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Mai 1968 in Frankreich

Im Mai 1968 in Frankreich (auch Pariser Mai) kulminierte die 68er-Bewegung in Frankreich. Ging es anfänglich um die Verbesserungen der Studienbedingungen, …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Überblick und Bedeutung
  2. 2. Voraussetzungen und Ziele
  3. 3. Vom Studentenprotest zu den Barrikaden
  4. 4. Generalstreik und politische Krise
  5. 5. Ende und Folgen

Überblick und Bedeutung

Der Mai 1968 in Frankreich, auch „Pariser Mai“ genannt, war der Höhepunkt der französischen 68er-Bewegung. Aus Protesten gegen schlechte und veraltete Studienbedingungen entstand eine landesweite gesellschaftliche Krise. Studenten, Schüler und später Millionen Arbeiter stellten nicht nur das Hochschulsystem, sondern auch politische Herrschaft, soziale Hierarchien, Arbeitsbedingungen und die Konsumgesellschaft infrage.

Nach der polizeilichen Räumung der Pariser Universität Sorbonne entwickelten sich schwere Straßenkämpfe. Daraus entstand ein fast einen Monat dauernder Generalstreik, der große Teile des Landes und seiner Infrastruktur lahmlegte. Die Bewegung führte nicht zu einem politischen Umsturz, beeinflusste Frankreich aber kulturell, sozial und politisch und veränderte besonders die Einstellungen zu Autorität, Hierarchie und gesellschaftlicher Selbstbestimmung.

Voraussetzungen und Ziele

Frankreich wurde seit der Gründung der Fünften Republik 1958 konservativ von Staatspräsident Charles de Gaulle und Premierminister Georges Pompidou regiert. Zugleich verschlechterte sich erstmals seit dem Krieg die wirtschaftliche Lage; die Arbeitslosigkeit stieg. Seit den 1950er Jahren hatte sich die Zahl der Studenten mehr als verdreifacht, ohne dass die Hochschulen ausreichend modernisiert worden waren.

Die Protestierenden verlangten bessere Studienbedingungen, eine Demokratisierung von Universitäten und Gesellschaft sowie mehr persönliche Freiheit. Sie kritisierten den autoritären Geist, die Technokratie, soziale Hierarchien, den Materialismus der Wohlstandsgesellschaft und den Vietnamkrieg. Die aus den USA kommende Hippie-Kultur, Diskussionen über sexuelle Selbstbestimmung und ein Generationenkonflikt mit der katholisch geprägten Elterngeneration bildeten einen wichtigen kulturellen Hintergrund. Verhütungsmittel waren in Frankreich bis 1967 verboten.

Die traditionelle Linke war gespalten. Die Kommunistische Partei Frankreichs (KPF) und die mit ihr verbundene Gewerkschaft Confédération générale du travail (CGT) wollten vor allem Lohnerhöhungen erreichen und ihre Stellung innerhalb der Arbeiterschaft bewahren. Daneben bestanden trotzkistische, maoistische, leninistische, anarchistische und situationistische Gruppen. Viele politisierte Studenten fanden bei den etablierten Parteien keine überzeugenden Antworten.

Ein frühes Zentrum war die Universität Nanterre. Dort protestierten Studenten gegen Polizeipräsenz, Geschlechtertrennung in Wohnheimen und Hochschulstrukturen. Am 22. März 1968 besetzten 142 linke Studenten ein Verwaltungsgebäude und gründeten die „Bewegung 22. März“. Zu ihren bekannten Sprechern gehörten Daniel Bensaïd und Daniel Cohn-Bendit. Wegen fortgesetzter Unruhen schlossen die Behörden Nanterre am 2. Mai.

Vom Studentenprotest zu den Barrikaden

Am 3. Mai 1968 besetzten linke Studenten Räume der Sorbonne, nachdem dort eine Versammlung gegen die Schließung Nanterres verboten worden war. Die Polizei räumte die Universität mit Tränengas und nahm 500 Studenten fest. Proteste gegen dieses Vorgehen führten zu Straßenschlachten im Quartier Latin; weitere 600 Personen wurden festgenommen. Am 4. Mai wurde die Sorbonne geschlossen, am 5. Mai riefen Hochschul- und Studentengewerkschaften zum Streik auf.

Am 6. Mai forderten die Demonstranten die Wiederöffnung Nanterres, den Abzug der Polizei aus der Sorbonne und die Freilassung der Gefangenen. Nach der Ablehnung errichteten mehr als 10.000 Menschen Barrikaden. Neben Studenten beteiligten sich Schüler, junge Arbeitslose, Arbeiter, Einwanderer und andere Gruppen. Trotz brennender Autos unterstützten manche Anwohner die Demonstranten mit Nahrung und Fluchtmöglichkeiten.

Am Abend des 10. Mai entstanden 60 Barrikaden im Quartier Latin. Um 2 Uhr in der Nacht zum 11. Mai begann die Bereitschaftspolizei CRS mit der Räumung. Es gab Hunderte Verletzte und 500 Festnahmen. Die als „Nacht der Barrikaden“ bekannten Ereignisse lösten in Frankreich und anschließend in Europa eine breite Solidarisierung aus. Besonders das harte Vorgehen der Polizei empörte die Bevölkerung.

Pompidou brach am 11. Mai eine Afghanistan-Reise ab, bot Kompromisse an, ließ die Polizei zurückziehen und kündigte eine Amnestie für festgenommene und verurteilte Studenten an. Am 13. Mai beteiligten sich an einer Demonstration von Gewerkschaften und Studenten nahezu eine Million Menschen. Die Sorbonne wurde erneut besetzt und zu einer offenen „Volksuniversität“. Etwa 400 Aktionskomitees entstanden in Paris; in Versammlungen wurden Formen direkter Demokratie erprobt und Themen wie Selbstverwaltung, Unterricht, Prüfungen, politische Unterdrückung und sexuelle Unterdrückung diskutiert. Bekannte Parolen waren „Die Fantasie an die Macht“, „Unter dem Pflaster liegt der Strand“ und „Es ist verboten zu verbieten“.

Generalstreik und politische Krise

Am 14. Mai begannen Arbeiter der Flugzeugfabrik Sud-Aviation in Nantes einen Sitzstreik. Es folgten unter anderem Renault-Cléon, Lockheed in Beauvais und Unulec in Orléans. Am 16. Mai waren 50 Unternehmen besetzt, am folgenden Tag streikten 200.000 Arbeiter. Bis Samstag beteiligten sich etwa 2 Millionen Menschen. Insgesamt mobilisierte die Bewegung später rund 10 Millionen Hand- und Kopfarbeiter. Frankreich erlebte seinen ersten „wilden Generalstreik“, also einen nicht vollständig von den Gewerkschaften kontrollierten Streik, der fast einen Monat dauerte.

Die Forderungen reichten von Lohnerhöhungen, 40-Stunden-Woche, Sozialversicherung, Pensionsrechten und einer freien Universität bis zu Selbstverwaltung, Arbeiterräten, gesellschaftlicher Neuordnung und dem Rücktritt der Regierung. Die Infrastruktur wurde weitgehend lahmgelegt; auch die Treibstoffversorgung geriet ins Stocken. Studenten und radikale Gruppen forderten Fabrikbesetzungen und „alle Macht den Arbeiterräten“. KPF und CGT betrachteten solche Forderungen mit Misstrauen und versuchten, Studenten und organisierte Arbeiter voneinander zu trennen.

Am 24. Mai versprach de Gaulle Bildungsreformen und Lohnerhöhungen. Das am 27. Mai zwischen Regierung, Unternehmerverbänden und Gewerkschaften ausgehandelte „Abkommen von Grenelle“ sah eine Erhöhung des Mindestlohns um 35 Prozent und der übrigen Löhne um 7 Prozent vor. Viele Arbeiter lehnten es dennoch ab und setzten die Streiks fort. Am selben Tag erklärte François Mitterrand seine Bereitschaft zur Regierungsübernahme. Am 29. Mai demonstrierten mehrere Hunderttausend Menschen auf Aufruf der CGT für eine „Volksregierung“.

Ende und Folgen

Am 29. Mai flog de Gaulle heimlich nach Baden-Baden zum Oberkommandierenden der französischen Streitkräfte in Deutschland, General Jacques Massu, und versicherte sich der Unterstützung des Militärs. Am 30. Mai kündigte er in einer Radioansprache Neuwahlen für den 23. Juni an, warnte vor „Subversion“, forderte die Rückkehr an die Arbeit und drohte mit dem Ausnahmezustand. Am selben Tag marschierten mehrere Hunderttausend konservative Gegner der Unruhen durch Paris; die genaue Teilnehmerzahl ist umstritten.

Danach endeten viele Betriebsbesetzungen. Gewerkschaften riefen zur Wiederaufnahme der Arbeit auf, andere Betriebe wurden von der Polizei geräumt. Mit der Rückkehr der Renault-Arbeiter am 18. Juni war der Streik vollständig beendet. Seit Juni ging der Staat verschärft gegen die radikale Linke vor.

Bei den Neuwahlen gewannen die regierenden Gaullisten 358 von 487 Sitzen. Georges Pompidou wurde im Juli 1968 als Premierminister durch Maurice Couve de Murville abgelöst. De Gaulle trat 1969 zurück, nachdem die Bevölkerung ein von ihm vorgeschlagenes Referendum abgelehnt hatte. Die Konservativen blieben dennoch noch mehr als zehn Jahre an der Regierung.

Langfristig verlor die KPF bei Wahlen unter Arbeitern an Bedeutung. Die radikale Linke blieb als kleinere Kraft bestehen, während die Einigung sozialistischer Strömungen den Aufstieg der Parti socialiste vorbereitete, die 1981 die Regierung übernahm. In den 1970er Jahren entstanden außerdem die Grünen Les Verts und die linksextreme Terrororganisation Action Directe.

Der Mai 1968 brachte kulturelle, soziale und politische Reformen sowie einen neuen gesellschaftlichen Stil hervor. Viele grundlegende Institutionen, besonders das Bildungssystem, blieben jedoch weitgehend bestehen. 1969 wurde das Centre universitaire expérimental de Vincennes gegründet, die spätere Universität Paris VIII. Zahlreiche Universitäten wurden aus den Innenstädten in entfernte Vororte verlegt, weil staatliche Stellen Studenten und Hochschulen als mögliche Unruheherde betrachteten. Die Ereignisse prägten außerdem das Denken von Philosophen wie Gilles Deleuze und Jean Baudrillard und wurden später in Filmen verarbeitet. Die Bewertung bleibt unterschiedlich: Manche Beobachter sahen 1968 als historische Zäsur, andere betonten, die Bewegung habe vor allem Denkweisen verändert, praktisch aber besonders im Schulsystem wenig erreicht.

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