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Walter Eucken
Walter Eucken (* 17. Januar 1891 in Jena; † 20. März 1950 in London) war ein deutscher Ökonom. Er war Vordenker der Sozialen Marktwirtschaft und begründete …
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Bedeutung und Leitidee
Walter Eucken (17. Januar 1891–20. März 1950) war ein deutscher Ökonom, Begründer der Freiburger Schule des Ordoliberalismus und ein Vordenker der Sozialen Marktwirtschaft. Im Mittelpunkt seiner Forschung stand der Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Macht, politischer Unfreiheit und Armut.
Der Ordoliberalismus fordert eine staatlich geschaffene Wirtschaftsordnung, die Freiheit und Wettbewerb sichert. Nach Eucken soll der Staat deshalb die rechtlichen Rahmenbedingungen und Spielregeln des Wirtschaftens gestalten, aber nicht den laufenden Wirtschaftsprozess zentral lenken. Ebenso wenig darf er die Wirtschaft sich selbst überlassen, weil sich sonst private Machtgruppen bilden können. Euckens Ziel war eine Ordnung, in der nicht eine kleine Minderheit, sondern alle Bürger über den Preismechanismus an der Lenkung der Wirtschaft beteiligt sind.
Wirtschaftsordnungen und Wettbewerb
In seinem Hauptwerk „Grundlagen der Nationalökonomie“, das 1939 veröffentlicht wurde, entwickelte Eucken die Hypothese von der „Interdependenz der Ordnungen“. Damit bezeichnete er die gegenseitige Abhängigkeit von Wirtschaftsordnung und politischer Ordnung. Eine Marktwirtschaft, für die er den Begriff „Verkehrswirtschaft“ bevorzugte, bedingt nach seiner Auffassung einen freiheitlichen Rechtsstaat. Eine Zentralverwaltungswirtschaft benötige dagegen zu ihrer Durchsetzung eine Diktatur. Als Beispiele nennt der Artikel das nationalsozialistische Deutschland, die Sowjetunion und später die osteuropäischen Staaten des Rates für gegenseitige wirtschaftliche Zusammenarbeit.
Eucken unterschied moderne Wirtschaftsordnungen nicht nach dem Umfang staatlicher Tätigkeit oder der Staatsquote, sondern nach der Verteilung wirtschaftlicher Macht:
• In der Zentralverwaltungswirtschaft besitzt eine Zentrale die größtmögliche wirtschaftliche Macht; der Einzelne ist maximal entrechtet.
• Beim vollständigen Wettbewerb kann niemand einen anderen Marktteilnehmer wirtschaftlich lenken. Dies ist für Eucken der eigentliche Gegenpol zur Zentralverwaltungswirtschaft.
• In einer vermachteten Marktwirtschaft können einzelne Machtgruppen durch Preispolitik oder Lobbyismus in die wirtschaftliche Freiheit anderer eingreifen.
Der vollständige Wettbewerb ist daher nicht mit einer sich selbst überlassenen „freien Marktwirtschaft“ nach dem Laissez-faire-Prinzip gleichzusetzen. Eucken nahm vielmehr an, dass Laissez-faire systematisch zur Wirtschaftslenkung durch private Machtgruppen führt. Der Staat muss durch einen Rechtsrahmen verhindern, dass Marktteilnehmer die Spielregeln zu ihren Gunsten verändern. Eucken fasste dies als qualitative, nicht bloß quantitative Aufgabe des Staates auf: „Staatliche Planung der Formen – ja; staatliche Planung und Lenkung des Wirtschaftsprozesses – nein.“ Seine postum erschienenen „Grundsätze der Wirtschaftspolitik“ wurden 1952 von Edith Eucken-Erdsiek und Karl Paul Hensel herausgegeben.
Sozial- und Konjunkturpolitik
Richtig verstandene Sozialpolitik war für Eucken grundsätzlich eine „Politik zur Ordnung der Wirtschaft“. Seine Wirtschaftspolitik schloss die Verantwortung für einen hohen Beschäftigungsstand ein. Auch die soziale Sicherung gegen Arbeitslosigkeit sowie die Unfall-, Gesundheits- und Altersversicherung hielt er für sozialpolitisch begründbar.
Wettbewerbspolitik allein genügte jedoch nicht. Eine besondere Sozialpolitik sollte Lücken schließen und Härten mildern. Vor allem auf dem Arbeitsmarkt sah Eucken zusätzlichen staatlichen Handlungsbedarf, weil „Arbeit keine Ware“ sei und sich Arbeitsmärkte von Märkten für Sachgüter unterschieden. Arbeiterschutzmaßnahmen sollten Missstände beseitigen. Zudem erkannte er die Verdienste der Gewerkschaften für die Verbesserung der Lage der Arbeiter an. Gewerkschaften waren für ihn zwar monopolartige Organisationen, aber zugleich eine Reaktion auf monopolistische Übergewichte der Unternehmer.
Nach der im Artikel wiedergegebenen Bewertung Karl Georg Zinns maß Alfred Müller-Armack der Sozialpolitik sowie der staatlichen Konjunktur- und Strukturpolitik deutlich mehr Gewicht bei als Eucken. Zinn beschreibt Euckens Sozialpolitik als ein Minimalprogramm gegen extreme Missstände und schreibt ihm die Ansicht zu, Konjunkturpolitik sei überflüssig oder sogar schädlich: Eine ideale Wettbewerbsordnung sollte nach dieser Vorstellung keine zyklischen Konjunkturen und Krisen mehr hervorbringen.
Leben, Widerstand und politischer Einfluss
Eucken studierte Geschichte, Staatswissenschaft, Nationalökonomie und Rechtswissenschaft in Kiel, Bonn und Jena. 1913 schloss er sein Studium mit einer Dissertation bei Hermann Schumacher ab. Nach dem Ersten Weltkrieg arbeitete er als Schumachers Assistent an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin und als Redaktionssekretär von „Schmollers Jahrbuch“. 1921 habilitierte er sich. Nach einer Professur an der Universität Tübingen wechselte er 1927 als ordentlicher Professor an die Universität Freiburg, an der er bis zu seinem Tod tätig blieb.
Anfang der 1930er-Jahre gründete er gemeinsam mit den Juristen Franz Böhm und Hans Großmann-Doerth die Freiburger Schule. Nach der nationalsozialistischen Umgestaltung der Universität Freiburg und dem Beginn der Judenverfolgung im Wissenschaftsbetrieb trat Eucken offen gegen die Hochschulpolitik des Rektors Martin Heidegger auf. 1936 hielt er unter dem Titel „Kampf der Wissenschaft“ eine Vorlesungsreihe für die Freiheit des Denkens.
Eucken stand mit dem Goerdeler-Kreis in Verbindung. Nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 verhörte ihn die Gestapo mehrfach, verhaftete ihn jedoch nicht. Drei seiner Freunde aus dem Freiburger Kreis – Adolf Lampe, Constantin von Dietze und Gerhard Ritter – wurden inhaftiert und zum Tode verurteilt; das Kriegsende verhinderte ihre Hinrichtung.
Nach dem Krieg beriet Eucken die französische und die amerikanische Militärregierung. Die später als Ordoliberalismus bezeichneten Ideen der Freiburger Schule bildeten eine Grundlage für die Reformen, mit denen Ludwig Erhard und Alfred Müller-Armack die zunächst planwirtschaftliche Wirtschaftsverwaltung der ersten Nachkriegsjahre ablösten. 1947 beteiligte sich Eucken an der Gründung der Mont Pelerin Gesellschaft. Wissenschaftstheoretisch beeinflusste ihn besonders Edmund Husserl. Eucken wandte sich allgemein gegen Ideologien der Macht und gegen freiheitsfeindlichen Irrationalismus.
Er starb am 20. März 1950 in London, als er an der London School of Economics die Vortragsreihe „This Unsuccessful Age“ hielt. Zu diesem Zeitpunkt hatte er die „Grundsätze der Wirtschaftspolitik“ noch nicht ganz vollendet.
Nachlass, Veröffentlichungen und Rezeption
Zu Euckens wichtigsten Veröffentlichungen gehören „Kapitaltheoretische Untersuchungen“ (1935), „Die Grundlagen der Nationalökonomie“ (erste Auflage 1940; im Artikel wird zugleich eine Veröffentlichung 1939 genannt), „Nationalökonomie – Wozu?“ (zuerst 1938 als Beitrag), „Die Wettbewerbsordnung und ihre Verwirklichung“ (1949) und die postum erschienenen „Grundsätze der Wirtschaftspolitik“ (1952). Seine Londoner Vorträge wurden 1951 als „Unser Zeitalter der Mißerfolge“ veröffentlicht. Mit Franz Böhm und Hans Großmann-Doerth gab er ab 1937 „Ordnung der Wirtschaft“ heraus; gemeinsam mit Böhm begründete er außerdem 1948 das bis heute fortgeführte Jahrbuch „ORDO“.
Euckens Nachlass kam 1954 in das Walter Eucken Institut. Nach der Auflösung seines dort vollständig erhaltenen Arbeitszimmers in den 1990er-Jahren erhielt die Familie den Nachlass nach Darstellung des Artikels in ungeordnetem und unvollständigem Zustand zurück. Ab 2000 ordnete und verwaltete ihn das Walter-Eucken-Archiv in Frankfurt am Main. Seit 2013 wird er an der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena erschlossen. Die ersten beiden Teilbände der bei Mohr Siebeck geplanten gesammelten Werke erschienen 2023. Mehrere Hauptwerke wurden unter anderem ins Russische und Chinesische übersetzt.
Die politische Rezeption Euckens ist umstritten. Das Walter-Eucken-Archiv unter Leitung seines Enkels Walter Oswalt kritisierte, dass Politik und marktliberale Einrichtungen zwar Euckens Bedeutung für die Soziale Marktwirtschaft hervorhöben, seine grundlegende Kritik an wirtschaftlicher Macht aber vernachlässigten. Nach dieser Kritik wird sein eigentliches Leitbild – eine machtfreie Wirtschaft im Rahmen eines konstitutionellen Liberalismus – häufig verkürzt dargestellt.