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Heinrich von Kleist

Bernd Heinrich Wilhelm von Kleist (* 10. [nach eigener Angabe] oder 18. Oktober 1777 [laut Kirchenbuch] in Frankfurt (Oder), Brandenburg, Preußen; † 21.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Überblick und Bedeutung
  2. 2. Leben und Krisen
  3. 3. Beruf, Publizistik und Tod
  4. 4. Dramen und Erzählungen
  5. 5. Aufnahme und Nachwirkung
  6. 6. Gedenken

Überblick und Bedeutung

Bernd Heinrich Wilhelm von Kleist war ein deutscher Dramatiker, Erzähler, Lyriker und Publizist. Er wurde am 10. Oktober 1777 nach eigener Angabe oder am 18. Oktober 1777 laut Kirchenbuch in Frankfurt (Oder) geboren und starb am 21. November 1811 am Stolper Loch, dem heutigen Kleinen Wannsee.

Kleist gilt als schwer einzuordnender Autor zwischen Weimarer Klassik und Romantik. Er stand als Außenseiter „jenseits der etablierten Lager“. Bekannt wurde er vor allem durch die Dramen Das Käthchen von Heilbronn, Der zerbrochne Krug, Amphitryon und Penthesilea sowie durch die Erzählungen Michael Kohlhaas und Die Marquise von O.....

Seine literaturgeschichtliche Bedeutung liegt darin, dass seine Werke zentrale Gewissheiten seiner Zeit infrage stellen: Vernunft, Identität, Autonomie, Recht und moralische Ordnung erscheinen bei ihm oft unsicher oder widersprüchlich. Viele Texte zeigen extreme Konflikte, starke Gefühle und Situationen, in denen subjektives Urteil und objektive Wirklichkeit auseinanderfallen.

Leben und Krisen

Kleist stammte aus einer Familie des pommerschen Uradels mit enger Verbindung zum preußischen Militär und Staatsdienst. Nach dem Tod seines Vaters 1788 wurde er in Berlin erzogen. 1792 trat er in das 3. Bataillon des Garderegiments zu Potsdam ein, nahm am Rheinfeldzug gegen Frankreich und an der Belagerung von Mainz teil und wurde 1795 Fähnrich sowie 1797 Leutnant. Trotz dieser Laufbahn zweifelte er zunehmend am Soldatendasein.

1799 verließ Kleist das Militär und begann an der Universität Frankfurt an der Oder zu studieren, vor allem Mathematik, außerdem Physik, Kulturgeschichte, Naturrecht, Latein und Kameralwissenschaften. Er verlobte sich 1800 mit Wilhelmine von Zenge, brach das Studium aber nach drei Semestern ab und arbeitete kurz im preußischen Wirtschaftsministerium. Sein Ziel einer „freien Geistesbildung“ geriet damit in Konflikt mit Erwartungen von Familie und Gesellschaft.

Um 1801 verdichtete sich seine Lebenskrise zur sogenannten „Kant-Krise“, deren Bedeutung in der Forschung umstritten ist. Kleist glaubte nach der Lektüre Kants, nicht sicher entscheiden zu können, ob das, was Menschen Wahrheit nennen, wirklich Wahrheit sei oder nur so erscheine. In einem Brief an Wilhelmine vom 22. März 1801 schrieb er: „Mein einziges, mein höchstes Ziel ist gesunken, ich habe nun keines mehr.“ Neuere Deutungen sehen darin nicht nur eine philosophische Erschütterung, sondern auch eine Krise seiner Lebensplanung.

1801 reiste Kleist mit seiner Schwester Ulrike nach Paris, war enttäuscht von der Stadt und zweifelte weiter am Nutzen der Wissenschaften. 1802 lebte er in Thun in der Schweiz und wollte ein einfaches bäuerliches Leben führen. Da Wilhelmine diese Vorstellung nicht teilte, löste er die Verlobung. In dieser Zeit arbeitete er an Die Familie Schroffenstein, Robert Guiskard und Der zerbrochne Krug. Später geriet er erneut in eine Schaffenskrise, verbrannte Teile des Guiskard und kehrte 1803 nach Deutschland zurück.

Beruf, Publizistik und Tod

Von 1805 an arbeitete Kleist als Beamter im Vorbereitungsdienst in Königsberg. Dort vollendete er Der zerbrochne Krug und arbeitete an Amphitryon, Penthesilea, Michael Kohlhaas und Das Erdbeben in Chili. 1806 wollte er den Staatsdienst verlassen, um von „dramatischen Arbeiten“ zu leben. Auf dem Weg nach Berlin wurde er im Januar 1807 von französischen Behörden als angeblicher Spion verhaftet und nach Frankreich gebracht. Während der Gefangenschaft schrieb er vermutlich Die Marquise von O.... und arbeitete an Penthesilea weiter.

Nach seiner Freilassung lebte Kleist ab 1807 in Dresden. Dort gab er mit Adam Heinrich Müller ab Januar 1808 die Zeitschrift Phöbus heraus. Unter dem Eindruck der napoleonischen Besetzung und des Widerstands gegen Napoleon schrieb er Die Hermannsschlacht. 1809 plante er in Prag ein Wochenblatt namens Germania als Organ der „deutschen Freiheit“, doch das Projekt kam wegen der Kapitulation Österreichs nicht zustande.

Ab 1809 lebte Kleist vor allem in Berlin. 1810 erschienen der erste Band seiner Erzählungen und Das Käthchen von Heilbronn. Ab dem 1. Oktober 1810 gab er die Berliner Abendblätter heraus, ein täglich erscheinendes Blatt mit lokalen Nachrichten, Unterhaltung und nationalpolitischem Anspruch. Darin veröffentlichte er unter anderem Über das Marionettentheater. Besonders auffällig waren aktuelle Polizeiberichte. Wegen verschärfter Zensur musste die Zeitung im Frühjahr 1811 eingestellt werden.

In seinen letzten Monaten scheiterten Kleists Versuche, wieder eine staatliche Anstellung oder finanzielle Hilfe zu erhalten. Sein Schauspiel Prinz Friedrich von Homburg erhielt bis 1814 ein Aufführungsverbot. Am 21. November 1811 erschoss Kleist am Kleinen Wannsee zuerst Henriette Vogel, die unheilbar an einem Karzinom erkrankt war und dem gemeinsamen Suizid zugestimmt hatte, und dann sich selbst. In seinem Abschiedsbrief an Ulrike schrieb er, die Wahrheit sei, „daß mir auf Erden nicht zu helfen war“.

Dramen und Erzählungen

Kleists dramatisches Werk umfasst Tragödien, Lustspiele und historische Dramen. Die Familie Schroffenstein, fertiggestellt 1803 und 1804 uraufgeführt, behandelt bereits wichtige Themen seines Schreibens: Schicksal und Zufall sowie subjektives Vorurteil und objektive Wirklichkeit. Penthesilea, vollendet 1807 und 1808 erschienen, greift antike Stoffe auf und zeigt in der Geschichte der Amazonenkönigin und Achilles extreme Leidenschaft und Grausamkeit. Zu Kleists Lebzeiten blieb das Stück ohne Erfolg; die szenische Uraufführung fand erst 1876 in Berlin statt.

Der zerbrochne Krug entstand 1803 bis 1806 und wurde am 2. März 1808 in Weimar uraufgeführt. Das Lustspiel gehört heute zum Kanon der deutschen Literatur. Das Käthchen von Heilbronn oder Die Feuerprobe entstand 1807 bis 1808, wurde am 17. März 1810 in Wien uraufgeführt und war bereits zu Kleists Lebzeiten beim Publikum beliebt. Die Hermannsschlacht wurde 1809 vollendet und bezieht ein historisches Thema auf die politische Situation der napoleonischen Zeit. Prinz Friedrich von Homburg entstand 1809 bis 1811 und wurde erst 1821 uraufgeführt. Robert Guiskard blieb Fragment.

Kleist gilt auch als Meister der Erzählung. Michael Kohlhaas ist eine der wichtigsten deutschsprachigen Erzählungen ihrer Zeit. Sie zeigt einen Pferdehändler, der wegen erlittenen Unrechts immer radikaler für sein Recht kämpft und dabei selbst grundlegende Rechtsnormen verletzt. Weitere bedeutende Erzählungen sind Das Erdbeben in Chili, Die Marquise von O...., Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik, Die Verlobung in St. Domingo, Das Bettelweib von Locarno, Der Findling und Der Zweikampf.

Zu Kleists theoretischen Schriften zählen Katechismus der Deutschen, Über das Marionettentheater und Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden. Über das Marionettentheater wurde oft als poetologische Schrift gelesen, doch der Artikel betont, dass es sich um einen fiktiv vermittelten Gesprächsbericht handelt und dass seine Aussagen nur mit Vorbehalt als eindeutiges Programm verstanden werden können.

Aufnahme und Nachwirkung

Kleists Wirkung war zu seiner Zeit widersprüchlich. Viele Zeitgenossen waren von der Gewaltsamkeit der Bilder, der Maßlosigkeit der Gefühle, den krassen Situationen und der Missachtung literarischer Konventionen eher schockiert als angezogen. Seine Texte und Stücke wirkten auf viele neuartig und schwer verständlich.

Die Uraufführung des Zerbrochnen Krugs am 2. März 1808 am Weimarer Hoftheater unter Johann Wolfgang von Goethe wurde als langatmig und sperrig empfunden und schadete Kleists Ruf als Bühnenautor. Auch Penthesilea stieß 1811 in einer verfremdeten Berliner Aufführung auf Ablehnung. Das Käthchen von Heilbronn war dagegen schon zu Lebzeiten Kleists beim Publikum erfolgreich, auch wenn die Kritik skeptisch blieb.

Nach seinem Tod wurde Kleist in sehr verschiedenen politischen und literarischen Zusammenhängen vereinnahmt. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts galt er manchen als Vorbild für Preußentum und Deutschtum, später griff auch die NS-Kulturpolitik bestimmte Werke ideologisch auf. Zugleich entdeckten Autoren der literarischen Moderne Kleist als Vorläufer experimenteller und subjektiver Schreibweisen. Dadurch entstand ein dauerhafter Kleist-Mythos: Kleist erschien sowohl als Außenseiter seiner eigenen Zeit als auch als Wegbereiter moderner Literatur.

Gedenken

An Heinrich von Kleist erinnern heute zahlreiche Gedenkorte, Denkmäler, Straßen, Plätze, Parks, Schulen und Institutionen. Das Kleist-Museum in Frankfurt (Oder) und das Kleist-Archiv Sembdner in Heilbronn widmen sich seinem Leben und Werk. Die Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft verleiht jährlich den Kleist-Preis.

Kleists Grab am Kleinen Wannsee, in dem auch Henriette Vogel bestattet ist, wurde zum zweihundertsten Todestag 2011 renoviert und mit Informationstafeln versehen. Der Grabstein nennt Kleists Geburtsdatum nun mit dem 10. Oktober. Das Grab ist als Ehrengrab der Stadt Berlin ausgewiesen.

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