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Lateinunterricht

Das Ziel des Unterrichts liegt vorrangig im Erwerb der Fähigkeit, lateinische Texte in die eigene Sprache zu übersetzen, nicht jedoch darin, lateinisch zu …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Ziel
  2. 2. Deutschland und Latinum
  3. 3. Inhalte und Unterrichtspraxis
  4. 4. Historische Entwicklung im deutschen Raum
  5. 5. Europa und aktuelle Lage
  6. 6. Kritik und Transfereffekte

Grundidee und Ziel

Lateinunterricht ist Unterricht in der lateinischen Sprache an Schulen und Hochschulen. In Deutschland findet er vor allem an Gymnasien statt, seltener auch an Gesamtschulen. Latein kann erste, zweite, dritte oder ausnahmsweise vierte Fremdsprache sein; am häufigsten ist es die zweite Fremdsprache. Das wichtigste Ziel ist nicht, Latein im Alltag zu sprechen oder selbst lateinische Texte zu verfassen, sondern lateinische Texte in die eigene Sprache zu übersetzen und zu verstehen.

Seine pädagogische Begründung sieht der Lateinunterricht als Grundlagenfach für eine studienorientierte Bildung, die über das Abitur zur Hochschule führt. Eine besondere Rolle spielt das Latinum, also ein Nachweis lateinischer Sprachkenntnisse. Es wird in Deutschland, Österreich und der Schweiz für manche Studiengänge verlangt oder kann zumindest hilfreich sein, weshalb Kultus- und Bildungsministerien den Lateinunterricht stützen.

Deutschland und Latinum

In Deutschland wird Latein an den meisten Gymnasien ab der 6. Klasse als Wahlpflichtfach angeboten, im neunjährigen Gymnasium oft ab der 7. Klasse. Diese Form heißt häufig Latein II. Daneben gibt es Latein ab Klasse 8 oder 9 als Latein III. Einige Gymnasien beginnen schon in Klasse 5 mit grundständigem Latein, also Latein I; 2016 betraf das 15.370 Schüler. Teilweise läuft Latein dann parallel zu Englisch, etwa im „Biberacher Modell“ in Baden-Württemberg. Solche frühen Lateinklassen sind in manchen Ländern politisch umstritten oder untersagt, weil sie als frühe Festlegung auf das Gymnasium gelten können.

Meist muss Latein bis zum Ende der Sekundarstufe I, also bis Klasse 10, belegt werden. In Baden-Württemberg, Hamburg, Rheinland-Pfalz, Sachsen und im Saarland kann das Latinum bei Beginn in Klasse 5 schon am Ende von Klasse 9 erworben werden, wenn mindestens die Note 4 („ausreichend“) erreicht wird. In der Oberstufe kann Latein weitergeführt werden, wenn genug Schüler das Fach wählen. Es kann schriftliches oder mündliches Abiturprüfungsfach sein. Die Kultusministerkonferenz hat dafür „Einheitliche Prüfungsanforderungen in der Abiturprüfung Latein“ vorgelegt. Diese Prüfung umfasst eine längere Übersetzung und Aufgaben zur Interpretation lateinischer Texte; nur wenige Schüler wählen sie.

Das Latinum weist in Deutschland die Fähigkeit nach, lateinische Texte zu übersetzen und zu verstehen. Wird es in der Schule erworben, steht es auf dem Abiturzeugnis. Nach der KMK-Vereinbarung von 2005 sind dafür mindestens vier Jahre Lateinunterricht in aufsteigender Form oder eine schriftliche und mündliche Ergänzungsprüfung nötig. Manche Länder verlangen längere Teilnahmezeiten. Das Latinum wird an einigen Studienorten und für einige geisteswissenschaftliche Studienfächer verlangt, etwa Geschichte, Theologie und einige Fremdsprachen. Wer es nicht in der Schule erworben hat, muss es eventuell an der Universität nachholen, was die Studienzeit verlängern kann.

In Deutschland bestehen je nach Bundesland bis zu drei Nachweise: kleines Latinum, Latinum (KMK-Latinum) und großes Latinum. Sie unterscheiden sich im Niveau der Sprachkompetenz. Für das Latinum muss ein einfacher Originaltext übersetzt werden, zum Beispiel ein historischer Text von Cäsar; für das große Latinum ein abstrakter Text, zum Beispiel ein philosophischer Text von Cicero. Alle 16 Länder kennen das Latinum. Einige Länder bescheinigen nur diese Form, andere zusätzlich das große Latinum oder das kleine Latinum; Bremen, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein kennen weiterhin alle drei Varianten.

Inhalte und Unterrichtspraxis

Der Unterricht beginnt meist mit dem Erlernen der lateinischen Grammatik sowie eines Grund- und Erweiterungswortschatzes. Diese Phase dauert in der Regel mindestens zweieinhalb Jahre, oft länger. Moderne Lehrbücher vermitteln dabei bereits Wissen über die antike Kultur. Die Unterrichtsmethoden haben sich verändert: Früher übliche Übungen, bei denen deutsche Texte ins Lateinische übersetzt wurden, werden heute kaum noch durchgeführt und sind oft sogar bildungspolitisch untersagt.

Nach der Sprachlernphase beginnt die Lektüre lateinischer Originaltexte, zunächst mit leichteren Anfangstexten. Häufig gelesen werden Caesars „De bello Gallico“, Reden oder Briefe Ciceros, Nepos, Plinius der Jüngere sowie römische Dichter wie Catull, Martial oder Ovid. Als schwieriger gelten unter anderem Ciceros philosophische und rhetorisch-theoretische Werke, Horaz, Sallust, Seneca, Livius, Tacitus und Vergil. Neben klassischen römischen Texten können auch spätantike Texte, etwa von Augustinus von Hippo, sowie mittel- oder neulateinische Texte behandelt werden.

Lateinunterricht vermittelt nicht nur Sprachkenntnisse. Schüler erwerben auch Wissen über Mythologie, Geschichte, Philosophie und Literatur der römischen und griechischen Antike sowie späterer Epochen. Zu den fachdidaktischen Herausforderungen gehören Bildungsstandards und Kompetenzorientierung, die Sicherung sprachlicher Grundlagen in kürzerer Zeit, feste Übersetzungsmethoden, die Einbindung von Schülern ohne Deutsch als Muttersprache, verändertes Lernverhalten durch Neue Medien und die Frage, wie viel Kulturkunde neben der Sprache unterrichtet werden soll.

Historische Entwicklung im deutschen Raum

Im heutigen deutschen Sprachraum begann der Lateinunterricht im frühen Mittelalter, als irische Mönche die Germanen missionierten und erste Schulen gründeten. Im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit war Latein vor allem an Klöstern die Sprache des Klerus und der Gebildeten. Wer gebildet sein wollte, musste Latein aktiv und passiv beherrschen. In einer unteren Lernstufe wurden Grundbegriffe und klassische Autoren behandelt, in einer oberen Stufe stand das Übersetzen deutscher Texte ins Lateinische im Mittelpunkt.

Seit Anfang des 19. Jahrhunderts prägte das humanistische Gymnasium mit Latein und Griechisch die höhere Bildung. Wer die Universität besuchen wollte, musste beide Sprachen gelernt haben. Erst 1900 erklärte die Preußische Schulkonferenz Realgymnasium und Oberrealschule für gleichberechtigt. Im Nationalsozialismus wurden die alten Sprachen zunächst stark infrage gestellt, das Schulwesen zentralisiert und die Länderzuständigkeit abgeschafft. 1938 wurde das humanistische Gymnasium mit Latein und Griechisch als Sonderform der Oberschule für Jungen zugelassen; zugleich wurde Latein an der Hauptform der Oberschule für Jungen wieder verbindlich, als zweite Fremdsprache ab dem 7. Schuljahr nach Englisch.

Nach 1945 entwickelten sich West- und Ostdeutschland unterschiedlich. In den Westzonen lebte der altsprachliche Unterricht wieder auf, während die DDR ihn stark einschränkte. Ab Ende der 1960er-Jahre stellte die „Curriculum-Revision“ den traditionellen Bildungsstoff grundsätzlich infrage. Statt überlieferte Inhalte einfach weiterzugeben, sollte gefragt werden, welche Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten Schüler für ein Leben als „mündiger Bürger“ brauchen. Die Reform der gymnasialen Oberstufe ab 1972 ermöglichte Schülern, Fächer stärker selbst zu wählen und alte Sprachen abzuwählen.

Seit den 1970er-Jahren bemühte sich die Lateindidaktik in Deutschland um neue Begründungen und Methoden. Auch heute hatten oder haben in vielen Ländern mindestens ein Drittel, teils die Hälfte der Schüler eines Jahrgangs mit Hochschulreife irgendwann Lateinunterricht. Nach der Wiedervereinigung 1990 wurde Latein in den neuen Bundesländern wieder stärker eingeführt. Von etwa 2000 bis 2010/11 stiegen die Schülerzahlen stark bis auf 9,2 % aller Schüler; danach sanken sie wieder, besonders in der Oberstufe. Im Schuljahr 2021/22 hatten etwa 539.000 von 8,44 Millionen Schülern in Deutschland Lateinunterricht, also rund 6,4 %.

Europa und aktuelle Lage

In Deutschland ist Latein nach Englisch und Französisch die dritthäufigste Schulfremdsprache. Diese Stellung ist im europäischen Vergleich inzwischen eine Ausnahme, auch wenn es in den meisten europäischen Ländern weiterhin Lateinunterricht gibt. Die Zahl der deutschen Lateinschüler sank von 807.800 im Schuljahr 2010/11, also 9,2 % der gut 8,8 Millionen Schüler, auf 688.625 im Schuljahr 2014/15 und auf 539.000 im Schuljahr 2021/22. Das entsprach 2021/22 etwa 6,3 % aller Schüler und etwa 22 % aller Gymnasiasten. Lateinlehrer mit Studium der Lateinischen Philologie wurden 2021 in den meisten Bundesländern nicht mehr besonders gesucht.

In Österreich ist Latein für viele Studiengänge Eingangsvoraussetzung. Es ist im Gymnasium, aber nicht im Realgymnasium, verpflichtender Teil des Oberstufenlehrplans ab der 9. Schulstufe. In der Unterstufe mancher Gymnasien wird Latein meist ab der 7. Schulstufe unterrichtet. Im Realgymnasium muss ab der 9. Schulstufe eine weitere Fremdsprache gelernt werden, häufig wählbar zwischen Latein, Französisch, Spanisch oder Italienisch. Universitäten verlangen mindestens 10 Unterrichtsstunden Latein ab der 9. Schulstufe; sonst müssen Lateinkenntnisse zum Beispiel als Latinum nachgeholt werden. 2022/23 hatten 4,9 % der Schüler in Österreich Lateinunterricht, in der AHS-Oberstufe 49,4 %.

In der Schweiz ist ein Rückgang zu beobachten. 2012 lag die Quote noch deutlich über 15 % der Gymnasiasten, allerdings mit großen kantonalen Unterschieden. Die Latinumspflicht wurde für viele Studienfächer abgeschafft, auch an der Universität Zürich.

Im übrigen Europa steht Latein insgesamt eher in der Defensive. In Italien bleibt es wichtig: Es ist Pflichtfach im Liceo Classico, im Liceo Scientifico und im Liceo delle scienze umane; 2015 lernten insgesamt 28,8 % der italienischen Schüler Latein. In Frankreich kann Latein ab der 7. Jahrgangsstufe für drei Jahre belegt werden; anfangs tun dies 16,7 %, in der Oberstufe nur etwa 3 %. In Portugal und Spanien hat die Zahl der Lateinschüler stark abgenommen. In Belgien lernen etwa 20 % der Schüler in der Sekundarstufe I allgemeinbildender Schulen Latein, besonders gestützt durch katholische Privatschulen. In den Niederlanden besuchen nur wenige Schüler das altsprachliche Gymnasium innerhalb der VWO. In Großbritannien ging Latein an staatlichen Schulen zurück, seit auch Cambridge und Oxford keine Lateinkenntnisse mehr für alle Studienfächer verlangen. In Skandinavien sowie vielen osteuropäischen Ländern ist Latein meist selten oder nur als Wahlfach vertreten. 2021 erklärten Bildungsminister romanischer Länder gemeinsam, Latein und Griechisch in den Schulen stärken zu wollen.

Kritik und Transfereffekte

Der Lateinunterricht ist wiederholt kritisiert worden. Gegner werfen den alten Sprachen vor, sie seien standes-, klassen- oder schichtengebunden, ihre Inhalte seien veraltet und nutzlos, sie seien zu schwer, zu abstrakt und zu theoretisch oder sie gefährdeten durch hohen Stundenanteil und Schwierigkeitsgrad die Schullaufbahn. Häufig wird auch kritisiert, dass Latein auf Kosten moderner Fremdsprachen geht, meist Französisch. Die Europäische Kommission erkennt zwar die Bedeutung alter Sprachen an, fordert aber zugleich, dass Schulabgänger zusätzlich zur Muttersprache zwei moderne europäische Sprachen beherrschen sollen; dies erschwert die Stellung von Latein.

Befürworter nennen mehrere mögliche Vorteile. Latein erleichtere das Verständnis der Wurzeln der westlichen Welt, fördere Lern- und Argumentationsstrategien und helfe beim Lernen anderer Fremdsprachen. Begründet wird dies unter anderem damit, dass Latein grammatisches Verständnis schule und viele europäische Sprachen aus dem Latein hervorgegangen sind. Außerdem könne die Arbeit mit lateinischen Texten den Wortschatz und die Ausdrucksmöglichkeiten in der Muttersprache erweitern.

Die Forschungsergebnisse zu solchen Transfereffekten sind jedoch begrenzt oder widersprechen breiten Erwartungen. Edward Lee Thorndike fand 1923 keine Unterschiede in naturwissenschaftlichen und mathematischen Lernleistungen zwischen Schülern mit und ohne Lateinkenntnisse. Ludwig Haag und Elsbeth Stern stellten 2000 nach zwei Jahren Lateinunterricht im Vergleich zu zwei Jahren Englischunterricht keinen Unterschied bei Intelligenz und Mathematikleistungen fest. Zwei Jahre später zeigten sich auch keine signifikanten Unterschiede bei deduktivem und induktivem Verständnis sowie Textverständnis. Schüler mit vier Jahren Latein waren aber besser darin, Grammatikfehler in deutschen Texten zu finden und längere Sätze aus kürzeren zu bilden.

Eine Studie von Haag und Stern aus dem Jahr 2003 verglich das Erlernen von Spanisch nach schulischem Französisch oder Latein. Studenten mit Latein als zweiter Fremdsprache schnitten beim Übersetzen eines deutschen Textes ins Spanische schlechter ab als Studenten mit Französisch als zweiter Fremdsprache, besonders bei Präpositionen und Konjugation. Horst G. Klein vertrat die These, Französisch sei als Brückensprache für weitere romanische Sprachen besser geeignet als Latein. Sandra Hutterli und andere hielten Latein ausdrücklich für ungeeignet als Brückensprache. Auch die Annahme, Latein- und Griechischkenntnisse seien im Medizinstudium beim Lernen der physiologischen und anatomischen Terminologie hilfreich, wurde in einer US-Studie nicht bestätigt.

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