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Markus Brunnermeier
Das Vorsichtsparadox ist analog zu Keynes Sparparadox, bezieht sich allerdings auf Risikoübernahme anstelle der Spar- und Konsumentscheidung.
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Person und wissenschaftliche Bedeutung
Markus Konrad Brunnermeier (* 22. März 1969 in Landshut) ist ein deutscher Volkswirt. Er ist Edward S. Sanford Professor für Volkswirtschaftslehre an der Princeton University und Direktor des Bendheim Center for Finance. Seine Forschung verbindet Makroökonomie, Geldtheorie und internationale Finanzmarktökonomie. Im Mittelpunkt stehen Preisblasen, Liquidität, Finanzkrisen, Geldpolitik und systemische Risiken, also Gefahren, die nicht nur einzelne Institute, sondern das gesamte Finanzsystem betreffen.
Besonders wichtig sind seine Arbeiten über Liquiditätsspiralen, das Volatilitätsparadox und das Vorsichtsparadox sowie die I-Theorie des Geldes. Gemeinsam mit anderen Forschern entwickelte er außerdem CoVaR als Maß für systemisches Risiko. Ein gemeinsames Thema dieser Ansätze ist die Frage, wie Finanzmarktfriktionen die Wirtschaft beeinflussen. Finanzmarktfriktionen sind Hindernisse oder Unvollkommenheiten, durch die Marktpreise nicht alle relevanten Informationen berücksichtigen und deshalb vom fundamentalen Wert eines Vermögensgegenstandes abweichen können.
Ausbildung und akademische Laufbahn
Brunnermeier wuchs in Landshut auf und wollte zunächst Zimmermann wie sein Vater werden. Nach einem Einbruch der Baubranche änderte sich sein beruflicher Weg. Er arbeitete beim Finanzamt Landshut und München und holte an der Berufsoberschule Landshut das Abitur nach. Nach dem Wehrdienst bei der Bundeswehr studierte er von 1991 bis 1993 Volkswirtschaftslehre an der Universität Regensburg.
Von 1993 bis 1994 nahm er an einem Austauschprogramm der Vanderbilt University teil und erwarb dort einen Master of Arts in Economics. Seine Doktorarbeit begann er im Graduiertenkolleg der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. 1995 wechselte er an die London School of Economics (LSE), wo er ein Buch über Vermögenspreise, Preisblasen, Herdenverhalten und Zusammenbrüche schrieb. 1999 erhielt er von der LSE seinen Doktorgrad.
Danach wurde er Assistenzprofessor an der Princeton University. 2006 erhielt er dort eine volle Professur, seit 2008 ist er Edward S. Sanford Professor für Volkswirtschaftslehre. 2011 gründete er das Julis Rabinowitz Center for Public Policy and Finance an der Woodrow Wilson School der Princeton University. Seit 2014 leitet er außerdem das Bendheim Center for Finance.
Preisblasen, Liquidität und systemisches Risiko
Die Dotcom-Blase war ein wichtiger Ausgangspunkt für Brunnermeiers Forschung. Gemeinsam mit Stefan Nagel zeigte er, dass Hedgefonds trotz ihres Wissens über die Blase weiterhin in Dotcom-Unternehmen investierten. Dieses Verhalten widersprach der einfachen Erwartung der Markteffizienzhypothese, nach der gut informierte Marktteilnehmer Fehlbewertungen korrigieren sollten. Brunnermeiers theoretische Modelle erklären, weshalb Preisblasen auch bei rational handelnden Marktteilnehmern entstehen und zusammenbrechen können. Eine Schlüsselrolle spielen Informationsfriktionen, also Schwierigkeiten beim Zugang zu Informationen oder bei ihrer Verarbeitung.
Mit Lasse Pedersen untersuchte er verschiedene Formen von Liquidität. Liquidität bezeichnet hier die Möglichkeit, Vermögenswerte rasch und ohne starke Preisverluste zu handeln oder Finanzierungen zu erhalten. Eine Liquiditätsspirale ist ein sich selbst verstärkender Kreislauf: Sinkende Liquidität verschlechtert die Finanzierungs- und Handelsmöglichkeiten, wodurch weitere Verkäufe und zusätzliche Liquiditätsverluste ausgelöst werden können. Deshalb können bereits vergleichsweise kleine Schocks große Folgen haben. Dieses Modell erklärt den massiven Rückgang der Liquidität zahlreicher Vermögenswerte während der globalen Finanzkrise ab 2007.
Gemeinsam mit Tobias Adrian führte Brunnermeier CoVaR als eines der ersten Maße für systemisches Risiko ein. Es baut auf dem Value at Risk auf, einem Maß für mögliche Verluste unter bestimmten Bedingungen. CoVaR erfasst darüber hinaus, wie stark die Schwierigkeiten eines Finanzinstituts oder eines anderen Teils des Systems auf das gesamte Finanzsystem übertragen werden können. Dadurch lassen sich Übertragungs- und Contagion-Effekte quantifizieren; Contagion bezeichnet die Ausbreitung finanzieller Probleme zwischen Marktteilnehmern oder Märkten.
Makroökonomie, Geld und internationale Finanzmärkte
Brunnermeier und Yuliy Sannikov integrieren Finanzmarktfriktionen in Modelle der Makroökonomie und der internationalen Ökonomie. Dabei berücksichtigen sie nicht-lineare Zusammenhänge: Eine Veränderung muss also nicht immer eine gleichmäßig proportionale Wirkung haben, sondern kann besonders in Krisenzeiten sehr starke Folgen auslösen. Ihr Volatilitätsparadox besagt, dass sich Risiken gerade in ruhigen Zeiten im Finanzsystem aufbauen können, obwohl sie erst während einer Krise sichtbar werden.
Ihre I-Theorie des Geldes untersucht die Fishersche Schuldendeflation sowie das Zusammenspiel von Geldpolitik und makroprudentieller Politik. Schuldendeflation beschreibt einen Prozess, in dem fallende Preise die reale Belastung bestehender Schulden erhöhen. Makroprudenzielle Politik soll Risiken für das Finanzsystem als Ganzes begrenzen. Die I-Theorie bildet eine Alternative zur vorherrschenden neukeynesianischen Sicht, nach der vor allem starre Preise und Löhne die entscheidenden Friktionen darstellen.
Das von Brunnermeier geprägte Vorsichtsparadox beschreibt einen Gegensatz zwischen einzelwirtschaftlicher und gesamtwirtschaftlicher Sicherheit: Wenn einzelne Finanzintermediäre mikroprudenziell handeln, also ihre eigenen Risiken vorsichtig begrenzen, kann dies zusätzliche Makrorisiken für das gesamte System erzeugen. Das Verhalten muss daher nicht makroprudenziell sein. Das Konzept ist analog zu Keynes’ Sparparadox, bezieht sich aber auf Risikoübernahme statt auf Spar- und Konsumentscheidungen.
In der internationalen Finanzmarktökonomie zeigt Brunnermeier Zusammenhänge zwischen Carry Trades und Währungskrisen. Bei Carry Trades werden Unterschiede zwischen Finanzierungs- und Anlagemöglichkeiten verschiedener Währungen genutzt. Er untersucht außerdem das plötzliche Versiegen internationaler Kreditströme und Ineffizienzen durch pekuniäre Externalitäten. Solche Externalitäten entstehen, wenn Preisänderungen, die einzelne Marktteilnehmer verursachen oder verstärken, die finanziellen Möglichkeiten anderer beeinflussen.
Euro, Beratung und Veröffentlichungen
Brunnermeier beschäftigt sich auch mit der Architektur des Euro und der Eurozone. In dem mit Harold James und Jean-Pierre Landau verfassten Buch „Euro: der Kampf der Wirtschaftskulturen“ führt er zentrale Probleme des Euro teilweise auf unterschiedliche politische und ökonomische Philosophien der Gründungsländer zurück, besonders Frankreichs und Deutschlands. Die Autoren untersuchen, wie sich diese konkurrierenden Ansätze verbinden lassen.
Mit weiteren Koautoren schlägt Brunnermeier European Safe Assets (ESBies) vor. Dabei handelt es sich um strukturierte Staatsschuldenbonds, die sichere europäische Staatsanleihen ohne Gesamthaftung schaffen sollen. Sie sollen den Teufelskreis zwischen den Risiken von Staaten und Banken durchbrechen. In Krisenzeiten könnte die Flucht von Anlegern in sichere Vermögenswerte über nationale Grenzen hinweg durch eine Umschichtung zwischen verschiedenen Tranchen dieser europäischen Staatsschuldenbonds ersetzt werden. Tranchen sind Teile eines strukturierten Wertpapiers mit unterschiedlichen Risikostufen.
Brunnermeier ist oder war Mitglied wissenschaftlicher Beratungsgremien des Internationalen Währungsfonds, der Federal Reserve Bank of New York, des Europäischen Ausschusses für Systemrisiken, der Deutschen Bundesbank und des US Congressional Budget Office. Er ist mit dem National Bureau of Economic Research, dem Centre for Economic Policy Research in London und dem CESifo Netzwerk verbunden; bei CESifo leitet er den Bereich „Makro, Geld und Internationale Finanzen“. Zudem war er als Associate Editor mehrerer wirtschaftswissenschaftlicher Fachzeitschriften tätig.
Zu seinen Auszeichnungen gehören der Smith Breeden Preis 2004, das Sloan-Forschungsstipendium 2005, der Germán-Bernácer-Preis 2008, das Guggenheim-Stipendium 2010, der Brattle-Preis 2013, die Ernennung zum Lamfalussy Fellow 2016, der Gustav-Stolper-Preis 2020 und der Ludwig-Erhard-Preis für Wirtschaftspublizistik 2023. Seit 2010 ist er Fellow der Econometric Society. Sein Buch „Die resiliente Gesellschaft. Wie wir künftige Krisen besser meistern können“ erhielt 2021 den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis. Weitere Bücher behandeln unter anderem Wirtschaftskrisen, systemisches Risiko, Finanzregulierung sowie Vermögenspreise unter asymmetrischer Information.