Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Münchner Räterepublik

Die Ausrufung des bayerischen Freistaats war im Zuge der Novemberrevolution erfolgt, die ab Anfang November 1918 mit dem Ende des Ersten Weltkriegs …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Kern und Bedeutung
  2. 2. Revolution und Freistaat Bayern
  3. 3. Machtkampf nach Eisners Tod
  4. 4. Erste und zweite Räterepublik
  5. 5. Niederlage, Gewalt und Folgen

Kern und Bedeutung

Die Münchner Räterepublik, auch Bayerische Räterepublik, war der Versuch, im fünf Monate zuvor gegründeten Freistaat Bayern eine sozialistische Räterepublik zu errichten. Sie wurde am 7. April 1919 in München ausgerufen und bestand bis zur Einnahme Münchens durch Reichswehr und Freikorps am 2./3. Mai 1919, also knapp vier Wochen.

Eine Räterepublik stützt sich auf Arbeiter-, Soldaten- und andere Räte statt vor allem auf ein gewähltes Parlament. In Bayern standen sich deshalb Anhänger einer Rätedemokratie und eines parlamentarisch-pluralistischen Systems gegenüber. Die Räterepublik hatte zwei Phasen: Zunächst prägten pazifistische und anarchistische Intellektuelle ihre Führung, danach die KPD. Ihre gewaltsame Niederlage beeinflusste die Weimarer Zeit in Bayern nachhaltig: Bayern entwickelte sich zur konservativ-nationalistischen „Ordnungszelle“ und wurde ein wichtiger Ausgangspunkt des Nationalsozialismus.

Revolution und Freistaat Bayern

Die Vorgeschichte lag im Ersten Weltkrieg: Versorgungsengpässe, hohe Opferzahlen, fehlende Demokratisierung und die absehbare Kriegsniederlage verstärkten die Unzufriedenheit. Bayern war eine Monarchie mit einem Parlament, dessen Macht begrenzt war. Ein Antrag der SPD von 1917 verlangte unter anderem allgemeines, gleiches, direktes und geheimes Wahlrecht, mehr Rechte für den Landtag sowie die Trennung von Kirche und Staat; er scheiterte.

Der Matrosenaufstand in Wilhelmshaven und Kiel ab 29. Oktober 1918 löste reichsweit die Novemberrevolution aus. Am 7. November versammelten sich etwa 60.000 Menschen auf der Münchner Theresienwiese. Gefordert wurden sofortiger Friedensschluss, Rücktritt des Kaisers, Achtstundentag und Arbeitslosenversicherung. Etwa 2.000 Demonstranten zogen unter Kurt Eisner und Ludwig Gandorfer zu Münchner Kasernen; viele Soldaten schlossen sich an. König Ludwig III. floh am Abend aus München.

In der Nacht zum 8. November rief Kurt Eisner (USPD) den Freien Volksstaat Bayern aus. Ein Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrat wählte eine Revolutionsregierung aus USPD und SPD: Eisner wurde Ministerpräsident und Außenminister, Erhard Auer Innenminister, Johannes Hoffmann Kultusminister. Am 12. November entband Ludwig III. die Beamten vom Treueid, ohne förmlich abzudanken. Die neue Regierung setzte unter anderem Achtstundentag, bessere Arbeitslosenunterstützung und die Aufhebung der geistlichen Schulaufsicht durch; Verwaltung, Justiz, Banken und Industrie blieben jedoch weitgehend unverändert.

Das vorläufige Staatsgrundgesetz vom 4. Januar 1919 bestimmte Bayern als Republik und Mitglied des Deutschen Reiches. Die höchste Staatsgewalt sollte beim Volk liegen; vorgesehen waren ein einkammeriger Landtag und allgemeine, gleiche, unmittelbare und geheime Verhältniswahlen. Staatsbürger waren ohne Unterschied von Geburt, Geschlecht, Glauben und Beruf Angehörige Bayerns ab 20 Jahren; wählen durften alle bayerischen Staatsbürger, wählbar waren sie ab 25 Jahren. Grundrechte wie Glaubens-, Meinungs-, Lehr-, Wissenschafts- und Kunstfreiheit wurden genannt, ebenso Eigentumsschutz und unabhängige Gerichte. Das Gesetz enthielt keine Elemente eines Rätesystems.

Machtkampf nach Eisners Tod

Bei der Wahl zum verfassunggebenden Landtag am 12. Januar 1919 galt erstmals Verhältniswahlrecht und Frauenwahlrecht. KPD und Anarchisten boykottierten die Wahl. Die BVP erhielt 35 % und 66 Mandate, die SPD 33 % und 61 Mandate, DVP beziehungsweise DDP 14 % und 25 Mandate, die DNVP mit pfälzischer Mittelpartei 6 % und 9 Mandate. Der Bayerische Bauernbund kam auf 9 % und 16 Mandate, die USPD nur auf 2,5 % und 3 Mandate.

Am 21. Februar 1919 ermordete der rechtsradikale Anton Graf von Arco auf Valley Kurt Eisner auf dem Weg zum Landtag, wo dieser den Rücktritt seines Kabinetts anbieten wollte. Nach Schüssen und weiteren Todesopfern im Landtag wurde die Sitzung vertagt. Generalstreik, Belagerungszustand und ein Zentralrat unter Ernst Niekisch folgten. Die Auseinandersetzung zwischen Räte- und Parlamentssystem verschärfte sich.

Der Landtag wählte am 17. März Johannes Hoffmann (SPD) zum Ministerpräsidenten. Seine Minderheitsregierung aus SPD, USPD und Bayerischem Bauernbund wurde von vielen anderen Parteien toleriert, besaß in München aber kaum Handlungsspielraum. Die Nachricht von der sozialistischen Räterepublik in Ungarn unter Béla Kun am 22. März gab der bayerischen Rätebewegung zusätzlichen Auftrieb. Nach der Ausrufung der Räterepublik flohen Regierung und Landtag nach Bamberg; die USPD-Minister verließen dort die Regierung.

Erste und zweite Räterepublik

Am 7. April 1919 riefen Zentralrat und Revolutionärer Arbeiterrat die „Räterepublik Baiern“ aus. Die erste Phase dauerte bis zum 13. April. Ernst Toller, Gustav Landauer, Erich Mühsam und Silvio Gesell prägten sie; Toller leitete den Zentralrat, Landauer war für Volksaufklärung, Gesell für Finanzen zuständig. Die KPD lehnte diese Regierung zunächst als „Scheinräterepublik“ ab, weil sie nicht von Arbeitern gewählt worden sei und ihr keine führende Rolle zukam. Viele angekündigte Vorhaben wie Rote Armee, Sozialisierung oder Revolutionsgericht wurden nicht ernsthaft umgesetzt; Banken und Fabriken blieben privat, Beamte und Polizei arbeiteten weiter. Die Unterstützung außerhalb Münchens brach schnell ein; die engere Einflusszone beschränkte sich auf die Achse Augsburg–München–Rosenheim.

Am 13. April wurde ein gegen die Räterepublik gerichteter Angriff der Republikanischen Schutztruppe, der Palmsonntagsputsch, von Rotgardisten unter Rudolf Egelhofer niedergeschlagen. Dabei starben 21 Menschen. Darauf übernahmen Kommunisten die Führung. Gesetzgebende und vollziehende Gewalt lagen nun bei einem Aktionsausschuss unter Eugen Leviné; im Vollzugsrat saßen neben ihm Max Levien, Emil Maenner, Wilhelm Duske und Willi Budich.

Die kommunistische Räteregierung verhängte unter anderem ein Verbot der bürgerlichen Presse, Generalstreik, Verhaftungen, Hauskomitees und Konfiskierungen von Privateigentum zur Wohnraumbeschaffung. Sie baute die Rote Armee unter Egelhofer auf 9.000–10.000 Mann aus; Ernst Toller war stellvertretender militärischer Oberbefehlshaber. Am 16. April schlugen Einheiten der Roten Armee unter Toller Freikorps bei Dachau zunächst zurück. Militärisch blieb die Rote Armee den Freikorps und Reichswehreinheiten jedoch deutlich unterlegen. Die Regierung sah Bayern als Teil einer von Moskau geführten Weltrevolution; Lenins Unterstützung blieb auf ein solidarisches Telegramm beschränkt.

Niederlage, Gewalt und Folgen

Die Bamberger Regierung Hoffmann mobilisierte Freikorps und bat Reichswehrminister Gustav Noske um Reichswehrtruppen. Gegen München rückten in der zweiten Aprilhälfte etwa 35.000 Reichswehrsoldaten vor. Gleichzeitig verbreiteten Revolutionsgegner Gerüchte über angebliche Gräueltaten und eine „Diktatur der Russen und Juden“; eine Hungerblockade gegen München folgte.

Verhandlungen scheiterten, weil die Regierung Hoffmann auf bedingungsloser Kapitulation bestand. Am 30. April erschossen Rotgardisten im Luitpold-Gymnasium zehn Internierte, nachdem sich ein Gerücht über die Ermordung von elf Rotgardisten als Geiseln verbreitet hatte. Zu den Opfern gehörten sieben Angehörige der Thule-Gesellschaft, zwei Weißgardisten und der Kunstprofessor Ernst Berger. Unklar ist, ob Egelhofer den Befehl gab oder Fritz Seidel eigenmächtig handelte; auch die Beteiligung oder Billigung der entmachteten kommunistischen Führung ist unklar.

Am 1. Mai schloss die „weiße“ Armee München ein und eroberte die Stadt bis zum folgenden Tag vollständig. Gustav Landauer wurde verhaftet und am 2. Mai im Gefängnis Stadelheim misshandelt und ermordet; Rudolf Egelhofer wurde am 3. Mai ohne Gerichtsurteil ermordet. Am 6. Mai erschossen Soldaten 21 Mitglieder des katholischen Gesellenvereins St. Joseph; dies wurde als „Münchner Gesellenmord“ bekannt.

Registriert wurden 606 Tote: 233 Kämpfer der Roten Armee, 335 Zivilisten und 38 Angehörige der Regierungstruppen beziehungsweise Freikorps. Für weitere Todesopfer bis 3. Mai werden teilweise bis zu 400 geschätzt. In den folgenden Wochen wurden über 2.200 Unterstützer der Räterepublik von Standgerichten zum Tod oder zu Haftstrafen verurteilt. Eugen Leviné wurde am 5. Juni 1919 hingerichtet; Ernst Toller erhielt fünf Jahre Haft, Erich Mühsam 15 Jahre.

Die Gewalt und die einseitige juristische Verfolgung verschärften die politische Polarisierung. Rechte Straftaten wurden laut Artikel oft gar nicht oder milde bestraft, linke mit voller Härte verfolgt. Antisemitische Propaganda gegen die angeblich „jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung“ gewann an Wirkung. Die Bamberger Verfassung wurde am 14. August 1919 unterzeichnet und trat am 15. September in Kraft.

Weiterlesen

Bayern Geographie ... Bayern ist mit rund 1300 Museen das museumsreichste Bundesland Deutschlands und eine der museumsreichsten Regionen des Kontinents. Weimarer Republik Die Weimarer Republik entstand im Zuge der Novemberrevolution. Diese Bezeichnung der ersten auf nationalstaatlicher Ebene verwirklichten deutschen Republik ist … Geschichte Bayerns Die Geschichte Bayerns umfasst die Entwicklungen auf dem Gebiet des deutschen Bundeslandes Freistaat Bayern und historischer bayrischer Reiche von der … Sozialismus Der Sozialismus (von lateinisch socialis ‚kameradschaftlich') ist neben dem Liberalismus und dem Konservatismus eine der drei großen politischen Ideologien, … Novemberrevolution Die Novemberrevolution von 1918/19 führte in der Endphase des Ersten Weltkriegs zum Sturz der Monarchie im Deutschen Reich und zu dessen Umwandlung in eine … Erster Weltkrieg Der Erste Weltkrieg war ein bewaffneter Konflikt, der von 1914 bis 1918 in Europa, Vorderasien, Afrika, Ostasien und auf den Ozeanen geführt wurde. Deutsches Kaiserreich Die innen- und außenpolitische Entwicklung des Reichs wurde von 1871 bis 1890 von seinem ersten und am längsten amtierenden Kanzler, Otto von Bismarck, bestimmt … Wilhelm II. (Deutsches Reich) Nach den Oktoberreformen war der Reichskanzler nicht mehr ihm, sondern dem Reichstag verantwortlich. Im Weltkrieg war der Kaiser von der Obersten Heeresleitung … Weimarer Verfassung April 1871 trat die Bismarcksche Reichsverfassung als Verfassung des neu gegründeten Deutschen Reiches in Kraft. Sie ging aus der Verfassung des … Kurt Eisner Bekannt ist er vor allem als Anführer der Novemberrevolution von 1918 in München. Vom 8. November 1918 bis zu seiner Ermordung war er der erste … Pazifismus Pazifisten stehen für eine ethische Grundhaltung, die danach strebt, bewaffnete Konflikte zu vermeiden, zu verhindern und die Bedingungen für dauerhaften … Kommunistische Partei Deutschlands Die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) war eine zum Jahreswechsel 1918/19 in der Weimarer Republik gegründete, aus dem Spartakusbund hervorgegangene …