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Kriminalgeschichte des Christentums
Das Werk umfasst die Kirchengeschichte von ihren biblischen Ursprüngen bis ins 18. Jahrhundert. Der erste Band ist 1986 erschienen, der abschließende zehnte im …
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Werk, Gegenstand und Ziel
Die „Kriminalgeschichte des Christentums“ ist das zehnbändige Hauptwerk des Schriftstellers und Kirchenkritikers Karlheinz Deschner (1924–2014). Auf mehr als 5000 Seiten behandelt es Verfehlungen, die Deschner christlichen Kirchen, Konfessionen, Sekten, Sonderbünden, ihren Vertretern und christlichen Herrschern zuschreibt. Der dargestellte Zeitraum reicht von den biblischen Ursprüngen bis ins 18. Jahrhundert. Nach 16-jähriger Vorarbeit erschien 1986 der erste Band; der zehnte und letzte folgte am 8. März 2013. Partielle oder vollständige Übersetzungen liegen auf Englisch, Italienisch, Spanisch, Griechisch, Polnisch und Russisch vor.
Deschner will ausdrücklich keine allgemeine Darstellung der positiven und negativen Seiten des Christentums geben. Nach dem Grundsatz „Audiatur et altera pars“ – „Man höre auch die andere Seite“ – versteht er sein Werk als Gegengewicht zu Darstellungen, die das Christentum verherrlichen. Er untersucht nicht allein die Kirchengeschichte, sondern auch nichtkirchliche Erscheinungen des Christentums. Dabei misst er christliches Handeln sowohl an allgemeinen Vorstellungen von Menschlichkeit und Kriminalität als auch an den ethischen Gedanken der synoptischen Evangelien und am christlichen Selbstbild als Religion der Liebe, des Friedens und der guten Botschaft. Zusätzlich verweist er auf kirchliche Forderungen wie die Verbote von Kriegsdienst, Simonie – dem Handel mit kirchlichen Ämtern –, Zins und Wucher.
Seine zentrale These lautet, dass Vertreter einer beanspruchten höchsten Moralinstanz ihre eigenen Ideale nicht nur gelegentlich, sondern fortwährend verfehlt hätten. Die bewusst einseitige Auswahl negativer Vorgänge ist damit Teil seines Programms. Die zusammengetragenen und ausführlich belegten Tatsachen gelten laut Artikel weitgehend als unstrittig; umstritten sind vor allem Deschners Auswahl, seine Interpretationen und seine polemischen Zuspitzungen.
Ursprünge, Antike und Alte Kirche
Band 1 verfolgt Entstehung und Aufstieg des Christentums bis zur römischen Staatsreligion. Deschner beginnt beim Alten Testament: Er behandelt die Landnahme der Israeliten nach dem Rückgang der ägyptischen Herrschaft in Palästina im 14. und 13. Jahrhundert v. Chr., die Vernichtung des kanaanäischen Stadtstaaten-Systems, Todesstrafen der Tora, König Davids Eroberungspolitik sowie Herrschaft und Korruption der Priester. Darin erkennt er einen frühen Zusammenhang zwischen religiösem Anspruch, Gewaltpolitik und „Heiligem Krieg“.
Den Untergang des jüdischen Staates in römischer Zeit deutet er als Voraussetzung dafür, dass Christen sich als das „wahre Israel Gottes“ verstehen konnten. Den christlichen Antijudaismus führt er bis ins Neue Testament zurück und schreibt unter anderem Ephraem, Johannes Chrysostomos, Hieronymus und Hilarius von Poitiers antisemitische Aussagen zu. Kirchenvätern wirft er außerdem Hetze gegen „Ketzer“, Andersgläubige und Heiden vor; Origenes nimmt er als einen der „edelsten Christen“ ausdrücklich aus.
Deschner untersucht ferner Christenverfolgungen, nach seiner Auffassung übertreibende Märtyrerlegenden sowie die frühen Gegner des Christentums Celsus und Porphyrios. Kaiser Konstantin I. habe aus der „Kirche der Pazifisten“ eine „Kirche der Feldpfaffen“ gemacht. Die Aufgabe des vorkonstantinischen Pazifismus bewertet Deschner als „Bankrott der Jesuslehre“. Auch im Königreich Armenien, das 301 als erster Staat das Christentum zur Staatsreligion erhob, hätten sofort schwere Heidenverfolgungen begonnen. Kaiser Julian beurteilt Deschner dagegen charakterlich, ethisch und geistig höher als dessen christliche Vorgänger.
Athanasius beschuldigt er der Skrupellosigkeit sowie des Prestige- und Machtstrebens. Ambrosius erscheint als intoleranter Kirchenpolitiker und fanatischer Judenfeind. Augustinus habe den „gerechten Krieg“ und den „Heiligen Krieg“ sanktioniert. Band 2 beschreibt entsprechend Deschners Sicht die Gewalt und Machtpolitik der spätantiken römischen Kirche, die spätere Kirchenhistoriker häufig beschönigt oder verschwiegen hätten.
Band 3 ist nicht chronologisch, sondern nach „Verbrechensschwerpunkten“ geordnet. Dazu zählen christliche Fälschungen, Wunder- und Reliquienschwindel, die wirtschaftliche Nutzung von Wallfahrten, der Ruin antiker Bildung, Büchervernichtung und Bekämpfung des Heidentums, die Erhaltung der Sklaverei sowie der Gegensatz zwischen kirchlicher Soziallehre und tatsächlicher Sozialpolitik.
Mittelalterliche Kirche, Herrschaft und Gewalt
Band 4 behandelt das Frühmittelalter: die Abspaltung von Byzanz, den beginnenden Krieg gegen den Islam und den Aufstieg der römischen Päpste zu mächtigen Herrschern. Papst Gregor I. erscheint bei Deschner als Vertreter einer doppelten Moral, der Buße und Weltuntergang predigte, zugleich aber seine Macht durch Kerker, Folter, Geiselnahmen, Plünderungen und Bestechung ausgebaut habe. Die Konstantinische Schenkung bezeichnet er als größte Urkundenfälschung der Weltgeschichte. Karl dem Großen wirft er opportunistische Beziehungen zu den Päpsten, die blutige „Schwertmission“ gegen die Sachsen und die Zerstörung des Langobarden- und Awarenreiches vor.
Für das 9. und 10. Jahrhundert beschreibt Band 5 eine enge Verflechtung kirchlicher und weltlicher Macht. Geistliche Fürstentümer entstanden, hohe Kleriker leisteten Kriegsdienst, und unter den Ottonen verfügten Bistümer und Abteien über bedeutendes militärisches Potenzial. Auch Päpste führten Krieg: Leo IV. nahm 849 an der Seeschlacht von Ostia teil, Johannes X. 915 an der Schlacht am Garigliano. Päpste exkommunizierten einander; einige wurden eingekerkert, erwürgt, verstümmelt oder vergiftet. Sergius III. ließ nach Deschners Darstellung zwei Menschen umbringen. Die Pseudoisidorischen Dekretalien gelten als bedeutendste Fälschung der Karolingerzeit.
Band 6 behandelt Heinrich II. den Heiligen, der im Bündnis mit Heiden drei Kriege gegen das katholische Polen führte, sowie Gregor VII. und den Investiturstreit. Dieser Konflikt zwischen Papst und weltlicher Herrschaft führte zum Gang nach Canossa und stärkte den Heiligen Stuhl gegenüber dem Kaiser. Weitere Themen sind das Schisma mit der Ostkirche und die ersten drei Kreuzzüge, darunter das Massaker an allen Einwohnern Jerusalems beim Ersten Kreuzzug.
Band 7 stellt das 13. und 14. Jahrhundert als Epoche weitreichender religiös begründeter Gewalt dar. Behandelt werden Heinrich VI., Innozenz III., der Vierte Kreuzzug, der Kreuzzug Friedrichs II., die Feldzüge Ludwigs IX. nach Ägypten und Tunis, der Kinderkreuzzug, Kreuzzüge von Christen gegen Christen, die Sizilianische Vesper, die Vernichtung der Templer, die gewaltsame Christianisierung des Nordostens und Judenmorde. Die Inquisition beschreibt Deschner als totalitäres Mittel zur Unterdrückung freiheitlicher Bestrebungen.
Reformation, Konfessionskriege und Frühe Neuzeit
Band 8 umfasst das 15. und 16. Jahrhundert. Seine Hauptthemen sind die beginnende Hexenverfolgung, das Abendländische Schisma, die Renaissance-Päpste und die Bekämpfung innerchristlicher Opposition. Als Beispiele behandelt Deschner John Wycliff, Jan Hus und das Konzil von Konstanz sowie Martin Luther und den Bauernkrieg. Die Bände 1 bis 8 erschienen 2005 außerdem gemeinsam auf CD-ROM.
Band 9 reicht von der Mitte des 16. bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts. Unter der Bezeichnung „amerikanischer Holocaust“ behandelt Deschner den Völkermord im Zusammenhang mit Eroberung und Christianisierung Amerikas. Es folgen die Schweizer Reformation mit Huldrych Zwingli und Johannes Calvin, die Gegenreformation, Ignatius von Loyola, die Konfessionalisierung und der Einfluss der Jesuiten auf politische Machthaber.
Einen Schwerpunkt bilden die Machtinteressen und politischen Konstellationen vor und während des Dreißigjährigen Krieges. Deschner untersucht die vordergründig religiös begründeten Ereignisse zugleich im Zusammenhang mit dem weltlichen Macht- und Eroberungsstreben des europäischen Adels. Abschließend schildert der Band die fortdauernden Kriege und das Elend der als „Pax Christiana“ bezeichneten christlichen Friedensordnung nach dem Dreißigjährigen Krieg.
Das 18. Jahrhundert und die Einordnung des Werks
Band 10 schließt die Reihe im 18. Jahrhundert ab und bietet einen Ausblick auf die Folgezeit. Er behandelt das Christentum in Skandinavien bis zu Karl XII., das orthodoxe Christentum in Russland, Prinz Eugen und den Spanischen Erbfolgekrieg, den Siebenjährigen Krieg, den Niedergang des Papsttums, die Verfolgung der Jesuiten, den Josephinismus – die staatlich geprägte Kirchenpolitik unter Joseph II. – sowie Armut als Massenphänomen.
Die Reaktionen auf das Gesamtwerk waren gemischt. Presse und Wissenschaft beschäftigten sich intensiv damit. Anfang Oktober 1992 veranstaltete Hans Reinhard Seeliger in der katholischen Akademie in Schwerte ein dreitägiges Symposium zu den ersten drei Bänden und lud Deschner sowie 22 Fachleute unter anderem aus Kirchengeschichte, Patrologie, Alter Geschichte, Archäologie und Rechtswissenschaft ein. Die Beiträge erschienen 1993 als Anthologie „Kriminalisierung des Christentums? Karlheinz Deschners Kirchengeschichte auf dem Prüfstand“.
Deschner nahm nicht teil, weil er die Grundfragen seines Projekts bereits im Vorwort des ersten Bandes beantwortet sah. Stattdessen reagierte er exemplarisch auf Maria R.-Alföldis Referat „Kaiser Konstantin, ein Großer der Geschichte?“; seine Replik wurde Band 5 vorangestellt. Damit blieb die zentrale Kontroverse bestehen: Das Werk sammelt umfangreich belegte negative Vorgänge der Christentumsgeschichte, erhebt aber bewusst keinen Anspruch auf eine ausgewogene Gesamtdarstellung. Gerade diese Auswahl und Deschners scharfe Wertungen bilden den wichtigsten Ansatzpunkt der Kritik.