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Marienbrauchtum im Mai
Die Verehrung Mariens als Jungfrau und Gottesmutter geschieht vor allem in speziellen wortgottesdienstlichen Maiandachten, die öffentlich oder im privaten …
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Bedeutung des Marienmonats
In der römisch-katholischen Tradition gilt der Mai seit der Barockzeit als Marienmonat. Maria wird als Jungfrau und Gottesmutter besonders verehrt. Zentral sind Maiandachten, also Wortgottesdienste, die öffentlich in Kirchen und Kapellen oder privat in Familien stattfinden. Häufig werden dabei Marienbilder und Marienstatuen mit Blumen geschmückt.
Dieses Brauchtum gehört zu den „frommen Übungen“ oder Andachtsübungen (pia exercitia). Es ist von den Marienfesten zu unterscheiden, die Bestandteile der offiziellen Liturgie sind. Da in den Mai meistens auch die Zeit zwischen Ostern, Pfingsten und Fronleichnam fällt, sollen nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil die zentralen Feste, die sich auf Christus beziehen, gegenüber einer übertriebenen Marienfrömmigkeit deutlich erkennbar bleiben.
Entstehung und Verbreitung
Die europäischen Maibräuche haben vorchristliche Wurzeln. Der römische Monat Mensis Maius war nach der Fruchtbarkeitsgöttin Maia benannt. Im Mai wurden außerdem die Göttin Flora und in der griechischen Welt Artemis als Gottheiten der Vegetation und Fruchtbarkeit verehrt. Die Ludi Florales fanden in der römischen Kaiserzeit vom 28. April bis zum 3. Mai statt. Mittelalterliche Bräuche zur Vertreibung des Winters, zur Begrüßung des Frühlings und möglicherweise auch das Aufstellen des Maibaums stehen in diesem Zusammenhang.
Eine Marienverehrung im Mai gab es bereits im Mittelalter, jedoch noch nicht als Folge von Andachten während des gesamten Monats. Möglicherweise sollten ältere Maifeiern dadurch „verchristlicht“ werden. Als ältestes Zeugnis besonderer marianischer Feiern im Mai gelten die Cantigas de Santa Maria des kastilischen Königs Alfons X. aus dem 13. Jahrhundert.
Ein weiterer Ursprung lag im mittelalterlichen „geistlichen Mai“: Die Passionsfrömmigkeit stellte Leiden und Erlösung mithilfe von Gartenbildern dar. Im frühen 18. Jahrhundert entstanden in rheinischen und fränkischen Diözesen außerdem Maigebete um gutes Wetter und eine reiche Ernte. Anlass waren mehrere Missernten. Diese Gebete blieben bis weit ins 19. Jahrhundert erhalten, waren zunächst aber noch nicht besonders marianisch geprägt.
Seit dem 18. Jahrhundert wurde die Pflanzen- und Blumenblüte zunehmend auf Maria bezogen. Öffentliche marianische Maiandachten während des ganzen Monats sind erstmals 1784 in der Kamillianerkirche von Ferrara belegt. Bereits 1747 hatte der Erzbischof von Genua, Giuseppe Maria Saporiti, häusliche Maiandachten empfohlen. Bis 1813 waren sie in etwa 20 Kirchen Roms üblich.
Von Italien gelangten die Andachten über die Schweiz, Frankreich und Belgien nach Deutschland und Österreich. Der Jesuit Pierre Doré (1733–1816) förderte ihre Verbreitung. Am 1. Mai 1841 feierten Schwestern vom Guten Hirten im Konvent Haidhausen bei München die erste Maiandacht auf deutschem Boden; 1842 ist eine Feier in Aachen belegt. Bis 1860 wurde die Maiandacht zu einer der wichtigsten marianischen Andachtsformen der katholischen Bevölkerung. Seit etwa 1860 kamen sonntägliche Maipredigten hinzu. Von Irland aus verbreitete sich die Tradition nach Amerika; Missionare führten sie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch auf der Südhalbkugel ein, obwohl dort im Mai Winter ist.
Blumen- und Gartensymbolik
Blumen und Gärten sind zentrale Zeichen des Maibrauchtums. Die Verehrung gilt Maria als Mutter Christi und damit um Christi willen. Grundlage sind besonders das Hohelied und das Buch Jesus Sirach. Blumen stehen seit der mittelalterlichen Predigtliteratur vor allem für Tugenden: Die Lilie bedeutet Keuschheit und Jungfräulichkeit, das Veilchen Demut, die weiße Rose reines Magdtum und die rote Rose vollkommene Liebe sowie die Freuden und Schmerzen Mariens.
Ein wichtiges Bild ist der Hortus conclusus, der „verschlossene Garten“. Das Hohelied beschreibt die Braut als verschlossenen Garten, versiegelte Quelle und Ort kostbarer Pflanzen. Jüdische Auslegung verstand dies als Bild für die Beziehung Gottes zu Israel. Im Christentum wurde es zunächst auf das Verhältnis der Kirche zu Gott und später auf Maria als Urbild der Kirche bezogen. Rupert von Deutz deutete den verschlossenen Garten als Gleichnis der Jungfräulichkeit Mariens. Besonders im späten 14. und 15. Jahrhundert prägte dieses Motiv Kunst und Dichtung, etwa Darstellungen der Madonna im Rosenhag und des Paradiesgärtleins.
Seit dem späten Mittelalter konzentrierte sich die marianische Pflanzensymbolik vor allem auf Rose und Lilie. Die weiße Madonnen-Lilie steht für Reinheit, makellose Schönheit und die Unberührtheit Mariens. Die Rose bezeichnet Liebe, Jugend, Frühling und Paradies. Als dornenlose Blüte wurde sie zum Zeichen der unbefleckten Empfängnis: Maria gilt als „Immaculata“, die von Anfang an frei von der Erbsünde ist. Die Anrufung „Rosa mystica“, geheimnisvolle Rose, gehört zur Lauretanischen Litanei. Die Rose als „Königin der Blumen“ verweist außerdem auf Maria als Himmelskönigin.
Marianische Gärten entstanden zuerst in mittelalterlichen Klöstern. Ein großes deutsches Beispiel ist der Marienberg in Neviges: ein Wallfahrts- und Rosenkranzweg mit 20 bebilderten Stationen. Die Stationen entstanden zwischen 1913 und 1936; 1922 wurde auf dem höchsten Punkt eine von Peter Klotzbach entworfene Marienkapelle errichtet. Ein Beispiel aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist der Marienpark Hasenberg mit Skulpturen, Mosaiken und Brunnen. Er entstand im Umfeld des Marianischen Jahres, das Papst Pius XII. am 8. September 1953 verkündete.
Andachten, Altäre und kirchliche Einordnung
Maiandachten sind sowohl häusliche Familiengebete als auch kirchliche Gottesdienste. Üblich waren tägliche Feiern, besonders festliche Andachten am Monatsanfang und Monatsende, an Maisonntagen sowie an Hochfesten wie Christi Himmelfahrt und Pfingsten. Sie fanden zunehmend am frühen Abend statt, damit Bauern, Arbeiter, Dienstboten und Schüler teilnehmen konnten. Eine Andacht dauert gewöhnlich zwischen einer halben und einer Stunde. Zu ihren Bestandteilen gehören Schriftlesungen, Marienlieder, Gebete, eine Predigt und besonders die Lauretanische Litanei. Im Mittelpunkt steht Gottes Heilswirken im Leben Mariens. Leitet ein Priester oder Diakon die Feier, kann sie mit einem sakramentalen Segen enden.
In Kirchen kann die Feier vor einem Maialtar stattfinden. Dafür wird ein eigener Altar errichtet oder ein bestehender Altar mit einem Marienbild beziehungsweise einer Marienstatue und Blumen gestaltet. Ein eigener Maialtar vor dem Hochchor ist für das Straßburger Münster erstmals 1855 belegt. Nach kirchlichen Vorgaben soll der Vorrang des Hochaltars sichtbar bleiben. Biblische Bezüge des Blumenschmucks sind die Lilien- und Gartenbilder des Hohenliedes sowie die Bezeichnung Mariens als „Rosa mystica“ in der Lauretanischen Litanei.
Im privaten Bereich entstanden Maialtärchen mit einer blumengeschmückten Marienfigur oder einem Marienbild. Familie, Nachbarn und Freunde versammelten sich dort zu Gebeten, Marienliedern wie „Maria, Maienkönigin“, Rosenkranz, Lauretanischer Litanei und Betrachtungen aus Andachtsbüchern. In katholischen Diasporagebieten galt diese Hausandacht als Ersatz, wenn eine öffentliche Feier nicht besucht werden konnte. Heute sind häusliche Maialtärchen selten und gelten als vergessene Tradition.
Das Zweite Vatikanische Konzil unterscheidet die liturgische Marienverehrung in Messe und Stundengebet von Andachtsübungen wie der Maiandacht. Lumen gentium von 1964 warnt sowohl vor falscher Übertreibung als auch vor zu großer Geistesenge. Wahre Andacht soll nicht auf vorübergehendem Gefühl oder Leichtgläubigkeit beruhen, sondern aus dem Glauben hervorgehen, auf Christus bezogen und an Bibel, Kirchenvätern und Kirchenlehrern ausgerichtet sein.
Das Direktorium über die Volksfrömmigkeit und die Liturgie von 2001 empfiehlt deshalb, den Marienmonat nicht abzuschaffen, sondern mit der Osterzeit zu verbinden. Geeignete Formen sind Wort-Gottes-Feiern, der Engel des Herrn, das Regina caeli, der Rosenkranz sowie die Lauretanische Litanei und die Litanei zur Krönung eines Marienbildes. Sie sollen zeigen, wie Maria mit dem Ostergeheimnis und dem Pfingstereignis verbunden ist.
Hochphase und Feste im Mai
Die Hochphase der Maiandachten lag im „Marianischen Jahrhundert“ zwischen 1850 und 1950. Den zeitlichen Rahmen bilden die Dogmen von der unbefleckten Empfängnis Mariens (1854) und von ihrer leiblichen Aufnahme in den Himmel (1950). Das erste Dogma wurde von Papst Pius IX. am 8. Dezember 1854 mit der Bulle Ineffabilis Deus verkündet. Auch die kirchliche Anerkennung der Marienerscheinungen von Lourdes aus dem Jahr 1858 förderte Maiandachten und Lourdesgrotten. Während des Kulturkampfs im Deutschen Kaiserreich dienten Maiandachten zudem als Raum für kirchlichen Protest gegen den Staat.
Im Ersten und Zweiten Weltkrieg empfahlen Benedikt XV. 1915 und Pius XII. 1939 die Maiandachten als Gelegenheit zum Friedensgebet. Pius XII. bestätigte sie am 20. November 1947 in der Enzyklika Mediator Dei als Frömmigkeitsübung. Paul VI. rief in Mense Maio vom 29. April 1965 angesichts des Kalten Krieges und des Vietnamkriegs ebenfalls zum Gebet um Frieden auf. Nach Einschätzung der Theologen Kurt Küppers und Horst Rzepkowski hat die Maiandacht nach den Veränderungen durch das Zweite Vatikanische Konzil in Deutschland kaum noch besondere Bedeutung.
Mehrere Marienfeste und Gedenktage können in den Mai fallen:
• Am 13. Mai kann seit 2002 der nichtgebotene Gedenktag Unserer Lieben Frau von Fátima gefeiert werden. Er erinnert an die von Lúcia dos Santos sowie Jacinta und Francisco Marto berichteten Erscheinungen von 1917. Der Bischof von Leiria erklärte sie am 13. Mai 1930 für glaubwürdig.
• Das Fest Maria, Hilfe der Christen wurde 1814 von Papst Pius VII. für den 24. Mai eingeführt. Es erinnert an seine Befreiung aus napoleonischer Gefangenschaft. Im Römischen Generalkalender ist es nicht mehr enthalten; bei den Salesianern Don Boscos ist es ein Hochfest.
• Maria Königin wurde 1954 von Pius XII. zunächst für den 31. Mai eingeführt. Seit 1969 wird das Fest am 22. August gefeiert.
• Mariä Heimsuchung wurde 1969 als Abschlussfest des Marienmonats auf den 31. Mai verlegt. Im deutschen Sprachgebiet blieb wegen der örtlichen Traditionen der 2. Juli erhalten.
• Das Unbefleckte Herz Mariä wird am dritten Samstag nach Pfingsten begangen. Der frühestmögliche Termin ist der 29. Mai; deshalb fällt der Gedenktag nur selten in den Mai.
• Maria, Schutzfrau Bayerns, wird seit 1970 am 1. Mai als Hochfest der bayerischen Diözesen gefeiert. Die Verehrung als Patrona Bavariae geht auf Herzog Maximilian I. und die Jahre 1615/1616 zurück.
• Die Luxemburger Muttergottesoktav ehrt Maria als „Consolatrix afflictorum“, Trösterin der Betrübten. Ausgangspunkt war eine berichtete Wunderheilung im Jahr 1639. Seit 1921 wird die Wallfahrt als Doppel-Oktav zwischen dem dritten und fünften Sonntag der Osterzeit gefeiert.
• Papst Franziskus bestimmte 2018 den Pfingstmontag, der meistens im Mai liegt, zum Gedenktag „Maria, Mutter der Kirche“ für die gesamte Kirche.