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Maria Magdalena
Lukas-Evangelium identifiziert. Man hat sie als Prostituierte oder als Geliebte von Jesus interpretiert. Johannes-Evangelium dem wiederauferstandenen Jesus …
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Person und Quellen
Maria Magdalena, lateinisch Maria von Magdala, ist eine im Neuen Testament erwähnte Begleiterin Jesu. Ihr Beiname verweist auf Migdal am See Genezareth. Die Evangelien nennen sie besonders als Zeugin von Kreuzigung, Begräbnis und Auferstehung Jesu. Nach dem Johannes-Evangelium begegnet sie dem Auferstandenen als erste Person und soll dessen Auferstehungsbotschaft an die Jünger weitergeben.
Über ihr Leben berichten die neutestamentlichen Texte nur wenig. Spätere Legenden deuteten sie dagegen als namenlose fußwaschende Sünderin, Prostituierte oder Geliebte Jesu. Diese Gleichsetzungen sind nicht unmittelbar aus den Evangelien ableitbar.
Neben dem Kanon, also der kirchlich verbindlichen Sammlung neutestamentlicher Schriften, wurden seit dem 19. Jahrhundert frühchristliche Texte wiederentdeckt, vor allem aus dem östlichen Römischen Reich. Klaus Berger und Christiane Nord führen kanonische und andere frühchristliche Schriften gemeinsam nach ihrer Entstehungszeit auf; sie schließen ihre Sammlung etwa mit dem Jahr 200 n. Chr., als vermutlich in Rom der christliche Kanon zusammengestellt wurde. In den kanonischen Texten wird Maria vor allem in der Passionsgeschichte deutlich profiliert, in anderen Quellen erscheint ihr Verhältnis zu Jesus sowie zu Jüngern und Jüngerinnen häufiger als selbstverständlich.
Maria Magdalena in den Evangelien
Nach Lukas 8,1–3 und Markus 16,9 trieb Jesus Maria Magdalena sieben Dämonen aus. Als Dämonen gelten in diesen Texten böse Geister; Lukas nennt zugleich Krankheiten, von denen Frauen geheilt worden seien. Maria gehörte zu Frauen, die Jesus nachfolgten. Mit Johanna, Susanna und vielen anderen sorgte sie laut Lukas 8,3 mit ihrem Vermögen für den Unterhalt Jesu und der Jünger. Markus 15,40–41 bestätigt, dass Frauen Jesus auf seinen Wanderungen begleiteten und für das Lebensnotwendige sorgten.
Maria Magdalena beobachtete die Kreuzigung aus einiger Entfernung. Sie war auch beim Begräbnis anwesend und sah, wohin Joseph von Arimathia Jesu Leichnam in ein Felsengrab legte. Am Ostermorgen gehört sie zu den Frauen am leeren Grab. Bei Matthäus 28,1–10 informiert ein Engel Maria Magdalena und die andere Maria über Jesu Auferweckung und beauftragt sie, den Jüngern zu berichten; Jesus bestärkt sie darin.
Markus 16,1–8 nennt Maria Magdalena, Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome. Sie wollen Jesus mit Essenzen einbalsamieren, finden den Stein weggerollt und erhalten von einem Jüngling im leuchtenden Gewand den Auftrag, zu den Jüngern und Petrus zu gehen. Der vermutlich ursprüngliche Markusschluss endet damit, dass die Frauen aus Entsetzen niemandem etwas erzählen. Der spätere „sekundäre Markusschluss“ 16,9–20 berichtet dagegen, Jesus sei zuerst Maria Magdalena erschienen; die Jünger glaubten ihrer Nachricht zunächst nicht.
Johannes 20,1–18 schildert Maria Magdalena als Entdeckerin des leeren Grabes. Sie verständigt Petrus und den „anderen Jünger, den Jesus besonders liebte“. Danach bleibt sie weinend am Grab, sieht zwei Engel und begegnet Jesus, den sie zunächst für den Gärtner hält. Erst als er sie mit „Maria!“ anspricht, erkennt sie ihn und nennt ihn „Rabbuni“, das heißt Meister. Jesus sagt: „Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen“, und trägt ihr auf, seinen Brüdern seine Rückkehr zum Vater zu melden. Das oft lateinisch als noli me tangere wiedergegebene Wort bedeutet hier eher „halte mich nicht fest“ als „rühre mich nicht an“.
Nicht-kanonische Überlieferungen
Das auf etwa 160 n. Chr. datierte Evangelium der Maria gehört zum Codex Berolinensis Gnosticus 8502 und ist nur lückenhaft erhalten. Nach dem Weggang Jesu tröstet Maria die verzagten Jünger und Jüngerinnen und erinnert sie daran, die Größe des Erlösers zu preisen. Auf Bitte des Petrus berichtet sie Worte und eine Vision, die die Herausgeber Berger/Nord als Aufstieg der irdischen Seele vom Sichtbaren zum Unsichtbaren, also zur Erlösung, deuten. Andreas bezweifelt ihre Lehre; Petrus fragt, ob Jesus heimlich mit einer Frau gesprochen und sie bevorzugt habe. Levi verteidigt Maria: Wenn der Erlöser sie für ihre Aufgabe befähigt habe, dürfe Petrus sie nicht für unglaubwürdig erklären. Danach ziehen die Jünger aus, um das Evangelium zu verkünden.
Im Petrusevangelium, das nur bruchstückhaft überliefert ist, heißt Maria Magdalena „die Jüngerin des Herrn“. Der Text enthält keinen Hinweis auf einen Konflikt zwischen Petrus und Maria. Das in Nag Hammadi gefundene, auf 150 n. Chr. datierte Philippusevangelium nennt sie „seine Gefährtin“ und sagt, der irdische Erlöser habe sie mehr als alle Jünger geliebt und sie oft auf den Mund geküsst; die Jünger seien eifersüchtig gewesen. Berger/Nord betonen jedoch den rätselhaften Charakter vieler Aussagen dieses Textes.
Im Thomasevangelium fragt Maria Jesus, womit man „deine Jünger“ vergleichen könne; dies wird im Artikel als Hinweis gelesen, dass sie sich nicht den Jüngern, sondern Jesus zuordnet. Vers 114 lässt Simon Petrus sagen, Frauen seien nicht würdig, das Leben zu haben. Jesu Antwort, Maria werde „nicht mehr weiblich“, wird von Berger/Nord metaphorisch erklärt: „männlich“ stehe für unvergänglich und nicht mehr dem Tod unterworfen, „weiblich“ für sterblich und vergänglich. Es gehe nicht um Sexualität; im Himmel gebe es nicht Geschlecht, Geburt und Tod.
Gnostische und spätere Traditionen
In der koptisch überlieferten Pistis Sophia, einem ursprünglich griechischen Werk aus dem zweiten bis dritten Jahrhundert, hat Maria Magdalena eine besonders große Rolle als Auslegerin und Fragestellerin. Von 48 Auslegungen entfallen 22 auf sie, von 57 Fragen 43. Johannes folgt mit neun Gesprächsanteilen, nämlich zwei Auslegungen und sieben Fragen. Die Gesprächsanteile werden mit dem Grad der Geisterfülltheit verbunden.
Auch im Manichäismus erhielt Maria Magdalena eine herausragende Stellung. Sie wird „Geist der Weisheit“ und „Netzewerferin“ genannt, weil sie die verirrten Jünger wieder einfange. Eine Dichtung aus dem 3. Jahrhundert, die im manichäischen Psalmenbuch des 4./5. Jahrhunderts koptisch überliefert ist, beschreibt sie als einzige Getreue Jesu. Als Myrophore, also Salbenträgerin, kann sie als Idealtyp einer manichäischen Electa gelten.
Mittelalterliche Überlieferungen schmückten ihre Geschichte aus. Die Legenda aurea erzählt, Maria Magdalena sei mit Maria Kleophae, Martha von Bethanien und Lazarus auf einem segellosen Schiff ausgesetzt worden, in Südfrankreich gelandet und habe die Provence missioniert. Die letzten 30 Jahre ihres Lebens habe sie als Einsiedlerin in einer Höhle im Massif de la Sainte-Baume gelebt. Nach einer anderen christlichen Überlieferung ging sie mit dem Apostel Johannes und Maria, der Mutter Jesu, nach Ephesos und starb dort. Für einige Beginen und Vertreterinnen der Frauenmystik war sie ein Vorbild der Entsagung und Christusnachfolge.
Kirchliche Einordnung und Verehrung
Weil Maria Magdalena nach Johannes 20,11–18 als Erste dem Auferstandenen begegnet und zur Verkündigung an die Jünger beauftragt wird, verehrte die Alte Kirche sie als Apostelgleiche. Hippolyt von Rom begründete im 3. Jahrhundert die Bezeichnung Apostola apostolorum, „Apostelin der Apostel“; Hrabanus Maurus und Thomas von Aquin griffen sie auf. Am 10. Juni 2016 wurde ihre Rolle auf Wunsch von Papst Franziskus liturgisch den Aposteln gleichgestellt: Der bisherige gebotene Gedenktag am 22. Juli wurde in der katholischen Kirche zum Fest erhoben.
Papst Gregor I. setzte Maria von Magdala 591 in einer Predigt mit der anonymen Sünderin aus Lukas 7,36–50 gleich, die Jesus die Füße wäscht. Diese Tradition ist unklar. Die Fußwaschung in Johannes 12,1–8 wird ausdrücklich Maria von Bethanien zugeschrieben; Matthäus 26 und Markus 14 sind dazu parallele Berichte. Lukas hebt dagegen die Sünderin und die Sündenvergebung hervor. Exegeten diskutieren, ob Lukas ein anderes Ereignis beschreibt. Die spätere Deutung der „Sünderin“ als Prostituierte prägte das Bild Maria Magdalenas stark. Der katholische liturgische Kalender von 1969 stellt aber fest, dass das Fest am 22. Juli der Person gilt, der Jesus nach der Auferstehung erschien, nicht der Schwester Marthas und nicht der fußwaschenden Sünderin.
Ihr Gedenktag ist am 22. Juli in der römisch-katholischen, orthodoxen, anglikanischen, evangelischen und altkatholischen Kirche. Sie gilt unter anderem als Schutzpatronin von Frauen, Verführten, reuigen Sünderinnen, Schülern, Studenten und Gefangenen. Zwei französische Kirchen, Ste-Marie-Madeleine in Vézelay und in Saint-Maximin-la-Sainte-Baume, beanspruchen Reliquien von ihr.
Kunst und Deutungen
In der christlichen Kunst erscheint Maria Magdalena unter anderem am Grab in der Szene „Noli me tangere“, beim Salben der Füße Jesu, unter dem Kreuz und als Büßerin. Ihre Heiligenattribute sind Salbentiegel, Geißel und Schädel. Die Gleichsetzung mit der fußwaschenden Sünderin erklärt die häufige Darstellung mit langem offenem Haar. Seit dem 15. Jahrhundert wird sie in Kreuzigungsszenen oft als besonders emotional und kostbar gekleidet gezeigt. Das im 17. Jahrhundert beliebte Bild der Büßerin zeigt sie meist in Einöde, Höhle oder dunklem Raum mit Bibel, Schädel und Vanitassymbolen wie Sanduhr oder Kerze. Die Verbindung mit der Sünderin beziehungsweise Prostituierten führte seit der Renaissance auch zu erotisierten Darstellungen; die Darstellung ohne Kleidung und mit dichter Körperbehaarung beruht auf der mittelalterlichen Gleichsetzung mit Maria von Ägypten.
Neuere feministische Religionsforschung griff ihre Geschichte ebenfalls auf, etwa der Film Jesus und die verschwundenen Frauen. Er behandelt Maria Magdalena, Phoibe, Junia und Lydia als Frauen, deren Geschichte verfälscht worden oder verschwunden sei. Die Zuordnung des Evangeliums der Maria zu Maria Magdalena bleibt jedoch unsicher, weil im Text selbst nur allgemein von „Maria“ die Rede ist.
Als volkstümliche Erinnerung sind Bauernregeln zum 22. Juli überliefert: „Regnet’s am St.-Magdalen-Tag, folgt gewiss mehr Regen nach“ sowie „An Magdalena regnet’s gern, weil sie weinte um den Herrn“.