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Klaus Berger (Theologe)
Klaus Berger (* 25. November 1940 in Hildesheim; † 8. Juni 2020 in Heidelberg) war ein – ursprünglich katholischer, später evangelischer – deutscher …
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Person und beruflicher Weg
Klaus Berger (* 25. November 1940 in Hildesheim; † 8. Juni 2020 in Heidelberg) war ein deutscher Theologe und Professor für Neutestamentliche Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität Heidelberg. Das Neue Testament (NT) umfasst die Schriften des zweiten Teils der christlichen Bibel; die neutestamentliche Exegese untersucht und interpretiert diese Texte wissenschaftlich.
Berger studierte ab 1960 katholische Theologie, Philosophie sowie Aramäisch, Syrisch, Äthiopisch und Arabisch in München, Berlin und Hamburg. 1965 schloss er das Fakultätsexamen in Theologie ab, 1967 promovierte er im Fach Neues Testament. Weil Teile seiner Dissertation als häretisch, also von der kirchlichen Lehre abweichend, beurteilt wurden, konnte er kein katholischer Priester werden. 1971 habilitierte er sich an der evangelischen Theologischen Fakultät Hamburg. Nach Tätigkeiten als DFG-Stipendiat und als Dozent in Leiden lehrte er von 1974 bis zu seiner Emeritierung 2006 in Heidelberg. Seit 2005 war er Familiar des Zisterzienserordens und seit 2010 Lehrer am Hausstudium der Abtei Mariawald.
Seine Forschung verband Exegese besonders mit Sprachwissenschaft, Religionsgeschichte, Formgeschichte, Hermeneutik, Apokalyptik und der Geschichte frühchristlicher Theologie. Die Angaben zur Lehre und Forschung sind im Ausgangsartikel ausdrücklich teilweise als neutralitätsumstritten und nicht ausreichend belegt markiert.
Texte historisch und methodisch verstehen
Berger verlangte eine Neuorientierung der Exegese anhand sprachwissenschaftlicher Erkenntnisse. Wichtig war ihm die Untersuchung von Wortfeldern, also von Wörtern, die in Bedeutung und Gebrauch zusammenhängen. Texte sollten mithilfe mehrerer Methoden überprüft und möglichst genau in ihren eigenen Aussagen verstanden werden.
In seinem Aufsatz „Die impliziten Gegner. Zur Methode des Erschließens von Gegnern in neutestamentlichen Texten“ von 1980 warnte er davor, aus einzelnen Reizwörtern vorschnell auf bekämpfte Irrlehren zu schließen. Die nur indirekt erschlossenen Gegner eines Textes seien häufig eher ernst zu nehmende frühchristliche Diskussionspartner als eindeutig bestimmbare „Ketzer“.
Berger kritisierte außerdem die Suche nach der „ipsissima vox“ Jesu, also nach den angeblich ganz ursprünglichen, wörtlich authentischen Jesusworten. Kriterien zur Bestimmung solcher Worte sagten seiner Auffassung nach oft mehr über die Forschenden als über Jesus aus. Stattdessen schlug er ein offenes Mosaik vor: Aussagen des NT und anderer frühchristlicher Schriften über Jesus bleiben jeweils bedeutsame Mosaiksteine. Forschende sollen prüfen, wie diese zum bisherigen Jesusbild passen oder es verändern.
Auch in der Formgeschichte, der Untersuchung wiederkehrender Textformen, grenzte er sich von Rudolf Bultmann und Martin Dibelius ab. Er wollte antike hellenistische Rhetorik statt moderner Kategorien verwenden und alle NT-Texte einbeziehen. Form und Inhalt seien nicht wie „Schale und Kern“ trennbar; die Form helfe vielmehr, den Inhalt zu verstehen. Daher dürften etwa Wunder in Wundergeschichten nicht einfach als zeitbedingte Hülle abgetan werden. Aus einer Textform lasse sich zudem nicht automatisch auf die frühere Überlieferungsgeschichte schließen; einfache Formen seien nicht zwangsläufig älter als komplexere.
Religionsgeschichte, Theologiegeschichte und Datierung
Für Berger war der religionsgeschichtliche Vergleich zentral: NT-Texte sollten mit frühjüdischen und pagan-hellenistischen Vergleichstexten gelesen werden. Ähnlichkeiten bedeuteten dabei nicht automatisch direkte Abhängigkeit. Gemeinsam mit Carsten Colpe gab er 1987 das „Religionsgeschichtliche Textbuch zum Neuen Testament“ heraus; dessen Auswahlkriterien wurden allerdings als undurchsichtig kritisiert. Gegen ältere Annahmen lehnte Berger einen entwickelten gnostischen Hintergrund der neutestamentlichen Schriften ab, weil von entwickelter Gnosis erst ab der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts gesprochen werden könne.
Er schrieb bewusst eine „Theologiegeschichte des Urchristentums“ statt einer „Theologie des NT“. Die frühe christliche Theologie verstand er nicht als geradlinige Entwicklung, sondern als dynamisches, vielgestaltiges Geschehen. Aus großen gemeinsamen Grundzügen des NT wollte er einen historisch und geografisch verankerten „Stammbaum“ verschiedener Theologien entwickeln. Dazu gehörten seine Thesen, dass Jesus schon vor Ostern als Messias und Erlöser gesehen worden sein könne, dass vorösterliche Erzählungen nicht automatisch spätere Gemeindeschöpfungen seien und dass die Naherwartung der Wiederkunft Christi zu allen Zeiten vorhanden gewesen sei. Ein lineares Modell eines Verfalls oder Fortschritts der Kirche lehne er deshalb ab.
Dementsprechend datierte Berger mehrere üblicherweise spätere NT-Schriften früh. In seinem Kommentar zum Neuen Testament (2011) setzte er Markus spätestens auf 45, Matthäus zwischen 50 und 60, Lukas spätestens auf 66, Johannes auf um 68/69 und die Apostelgeschichte auf etwa 66/67. Die Offenbarung datierte er ebenfalls auf 68/69. Weitere Beispiele sind: 1. und 2. Korinther um 50, 1. und 2. Thessalonicher 50–52, Hebräer um 54/55, Jakobus um 55, 1. Petrus 50–55, 2. Petrus 50–52 und 1. Johannes 55/56. Diese Datierungen geben Bergers Position wieder.
Hermeneutik und Verhältnis von Forschung und Gegenwart
Hermeneutik bezeichnet die Lehre vom Verstehen und Auslegen von Texten. Berger betonte, dass biblische Texte aus einer zeitlich und geografisch fernen Kultur stammen und daher fremd bleiben können. Diese Fremdheit solle nicht verdeckt, sondern als Anlass genutzt werden, heutige Erfahrungen und Denkgewohnheiten kritisch zu prüfen.
Er unterschied Exegese und Applikation. Exegese erklärt zunächst, was ein Text in seinem historischen Zusammenhang aussagt. Applikation bedeutet, einen Text auf die Gegenwart zu beziehen. Nach Berger lässt sich nicht jede exegetische Erkenntnis direkt anwenden, und nicht jedes Bibelwort ist unmittelbar wegweisend. Eine verantwortliche Anwendung sei ein zusätzlicher, anspruchsvoller Schritt der gegenwärtigen Theologie. Maßgeblich sei, ob ein Text etwa hilfreich, klärend, ermutigend, provozierend, anregend oder heilend wirken könne; dabei ließ er sich von Erfahrungen der Befreiungstheologie Südamerikas anregen.
Berger wandte sich gegen Deutungen, die Modelle der Gegenwart unmittelbar auf die Vergangenheit übertragen, etwa psychologische oder soziologische Grundannahmen. Er kritisierte auch die von Rudolf Bultmann vertretene Entmythologisierung. Sein „Dritter Weg“ zwischen Liberalismus und Fundamentalismus beschrieb Wirklichkeit als Haus mit vier verbundenen, gleich wirklichen Räumen: Rationalität, Emotionalität, Kunst und Musik sowie Religion. Sie folgten unterschiedlichen Regeln und seien rational beschreibbar, aber nicht auf eine einzige rationalistische Erklärung reduzierbar. Dadurch sollten etwa Wunderberichte und die Verklärung Jesu wieder ernst genommen werden können. Meditation und betrachtendes Gebet verstand Berger als wichtige Quellen theologischer Arbeit.
Zugleich wollte er die neutestamentliche Exegese wieder stärker für die Theologie nutzbar machen. Theologie sollte sich am NT orientieren und lebenspraktische Bedeutung haben. In der Ekklesiologie, der Lehre von der Kirche, forderte er, neben Verkündigung und Sakramenten auch reale kirchliche Strukturen zu beachten. Er trat für eine Ökumene ein, die Einheit durch gemeinsames Gebet und Ringen sucht.
Öffentliche Wirkung, Übersetzung und Konfession
Berger veröffentlichte viele wissenschaftliche und allgemeinverständliche Bücher, schrieb regelmäßig für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Tagespost, trat im Fernsehen auf und hielt Vorträge. Sein Buch „Jesus“ von 2004 wurde ein Bestseller. Mit der Übersetzungswissenschaftlerin Christiane Nord, seiner zweiten Ehefrau, veröffentlichte er 1999 „Das Neue Testament und frühchristliche Schriften“. Das Werk enthält neben dem Kanon auch verfügbare nichtkanonische frühchristliche Schriften bis 200 n. Chr. und wurde wegen seiner Übersetzungsleistung auf Grundlage einer „modernen ‚funktionalen‘ Übersetzungstheorie“ akzeptiert, wissenschaftlich jedoch umstritten.
Öffentliche Aufmerksamkeit erhielt auch seine Konfessionszugehörigkeit. Berger erklärte kurz vor seiner Emeritierung, er sei nie aus der römisch-katholischen Kirche ausgetreten und immer Katholik gewesen. Robert Leicht warf ihm 2005 vor, seine Heidelberger Lehrtätigkeit sei durch den Eindruck einer evangelischen Konversion möglich geworden. Berger bestritt eine Täuschung, verwies auf gezahlte evangelische Kirchensteuer und legte eine Bescheinigung über den Übertritt in die evangelisch-lutherische Kirche vom 6. November 1968 vor. Eine vatikanische Presseerklärung vom 8. November 2005 wies die behauptete Kenntnis und Zustimmung des damaligen Kardinals Ratzinger zurück und betonte, katholisches Kirchenrecht lasse keine gleichzeitige Zugehörigkeit zur katholischen Kirche und zu einer evangelischen Landeskirche zu. Am 7. November 2006 trat Berger förmlich aus der Evangelischen Landeskirche Baden aus und wieder in die katholische Kirche ein.
Als Herausgeber betreute er die Reihe „Texte und Arbeiten zum Neutestamentlichen Zeitalter“ und gründete 1998 mit Schülern die zweimal jährlich erscheinende „Zeitschrift für Neues Testament“. Er erhielt 1999 den Sexauer Gemeindepreis für Theologie und 2019 den Augustin-Bea-Preis.