Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Revolutionen 1848/1849
Die Revolutionsbewegung von 1848/1849 war ein bedeutender Wendepunkt der europäischen Geschichte. Zentren der revolutionären Erhebungen von 1848/1849 in Europa …
Inhalt6 Abschnitte
Kern und Bedeutung
Die Revolutionen von 1848/1849 waren revolutionäre Erhebungen in vielen europäischen Territorien. Sie gelten als Ausdruck einer verzögerten Modernisierung von Gesellschaft, Wirtschaft und Herrschaftssystem. Die Bewegung richtete sich gegen das System Metternich und gegen die Restaurationspolitik, die nach dem Wiener Kongress von 1814/15 von den mächtigsten Monarchien Europas getragen wurde.
Die Revolutionen waren Teil eines gesamteuropäischen Wandlungsprozesses. Sie knüpften an Veränderungen an, die mit der Industriellen Revolution in England und der Französischen Revolution von 1789 begonnen hatten. Deshalb gelten sie als bedeutender Wendepunkt der europäischen Geschichte.
Wichtige Zentren waren Frankreich, die Staaten des Deutschen Bundes, die Italienische Halbinsel, das dreigeteilte Polen und Ungarn. Die Aufstände reichten außerdem bis nach Siebenbürgen sowie in die Donaufürstentümer Walachei und Moldau. In einzelnen Regionen entwickelten sich zwischenstaatliche Kriege oder bürgerkriegsähnliche Konflikte.
Zeitgenossen sahen die Revolutionen im Herbst 1849 als gescheitert an. Auch viele Historiker urteilten lange so. Heute werden die langfristigen Wirkungen positiver bewertet: In vielen Ländern wurden Bauernbefreiung und Agrarreformen abgeschlossen, das Verfassungsprinzip gestärkt, individuelle Grundrechte weitgehend gesichert und eine Parlamentarisierung der politischen Ordnung eingeleitet. In Deutschland und Italien scheiterte die Nationalstaatsbildung 1848/49 zunächst gewaltsam, führte aber mittelfristig zu einer „Revolution von oben“: 1861 entstand das Königreich Italien, zwischen 1866 und 1871 der deutsche Nationalstaat, das Deutsche Kaiserreich unter preußischer Vorherrschaft.
Ursachen und soziale Krise
Laut dem Historiker Wolfram Siemann hatten die europäischen Revolutionen mehrere gemeinsame Faktoren, die je nach Land und Region unterschiedlich stark wirkten. Eine wichtige Rolle spielte die „Basisrevolution“: Damit sind Erhebungen von Bevölkerungsgruppen gemeint, die besonders unter Hunger, Arbeitslosigkeit und sozialer Perspektivlosigkeit litten, auf dem Land ebenso wie in den Städten.
Die sozial-ökonomische Krise betraf vor allem vorindustrielle und handwerkliche Berufe. Durch Übervölkerung ganzer Regionen, beginnende Industrialisierung und die Krise des Handwerks zerfiel die alte Ständeordnung endgültig. Begriffe wie Pauperismus, also vorindustrielle Massenarmut, Proletarisierung, Marktorientierung und soziale Frage beschreiben diesen Wandel. Die Bewegung von 1848 war zwiespältig: Sie war einerseits Abwehr gegen Folgen der Frühindustrialisierung, andererseits Emanzipationskampf politisch einflussloser Bevölkerungsschichten.
Hinzu kamen Missernten in den Jahren 1845 und 1846. Die folgenden Hunger- und Teuerungskrisen erreichten 1847 ihren Höhepunkt. Es war die letzte große Hungersnot in den industrialisierten Ländern Europas. Sie führte zu Tumulten und zu einer stark ansteigenden Auswanderung in der zweiten Hälfte der 1840er Jahre. Besonders schlimm war die Not in Irland; auch Hungersnöte in deutschen Regionen, besonders in Schlesien, fanden große öffentliche Aufmerksamkeit.
Eine internationale Konjunkturkrise verstärkte die Lage. Sie überlagerte die Hungerkrise und führte im April 1848 zu einer Streikwelle in deutschen Städten. Friedrich Engels urteilte später, die Welthandelskrise von 1847 sei die eigentliche Mutter der Februar- und Märzrevolutionen gewesen.
Politische Ziele
Die Revolutionen richteten sich gegen die Restaurationspolitik der Heiligen Allianz. Zu den Restaurationsmächten zählten vor allem Österreich, Preußen, Russland und eingeschränkt Frankreich. Ihre Herrscher orientierten sich am Absolutismus des 18. Jahrhunderts und an der Vorstellung des Gottesgnadentums, also der religiös begründeten Herrschaft der Monarchen. Sie wollten Macht- und Sozialstrukturen wiederherstellen, wie sie vor der Französischen Revolution von 1789 bestanden hatten.
Getragen wurden die Erhebungen von Ideen des klassischen Liberalismus, der Aufklärung, des Nationalismus und der Volkssouveränität. Liberalismus meint hier die Forderung nach bürgerlichen Rechten und politischer Freiheit. Volkssouveränität bedeutet, dass politische Herrschaft vom Volk ausgehen soll. Nationalismus war damals häufig mit dem Ziel nationaler Einheit oder Unabhängigkeit verbunden.
Zentrale Forderungen waren geschriebene Verfassungen, Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, weitere demokratische Rechte, Volksbewaffnung, Bürgermilizen, Bauernbefreiung, wirtschaftliche Liberalisierung und die Aufhebung von Zollschranken. Teilweise wurde auch die Abschaffung monarchischer Herrschaft zugunsten republikanischer Staaten gefordert; mindestens aber sollte die Macht der Fürsten durch konstitutionelle Monarchien begrenzt werden.
Im Deutschen Bund standen in den sogenannten Märzforderungen besonders verfassungspolitische Ziele im Mittelpunkt: Grundrechte, Presse- und Versammlungsfreiheit, Geschworenengerichte, Volksbewaffnung und Wahlen zu einem nationalen Parlament. Nach den ersten Erhebungen entstanden konstitutionelle Gremien, in denen Liberale um die Festschreibung bürgerlicher Rechte in staatlichen Verfassungen kämpften.
Europa, Nationalismus und internationale Ordnung
Die Revolutionen hatten einen ausgeprägt europäischen Charakter. Sie stellten nicht nur einzelne Herrschaften infrage, sondern auch das internationale System, das seit dem Wiener Kongress von 1815 bestand. Metternich erkannte bereits im Frühjahr 1848, dass dieses System auf dem Spiel stand. Auch der Deutsche Bund, der 1815 als völkerrechtliches Subjekt entstanden war, wurde infrage gestellt.
Ein Beispiel ist die Frankfurter Nationalversammlung. Sie sollte eigentlich eine Reichsverfassung für ganz Deutschland entwerfen. Mit ihrer ersten großen Tat ging sie darüber hinaus und richtete eine nationale Regierung ein. Am 28. Juni 1848 begründete sie eine Reichsregierung mit Reichsverweser, Ministerpräsident und Reichsministern für Äußeres, Inneres, Finanzen, Justiz, Handel und Krieg. Die Forschung ist sich heute einig, dass die Revolution und das deutsche Einigungswerk nicht an einem grundsätzlichen Widerstand der europäischen Mächte gegen die deutsche Einheit scheiterten. Zugleich kam die Revolution an den Rand eines möglichen großen europäischen Kriegs; besonders England und Russland wirkten dem entgegen.
Der Nationalismus war ebenfalls europäisch geprägt. Viele Gruppen entwickelten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts den Mythos der „unerlösten“ Nation, besonders Griechen, Italiener, Ungarn, Polen und Tschechen, teils auch Deutsche. Hans Rothfels beschrieb solche Nationalitäten als „eine Art Nationsanwärter“: ethnische Minderheiten, die nach mehr Eigenständigkeit strebten und ihre politische Einheit suchten.
Die Nationalitätenfrage führte jedoch zu Konflikten. Die Formel „Von der Einheit der Nation zur Zwietracht der Nationalitäten“ beschreibt das Problem: Aus dem Wunsch nach nationaler Einheit entstanden Spannungen zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen. In der Frankfurter Nationalversammlung gab es aber auch Lösungsansätze. Der Nationalismus von 1848/49 war dort auf den Verfassungsstaat bezogen und sollte nationale Minderheiten schützen. Die Reichsverfassung von 1849 sicherte in Paragraph 188 die Achtung heimischer Sprachen und Religiosität zu. Ähnliche Gedanken enthielt der Entwurf des Verfassungsausschusses des Wiener Reichstages für die Habsburgermonarchie. Beide Verfassungen traten in dieser Form nicht in Kraft.
Verfolgung, Exil und Friedensideen
Nach dem Scheitern vieler Erhebungen entstand eine Politik der europäischen Verfolgung. Österreich, Russland sowie seit 1850 auch Frankreich und Belgien arbeiteten in der Gegenrevolution polizeilich zusammen. Diese konzertierte Aktion sollte die Revolutionen niederschlagen.
Gleichzeitig entstand ein europäisches Exil. Die Schweiz und das Elsass boten vorübergehend Schutz. London wurde zum zentralen Durchgangsort. Die Vereinigten Staaten von Amerika waren der eigentliche Fluchtort vieler Revolutionäre. Besonders in den USA wurden Einwanderer dieser Zeit als Forty-Eighters bezeichnet.
Eine weitere europäische Dimension war der „pazifistische Internationalismus“, also eine frühe internationale Friedensbewegung. Im September 1848 fand in Brüssel ein erster internationaler Friedenskongress statt. Im August 1849 tagte ein weiterer Kongress in Paris, ein Jahr später in der Paulskirche. Die Kongresse forderten Abrüstung, die Abschaffung stehender Heere, den Verzicht auf Interventionen und den Verzicht darauf, Kriege dritter Mächte zu finanzieren.
Langfristige Wirkung
Obwohl viele nationalstaatliche Ziele der Revolutionen von 1848/49 zunächst scheiterten und besonders in den deutschen Staaten eine Reaktionsära folgte, waren die Revolutionen langfristig bedeutsam. Sie gelten als Endpunkt eines längeren Prozesses, der mit der Französischen Revolution von 1789 begonnen hatte. Dieser Prozess wird manchmal als „Zeitalter der bürgerlichen Revolutionen“ bezeichnet.
Zum Hintergrund gehörten mehrere frühere Entwicklungen: die napoleonische Hegemonie mit der Verbreitung des Code civil zwischen etwa 1799 und 1812, die Spanische und die Griechische Revolution in den 1820er Jahren, die französische Julirevolution von 1830, die Belgische Revolution von 1830 sowie Aufstände des frühen Risorgimento in den italienischen Staaten.
Spätestens ab 1848 wurde die Bourgeoisie, im engeren Sinn das Großbürgertum, zur ökonomisch herrschenden Klasse der Gesellschaften Mitteleuropas. Nach marxistischer Deutung markieren die Jahre 1848/1849 außerdem die Trennung der Arbeiterklasse beziehungsweise des Proletariats als neuer potenziell revolutionärer Klasse vom Bürgertum.
Die revolutionären Schübe zwischen 1789 und 1848/49 prägten die politische Kultur und das pluralistische Demokratieverständnis vieler mitteleuropäischer Staaten. Dazu zählen die Bundesrepublik Deutschland, deren Grundgesetz auf dem Verfassungsentwurf der ersten gesamtdeutschen Nationalversammlung von 1848/49 basiert, sowie Österreich, Frankreich, Italien, Ungarn, Polen, Dänemark, die Tschechoslowakei beziehungsweise das heutige Tschechien und die Slowakei. Die Schweiz nahm 1848 mitten im monarchistischen Europa bereits annähernd ihre heutige politische Struktur an.
Die Revolutionen gaben außerdem ideelle Impulse, die später für die Entwicklung der Europäischen Union wichtig wurden. Giuseppe Mazzini vertrat schon vor 1848 die Utopie eines „Europa der Völker“ und stellte sie gegen das Europa autoritärer Fürstentümer.