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Fronleichnam
Geschichte. Fronleichnamsprozession auf dem heutigen Bebelplatz in Berlin, vor der St.-Hedwigs-Kirche, 1928 Prozession 1977 in Kärlich. Entstehung des Festes.
Inhalt6 Abschnitte
Kern und Termin
Fronleichnam ist ein Hochfest im Kirchenjahr der katholischen Kirchen. Gefeiert wird die nach katholischer Lehre bleibende Gegenwart Jesu Christi im Sakrament der Eucharistie. In der römisch-katholischen Kirche lautet die liturgische Bezeichnung seit 1970 „Sollemnitas Sanctissimi Corporis et Sanguinis Christi“ („Hochfest des Leibes und Blutes Christi“); in der altkatholischen Kirche heißt das Fest auch „Danktag für die Eucharistie“. International ist „Corpus Christi“ verbreitet.
Das Fest macht den katholischen Glauben an die Eucharistie öffentlich sichtbar. Es steht für Christus als „Sakrament der Einheit“ und als „Mitte, aus der wir leben“, für die pilgernde Kirche sowie für die Segnung der Schöpfung, des Alltags und der Lebenswelt. Fronleichnam wird 60 Tage nach Ostern gefeiert, im Artikel auch als zweiter Donnerstag nach Pfingsten beziehungsweise als Donnerstag nach dem Dreifaltigkeitsfest beschrieben. Das Datum liegt zwischen dem 21. Mai und dem 24. Juni. Für 2019 bis 2033 nennt der Artikel beispielsweise den 30. Mai 2024, den 19. Juni 2025, den 4. Juni 2026 und den 27. Mai 2027.
Volkstümliche Bezeichnungen sind unter anderem Herrgottstag, Sakramentstag, Kränzeltag, Prangtag, Antlasstag und regional Blutstag oder Heiligblutstag.
Messfeier und Prozession
Der wichtigste Teil des Festes ist die heilige Messe. Die Lesungen wechseln seit 1970 nach dem Lesejahr:
- Lesejahr A: Dtn 8,2–3.14b–16a; 1 Kor 10,16–17; Joh 6,51–58.
- Lesejahr B: Ex 24,3–8; Hebr 9,11–15; Mk 14,12–16.22–26.
- Lesejahr C: Gen 14,18–20; 1 Kor 11,23–26; Lk 9,11b–17.
- Bis 1969 wurden 1 Kor 11,23–29 und Joh 6,55–58 verwendet.
Zur Festliturgie gehört die Sequenz „Lauda Sion Salvatorem“, die Thomas von Aquin um 1264 dichtete. Die häufig gesungene deutsche Nachdichtung „Deinem Heiland, deinem Lehrer“ stammt von Franz Xaver Riedel aus dem Jahr 1773. Heute gibt es zwei Präfationen: Eine betont den Opfercharakter der Eucharistie, die andere den Zusammenhang zwischen dem Letzten Abendmahl, dem Kreuzesopfer und der Messfeier der Gemeinde. Bis 1955 wurde die Präfation der Weihnachtszeit verwendet; danach zunächst die gewöhnliche Präfation und nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil eine eigene Sakramentspräfation.
An die Messe schließt sich meist eine eucharistische Prozession an. Der Priester oder Diakon trägt die Monstranz mit dem Allerheiligsten, also einer konsekrierten Hostie, durch die Straßen. Ein „Himmel“, ein Stoffbaldachin, schützt und kennzeichnet die Monstranz. Die Gläubigen begleiten den Zug mit Gebeten und Gesängen. An bis zu vier Segensaltären werden Evangelienabschnitte gelesen, Fürbitten gesprochen und Segnungen in die vier Himmelsrichtungen, über den Ort und die Flur erteilt. Die Stationen können für die Kirche, Land und Volk, Feldfrüchte und menschliche Arbeit sowie den Ort und seine Bewohner stehen. Die Prozession endet meist in der Pfarrkirche mit „Tantum ergo“, dem sakramentalen Segen und „Te Deum laudamus“.
Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil wird die Prozession als „fromme Übung“ verstanden, die aus der Liturgie hervorgeht und zu ihr hinführt. Im Mittelpunkt steht stärker die Messe und der Empfang der Kommunion. Die Prozession symbolisiert heute vor allem das wandernde Gottesvolk, das mit Christus durch die Welt unterwegs ist. Sie kann auch als Zuwendung zu den Nöten der Menschen, zu Schule, Kindergarten, Krankenhaus, Betrieb, Wohngebiet und zur gesamten Schöpfung verstanden werden. Nach CIC c. 944 entscheidet der Diözesanbischof über Zeit, Umstände und Ordnung einer öffentlichen Prozession.
Entstehung und historische Entwicklung
Das Fest wurde erstmals 1247 im Bistum Lüttich gefeiert und 1264 von Papst Urban IV. durch die Bulle „Transiturus de hoc mundo“ auf die Gesamtkirche ausgedehnt. Als Anlass gilt das von Urban IV. 1263 anerkannte Blutwunder von Bolsena. Die Initiative ging auf Juliana von Lüttich zurück, die in einer Vision das Fehlen eines eigenen Eucharistiefestes im Kirchenjahr erkannt haben soll. Das Vierte Laterankonzil präzisierte 1215 die Transsubstantiationslehre; das Konzil von Trient erhob sie 1551 zum Dogma. Nach katholischer Lehre werden Brot und Wein in der Messe durch Wesensverwandlung wahrhaft zum Leib und Blut Christi, in denen Christus gegenwärtig ist und bleibt.
Die Prozession war anfangs kein Bestandteil des Festes. Erste Sakramentsprozessionen sind zwischen 1264 und 1278 in St. Gereon in Köln, 1286 in Benediktbeuern, um 1301 in Hildesheim und 1317 in Quedlinburg belegt. Zunächst wurde das Allerheiligste in einer Pyxis, später öffentlich sichtbar in einer Monstranz getragen. Vorbilder waren unter anderem Versehgänge und Reliquienprozessionen. Die Prozession wurde als eine Art „langgezogene Elevation“ gedeutet, also als Verlängerung des Zeigens der gewandelten Gaben in der Messe.
Ab dem 15. Jahrhundert wurde der Weg den Flur- und Bittprozessionen angeglichen. Die Feier wurde länger und prunkvoller: Reliquien, Heiligenbilder, Zunftinsignien, Musiker, Prunkwagen und in England und Spanien lebende Bilder konnten beteiligt sein. In der Barockzeit erschien die Prozession als Triumphzug Christi, des himmlischen Königs. Die Reihenfolge der Stände, Zünfte und Bruderschaften spiegelte die soziale Ordnung wider.
Die Reformation lehnte das Fest und besonders die Prozession ab. In Wittenberg fand 1522 letztmals eine Fronleichnamsprozession statt; Martin Luther kritisierte sie scharf. Auch die „Confessio Augustana“ von 1530 lehnte die Prozession mit der Hostie ab, weil Brot und Wein als zusammengehörige Gaben des Abendmahls verstanden wurden. Das Konzil von Trient bestätigte das Fest und deutete die Prozession als triumphierendes Bekenntnis der katholischen Rechtgläubigkeit.
Im 17. und 18. Jahrhundert erreichte die Prozession ihren Höhepunkt. In München wurden um 1600 fünfzig lebende Bilder mit 3000 Mitwirkenden dargestellt. Die Aufklärung kritisierte jedoch Pomp, Salutschüsse, Maskierungen, lebende Bilder und den hohen Verbrauch von Birken und Reisern. Im 19. Jahrhundert konnte die Prozession in Preußen und anderen gemischtkonfessionellen Gebieten zugleich Ausdruck katholischer Identität und Anlass konfessioneller Konflikte sein. Während des Nationalsozialismus wurde sie vielerorts als Glaubensdemonstration gegen die Diktatur verstanden. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verschwanden triumphalistischer Auftritt und konfessionelle Polemik weitgehend; örtlich beteiligen sich auch evangelische Christen, Pfarrer oder Posaunenchöre.
Heutige Gestaltung und Brauchtum
Heute beginnt die Feier häufig mit einer Messe im Freien oder auf einem zentralen Platz. Danach zieht die Prozession durch den Ort, teilweise als gemeinsame Feier mehrerer Pfarreien oder als Sternprozession. Der Zug wird meist von Kreuz, Fahnen und Ministranten angeführt. Es folgen Kinder, Vereine, Musikkapellen und Kirchenchöre, danach Ordensgemeinschaften, Kleriker und Weihrauchträger. Das Allerheiligste wird unter dem Himmel getragen, der örtlich von Schützen, Feuerwehrleuten, kirchlichen Gremien oder Gemeindemitgliedern getragen wird. Hinter dem Baldachin gehen gegebenenfalls Bürgermeister, Gemeinderäte und andere Ehrengäste. In manchen Orten wird zusätzlich das Evangeliar als Zeichen der Gegenwart Gottes im Wort mitgetragen.
Bei einer Umfrage von „Liturgie konkret“ aus dem Jahr 2002 mit 432 überwiegend aus Süddeutschland stammenden Teilnehmenden berichtete etwa die Hälfte von vier Stationen. Am zweithäufigsten wurde eine Station genannt; auf zwei oder drei Stationen entfielen jeweils etwa 12 Prozent. Eine Prozession kann auch von einem Diakon geleitet werden, nicht jedoch von einem Kommunionhelfer.
Der Weg wird traditionell mit Blumen, grünen Zweigen, Birken- oder Buchenästen, Fahnen, Teppichen, Ehrenbögen und Blumenteppichen geschmückt. Vor Häusern oder in Fenstern stehen manchmal „Altärchen“ mit Heiligenbildern, Blumen und Kerzen. Bekannte Blumenteppiche gibt es besonders in Hüfingen und Sipplingen. Segensaltäre können an Kapellen, Bildstöcken, Wegekreuzen oder Hauswänden liegen oder mobil aufgebaut werden. Sie werden mit Stoffen, Blumen, Kerzen, Birken und Fahnen gestaltet. Eine Station umfasst typischerweise Hinführung, Halleluja-Ruf, Schriftlesung, Fürbitten, Sakramentslied und Segen.
Gesungen werden traditionelle Sakramentslieder wie „Deinem Heiland, deinem Lehrer“, „Gottheit, tief verborgen“ und „Preise, Zunge, das Geheimnis“. Daneben stehen zunehmend Lieder über das wandernde Gottesvolk, den Mahlcharakter der Eucharistie, Frieden, Gerechtigkeit und die „Bewahrung der Schöpfung“ auf dem Programm. Nach der Prozession gibt es vielerorts einen Mittagstisch, Umtrunk oder ein Gemeindefest.
Die Feier verändert sich durch sinkende Kirchenbindung, Säkularisierung, neue Freizeitgewohnheiten, Verkehr und die Zusammenlegung von Pfarreien. Wege werden verkürzt, die Zahl der Altäre verringert oder Prozessionen abgeschafft. Manche Gemeinden verzichten wegen fehlender Träger oder wegen einer als „zu triumphal“ empfundenen Gestik auf den Himmel. Zugleich halten besonders viele süddeutsche und österreichische Gemeinden an der überlieferten festlichen Form fest. Liturgiewissenschaftler warnen, dass das Brauchtum ohne innere religiöse Bedeutung zum folkloristischen oder touristischen Ereignis werden kann.
Sonderformen und Fronleichnamsspiele
Regional gibt es Prozessionen zu Pferd, sogenannte Antlassritte, und Schiffsprozessionen. Die Mülheimer Gottestracht in Köln-Mülheim führt mit einem Sakramentsschiff auf dem Rhein von Mülheim bis zur früheren Stadtgrenze Kölns und zurück. In Treis-Karden findet die Prozession an der Mosel statt; von Seehausen am Staffelsee führt sie seit 1936 mit Booten zur Insel Wörth. Im österreichischen Salzkammergut gibt es Seeprozessionen in Hallstatt und Traunkirchen; in Hallstatt besteht diese Tradition seit 1623. In Perchtoldsdorf bei Wien wird die Prozession etwa eineinhalb Wochen später, am zweiten Sonntag nach dem eigentlichen Fronleichnamstag, gefeiert.
Im späten Mittelalter entstanden geistliche Fronleichnamsspiele mit Gesprächen von Aposteln und Propheten sowie Szenen aus der Heilsgeschichte. Die Spiele entwickelten sich im 14. Jahrhundert in England; das älteste im deutschen Sprachraum nachgewiesene Spiel fand 1391 im Stubaital statt. In Spanien wurden sie als „Auto sacramental“ oder „Auto del Corpus Christi“ literarisch besonders bedeutend. Die Samsonumzüge im österreichischen Lungau und in der benachbarten Steiermark gelten als Überreste barocker Prozessionspracht, nachdem biblische Riesenfiguren in der Aufklärung verboten worden waren.
Zum UNESCO-Kulturerbe gehören seit 2012 die venezolanische Prozession der „Tanzenden Teufel“ und seit 2021 die „Tänze und Ausdrücke beim Corpus-Christi-Fest“ in Panama sowie die „Blumenteppiche für die Fronleichnamsprozessionen“ in Polen.
Konfessionen und Feiertagsregelungen
Orthodoxe Kirchen lehnen die Verehrung des ausgesetzten Allerheiligsten und die scholastisch-rationalistische Transsubstantiationslehre ab. Eine orthodoxe Prozession findet am „Sonntag der Orthodoxie“, dem ersten Fastensonntag, mit heiligen Ikonen statt. Protestanten feiern Fronleichnam nicht, weil sie Eucharistie und Abendmahl anders verstehen. Nach lutherischer Lehre bleiben Brot und Wein ihrer Substanz nach Brot und Wein; Christus ist jedoch „in, mit und unter“ ihnen gegenwärtig (Realpräsenz). Ökumenische Beteiligung an katholischen Prozessionen ist dennoch möglich.
In Deutschland ist Fronleichnam gesetzlicher Feiertag in Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland sowie in bestimmten katholischen Gemeinden Sachsens und Thüringens. In anderen Regionen gibt es unter anderem Ansprüche katholischer Arbeitnehmer auf unbezahlte Freistellung und katholischer Schüler auf Unterrichtsbefreiung.
In der Schweiz ist das Fest in den überwiegend katholischen Kantonen Appenzell Innerrhoden, Jura, Luzern, Nidwalden, Obwalden, Schwyz, Tessin, Uri, Wallis und Zug sowie in bestimmten Gemeinden weiterer Kantone gesetzlicher Feiertag. In ganz Österreich und Liechtenstein gilt es als gesetzlicher Feiertag.
In Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Luxemburg und Ungarn wird das Fest am ersten Sonntag nach dem eigentlichen Termin gefeiert. In Polen und Kroatien ist es gesetzlicher Feiertag. Italien schaffte den gesetzlichen Feiertag 1977 ab; seit 2017 findet die päpstliche Prozession in Rom am Sonntag statt. In Spanien ist Fronleichnam seit 1989 kein landesweit arbeitsfreier Tag, örtlich aber weiterhin Feiertag, etwa in Sevilla, Toledo und Berga. Portugal hat Fronleichnam als Feiertag; von 2013 bis 2015 war er als arbeitsfreier Feiertag ausgesetzt. Außerhalb Europas ist Fronleichnam unter anderem in Bolivien, Brasilien, Chile, der Dominikanischen Republik, Kolumbien, Osttimor, Saint Lucia sowie Trinidad und Tobago gesetzlicher Feiertag.