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Meritorisches Gut
Ein meritorisches Gut (meritorisch, von lateinisch meritum, „das Verdienst“) ist in den Wirtschaftswissenschaften ein privates Gut, bei dem Angebot oder …
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Grundidee und Bedeutung
Ein meritorisches Gut ist in den Wirtschaftswissenschaften ein privates Gut, bei dem Angebot oder Nachfrage ohne staatliche Eingriffe nicht das gesellschaftlich gewünschte Maß erreichen. Mit dieser Einordnung ist meist die Erwartung verbunden, dass der Staat Angebot oder Nachfrage fördern soll, damit eine pareto-optimale Allokation erreicht wird. Pareto-optimal bedeutet hier: Ressourcen sollen so verteilt werden, dass niemand besser gestellt werden kann, ohne jemand anderen schlechter zu stellen.
Meritorische Güter sind also Güter, die einzelne Menschen aus eigener Entscheidung zu wenig nachfragen, obwohl Politik oder Wissenschaft ihren Konsum für gesellschaftlich wichtig halten. Der Gegenbegriff ist das demeritorische Gut: Dabei gilt die Nachfrage als zu hoch. Weil das „gesellschaftlich gewünschte Ausmaß“ nicht objektiv feststeht, ist die Einstufung eines Gutes als meritorisch oder demeritorisch immer auch subjektiv und politisch geprägt.
Der Begriff wurde 1957 vom Ökonomen Richard Musgrave geprägt. Er sprach von merit wants, frei übersetzt „anerkennungswürdige Bedürfnisse“. Meritorische Güter entstehen nach dem Artikel als Ergebnis eines politischen Willensbildungsprozesses.
Gründe für zu geringe Nachfrage
Ein wichtiger Grund für meritorische Güter sind als irrational bewertete Entscheidungen. Dabei wird angenommen, dass Konsumenten Vor- und Nachteile nicht ausreichend durchdenken oder komplexe Wirkungen nicht erkennen. Als Beispiel nennt der Artikel das Nichtanlegen des Sicherheitsgurtes im Auto. Der Gesetzgeber bewertete dies als irrationale Entscheidung, was zur Anschnallpflicht führte.
Ein zweiter Grund ist unvollständige Information. Verbraucher verfügen dann nicht über die Informationen, die sie für eine optimale Budgetallokation brauchen. Dazu gehören auch Informationsasymmetrie und adverse Selektion. Beispiel: Hauseigentümer wissen oft nicht, welche Einsparungen Wärmedämmung bringen kann; deshalb wurden entsprechende Prüfungen zeitweise staatlich subventioniert.
Ein dritter Grund ist eine falsche Zeitpräferenzrate. Die Zeitpräferenzrate beschreibt, wie viel weniger Bedeutung Menschen zukünftigen Ereignissen gegenüber gegenwärtigen beimessen. Bei meritorischen Gütern wird oft angenommen, dass Konsumenten eine zu hohe Zeitpräferenzrate haben, also zu wenig an die Zukunft denken. Beispiel: Die Pflicht zur Pflegeversicherung wurde damit begründet, dass Menschen in jungen Jahren ihrer späteren Pflegebedürftigkeit zu geringe Bedeutung beimessen.
Außerdem spielen externe Effekte eine Rolle. Externe Effekte liegen vor, wenn der Nutzen oder Schaden einer Entscheidung nicht nur die entscheidende Person betrifft. Dann kann der individuelle Nutzen vom gesamten volkswirtschaftlichen Nutzen abweichen. Beispiel: Ein Hauseigentümer berücksichtigt beim Erhalt einer denkmalgeschützten Fassade vor allem den Nutzen für die Bewohner. Da aber auch andere Stadtbewohner und Besucher davon profitieren, kann der Erhalt durch Auflagen und Subventionen gefördert werden. Dieselben Gründe können auch erklären, warum die Nachfrage nach demeritorischen Gütern als zu hoch angesehen wird.
Staatliche Eingriffe und Beispiele
Zur Förderung oder Begrenzung des Konsums meritorischer beziehungsweise demeritorischer Güter kommen verschiedene Maßnahmen infrage. Der Staat kann Konsumgebote oder Konsumverbote einsetzen, zum Beispiel Sozialversicherungspflicht, Schulpflicht oder Regelungen im Betäubungsmittelgesetz. Er kann außerdem Subventionen, Steuern und Abgaben nutzen, etwa Kulturförderung oder Mineralölsteuer.
Weitere Maßnahmen sind Information und auch verpflichtende Beratung der Konsumenten, zum Beispiel gesundheitliche Aufklärung oder Studienfach- und Berufswahllenkung durch Numerus clausus. Auch Budgetierung, etwa im Gesundheitssystem, und indirekte Markteingriffe wie Werbebeschränkungen für Tabakwaren werden genannt. Die Förderung meritorischer Güter durch die öffentliche Hand heißt Meritorisierung.
Als Beispiele für meritorische Güter nennt der Artikel unter anderem Versicherungen, besonders Sozialversicherungen und bestimmte Haftpflichtversicherungen, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, die gesetzliche Rentenversicherung in Deutschland, Vermögensbildung, Sport, Schulbildung, Erwachsenenbildung, Bibliothekswesen, Arbeitsvermittlung und Berufsberatung, Bücher mit Buchpreisbindung oder niedriger Umsatzsteuer auf Printprodukte, Jugendbetreuung, Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung, Kultur, Landwirtschaft und Landschaftspflege, Verkehr, Biodiversität sowie öffentliche Sicherheit wie Polizei und Gerichtswesen.
Ob ein Gut meritorisch oder demeritorisch ist, kann auch von der konsumierten Menge abhängen. Der Artikel nennt als Beispiel Tourismusdienstleistungen: Übermäßiger Konsum kann deren Erholungswirkung gefährden.
Bildung, Gesundheit und Kultur
Ausbildung, Bildung, Gesundheit und Kultur werden besonders häufig als meritorische Güter angesehen. Ein rein privatwirtschaftlich organisiertes Gesundheitssystem könnte nach dem Artikel dazu führen, dass viele Menschen keine ausreichende Gesundheitsversorgung erhalten. Schulen und Krankenhäuser können zwar privat geführt werden, etwa als Privatschulen oder Privatkliniken, die Mehrzahl ist aber staatlich. Grund ist, dass der Staat will, dass diese Güter von allen Bürgern konsumiert werden können oder müssen.
Bei öffentlichen Schulen spielt Ausschließbarkeit keine Rolle, weil sie kostenlos sind. Bei Privatschulen kann ein Schüler vom Unterricht ausgeschlossen werden, wenn die Schulgebühr nicht bezahlt wird. Die Freiheit, Schulbildung nachzufragen oder nicht, wird durch die Schulpflicht aufgehoben.
Umstritten bleibt, ob Bildung ein privates Gut, ein öffentliches Gut oder ein meritorisches Gut ist. Als privates Gut wäre Bildung einzuordnen, wenn kein natürliches Monopol vorliegt, Nachfrager als Rivalen auftreten, Wissenserwerb durch einen Nachfrager den gleichzeitigen Erwerb durch andere ausschließt und es keine Nutznießer außer den Nachfragern selbst gibt. Als öffentliches Gut wäre Bildung einzuordnen, wenn Marktversagen vorliegt, weil Preis- und Marktmechanismus keine effiziente Allokation sichern können.
Bildung gilt dem Artikel zufolge als meritorisches Gut, wenn der Staat die individuellen Bildungspräferenzen der Bürger nicht akzeptiert, sondern ihnen seine Präferenzen aufzwingt, etwa durch Schulpflicht. Außerdem kann Bildung Unwissen beseitigen; ein Preis- und Marktmechanismus kann keine gleichen Bildungschancen herbeiführen.
Kritik und Abgrenzung
Das Konzept meritorischer Güter setzt nach Ansicht seiner Befürworter einen im positiven Sinn paternalistisch handelnden Staat voraus. Paternalismus bedeutet hier, dass der Staat Bürger zu ihrem eigenen oder zum gesellschaftlichen Vorteil beeinflusst. Die staatlichen Akteure sollen demnach bessere Entscheidungen für das gesellschaftliche Wohl treffen können als die einzelnen Individuen.
Kritiker, besonders einige Libertäre, sehen darin einen Eingriff in die Konsumentensouveränität. Konsumentensouveränität bedeutet, dass Individuen selbst entscheiden sollen, welche Güter sie konsumieren. Kritik gibt es vor allem, wenn es sich um Individualgüter handelt. Außerdem wird eingewendet, dass das Konzept, soweit es haltbar sei, bereits durch andere Ansätze wie die Theorie des Marktversagens abgedeckt werde. Die Wirtschaftswissenschaften abstrahieren bei der Beurteilung des meritorischen Charakters eines Gutes von individuell unterschiedlichen Präferenzen.
Gegen kostenlose Bereitstellung wird eingewendet, dass Konsumenten den möglichen objektiven Nutzen gerade deshalb nicht erkennen könnten, weil das Gut keinen Preis hat. Eine Ausweitung solcher Bereitstellung könne außerdem zu Deaktivierung und Verantwortungslosigkeit führen. Werden meritorische Güter privatwirtschaftlich angeboten und anschließend durch Budgetierung oder Subventionen korrigiert, besteht das Risiko betriebswirtschaftlicher Ineffizienz, also zu hoher Produktionskosten, oder volkswirtschaftlicher Ineffizienz, also zu geringer Orientierung an den Wünschen potenzieller Nutzer.
Die Abgrenzung zu öffentlichen oder kollektiven Gütern ist schwierig. Bei kollektiven Gütern soll staatliche Bereitstellung Präferenzen bedienen, die am Markt nicht erfüllt werden können, weil kein Markt entsteht oder private Produzenten keine Erträge erzielen können. Bei meritorischen Gütern greifen Entscheidungsträger dagegen in individuelle Präferenzen zugunsten vermuteter kollektiver Präferenzen ein. Praktisch bleibt die Trennung unscharf; Kriterien wie paternalistische Bevormundung, parlamentarische Mehrheiten, Sozialstaatsprinzip oder Ausschließbarkeit sind hilfreich, aber nicht unumstritten.
Demeritorische Güter
Demeritorische Güter sind gesellschaftlich unerwünschte Güter. Der Artikel nennt als Beispiele Drogen, Glücksspiel und Zwangsprostitution. Ökonomisch handelt es sich um private Güter, die wegen gesetzlicher Verbote auf einem illegalen Teilmarkt des Gütermarkts, also auf einem Schwarzmarkt, gehandelt werden.
Der Zusammenhang zu meritorischen Gütern besteht darin, dass auch hier eine politische oder gesellschaftliche Bewertung vorliegt: Während meritorische Güter aus Sicht des Staates zu wenig konsumiert werden, gelten demeritorische Güter als Güter, deren Nachfrage zu hoch oder unerwünscht ist. Deshalb können staatliche Eingriffe nicht nur fördernd, sondern auch beschränkend oder sanktionierend wirken.