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Fremdsprachenunterricht
Fremdsprachenunterricht bezeichnet das Lehren und das Erlernen einer Sprache, die nicht zu der/den Muttersprache(n) gehört, in Bildungsinstitutionen oder im …
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Begriff und zentrale Unterrichtsmethoden
Fremdsprachenunterricht ist das Lehren und Lernen einer Sprache, die nicht zur beziehungsweise zu den Muttersprache(n) gehört. Er findet in Bildungsinstitutionen oder als Privatunterricht statt. Je nach Methode stehen Grammatik, schriftliche und mündliche Sprachverwendung, Kommunikation oder selbstständiges Lernen unterschiedlich stark im Mittelpunkt.
Die Grammatik-Übersetzungsmethode (GÜM) stammt aus dem altsprachlichen Unterricht und war bis Ende des 19. Jahrhunderts an höheren Schulen und Hochschulen vorherrschend. Unterrichtssprache ist ausschließlich die Muttersprache; die gesprochene Zielsprache sowie Hören und Sprechen spielen keine Rolle. Zuerst wird die gesamte Grammatik nach einem festen Curriculum gelernt, vor allem durch Übersetzungen und Lückensätze. Danach werden zielsprachliche, häufig literarische Texte gelesen und übersetzt. Die Methode vermittelt Grammatik und Schriftsprache gründlich, übt aber die Sprechfertigkeit nicht.
Zu den behavioristischen Methoden gehören die audiolinguale und die audiovisuelle Methode. Sie arbeiten meist einsprachig mit gesprochenen Dialogen aus Alltagssituationen, Satzmusterübungen (Pattern-Drills) und Situationsspielen. Dadurch können sich Sprachstrukturen verselbständigen; besonders bei anspruchsvoller Aussprache, etwa im Hochchinesischen, ist die audiolinguale Methode laut Artikel sehr wirksam. Sie kann jedoch langweilig sein, besonders wenn Lernende ihr Tempo nicht selbst steuern können. Soll auch Schriftsprache erworben werden, muss sie ergänzt werden.
Kommunikative Methoden wurden in Deutschland durch Hans-Eberhard Piepho eingeleitet. Texte sollen Konflikte zeigen und zu persönlichen Stellungnahmen anregen. Sprachproduktion hat Vorrang vor sprachlicher Korrektheit, Fehler werden akzeptiert und Lernende äußern ihre eigene Meinung. Dies fördert Sprechfertigkeit und verringert Angst vor Fehlern; zugleich kann die Sprachqualität vernachlässigt werden, sodass die kommunikative Kompetenz schnell an Grenzen gelangt.
Lernorientierung, Zusammenarbeit und aktuelle Schwerpunkte
Konstruktivistische Grundsätze stellen das eigenaktive Lernen der Schülerinnen und Schüler vor die lehrerseitige Anleitung. Lehrpersonen sollen Lernen ermöglichen und erleichtern. Der Unterricht ist handlungsorientiert, an der Lebenswirklichkeit der Lernenden ausgerichtet und soll etwa durch Projekte dazu anregen, Wissen selbst zu erwerben. Die Sprachebene ist möglichst breit, Abweichungen werden akzeptiert und Sprachproduktion steht im Zentrum. Als Vorteil wird die Vorbereitung auf die reale Welt genannt; Nachteile hätten sich laut Artikel noch nicht gezeigt.
Beim Lernen durch Lehren (LdL), einer besonders in Deutschland verbreiteten Methode von Jean-Pol Martin und Joachim Grzega, bringen sich Lernende gegenseitig Unterrichtsstoff bei. Die Gruppe wird dabei bildlich als neuronales Netz verstanden: Durch intensive Interaktionen entstehen Vernetzung und Netzwerkeffekte wie Reaktionsschwelle, Resonanz und Redundanz. Informationen werden zu Wissen verarbeitet, indem Wesentliches von Unwesentlichem getrennt und zur weiteren Bearbeitung weitergegeben wird; daraus können neue Ergebnisse, sogenannte Emergenzen, entstehen. LdL gilt nach Nieweler als „eine radikale Form der Schüler- und Handlungsorientierung“. Zentral sind Ressourcenorientierung sowie eine lebhafte Erörterung der Unterrichtsgegenstände, damit Informationen erkannt und verarbeitet werden.
Neuere Lehrpläne und Materialien betonen mündliche Leistung, Lernerautonomie, Selbstevaluation und lebenslanges Lernen. In Bayern muss beispielsweise pro Lernjahr eine Schulaufgabe als mündliche Prüfung gestaltet werden. Lehrwerke geben Hinweise zur Aussprache, zum Wortschatzerwerb mit Wörterkarteien und Gedächtnisübungen sowie zum Lese- und Hörverstehen. Selbstevaluationsbögen und Portfolios sollen Lernende dazu anregen, Fortschritte und Ziele festzuhalten. Im Zusammenhang mit den PISA-Studien von 2001 und 2003 werden außerdem Bildungsstandards und Standardorientierung hervorgehoben.
Beim bilingualen Unterricht wird der Unterricht vollständig in der zu lernenden Sprache abgehalten, auch in anderen Fächern. Seit den 1960er und 1970er Jahren entstanden in Mittel- und Osteuropa, auch in Deutschland, zweisprachige Schulen zunächst für besonders gute Schülerinnen und Schüler. Seit den 1990er Jahren wurde dieses System für alle geöffnet, teils weiterhin mit Eingangstests. Belgien im französischen Teil, Frankreich, die Niederlande, Österreich und Finnland richteten damals ebenfalls bilinguale Schulen ein.
Europa und Deutschland
Die Europäische Kommission empfahl 1995 im Weißbuch „Lehren und Lernen – Auf dem Weg zur kognitiven Gesellschaft“, jede Schülerin und jeden Schüler in zwei Sprachen der Union auszubilden. Der Lissabonner Gipfel von 2000 zählte die Beherrschung von (Fremd-)Sprachen zu fünf Schlüsselqualifikationen. Fremdsprachenunterricht ist seit 1974 in allen Mitgliedstaaten der Europäischen Gemeinschaft außer Irland verpflichtend; seit 1998 lernen nahezu alle Kinder in den Mitgliedstaaten mindestens eine Fremdsprache. Verpflichtend mindestens zwei Fremdsprachen gibt es im flämischen Teil Belgiens, in Dänemark, Estland, Finnland, Lettland, Luxemburg, den Niederlanden, Schweden, Slowenien, der Slowakei und der Republik Zypern.
Im europäischen Durchschnitt werden drei bis vier Stunden wöchentlich Fremdsprachen gelernt. Meist beginnt dies am Ende der Grund- oder Primarschule, in Malta, Luxemburg, Norwegen und einigen deutschen Bundesländern aber ab der ersten Klasse. Englisch lernen 93 % aller Kinder in der EU. Französisch lernen ab Sekundarstufe I 33 %, ab Sekundarstufe II 28 %; Deutsch lernen etwa 13 % in Sekundarstufe I und etwa 20 % in Sekundarstufe II. Trotz des Angebots beherrschen allgemein weniger Erwachsene eine Fremdsprache, als zu erwarten wäre.
In Deutschland wurden moderne Fremdsprachen zunächst überwiegend privat gelernt; öffentliche Schulen nahmen sie erst Ende des 17. Jahrhunderts auf. Nach den Revolutionskriegen wurde Französisch an höheren Lehranstalten allgemein eingeführt, nach 1815 aber zunächst wieder abgeschafft. Im 19. Jahrhundert standen an Gymnasien Latein, Altgriechisch und Französisch im Vordergrund, während Realgymnasien Latein, Englisch und Französisch und Oberrealschulen Englisch und Französisch unterrichteten. Nach 1945 war in der DDR Russisch verpflichtend. Das Hamburger Abkommen von 1964 führte in den neu gebildeten Hauptschulen ab Klasse 5 Englisch ein. Seit dem Schuljahr 2004/05 gibt es flächendeckend Englischunterricht in Grundschulen aller Bundesländer.
Heute werden in allen Bundesländern Französisch und Spanisch, in neun Bundesländern Italienisch angeboten. In Baden-Württemberg ist entlang der französischen Grenze Französisch, im übrigen Land Englisch ab Klasse 1 Pflicht. Spanisch gewinnt als zweite Fremdsprache an Bedeutung: Sein Anteil an allgemeinbildenden Schulen stieg von 0,5 % im Schuljahr 1992/1993 auf 5,9 % im Schuljahr 2021/2022. In Hamburg lernten 2010 34 % Spanisch und 42 % Französisch; 2018 überwog dort Spanisch. Das Sprachenangebot hängt vom Bundesland ab, etwa Dänisch in Teilen Schleswig-Holsteins, Niederländisch in Niedersachsen und NRW, Polnisch nahe der östlichen Grenze sowie teils Türkisch in Berlin und Hamburg.
Weitere Länder und wichtige Abkürzungen
In China ist Englisch die erste Fremdsprache in der Grundschule; später kommen beispielsweise Deutsch und Japanisch hinzu. Prüfungen sind unter anderem TOEFL (chinesisch: Tuofu 托福), IELTS (Yasi 雅思) und TestDaf (Defu 德福). In Frankreich ist Englisch meist erste Fremdsprache, in Grenzregionen auch eine Nachbarsprache. Im Collège beginnt der Fremdsprachenunterricht und werden Grundlagen der zweiten Sprache gelegt; im Lycée erfolgt die Vertiefung. Zweite Fremdsprache ist meist Spanisch (44,2 %), danach Deutsch (15,3 %), Latein und Italienisch. Latein wird dort nicht als Fremdsprache, sondern als Sonderform eingeordnet.
In Österreich gibt es ab der ersten Klasse der Volksschule eine verpflichtende, unbenotete Übung in einer lebenden Fremdsprache, zu 98 % Englisch. Möglich sind auch Französisch, Italienisch, Kroatisch, Slowakisch, Slowenisch, Tschechisch oder Ungarisch. In der Sekundarstufe ist Englisch die „Erste Lebende Fremdsprache“ und ein Schularbeitsfach. Eine weitere Sprache kann ab der 7. Schulstufe gewählt werden oder ist je nach Schwerpunkt ab der 9. Schulstufe verpflichtend. Latein wird zunehmend durch Französisch, Spanisch oder Italienisch verdrängt.
In Polen ist ab Klasse 4 eine Fremdsprache Pflicht, meist Englisch. 2008/2009 lernten 83 % der Grundschüler und 79 % der Mittelschüler Englisch; an weiterführenden Schulen wählen 95 % Englisch als erste Fremdsprache. Deutsch folgt, wobei das Interesse seit 2005 sinkt; 2010 lernten noch über 60 % Deutsch. Russisch wird eher im Osten, Deutsch eher im Westen gelernt. Seit dem Wegfall des verpflichtenden Russisch als erster Fremdsprache 1991 ist dessen Bedeutung stark gesunken; 10,1 % der Schulen bieten Russisch und 6,2 % Französisch an. In den USA findet Fremdsprachenunterricht vor allem an Middle Schools, High Schools, Colleges und Kulturzentren statt; an öffentlichen Grundschulen ist er noch selten. Kommerzielle Programme für zu Hause sind etwa das Pimsleur-System, Rosetta Stone und Rocket Languages.
Wichtige Begriffe sind DaF für „Deutsch als Fremdsprache“, DaZ für „Deutsch als Zweitsprache“, CALL für computergestütztes Sprachenlernen, LdL für Lernen durch Lehren und SLA für den Erwerb einer Zweitsprache. EFL bedeutet Englisch als Fremdsprache, ESL Englisch als Zweitsprache. TOEFL ist ein Test für Englisch als Fremdsprache, TOEIC ein Test für Englisch in internationaler Kommunikation; HSK, TOPIK und JLPT sind Tests für Chinesisch, Koreanisch beziehungsweise Japanisch.