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Dadaismus
Dada war eine künstlerische und literarische Bewegung, die 1916 von Hugo Ball, Emmy Hennings, Tristan Tzara, Richard Huelsenbeck, Marcel Janco und Hans Arp …
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Kernidee und Definition
Dada war eine künstlerische und literarische Bewegung, die 1916 von Hugo Ball, Emmy Hennings, Tristan Tzara, Richard Huelsenbeck, Marcel Janco und Hans Arp in Zürich gegründet wurde. Sie wandte sich gegen „konventionelle“ Kunstformen und bürgerliche Ideale. Traditionelle Kunst wurde häufig parodiert, übertrieben oder absichtlich sinnlos eingesetzt. Dada war damit eine Revolte der Künstler gegen die Kunst und gegen das gesellschaftliche Wertesystem ihrer Zeit.
Dadaismus ist die heute übliche Bezeichnung für diese Kunstrichtung. Im Verständnis der Künstler steht Dada für totalen Zweifel an allem, absoluten Individualismus sowie die Zerstörung gefestigter Ideale und Normen. An die Stelle disziplinierter und moralisch bestimmter Verfahren traten einfache, willkürliche und oft zufallsgesteuerte Aktionen in Bild und Wort. Die Dadaisten betonten, Dada sei nicht definierbar. Sobald sich eine feste Ordnung bildete, sollte diese wieder zerstört werden. Dada verstand sich deshalb als vollkommene, unklassifizierbare Anti-Kunst und lehnte Vergleiche mit Futurismus und Kubismus ab.
Die Herkunft des Namens ist umstritten. Eine bekannte Erzählung besagt, Hugo Ball habe mit einem Federmesser in ein deutsch-französisches Wörterbuch gestochen und das französische Wort „dada“ für „Steckenpferd“ gefunden. Marcel Janco hielt diese Geschichte jedoch für nachträglich erfunden und vermutete als Anregung ein in Zürich erhältliches Haarwaschmittel namens „DADA“. Eine weitere Erklärung bezieht sich auf eine Veröffentlichung des französischen Anarchisten Alphonse Gallais von 1903. Hans Richter berichtete dagegen, Marcel Janco und Tristan Tzara hätten sich mit dem rumänischen „da, da“ – „ja, ja“ – gegenseitig bestätigt.
Der Begriff „Dadaismus“ wurde erstmals 1920 im Dada-Almanach verwendet und 1925 durch das Buch Die Kunstismen von Hans Arp und El Lissitzky etabliert. Im Ersten Weltkrieg breitete sich Dada in Europa aus. Künstler protestierten mit Provokationen und scheinbarer Unlogik gegen Krieg, Nationalismus, Kriegsbegeisterung, obrigkeitsstaatliches Bürger- und Künstlertum. Sie vertraten pazifistische Positionen und stellten überkommene Werte sarkastisch infrage.
Zürich und das Cabaret Voltaire
Die neutrale Schweiz wurde im Ersten Weltkrieg zum internationalen Treffpunkt von Künstlern aus verschiedenen Ländern. In den kriegführenden Staaten waren Grenzen geschlossen, der Austausch unterbrochen und viele junge Künstler zum Militärdienst eingezogen.
Am 5. Februar 1916 gründete Hugo Ball mit Emmy Hennings in der Spiegelgasse 1 in Zürich das Cabaret Voltaire. Zunächst sang Hennings Chansons, rezitierte eigene Gedichte und Texte von Ball; Ball begleitete sie am Klavier. Nach der Begegnung mit Tristan Tzara wurden die Darbietungen radikaler. Gedichte wurden durch Schreien und Schluchzen unterbrochen, Trommeln, Schlagen und zweckentfremdete Gegenstände wie leere Kisten kamen hinzu. Das Publikum reagierte zunächst verwundert und eingeschüchtert.
Im Februar 1916 schlossen sich Hans Arp, Richard Huelsenbeck und später Marcel Janco an. Tzara, Huelsenbeck und Janco trugen im März 1916 das erste Simultangedicht vor. Das Cabaret Voltaire wurde bereits im Juli 1916 wegen Beschwerden von Bürgern und Nachbarn geschlossen. Im Januar 1917 fand in der Galerie Corray die erste Dada-Ausstellung in Zürich statt; daraus entstand später die Galerie DADA. Hugo Ball und Tristan Tzara eröffneten außerdem eine Dada-Galerie in der Bahnhofstraße und luden unter anderem Wassily Kandinsky, Paul Klee und Giorgio de Chirico ein. Konflikte über die Radikalität der Bewegung und gegenseitige Eifersucht belasteten die Gruppe und führten bei Ball schließlich zum Rückzug.
Das Lautgedicht wurde zu einem zentralen Ausdrucksmittel. Der Artikel nennt den 14. Juli 1916 als erstmaliges Erscheinen dieser Form, berichtet aber zugleich, Hugo Ball habe Klanggedichte bereits am 23. Juni 1916 im Cabaret Voltaire aufgeführt. Diese Datierungen stehen somit im Text nebeneinander. Ball bezeichnete die Texte als „Verse ohne Worte“. Wörter werden in phonetische Silben zerlegt; ihre Bedeutung tritt zurück, während Laute zu rhythmischen Klangbildern werden. Damit wollten die Dadaisten auf eine ihrer Ansicht nach durch Journalismus verwüstete und missbrauchte Sprache verzichten. Simultangedichte, bei denen mehrere Personen gleichzeitig unterschiedliche Lautgedichte sprechen, sollten die ohrenbetäubende Geräuschkulisse des modernen Lebens und die Verstrickung des Menschen in mechanische Prozesse darstellen. Bekannte Beispiele sind Gadji beri bimba (1916) und KARAWANE (1917).
Nach Balls Weggang nach Bern übernahm Tzara die Leitung. Dada-Abende verbanden Vorträge, Musik, Tanz, Rezitation, Lärm und Publikumsbeschimpfung. Das Publikum reagierte teilweise gewalttätig; bei einer Veranstaltung wurde Walter Serner von der Bühne aus dem Gebäude gejagt und seine Requisiten wurden zerstört.
Ausdrucksweisen und künstlerische Verfahren
Dada überschritt die Grenzen zwischen einzelnen Künsten und verband Tanz, Literatur, Musik, Kabarett, Rezitation, Bild, Bühnenbild, Grafik, Collage und Fotomontage. Die verschiedenen Disziplinen wurden teils anarchisch miteinander verbunden. Auch die Grenze zwischen traditioneller Kunst und Trivialkultur wurde überschritten.
Ein wichtiges schöpferisches Prinzip war der Zufall. Hans Arp zerriss eine unbefriedigende Zeichnung und ließ die Papierstücke zu Boden fallen. Die zufällige Anordnung erschien ihm später als die gesuchte Form. Dieses Verfahren übertrug er auch auf seine Gedichte: Er wählte Wörter, Schlagworte und Sätze aus Zeitungen und Anzeigen oder bestimmte sie mit geschlossenen Augen. Diese Gedichte nannte er „Arpaden“.
In Berlin entwickelte sich aus der Zürcher Collage die Fotomontage. Während in Zürich vor allem Zeitungsausschnitte, Schachtelreste, Stoff- und Papierfetzen verwendet worden waren, wurden in Berlin erstmals realistische Fotografien zu neuen Kunstwerken zusammengesetzt. Hannah Höch und Raoul Hausmann griffen dabei unter anderem das Prinzip militärischer Gedenkblätter auf, in denen Porträts in Darstellungen von Soldaten eingefügt wurden. Das Vertauschen von Kopf und Körper wurde zu einem wichtigen paradoxen Verfahren ihrer Arbeiten.
Kurt Schwitters entwickelte in Hannover eine eigene Theorie der Dichtung, die er „Schwitters-Logik“ nannte. Für ihn war nicht das Wort, sondern der Buchstabe das ursprüngliche Material. Das Wort sei erstens eine Komposition von Buchstaben, zweitens Klang, drittens Bezeichnung beziehungsweise Bedeutung und viertens Träger von Ideenassoziationen. Seine Kunst bezeichnete er als „MERZ“, eine aus „Commerzbank“ herausgeschnittene Silbe. Sein Merzbau war eine Raumgestaltung mit zahlreichen unterschiedlich geformten „Höhlen“, die für persönliche Gedanken und Erinnerungen standen. Schwitters verband verschiedene Kunstformen zu einer einzigen künstlerischen Tätigkeit.
Dada in den europäischen und amerikanischen Zentren
In New York entstand Dada im Umfeld europäischer Künstler, die vor dem Ersten Weltkrieg geflohen waren. Die Bewegung war kurzlebig und wurde wegen ihrer europäischen Wurzeln nicht als eigenständige amerikanische Kunstrichtung anerkannt. Alfred Stieglitz stellte mit seiner Zeitschrift Camera Work und der Galerie 291 ein Forum für die Avantgarde bereit, distanzierte sich später aber von den Europäern. Francis Picabia gab von 1917 bis 1924 das Periodikum 391 heraus.
Marcel Duchamp radikalisierte die Anti-Kunst mit den Ready-mades. Dabei wird ein ausgewählter Gebrauchsgegenstand zum Kunstwerk erklärt, weil der Künstler ihn „gefunden“ hat. Für Fountain (Fontäne, 1917) verwendete Duchamp ein Urinal, legte es waagerecht auf den Rücken und signierte es mit „R. MUTT“. Man Ray entwickelte mit ironischer Objektkunst und den „Rayographien“ eine Richtung, die zum Surrealismus führte. 1921 erklärte er in einem Brief an Tzara, Dada könne in New York nicht leben. Das Ende markieren unter anderem das Symposium „Was ist Dadaismus?“ am 1. April 1921, die einzige Ausgabe von New York Dada und die Abreise Duchamps im Mai sowie Man Rays und Marsden Hartleys im Juli 1921.
In Berlin proklamierte Richard Huelsenbeck am 12. April 1918 ein Dadaistisches Manifest. Kurz darauf entstand der „Club Dada“. Die Berliner Bewegung war besonders politisch, aggressiv und autoritätsfeindlich. Johannes Baader nannte sich „Oberdada“ und erklärte sich zum Präsidenten des Erdballs. 1920 erreichte der Berlin-Dada mit der Ersten Internationalen Dada-Messe seinen Höhepunkt. Die Messe zeigte die gesellschaftliche und politische Vielfalt der Bewegung und richtete sich gegen jede Autorität. Insgesamt fanden zwölf Berliner Matineen statt, bei denen auch das Publikum beleidigt wurde. Die Ausstellung wurde unter anderem von Kurt Tucholsky und der „Roten Fahne“ scharf kritisiert.
In Hannover war Kurt Schwitters die zentrale Figur. In Köln übernahm diese Rolle Max Ernst, der 1919 mit Johannes Theodor Baargeld die Zeitschrift Der Ventilator veröffentlichte. Eine Ausstellung von Hans Arp, Ernst und Baargeld wurde von der Polizei geschlossen, setzte sich aber gegen die Justizbehörden durch. In Dresden bildete sich 1919 eine Gruppe um Erwin Schulhoff, Kurt Günther, Otto Griebel und Otto Dix. Schulhoffs „In futurum“ bestand ausschließlich aus Pausen. Die Gruppe trat bis 1922 auf; 1921 erschien die Zeitschrift Moloch.
In Paris, wohin Tzara und Janco 1919 reisten, war die Avantgarde bereits kritisch und rebellisch. Der Paris-Dada wurde vor allem von Dichtern und Literaten getragen und konzentrierte sich auf Schreiben und Rezitieren. Streitigkeiten führten zur Selbstauflösung der Bewegung. Der „Kongress von Paris“ von 1922 gilt als allgemeine Auflösung des Dadaismus.
In Holland organisierte Theo van Doesburg 1922 dadaistische Veranstaltungen in Weimar, Jena und Hannover. Aus dem geplanten Kongress in Den Haag wurde eine Tournee mit Kurt Schwitters. Das Programm verband Vorträge, moderne Musik, abstrakte Gedichte, Tiermärsche und einen mechanischen Tanz. Der letzte Dada-Abend fand am 13. April 1923 im friesischen Drachten statt.
Bedeutung, Nachwirkungen und Dokumentation
Der Dadaismus brachte in der Kunstgeschichte radikale technische und inhaltliche Neuerungen hervor. Kunst sollte nicht mehr nur Wirklichkeit abbilden. Besonders wichtig wurden die Fotomontage, das Ready-made, die Performance und die Verbindung verschiedener Kunstformen. Dada bereitete den Weg zum Surrealismus, der die reale Welt mit der Traumwelt verschmolz und den Betrachter mit unlösbaren rhetorischen Rätseln konfrontierte.
In den 1920er Jahren schien Dada durch Desinteresse zu sterben. Einflussreiche Nachwirkungen zeigen sich jedoch in der Konkreten Lyrik, im Lettrismus und in der modernen Performance, etwa im Umfeld von Fluxus. Das Ready-made wird in der zeitgenössischen Kunst häufig genutzt, heute meist als Ausgangspunkt für sinnliche oder inhaltliche Interpretationen und nicht mehr zur allgemeinen Zerstörung von Kunst. Die ursprüngliche Provokation der „Fontäne“ lässt sich nach Ansicht des Artikels nicht einfach wiederholen. Zugleich hängen Dada-Werke inzwischen in Museen neben Werken von Pablo Picasso und Paul Klee – obwohl die Dadaisten gerade das Etablierte und Altbackene zerstören wollten.
Dada kann als Reaktion auf die Erschütterungen des Ersten Weltkriegs und die Zerstörung bürgerlicher Werte verstanden werden. Nach dem Krieg wurde die dadaistische Haltung unter anderem im Kabarett, in Unsinnstexten, in Lautmalerei, Musik und Improvisation weitergeführt. Der Einfluss auf das Lied „Da da da“ von Trio ist umstritten; auffällig ist jedoch die Verwendung dadaistisch anmutender Unsinnstexte im deutschen Schlager der 1920er Jahre und bei den Comedian Harmonists. Als bedeutender Vertreter der Nachkriegszeit wird Ernst Jandl genannt.
Ende der 1950er Jahre entstand der Neo-Dadaismus, der sich an Dada anlehnt. Später arbeiteten unter anderem Hans Arp, Sophie Taeuber-Arp und Theo van Doesburg in Weimar und Straßburg zusammen; Taeuber-Arp gestaltete mit ihnen das Lokal Aubette in Straßburg. Der Artikel nennt außerdem zeitgenössische Bezüge bei Studio Braun, Dada (ante portas), Jonas Odell, Merzbow, Jörg Immendorff, Chris Reinecke, Die Skeptiker, Helge Schneider, Freundeskreis, Yello und Dada Life.
Zur Dokumentation des Dadaismus werden die Filme Deutschland Dada von Helmut Herbst aus dem Jahr 1969, Was ist Dada? von Heinz Bütler und Alexander Kluge aus dem Jahr 2011 sowie Das Prinzip Dada von Marina Rumjanzewa aus dem Jahr 2016 aufgeführt.