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Gerhart Hauptmann

Gerhart Johann Robert Hauptmann (* 15. November 1862 in Ober Salzbrunn; † 6. Juni 1946 in Agnetendorf) war ein deutscher Dramatiker und Schriftsteller aus …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Lebensweg
  2. 2. Werk und literarische Entwicklung
  3. 3. Beispiele und weitere Gattungen
  4. 4. Nationalsozialismus, Krieg und Tod
  5. 5. Auszeichnungen, Nachwirkung und Nachlass

Bedeutung und Lebensweg

Gerhart Johann Robert Hauptmann (15. November 1862 in Ober Salzbrunn – 6. Juni 1946 in Agnetendorf) war ein deutscher Dramatiker und Schriftsteller aus Schlesien. Er gilt als bedeutendster deutscher Vertreter des Naturalismus, einer literarischen Richtung, die soziale Wirklichkeit, Armut und menschliches Verhalten möglichst wirklichkeitsnah darstellt. Seine Dramen trugen wesentlich dazu bei, dass der Naturalismus auf deutschen Bühnen breite Wirkung entfaltete. Zugleich nahm Hauptmann später Märchen, Mythen, Legenden und symbolische Formen in sein Werk auf. 1912 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.

Hauptmann wuchs als Sohn eines Hotelbesitzerehepaars auf. Ab 1874 besuchte er eine Realschule in Breslau, litt jedoch unter dem autoritären Schulbetrieb und häufigen Krankheiten. Eine landwirtschaftliche Ausbildung brach er wegen körperlicher Überforderung und eines Lungenleidens ab. Ab 1880 studierte er Bildhauerei an der Königlichen Kunst- und Gewerbeschule in Breslau. Weitere Studien in Philosophie, Literaturgeschichte, Zeichnen und Geschichte schloss er ebenfalls nicht ab. Ein Versuch, in Rom als Bildhauer zu arbeiten, scheiterte. Sein eigentliches Interesse galt zunehmend dem Theater.

1885 heiratete er Marie Thienemann, die ihn finanziell unterstützt hatte. Das Paar lebte zunächst in Erkner bei Berlin und bekam die Söhne Ivo, Eckart und Klaus. In Berlin fand Hauptmann Anschluss an den naturalistischen Literaturverein „Durch“. Sein Drama Vor Sonnenaufgang brachte ihm 1889 den Durchbruch. 1891 zog er nach Schreiberhau im Riesengebirge. Ab 1893 hatte er eine Beziehung mit Margarete Marschalk; die erste Ehe wurde 1904 geschieden, im selben Jahr heiratete er Margarete. Ihr gemeinsamer Sohn Benvenuto war 1900 geboren worden.

In der Weimarer Republik galt Hauptmann im Ausland vielfach als Repräsentant der deutschen Literatur. Von 1926 bis 1943 verbrachte er die Sommer auf Hiddensee. Obwohl die Nachfrage nach seinen Werken zeitweise zurückging, blieb er eine bekannte öffentliche Persönlichkeit.

Werk und literarische Entwicklung

Das Zentrum von Hauptmanns umfangreichem Schaffen bildet das Drama. Daneben schrieb er Gedichte und Versepen, Erzählungen, Novellen, Romane, autobiografische Texte, Reiseberichte und Essays. Die Gattungsgrenzen sind teilweise fließend: Einige Bühnenwerke sind Versdramen, und manche Stoffe bearbeitete er sowohl dramatisch als auch erzählerisch.

Entscheidend geprägt wurde Hauptmann durch die Berliner Naturalisten, durch Georg Büchner sowie durch Debatten über Realismus und soziale Fragen. Der Psychiater Auguste Forel beeinflusste seine Beschäftigung mit der menschlichen Psyche. Auch ein Einfluss Friedrich Nietzsches, besonders auf Die versunkene Glocke, wurde diskutiert.

Sein erstes naturalistisches Werk war die 1887 entstandene und 1888 veröffentlichte novellistische Studie Bahnwärter Thiel. Das 1889 uraufgeführte soziale Drama Vor Sonnenaufgang stellte Sexualität und Alkoholismus offen dar und löste einen großen Theaterskandal aus. Hauptmann half, naturalistische Dramen dauerhaft auf deutschen Bühnen zu etablieren, besonders durch die Zusammenarbeit mit dem Theaterleiter Otto Brahm.

Den Höhepunkt dieser Phase bildete Die Weber (1891/92). Das Drama beruht auf dem Aufstand der schlesischen Weber von 1844 und entstand nach Recherchereisen durch das Riesengebirge. Hauptmann schrieb zunächst die mundartliche Fassung De Waber und danach eine dem Hochdeutschen angenäherte Version. Die preußische Zensur sah darin einen Aufruf zum Klassenkampf und verbot die Aufführung. Hauptmann erklärte dagegen, das Stück sei keine sozialdemokratische Parteischrift, sondern ein dichterischer Appell an das Mitgefühl der Besitzenden. Nach Aufhebung des Verbots am 2. Oktober 1893 wurde es in sozialdemokratischen Kreisen begeistert aufgenommen; Kaiser Wilhelm II. kündigte aus Protest seine Loge im Deutschen Theater.

Weitere bedeutende naturalistische oder sozialkritische Stücke sind Das Friedensfest (1890), Einsame Menschen (1891), Der Biberpelz (1893), Fuhrmann Henschel (1898), Rose Bernd (1903), Die Ratten (1911) und Vor Sonnenuntergang (1932). Der Biberpelz verbindet Komik mit Gesellschaftskritik. Die Fortsetzung Der rote Hahn (1901) verschärft die Kritik an kleinbürgerlichem Aufstiegsdenken.

Nach Die Weber entwickelte sich Hauptmanns Dramatik in mehrere Richtungen. Er wandte sich mit dem erfolgreichen Märchendrama Die versunkene Glocke (1896) und Der arme Heinrich (1902) neuromantischen, sagenhaften und legendären Stoffen zu. Hanneles Himmelfahrt (1893) und Und Pippa tanzt! (1905) verbinden eine reale, sozial geprägte Welt mit Traum und Fantasie. Andere Werke blieben naturalistisch. Spätere Dramen verwendeten mythische, symbolische oder historische Formen, darunter Winterballade (1917), Der weiße Heiland (1920), Hamlet in Wittenberg (1935) und Ulrich von Lichtenstein (1939).

Das große Spätwerk ist die Atriden-Tetralogie mit Iphigenie in Delphi, Iphigenie in Aulis, Agamemnons Tod und Elektra. Hauptmann griff darin antike Stoffe auf und deutete sie nach den Erfahrungen einer Griechenlandreise neu. Außerdem führte er bei mehreren Theaterproduktionen selbst Regie.

Beispiele und weitere Gattungen

Einsame Menschen zeigt einen Konflikt zwischen Ehe, geistiger Nähe und gesellschaftlichen Erwartungen. Der Gelehrte Johannes Vockerat lebt mit seiner Frau Käthe und dem gemeinsamen Kind am Müggelsee. In der selbstbewussten russischen Studentin Anna Mahr findet er erstmals eine ebenbürtige Gesprächspartnerin. Beide gestehen sich ihre Liebe, erkennen aber, dass sie keine Zukunft hat. Nach Annas Abreise nimmt sich Johannes das Leben. Das Stück beeinflusste nach Konstantin Stanislawski Anton Tschechow und die russische Dramatik.

In Der Bogen des Odysseus (1913) kehrt Odysseus nach langer Irrfahrt nach Ithaka zurück. Als Bettler verkleidet trifft er auf die Freier seiner Frau Penelope. Zunächst erscheint er erschöpft und orientierungslos; schließlich gewinnt er mit Hilfe des Hirtengottes Pan seine Kräfte zurück und setzt zur Rache an.

Zu Hauptmanns Erzählprosa gehören Bahnwärter Thiel, Der Apostel, Der Ketzer von Soana, Der Schuss im Park und Mignon. Seine Romane umfassen unter anderem Der Narr in Christo Emanuel Quint (1910), Atlantis (1912), Phantom (1923), Die Insel der großen Mutter (1924), Wanda (1928) und Im Wirbel der Berufung (1936). Hinzu kommen Versepen wie Anna, Till Eulenspiegel und Der große Traum sowie nichtfiktionale Schriften wie der Reisebericht Griechischer Frühling (1908), die Autobiografie Das Abenteuer meiner Jugend (1937) und der Essay Über Tintoretto (1938).

Viele Werke wurden für Film, Hörspiel und Musiktheater bearbeitet. Zu den mehrfach verfilmten Stoffen zählen Die Weber, Der Biberpelz, Die Ratten, Rose Bernd, Bahnwärter Thiel und Vor Sonnenuntergang. Auch Komponisten schufen Bühnen-, Film- und Hörspielmusik sowie Opern nach seinen Texten; besonders häufig wurden Die versunkene Glocke, Hanneles Himmelfahrt und Und Pippa tanzt! bearbeitet.

Nationalsozialismus, Krieg und Tod

Hauptmanns Haltung zum Nationalsozialismus war widersprüchlich. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme unterzeichnete er am 16. März 1933 eine Loyalitätserklärung der Deutschen Akademie der Dichtung. Im selben Jahr beantragte er die Aufnahme in die NSDAP, doch örtliche Parteistellen lehnten den Antrag ab. Er war kein Parteimitglied, zeigte sich aber zeitweise von Hitler fasziniert und bezeichnete ihn noch 1942 öffentlich als „Sternenschicksalsträger des Deutschtums“. Erst im Januar 1945 nannte er Hitler einen „apokalyptischen Dämon der Zeit“.

Hauptmann kritisierte den Antisemitismus nicht öffentlich und verdrängte offenbar dessen praktische Folgen für jüdische Bekannte. Zugleich bestand eine erkennbare Distanz zwischen Teilen seines Werkes und der nationalsozialistischen Weltanschauung. Das Amt Rosenberg bewertete 1942 die Haltung der meisten seiner Werke kritisch. Joseph Goebbels ließ eine Neuauflage von Der Schuss im Park verhindern, mehrere Verfilmungen zensieren und die Verfilmung von Schluck und Jau verbieten. Trotzdem ehrte das Regime Hauptmann öffentlich und versuchte, seine große Bekanntheit für sich zu nutzen. 1944 nahm Hitler ihn in die Gottbegnadeten-Liste und in eine Sonderliste von sechs „unersetzlichen“ Schriftstellern auf; dadurch war Hauptmann von Kriegsverpflichtungen befreit.

Den Luftangriff auf Dresden am 13. Februar 1945 erlebte Hauptmann während eines Sanatoriumsaufenthalts im Stadtteil Wachwitz. Das Kriegsende verbrachte er im Haus „Wiesenstein“ in Agnetendorf. Nachdem Schlesien unter polnische Verwaltung gekommen war, schützte ihn zunächst ein Schreiben des sowjetischen Kulturoffiziers Oberst Sokolow. Am 7. April 1946 wurde ihm jedoch mitgeteilt, dass die polnische Regierung auf seiner Ausweisung bestehe. Dazu kam es nicht mehr: Hauptmann erkrankte an Bronchitis und starb am 6. Juni 1946.

Entgegen seinem testamentarischen Wunsch durfte er nicht in Schlesien bestattet werden. Sein Leichnam wurde nach langem Warten in einem Sonderzug nach Deutschland gebracht. Am 28. Juli 1946, 52 Tage nach seinem Tod, wurde er auf dem Inselfriedhof in Kloster auf Hiddensee beigesetzt. Seine Witwe vermischte Riesengebirgserde mit Ostseesand.

Auszeichnungen, Nachwirkung und Nachlass

Hauptmann erhielt zahlreiche Ehrungen. Dreimal wurde ihm der Grillparzer-Preis verliehen: 1896 für Hanneles Himmelfahrt, 1899 für Fuhrmann Henschel und 1905 für Der arme Heinrich. 1909 erhielt er Ehrendoktorwürden der Universitäten Oxford und Leipzig. 1912 folgte der Nobelpreis für Literatur, „vor allem als Anerkennung für sein fruchtbares und vielseitiges Wirken im Bereich der dramatischen Dichtung“. Weitere Auszeichnungen waren der Adlerschild des Deutschen Reiches 1922, der Orden Pour le mérite für Wissenschaften und Künste 1923 sowie der Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main 1932. Im selben Jahr verlieh ihm die Columbia University eine Ehrendoktorwürde.

Die Bewertung seines Werkes wandelte sich mehrfach. Konservative Kreise des Kaiserreichs lehnten die frühen sozialkritischen Dramen ab, während progressive Intellektuelle sie schätzten. Seine spätere Abkehr vom reinen Naturalismus wurde ebenfalls kritisiert. Nach 1945 verblasste sein Ruhm, auch wegen seines unkritischen Verhaltens gegenüber dem Nationalsozialismus. In Westdeutschland blieben besonders Der Biberpelz und Die Ratten auf den Spielplänen. In der DDR wurde vor allem seine Sozialkritik als Teil einer humanistischen Tradition hervorgehoben.

Der Nachlass wurde noch vor Kriegsende aus Schlesien fortgebracht. Hauptmanns Sohn Benvenuto verwahrte ihn später in der Schweiz und verweigerte lange eine wissenschaftliche Auswertung. Über Besitz, Urheberrechte und Veröffentlichung entstanden jahrelange familiäre und rechtliche Auseinandersetzungen. Schließlich wurde eine kritisch revidierte Gesamtausgabe vorbereitet. Die elfbändige Centenar-Ausgabe der Sämtlichen Werke erschien von 1962 bis 1974.

An Hauptmann erinnern Museen und Gedenkstätten unter anderem in Erkner, auf Hiddensee, in Jagniątków und Schreiberhau. Schulen, Theater und Straßen tragen seinen Namen. 1985 wurde ein Merkurkrater und am 10. Juni 1998 der Asteroid (8381) Hauptmann nach ihm benannt.

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