schloss sich dem Kreis der Surrealisten um André Breton an. 1939 und 1940 wurde er in Frankreich interniert. 1941 floh er mit Peggy Guggenheim über Spanien und Portugal in die USA. 1946 heiratete er Dorothea Tanning; 1953 kehrten beide nach Frankreich zurück. Ernst starb 1976 in Paris.
Sein autobiografischer Text über eine angebliche Geburt aus einem Vogelei und den Tod seines Lieblingsvogels Hornebom ist teilweise fiktiv. Der Vogel wurde zu einem wichtigen Alter Ego: zunächst „Vogelobren Hornebom“ und „Loplop“, im Spätwerk „Schnabelmax“. Vogelwesen erscheinen besonders in den Werkreihen „Loplop“.
Dadaismus, Surrealismus und zentrale Bildideen
Ernst wandte sich nach dem Ersten Weltkrieg gegen die traditionelle Vorstellung vom schöpferischen Künstler. 1919 beteiligte er sich in Köln an dadaistischen Zeitschriften und Ausstellungen. Die Dada-Ausstellung „Dada-Vorfrühling“ von 1920 wurde wegen ihres provokanten Charakters zeitweise polizeilich geschlossen. Ernst arbeitete mit Baargeld und Arp an gemeinsamen Collagen, den sogenannten „Fatagaga“.
In Paris wurde Ernst ab 1924 ein wichtiges Mitglied der surrealistischen Gruppe. André Breton definierte den Surrealismus im „Manifeste du Surréalisme“ als „reinen psychischen Automatismus“. Ernst übertrug diese Idee in Bilder, indem er Zufälle, freie Assoziationen und fremde Bildmaterialien nutzte. Seine Collage-Definition lautet: „Collage-Technik ist die systematische Ausbeutung des zufälligen oder künstlich provozierten Zusammentreffens von zwei oder mehr wesensfremden Realitäten auf einer augenscheinlich dazu ungeeigneten Ebene – und der Funke Poesie, welcher bei der Annäherung dieser Realitäten überspringt.“
Ein frühes Beispiel ist „Aquis submersus“ von 1919. Die Collage „Der Hut macht den Mann“ von 1920 entstand ursprünglich aus einer Druckvorlage für einen Werbekatalog. „Celebes“ von 1921 gehört zu den frühen Übergangswerken zwischen Dadaismus und Surrealismus. „Das Rendezvous der Freunde“ entstand 1922 nach Ernsts Umzug nach Paris. Weitere wichtige Werke sind „Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen: André Breton, Paul Éluard und dem Maler“ von 1926, „Loplop stellt Loplop vor“ von 1930 und „Die ganze Stadt“ von 1935/36.
Ernsts Motive verbinden häufig Mensch, Tier, Pflanze, Maschine und Landschaft. Ab 1927 entstanden Serien mit Vögeln und Wäldern. „Die Einkleidung der Braut“ von 1940 zeigt eine Frau mit Vogelkopf; „Europa nach dem Regen II“ (1940–1942) stellt eine von Verwüstung geprägte Landschaft dar und entstand während der Kriegszeit und Emigration. „Vox Angelica“ von 1943 besteht aus 51 größeren und kleineren Einzelbildern und gilt als Wendepunkt zu einer helleren und einfacheren Bildsprache.
Techniken, Bücher und Skulpturen
Max Ernst erfand oder entwickelte halbautomatische Verfahren, die zufällige Strukturen erzeugten und seine Vorstellungskraft anregten:
- Frottage: Ein Blatt Papier wird auf einen strukturierten Untergrund gelegt; die Struktur wird mit einem Bleistift durchgerieben. Ein wichtiges Beispiel ist „Histoire naturelle“, begonnen ab 1925.
- Grattage: Auf eine Leinwand werden mindestens zwei Farbschichten aufgetragen; die oberen Schichten werden teilweise freigekratzt. Beispiele sind „Vogelhochzeit“ (1925), „Grätenblumen“ (1929) und „Die ganze Stadt“ (1935/36).
- Oszillation oder Drip Painting: Eine mit flüssiger Farbe gefüllte Dose wird an einer Schnur über einer waagerechten Leinwand bewegt. Durch ein Loch tropft die Farbe in kreisenden Bahnen auf die Leinwand. Beispiele sind „Der verwirrte Planet“ und „Junger Mann, beunruhigt durch den Flug einer nicht-euklidischen Fliege“, beide von 1942.
- Décalcomanie: Dünnflüssige Farbe wird mithilfe eines Blatts Papier oder einer Glasplatte verschoben. Dadurch entstehen Strukturen, die an Korallen oder Moos erinnern. Beispiele sind „Marlene“ (1940/41), „Die Einkleidung der Braut“ (1940), „Europa nach dem Regen II“ (1940–1942) und „Die Versuchung des Heiligen Antonius“ (1945).
- Collage: Ausgeschnittenes oder gesammeltes Bildmaterial wird auf einem anderen Bildträger neu zusammengefügt. Beispiele sind „Der Hut macht den Mann“ (1920) und „Loplop stellt Loplop vor“ (1930).
Ernst schuf drei Collageromane: „La femme 100 têtes“ (1929), „Rêve d’une petite fille qui voulut entrer au Carmel“ (1930) und „Une semaine de bonté“ (1934). Sie beruhen vor allem auf Holzstichen des 19. Jahrhunderts, unter anderem von Gustave Doré. Bildfolgen und Bildlegenden erzeugen oft nur einen scheinbaren, vielfach deutbaren Handlungsablauf. Zu seinen Malerbüchern gehören „Les malheurs des immortels“ (1922) und „Histoire naturelle“ (1926). 1964 erschien „Maximiliana ou l’exercice illégal de l’astronomie“, ein Hauptwerk seiner späten Druckgrafik. Ernst illustrierte außerdem mehrere Werke von Lewis Carroll, darunter „The Hunting of the Snark“ (1968) mit 32 Farblithografien.
Mit der Bildhauerei begann Ernst 1934 bei Alberto Giacometti in Maloja. „Oedipus“ entstand aus übereinandergesetzten Gussformen von Sandeimern; „Habakuk“ existiert in vier Bronzen. Sein Hauptwerk ist die 1948 in Sedona geschaffene Zementplastik „Capricorn“, von der nur Fragmente erhalten sind. Weitere plastische Arbeiten sind „Corps enseignant pour une école de tueurs“ (1967), die Brunnen von Amboise (1968) und Brühl (1971) sowie das Glasschachspiel „Immortel“ von 1966. Zu jedem Geburtstag Dorothea Tannings schuf Ernst außerdem eine Liebeserklärung. Die 36 „D-Paintings“ enthalten jeweils den Buchstaben „D“.
Exil, Spätwerk und Ehrungen
Während des Zweiten Weltkriegs wurde Ernst 1939 als „Enemy Alien“ in Frankreich interniert, zunächst in Largentière, anschließend im Camp des Milles. Durch Vermittlung Paul Éluards wurde er freigelassen, später erneut verhaftet und konnte fliehen. 1941 erreichte er mit Peggy Guggenheim New York. Dort nahm er an Ausstellungen wie „Artists in Exile“ und „First Papers of Surrealism“ teil und war Mitherausgeber der Zeitschrift „VVV“. 1945/46 gewann er mit „Die Versuchung des heiligen Antonius“ den Bel-Ami-Wettbewerb.
1946 zog Ernst mit Dorothea Tanning nach Sedona in Arizona. Dort erbauten sie das Haus „Capricorn Hill“. Ernst beschäftigte sich mit der Kunst der Hopi, besonders mit Kachinapuppen und Zeremonienmasken. 1948 entstand die Plastik „Capricorn“. Im selben Jahr wurde er amerikanischer Staatsbürger.
1953 kehrte Ernst nach Frankreich zurück. In seinem Spätwerk nahm die grafische Produktion stark zu. Wichtige Gemälde sind „Das Floß der Medusa“ (1955), „Der Garten Frankreichs“ (1962), „Rückkehr der schönen Gärtnerin“ (1967) und „Nichts geht mehr“ (1973). Ernst hielt auch im Alter an gegenständlichen Bildwelten fest und wandte sich nicht der völligen Gegenstandslosigkeit der Informellen Kunst zu.
Zu seinen bedeutenden Auszeichnungen gehören der Bel-Ami-Preis (1946), der Große Preis für Malerei der 27. Biennale von Venedig (1954), die Mitgliedschaft in der Akademie der Künste in Berlin (1958), die Ehrenprofessur Nordrhein-Westfalens (1964), der Lichtwark-Preis (1964), der Offiziersrang der Ehrenlegion (1966) und die Ehrendoktorwürde der Universität Bonn (1972). 1976 wurde ihm postum der Goslarer Kaiserring verliehen. 1954 führte der Biennale-Preis zum endgültigen Ausschluss aus der Surrealistengruppe.
Wirkung, Institutionen und Rezeption
Ernst beeinflusste den amerikanischen abstrakten Expressionismus. In den 1940er Jahren interessierten sich Künstler wie Barnett Newman, Jackson Pollock, Mark Rothko, Clyfford Still und Franz Kline für den kontrollierten psychischen Automatismus und den gelenkten Zufall in seinem Werk. Jackson Pollock übernahm besonders die Oszillation als Drip Painting, entwickelte sie weiter und wurde deshalb „Jack the Dripper“ genannt.
Zeitgenossen wie André Breton und Paul Éluard sahen in Ernst einen Künstler, der ständig neue Bildwelten erschloss und eine befreiende, nicht vollständig verständliche Wirklichkeit sichtbar machte. Werner Spies betonte später, dass der Surrealismus ohne Ernst in dieser Form kaum vorstellbar sei und dass sein Werk stark von der deutschen Romantik geprägt wurde.
Ernst verfasste neben Gedichten autobiografische und kunsttheoretische Texte. Dazu gehören „Was ist Surrealismus?“ (1934), „Au-delà de la peinture“ (1937), „Beyond Painting“ (1948) und die „Biographischen Notizen (Wahrheitsgewebe und Lügengewebe)“ (1962). In den autobiografischen Texten mischte er tatsächliche Ereignisse mit poetischen und teilweise chronologisch ungenauen Erfindungen.
Seine Werke werden in zahlreichen Museen aufbewahrt. 2005 eröffnete das Max Ernst Museum in Brühl; das Geburtshaus wurde 2008 renoviert und 2012 um ein Fantasie Labor für Schulen und die Allgemeinheit ergänzt. Seit 1971 vergibt Brühl das Max-Ernst-Stipendium, außerdem tragen Schulen und Straßen seinen Namen.
Auch auf dem Kunstmarkt ist Ernst bedeutend. „The Stolen Mirror“ erzielte 2011 bei Christie’s in New York 16,3 Millionen Dollar. 2022 wurde dieser Rekord mit der Skulptur „Le roi jouant avec la reine“ übertroffen, die für 24.435.000 USD versteigert wurde. Zugleich gab es einen Fälschungsskandal um sieben 2011 als Fälschungen entlarvte Werke aus der Sammlung Werner Jägers; möglicherweise existieren weitere Fälschungen.