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Herdenverhalten
Herdenverhalten ist in der Wirtschaft und speziell auf Finanzmärkten das Verhalten von Marktteilnehmern, wenn diese dazu neigen, die gleichen Entscheidungen …
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Begriff und Bedeutung
Herdenverhalten bezeichnet in der Wirtschaft, besonders auf Finanzmärkten, die Neigung von Marktteilnehmern, dieselben Entscheidungen zu treffen, die andere zuvor getroffen haben. Der Begriff ist eine Metapher zum Herdentrieb in der Tierwelt.
Es kommt auch im Alltag vor, etwa bei Restaurant- oder Theaterbesuchen, in der Mode und beim Kauf von Bestsellern. Auf Finanzmärkten investieren oder desinvestieren Anleger dann mehrheitlich in dasselbe Handelsobjekt. Herdenverhalten ist ein massenpsychologischer Contagion-Effekt, also ein sich ausbreitender Einfluss von Verhalten auf weiteres Verhalten. Es kann Finanzmarkt- oder Wirtschaftskrisen mitverursachen.
Hamsterkäufe sind ebenfalls ein Beispiel. Während der Covid-19-Pandemie ab März 2020 entstanden in deutschen Läden Regallücken, beispielsweise bei Mehl, Nudeln und Toilettenpapier.
Informationskaskaden, Reputation und Netzwerke
Abhijit Banerjee definierte 1992 Herdenverhalten als gleichgerichtete Entscheidungen, denen unterschiedliche private Informationen zugrunde liegen. Dabei besteht asymmetrische Information: Schlecht informierte Marktteilnehmer deuten das Verhalten besser informierter Teilnehmer als Hinweis auf Gewinnchancen oder Verlustgefahren und ahmen es nach.
Ein einzelner Entscheidungsträger handelt somit genauso wie andere, obwohl seine eigene unabhängige Entscheidung anders ausfallen würde. Solche Informationskaskaden beruhen auf Imitation.
Weitere Ursachen sind das Reputationsmodell des Schönheitswettbewerbs und Netzwerkeffekte. John Maynard Keynes untersuchte 1936 den Schönheitswettbewerb (beauty contest) bei Investitionsentscheidungen. Manager folgen auf Märkten mit unvollkommener Information aus Reputationsgründen anderen Managern. Finanzanalysten prognostizieren dann nicht die erwartete Ertragskraft eines Unternehmens, sondern das, was die Mehrheit aller Analysten voraussichtlich prognostizieren wird. Dadurch können sich Prognosefehler verstärken.
Ein Netzwerkeffekt liegt vor, wenn der Nutzen für einen Marktteilnehmer steigt, weil weitere Teilnehmer dasselbe Produkt wählen. Bei sozialen Netzwerken wie Facebook nimmt der Nutzen beispielsweise mit der Zahl der Benutzer zu.
Psychologische Ursachen und Nachweis
Bei Hamsterkäufen können die Furcht vor ungedecktem Bedarf bei Regallücken, die Erwartung weiterer Hamsterkäufe und die Befürchtung künftiger Lieferengpässe zu nicht bedarfsgerechten Käufen führen. Auch Ohnmachtsgefühle gelten zuweilen als Ursache. Das Verhalten wird als irrational beschrieben, weil Nahrungs- und Genussmittel sowie Toilettenpapier Massenprodukte und jederzeit reproduzierbar sind. In Frankreich und Italien war unter anderem Rotwein betroffen, der nicht jederzeit reproduzierbar ist; in der Türkei wurde das Kölnisch Wasser ähnliche „Kolonya“ knapp.
Warteschlangen können Herdenverhalten, etwa bei einem Bankansturm, sichtbar machen. Sie sind aber nur ein Hinweis, wenn sie nicht bloß durch organisatorische Engpässe entstehen. Während der Corona-Epidemie beruhten Warteschlangen vor Läden eher auf räumlicher Distanzierung, da nur wenige Kunden gleichzeitig eintreten durften.
Herdenverhalten ist schwer eindeutig nachzuweisen. Wenn viele Wirtschaftssubjekte dasselbe Wertpapier kaufen oder verkaufen, kann dies Zufall sein. Ebenso können neue, gleichzeitig vielen Teilnehmern bekannte Informationen bei vollkommener Information zu gleichzeitigen Entscheidungen führen, ohne dass Anleger einander beeinflussen. Noise Trading ist eine besondere Form: „Noise Trader“ kaufen bei steigenden Kursen (Hausse) oder verkaufen bei fallenden Kursen (Baisse), weil sie auf das Marktrauschen reagieren. Eine experimentelle Studie stützt die These, dass die Häufigkeit von Herdenverhalten überschätzt wird.
Folgen für Märkte, Banken und Güter
Herdenverhalten kann starke Preisschwankungen bei Handelsobjekten auslösen. Bei Hamsterkäufen beschleunigt es die Warenrotation und verringert die logistische Reichweite; die stark steigende Nachfrage kann Güter oder Dienstleistungen verknappen und zu Marktenge führen.
Bei Noise Tradern spielt „Stimmungs-Noise“ eine Rolle: Stimmungen oder Gruppen motivieren zu Käufen, Verkäufen bei fallenden Kursen oder auch Halte-Entscheidungen. Steigende oder fallende Kurse werden als Indiz gedeutet, dass andere schon gleich gehandelt haben. Herdenverhalten gilt deshalb als Zeichen fehlender Markteffizienz.
Problematisch wird Spekulation, wenn sie nicht mehr auf Fundamentaldaten, also den wirtschaftlichen Grundlagen einer Anlage, beruht, sondern auf Herdenverhalten. Dann können Spekulationsblasen entstehen, die meist auf der Erwartung künftiger Gewinnchancen durch die Mehrheit der Marktteilnehmer beruhen. Auch Gewinnmitnahmen können Herdenverhalten sein, wenn viele Anleger wegen eines hohen Kursniveaus verkaufen und weitere ihnen folgen.
Ein typisches Beispiel ist der Bankansturm (Bank Run). Anleger beobachten Massenabhebungen und schließen sich an, weil sie einen Grund vermuten. Wegen des sequentiellen Auszahlungsprinzips („wer zuerst kommt, mahlt zuerst“) fürchten sie, ihre Einlage später nicht mehr abheben zu können, wenn die Bargeldbestände erschöpft sind. Für den einzelnen Einleger ist es daher rational, der Herde zu folgen; ein Bank Run ist wahrscheinlicher, je schlechter Kunden informiert sind und je stärker sie „überreagieren“.
Herdenverhalten kann außerdem selbsterfüllende Prophezeiungen erzeugen: Das gemeinsame Handeln verändert die Fundamentaldaten einer Anlage in die Richtung, die die Herde erwartet. Dadurch wird es wiederum rational, nicht aus der Herde auszuscheren, und das erwartete Ergebnis kann eintreten.