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Jean-Luc Godard

Das Abitur bestand er im dritten Anlauf. Im Jahr 1949 schrieb er sich an der Sorbonne zum Ethnologiestudium ein. Seine Freizeit verbrachte er in …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Lebensweg
  2. 2. Vom Filmkritiker zur Nouvelle Vague
  3. 3. Politisches Kino und neue Produktionsformen
  4. 4. Stil und filmische Methode
  5. 5. Rückkehr zum Spielfilm und Spätwerk

Bedeutung und Lebensweg

Jean-Luc Godard (* 3. Dezember 1930 in Paris; † 13. September 2022 in Rolle, Schweiz) war ein französisch-schweizerischer Regisseur und Drehbuchautor. Er gilt als einer der einflussreichsten Filmregisseure der Filmgeschichte. Besonders in den 1960er Jahren veränderte er mit innovativen und gesellschaftskritischen Filmen wie Außer Atem, Die Verachtung und Elf Uhr nachts die Möglichkeiten des Kinos.

Godard wuchs in großbürgerlichen Verhältnissen mit drei Geschwistern in Nyon auf. Nach der Scheidung seiner Eltern zog er 1948 nach Paris. Dort bestand er im dritten Anlauf das Abitur und begann 1949 an der Sorbonne ein Ethnologiestudium, das er jedoch zugunsten seiner Beschäftigung mit Film vernachlässigte. Eine Amerikareise 1950/1951 machte ihn mit dem von ihm damals bewunderten US-amerikanischen Kino vertraut.

Von 1961 bis 1965 war Godard mit Anna Karina und von 1967 bis 1979 mit Anne Wiazemsky verheiratet; beide wirkten in mehreren seiner Filme mit. Ab etwa 1974 lebte und arbeitete er mit der Filmemacherin Anne-Marie Miéville zusammen. Nach einem schweren Motorradunfall 1971 zog er sich in die Schweiz zurück und lebte seit ungefähr 1980 in Rolle am Genfersee. Dort starb er im September 2022 im Alter von 91 Jahren durch assistierten Suizid.

Vom Filmkritiker zur Nouvelle Vague

In Pariser Filmclubs lernte Godard François Truffaut, Jacques Rivette und Éric Rohmer kennen. Ab den frühen 1950er Jahren schrieb er, teilweise unter dem Pseudonym Hans Lucas, für die einflussreiche Zeitschrift Cahiers du cinéma. Gemeinsam mit Rohmer und Rivette hatte er zuvor die Gazette du cinéma gegründet, die nach fünf Ausgaben eingestellt wurde. Diese Tätigkeit als Kritiker war für seine spätere Filmarbeit entscheidend: Für Godard bestand zwischen dem Schreiben über Filme und dem Drehen nur ein quantitativer, nicht aber ein qualitativer Unterschied. Wie andere Regisseure der Nouvelle Vague – einer Bewegung, die das herkömmliche französische Kino erneuerte – begleitete er seine Filme mit theoretischen und konzeptionellen Texten.

Sein erster eigener Film war 1954 der kurze Dokumentarfilm Opération Béton über den Bau der Staumauer Grande Dixence. Bis 1958 entstanden vier weitere Kurzfilme. Gleichzeitig arbeitete Godard als Filmeditor an Dokumentarfilmen.

Der Durchbruch gelang ihm 1960 mit Außer Atem (À bout de souffle), der auch Jean-Paul Belmondo bekannt machte. Godard drehte den Film innerhalb von vier Wochen mit Handkamera, geringer Beleuchtung und für die Zeit ungewöhnlichen Achsensprüngen und Achsenverschiebungen. Besonders prägend waren die Jump Cuts: Schnitte, bei denen innerhalb einer fortlaufenden Aufnahme Zeitteile entfernt werden, sodass sichtbare Sprünge entstehen. Außer Atem gilt als der erste Film, der dieses Mittel systematisch beim Schnitt einsetzte.

Der kleine Soldat behandelte die Brutalität im Algerienkrieg und wurde in Frankreich zunächst von der Zensur verboten. Erst nach Änderungen durfte der Film zwei Jahre später gezeigt werden. Bis zum Ende der 1960er Jahre drehte Godard häufig zwei oder drei Filme pro Jahr. Werke wie Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß, Made in U.S.A. und Weekend entfernten sich zunehmend vom realistischen Erzählkino und verbanden Musik, Schrifttafeln, politische Kommentare und experimentelle Bildfolgen.

Politisches Kino und neue Produktionsformen

Nach 1968 verschärfte Godard seine Gesellschaftskritik. Gemeinsam mit François Truffaut, Louis Malle und osteuropäischen Filmemachern wie Miloš Forman und Roman Polański trug er 1968 zum Abbruch der Internationalen Filmfestspiele von Cannes bei. Die Proteste des Pariser Mai beeinflussten sein Denken und Arbeiten stark.

Mit dem sozialistischen Theoretiker Jean-Pierre Gorin gründete er die Groupe Dziga Vertov, benannt nach dem sowjetischen Filmemacher und Filmtheoretiker Dsiga Wertow. Die Gruppe lehnte das kommerzielle Kino ab und stellte ihre Filme in den Dienst revolutionärer Politik. Ihrer Auffassung nach mussten nicht nur die Inhalte, sondern auch die Grammatik und die Darstellungsformen des Films neu erfunden werden. Die in dieser Phase entstandenen Arbeiten waren dem gewöhnlichen Kinopublikum kaum zugänglich und werden deshalb teilweise als Godards „unsichtbare Filme“ bezeichnet.

1973 gründete Godard mit Anne-Marie Miéville die Firma Sonimage. Sie sollte Unabhängigkeit von großen Produktionsfirmen und die Selbstverwaltung der Produktionsmittel ermöglichen. Später unterstützte Godard auf Bitte der Regierung unter Samora Machel das unabhängig gewordene Mosambik beim Aufbau seines ersten eigenen Fernsehsenders. Er arbeitete nun vor allem mit Videotechnik und näherte sich einem dokumentarischen Stil. Zu den Sonimage-Produktionen bis 1979 gehörten Hier und anderswo, Numéro 2, Comment ça va? sowie die Fernsehreihen Six fois deux und France tour détour deux enfants.

Stil und filmische Methode

Godard war ein führender Vertreter der Nouvelle Vague und der Auteur-Theorie. Diese betrachtet den Regisseur als entscheidenden Urheber eines Films. Seine Werke folgen jedoch keiner einzigen Stilrichtung; sie sind durch wechselnde, teilweise widersprüchliche Formen und Positionen gekennzeichnet.

Er stellte die Regeln des klassischen Hollywood-Kinos infrage. Dialoge inszenierte er nicht immer im üblichen Wechsel von Einstellung und Gegeneinstellung, sondern mit ungewohnten Kamerabewegungen und Blickwinkeln. Er nutzte Jump Cuts, unterbrach Handlungen mit Musik, Schießereien oder Schrifttafeln und setzte nicht zusammengehörende Bilder nebeneinander. Solche Collagen verbinden Spielfilm, Dokumentation, politische Aussagen, Literatur, Musik und Malerei. Indem Godard Kameras, Tonaufnahmen oder Interviews als Bestandteile eines Films sichtbar machte, durchbrach er bewusst den Eindruck einer geschlossenen, realistischen Filmwelt.

Ein Hauptthema war das Verhältnis von Sprache und Bild. Godard bezweifelte sowohl, dass Sprache eine bildliche Handlung genau wiedergeben könne, als auch, dass Bilder für sich allein zuverlässig seien. Nach 1967 sprach er daher weniger vom Film als von „Bildern und Tönen“. Schrift wurde selbst zum Bildelement, etwa in Eine Frau ist eine Frau. In Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß griff er Ludwig Wittgensteins Gedanken auf: „Die Grenzen der Sprache sind die Grenzen der Welt – meiner Sprache, meiner Welt.“

Godards Ziel war es, vertraute Sehgewohnheiten aufzulösen und die Zuschauer zur Prüfung ihrer eigenen subjektiven Wahrnehmung zu bringen. Wissen über Menschen und Gegenstände erschien in seinen Filmen als begrenzt und unsicher. Seine Arbeitsweise blieb deshalb eine fortlaufende Suche nach geeigneten Bildern, Wörtern und filmischen Verfahren, nicht die Vollendung eines festen Stils.

Rückkehr zum Spielfilm und Spätwerk

Mit Rette sich, wer kann (das Leben), 1980 in Cannes vorgestellt, kehrte Godard zum „großen“ Kino zurück: zu höheren Produktionskosten, größeren technischen Teams, bekannten Schauspielern und zumindest teilweise erzählerischen Spielfilmen. Er bezeichnete das Werk als seinen „zweiten ersten Film“. Diese Phase setzte er mit Passion (1982) und Vorname Carmen (1983) fort. In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre wurden seine Filme erneut stärker zu Collagen aus Alltag, Mythos, Hollywood, Musik, Theorie, Malerei und Zitaten.

Im Spätwerk untersuchte Godard besonders die Filmgeschichte und sein eigenes Schaffen. Nouvelle Vague von 1990 wird meist als Allegorie auf die Filmgeschichte verstanden. Histoire(s) du cinéma (1988–1998), eines seiner wichtigsten späten Werke, besteht fast vollständig aus Fragmenten früherer Filme und historischen Dokumentaraufnahmen. Deutschland Neu(n) Null beschäftigte sich mit der deutschen Wiedervereinigung.

Godard arbeitete bis 2021 kontinuierlich weiter. Seine avantgardistischen Filme fanden in kommerziell geprägten Multiplex-Kinos nur schwer einen Platz, wurden aber regelmäßig auf Festivals gezeigt. Sein letzter Film Scénarios wurde nach seinen genauen Vorgaben von Fabrice Aragno und Jean-Paul Battaggia fertiggestellt und 2024 in Cannes Classics gezeigt. Das zweiteilige Werk dauert 18 Minuten; seine letzte Einstellung entstand einen Tag vor Godards Tod.

Zu den bedeutenden Auszeichnungen zählen der Silberne Bär für die Regie von Außer Atem (1960), der Goldene Bär für Alphaville (1965), der Goldene Löwe für Vorname Carmen (1983), der Europäische Filmpreis für das Lebenswerk (2007), der Ehrenoscar (2010), der Ehrenpreis des Schweizer Filmpreises (2015) und die erstmals verliehene Palme d’Or Spécial für Le livre d’image (2018).

Lernvideos zu Jean-Luc Godard

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