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Kreuzfahrerstaaten
Die Kreuzfahrerstaaten (oder genauer: Kreuzfahrerherrschaften) im engeren Sinne sind die als Ergebnis des Ersten Kreuzzugs in Palästina und Syrien …
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Definition und grundlegende Merkmale
Als Kreuzfahrerstaaten oder, genauer, Kreuzfahrerherrschaften bezeichnet man im engeren Sinn vier infolge des Ersten Kreuzzugs in Palästina und Syrien gegründete Staaten: das Königreich Jerusalem mit seinen Vasallen, das Fürstentum Antiochia, die Grafschaft Edessa und die Grafschaft Tripolis. Das Gebiet wurde auch Outremer genannt. Die fortdauernden Kriege zwischen islamischen Mächten halfen den Kreuzfahrern zunächst dabei, das Küstenland der Levante zu besetzen und die Wege für ihren Nachschub offenzuhalten.
Die aus Westeuropa eingewanderten und in den Quellen als Franken bezeichneten Menschen bildeten eine privilegierte Minderheit. Nur wenige von ihnen waren nach kurzer Zeit noch Kreuzfahrer im eigentlichen Sinn. Die Bevölkerungsmehrheit bestand aus nicht-katholischen Christen und Muslimen; außerdem lebten Juden in den Herrschaftsgebieten. Arabisch diente der einheimischen Bevölkerung als Verkehrssprache, obwohl regional auch Syrisch, Armenisch und Griechisch verbreitet waren. Die fränkischen Siedler sprachen überwiegend Französisch, in der Grafschaft Tripolis vor allem Okzitanisch. Die lateinische Elite verwendete in Kirche und Verwaltung häufig Latein.
Entstehung, Expansion und Niedergang
Die Grafschaft Edessa entstand 1098 als erster Kreuzfahrerstaat. Im Jahr 1144 eroberte Zengi, der islamische Herr von Mosul und Aleppo, Edessa während der Abwesenheit Joscelins II. Der Fall der Stadt und das Massaker an ihrer Zivilbevölkerung lösten den Zweiten Kreuzzug von 1146 aus.
Das ebenfalls 1098 gegründete Fürstentum Antiochia wurde unter den normannischen Herrschern Bohemund von Tarent und Tankred von Tiberias durch Eroberungen gegen Muslime und Byzanz erweitert. Raimund von Poitiers musste jedoch 1137 dem byzantinischen Kaiser huldigen. Das inzwischen wirtschaftlich verarmte Antiochia fiel 1268 an den ägyptischen Mamlukensultan Baibars.
Die Grafschaft Tripolis wurde 1109 als letzter der vier Staaten gegründet und Bertrand von St. Gilles als vasallitische Grafschaft des Königreichs Jerusalem übertragen. Später wurde sie von den Fürsten Antiochias mitregiert. 1289 eroberte der Mamlukensultan Qalawun die Grafschaft.
Das Königreich Jerusalem wurde unter Balduin I., dem ersten König von Jerusalem seit 1100, sowie unter Balduin II., Fulko von Anjou und Balduin III. erweitert und gegen die Sarazenen behauptet. 1187 besiegte Saladin die Kreuzfahrer vernichtend bei Hattin und nahm anschließend Jerusalem sowie den Großteil des Königreichs ein. Unter Richard Löwenherz gewannen die Christen 1191 Akkon zurück. Ein Vertrag mit Saladin sicherte ihnen 1192 die Herrschaft über den Küstenstreifen von Tyrus bis Jaffa. Der Deutsche Kreuzzug eroberte 1197 den Küstenstreifen von Tyrus bis Tripolis zurück.
Friedrich II. gewann auf seinem Kreuzzug 1229 Jerusalem und weitere Gebiete auf diplomatischem Weg zurück und krönte sich zum König von Jerusalem. Während des Kreuzzugs der Barone eroberten Theobald von Champagne und Richard von Cornwall 1239–1241 Askalon und die Gebiete westlich des Jordans zurück. Jerusalem ging 1244 endgültig verloren. Das durch innere Kämpfe geschwächte Akkon, zuletzt Mittelpunkt des Königreichs, fiel nach einer Belagerung 1291 an den Mamlukensultan Chalil. Noch im selben Jahr räumten die Christen den Rest Palästinas und flohen nach Zypern. Ausnahmen waren zunächst Gibelet (Byblos), das 1298 erobert wurde, und die Inselfestung Ruad vor der syrischen Küste, die 1302 fiel. Die nach Zypern vertriebenen Johanniter eroberten ab 1306 Rhodos und herrschten dort bis zur osmanischen Eroberung von 1522.
Bevölkerung, Zusammenleben und Wirtschaft
Die lateinisch-christlichen Franken bildeten während der gesamten Zeit nur eine dünne Herrschaftsschicht. Sie lebten hauptsächlich in Städten, besonders in Küstenstädten, und in Festungen. Auch auf dem Land siedelten Franken, anscheinend bevorzugt in Gebieten mit überwiegend ostchristlicher statt muslimischer Bevölkerung. Ostchristen und Muslime stellten je nach Region die Mehrheit, vor allem auf dem Land; hinzu kam eine kleine jüdische Minderheit.
Zwischen Franken, Muslimen und Ostchristen entwickelte sich trotz religiöser, ethnischer und kultureller Unterschiede ein Modus vivendi, also eine praktische Form des Zusammenlebens und der Zusammenarbeit. Dies war besonders für die Wirtschaft wichtig, entsprach aber nicht Toleranz und Integration im modernen Sinn. Weil nicht genügend christliche Siedler aus Europa kamen, duldeten die Franken die muslimische Bevölkerung, gewährten ihr einige Rechte und erhoben dafür Steuern. Für muslimische Bauern änderte sich wahrscheinlich wenig: Sie zahlten ihre Steuern und Abgaben nun an andere Herren, wurden ansonsten aber weitgehend in Ruhe gelassen.
Auch im Handel arbeiteten die Gruppen zusammen. Muslimische Händler führten Karawanen mit Waren in christlich beherrschte Gebiete, wo die Franken Zölle verlangten. Christliche Beamte mit Arabischkenntnissen unterstützten diesen Handel. In der Spätzeit wurden die Kreuzfahrerstaaten für die meisten Produkte zum führenden Handelszentrum der Levante. Grundlage waren ein komplexes Verkehrs- und Kommunikationsnetz sowie die gewinnbringende Herstellung von Zuckerrohr, Seide, Baumwolle und Glaswaren. Dadurch erreichten Antiochia, Tripolis, Beirut, Tyros und besonders Akkon im 13. Jahrhundert bemerkenswerten Wohlstand.
Wichtige Berichte über Gesellschaft und Alltag stammen auf christlicher Seite von Wilhelm von Tyrus und Fulcher von Chartres. Auf islamischer Seite liefern der Diplomat Usama ibn Munqidh und der Pilger und Reiseschriftsteller Ibn Dschubair Einblicke.
Weitere Herrschaften im Umfeld der Kreuzzüge
Im weiteren Sinn werden mehrere andere christliche Herrschaften mit den Kreuzzügen verbunden. Dazu zählt das Königreich Zypern, das während des Dritten Kreuzzugs entstand. Richard Löwenherz eroberte die Insel auf dem Weg ins Heilige Land. Danach war sie bis 1489 das Herrschaftsgebiet der entthronten Könige von Jerusalem. Das von einheimischen Herrschern auf der Flucht vor den Seldschuken gegründete Königreich Kleinarmenien bestand rund 300 Jahre.
Nach der Eroberung von Teilen des Byzantinischen Reiches im Vierten Kreuzzug entstanden 1204 das Lateinische Kaiserreich, das Königreich Thessaloniki, das Herzogtum Athen und das Fürstentum Achaia. Zusätzlich gründeten die Venezianer in der Ägäis das Herzogtum Archipelagos. Thessaloniki und das Lateinische Kaiserreich wurden bis 1261 von den Byzantinern zurückerobert. Nachfolger der Kreuzfahrer herrschten in Athen, auf der Peloponnes und in Morea bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts.
Karl von Anjou, König von Sizilien, eroberte 1271 den Norden des Despotats Epirus und gründete dort 1272 das bis 1368 bestehende Königreich Albanien, das Regnum Albaniae. Unter dem Einfluss des Königreichs Neapel stand außerdem die Pfalzgrafschaft Kefalonia und Zakynthos. Im Jahr 1319 gründete die Katalanische Kompanie in Mittelgriechenland das Herzogtum Neopatria, das zusammen mit dem Herzogtum Athen zur Krone Aragon gehörte.
Eigene Münzen
Die Kreuzfahrerstaaten prägten eigene Münzen nach europäischen und byzantinischen Vorbildern, nahmen dabei aber auch orientalische Einflüsse auf. Vermutlich seit den 1140er Jahren wurden arabische Golddinare mit fehlerhafter Schrift nachgeprägt. Papst Innozenz IV. verbot diese Prägungen 1251. Danach durften die Münzen nur noch christliche Inhalte zeigen, obwohl arabische Schrift weiterhin zulässig war. In der Numismatik, der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Münzen, bilden die Prägungen der Kreuzfahrerstaaten ein eigenes Sammelgebiet.