Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Erster Kreuzzug
Der Erste Kreuzzug war ein christlicher Kriegszug zur Eroberung Palästinas, zu dem Papst Urban II. im Jahre 1095 aufgerufen hatte.
Inhalt5 Abschnitte
Überblick, Ziele und Bedeutung
Der Erste Kreuzzug war ein christlicher Kriegszug in den Nahen Osten. Papst Urban II. rief 1095 dazu auf; 1096 begann der Zug, 1099 endete er mit der Einnahme Jerusalems durch ein Kreuzfahrerheer. Ursprünglich sollten westliche Kämpfer das Byzantinische Reich gegen die türkischen Seldschuken unterstützen. Zugleich sollten Jerusalem und andere heilige Stätten unter christliche Herrschaft gebracht werden. Der Kreuzzug bestand zunächst aus einer unorganisierten Bewegung einfacher Menschen und anschließend aus mehreren besser organisierten Ritterheeren aus Frankreich, Deutschland und Italien.
Die wichtigsten militärischen Stationen waren Nicäa, Doryläum, Antiochia, Jerusalem und Askalon. Als Ergebnis entstanden mehrere Kreuzfahrerstaaten. Jerusalem blieb 88 Jahre unter christlicher Herrschaft. Die im Artikel genannten Gesamtzahlen von 130.000 Kreuzfahrern und 115.000 bis 120.000 Verlusten stehen neben neueren, deutlich niedrigeren Schätzungen für einzelne Phasen des Zuges.
Ursachen und päpstlicher Aufruf
Palästina gehörte bis zur arabischen Eroberung von 637 zum Oströmischen beziehungsweise Byzantinischen Reich. Nach der byzantinischen Niederlage bei Manzikert 1071 eroberten die Seldschuken große Teile Anatoliens und Antiochia. Kaiser Alexios I. Komnenos bat deshalb das lateinische Europa um militärische Hilfe. Berichte byzantinischer Gesandter stellten die Entweihung heiliger Stätten und die Not der Christen besonders dramatisch dar. Daneben gab es Berichte über tatsächliche Übergriffe auf Christen und Pilger sowie über die Zerstörung der Grabeskirche im Jahr 1009. Um 1073 verloren die Fatimiden Jerusalem an die weniger toleranten Seldschuken; 1098 gewann der fatimidische Wesir al-Afdal Schahanschah die Stadt zurück.
Auf der Synode von Clermont, die vom 18. bis 28. November 1095 stattfand, rief Urban II. am 27. November zum Kreuzzug auf. Er schilderte die Leiden der Christen im Osten und forderte die Befreiung der heiligen Stätten. Die überlieferten Fassungen seiner Rede unterscheiden sich; auch die unmittelbare begeisterte Reaktion der Menge ist zweifelhaft, da Urban Latein sprach. Als späteres Motto gilt „Deus lo vult!“ („Gott will es!“). Den Teilnehmern wurde Ablass, also der Erlass von Sündenstrafen, zugesagt. Wanderprediger verbreiteten den Aufruf weiter.
Neben religiösen Zielen verfolgte das Papsttum machtpolitische Interessen. Urban wollte die römisch-katholische und die orthodoxe Kirche wieder vereinigen, die Autorität des Papstes stärken und die Fehden des europäischen Adels auf einen gemeinsamen äußeren Gegner umlenken. Begünstigt wurde der Aufruf durch starke Religiosität, verbreitete Endzeiterwartungen, die Beliebtheit von Wallfahrten und die Aussicht besitzarmer Adelssöhne auf Land und Beute. Die Vereinigung mit der Ostkirche scheiterte jedoch an den politischen Gegensätzen.
Volkskreuzzug und Ritterheer
Im Frühjahr 1096 brach der sogenannte Volkskreuzzug auf. Er bestand vor allem aus einfachen Menschen, Bauern und ihren Familien, umfasste aber auch Angehörige des niederen Adels und einzelne Ritter. Prediger wie Peter von Amiens führten die kaum organisierte Bewegung. Bereits in Ostfrankreich und im Rheinland, unter anderem in Köln, Mainz und Worms, verübten Teilnehmer besonders grausame Judenverfolgungen. Auf dem Balkan kam es zu Plünderungen und Ausschreitungen. Kaiser Alexios I. ließ die Menge nach ihrer Ankunft in Konstantinopel schnell über den Bosporus bringen. Im Oktober 1096 vernichteten die Rum-Seldschuken bei Nicäa einen großen Teil des undisziplinierten Heeres. Die Überlebenden kehrten nach Konstantinopel zurück.
Daneben formierte sich ein besser organisiertes Heer aus Franzosen, Flamen, Lothringern sowie französischen und süditalienischen Normannen. Zu seinen Anführern gehörten Gottfried von Bouillon, Bohemund von Tarent, Raimund IV. von Toulouse, Balduin von Boulogne, Robert von der Normandie, Robert von Flandern und Hugo von Vermandois. Adhemar de Monteil war der päpstliche Legat. Einen gemeinsamen Oberbefehlshaber gab es nicht, was wiederholt Konflikte verursachte. Der deutsche König Heinrich IV. und der französische König Philipp I. nahmen nicht teil, weil beide mit dem Kirchenbann belegt waren.
Die Teilheere trafen zwischen November 1096 und April 1097 in Konstantinopel ein. Neuere Schätzungen nennen rund 7000 Ritter und adlige Herren, 22.000 Fußkämpfer und einschließlich Unbewaffneter insgesamt etwa 50.000 bis 60.000 Menschen. Alexios misstraute besonders den Normannen und verlangte von den Anführern einen Lehnseid: Ehemals byzantinische Gebiete, die sie eroberten, sollten seiner Oberhoheit unterstehen.
Von Kleinasien bis Jerusalem
Ab Mai 1097 belagerten die Kreuzfahrer Nicäa, die Hauptstadt der Rum-Seldschuken. Am 21. Mai schlugen sie ein Entsatzheer Sultan Kilidsch Arslans I. Am 19. Juni ergab sich Nicäa jedoch einer byzantinischen Abteilung, sodass die Kreuzfahrer die Stadt nicht plündern konnten. Am 1. Juli besiegten sie Kilidsch Arslan I. erneut in der Schlacht von Doryläum; damit war der weitere Weg durch Kleinasien frei. Balduin von Boulogne trennte sich vom Hauptheer und gründete 1098 unter Bruch seines Lehnseides die Grafschaft Edessa, den ersten Kreuzfahrerstaat.
Das Hauptheer belagerte Antiochia ab Oktober 1097 sieben Monate lang. Hunger führte zu zahlreichen Todesfällen und Desertionen. Im Juni 1098 fiel die Stadt durch Verrat; alle nichtchristlichen Einwohner wurden getötet. Fünf Tage später schloss ein muslimisches Entsatzheer aus Mossul, Aleppo und Damaskus die Kreuzfahrer ein. Der Artikel nennt dafür 200.000 Mann, während sich in Antiochia einschließlich der Nichtkämpfenden nur noch etwa 20.000 Menschen befunden hätten. Der angebliche Fund der Heiligen Lanze stärkte ihre Moral. Sie schlugen das durch innere Konflikte geschwächte Entsatzheer in die Flucht. Bohemund gründete daraufhin unter erneutem Bruch des Lehnseides das Fürstentum Antiochia.
Hunger und Seuchen dauerten an. Bei der Eroberung von Maarat an-Numan im Dezember 1098 kam es laut zeitgenössischen Berichten zu Kannibalismus. Am 13. Januar 1099 zog Raimund von Toulouse mit etwa 14.000 kampffähigen Männern, darunter rund 1500 Ritter, weiter. Eine Belagerung der Burg Arqa wurde am 13. Mai erfolglos abgebrochen. Entlang der Küste brachten die Kreuzfahrer mehrere Hafenstädte, darunter Jaffa, unter ihre Kontrolle.
Anfang Juni erreichten sie das seit 1098 von den ägyptischen Fatimiden beherrschte Jerusalem. Wassermangel, Hitze, Seuchen und Angriffe der Verteidiger schwächten das Heer. Ein erster Angriff am 13. Juni scheiterte. Nachdem Holz aus Samaria beschafft und daraus Belagerungstürme, Rammen und Katapulte gebaut worden waren, nahmen die Kreuzfahrer Jerusalem am 15. Juli 1099 nach einem fünfwöchigen Kampf ein. Beim anschließenden Massaker wurden Muslime, Juden sowie koptische und syrische Christen getötet. Muslimische Quellen nannten 70.000, christliche Schätzungen 10.000 Tote; die jüngere Forschung hält diese Zahlen für übertrieben und geht auf Grundlage einer hebräischen Quelle von etwa 3000 Opfern und vielen Gefangenen aus.
Gottfried von Bouillon wollte in der Stadt, in der Jesus die Dornenkrone getragen hatte, nicht zum König gekrönt werden. Er wurde „advocatus sancti sepulchri“, also „Beschützer des Heiligen Grabes“, und Regent des Königreichs Jerusalem. Nach seinem Sieg über ein fatimidisches Heer bei Askalon endete der Erste Kreuzzug.
Kreuzfahrerstaaten und langfristige Folgen
Der Kreuzzug führte zur Entstehung von vier Kreuzfahrerstaaten: der Grafschaft Edessa, dem Fürstentum Antiochia, der Grafschaft Tripolis und dem Königreich Jerusalem. Nach Gottfrieds Tod im Jahr 1100 wurde sein Bruder Balduin von Boulogne König von Jerusalem. Raimund IV. von Toulouse errichtete 1109 die Grafschaft Tripolis. Die Staaten waren wegen ihrer inneren Streitigkeiten und der geringen Zahl verfügbarer Kämpfer dauerhaft gefährdet. Gleichzeitig schlossen sich die zuvor uneinigen muslimischen Mächte stärker zusammen. Die spätere Eroberung Edessas wurde zu einem Anlass für den Zweiten Kreuzzug; unmittelbar auf den Ersten Kreuzzug folgte zunächst der Kreuzzug von 1101.
Die Eroberung mehrerer Küstenstädte ließ den Handel mit dem Orient stark wachsen. Davon profitierten besonders italienische Hafenstädte wie Genua und Venedig. Der Kontakt mit der byzantinischen und arabischen Welt förderte außerdem die kulturelle Entwicklung des Abendlandes. Die wiederholten Brüche der Lehnseide gegenüber Alexios I. belasteten das Verhältnis zu Byzanz und bereiteten weitere Konflikte vor. Zugleich prägte der Kreuzzug spätere Auseinandersetzungen mit der islamischen Welt und förderte in Westeuropa gemeinsame, stärker christlich bestimmte ritterliche Ideale.
Wie stark die Ereignisse seit dem Mittelalter im muslimischen Gedächtnis fortwirkten, ist umstritten. Amin Maalouf sieht besonders im Massaker und Kannibalismus von Ma’arrat al-Numan ein fast tausendjähriges kollektives Trauma. Thomas Asbridge widerspricht: Die Kreuzzüge hätten in der muslimischen Welt jahrhundertelang kaum eine Rolle gespielt. Erst im 19. Jahrhundert sei das Interesse gewachsen; der arabische Ausdruck „al-hurub al-Salabiyya“ für „Kreuz-Kriege“ sei um 1865 in Übersetzungen französischer Geschichtsbücher aufgetreten. Als entscheidenden Wendepunkt nennt Asbridge die Gründung Israels 1948. Danach seien die Kreuzzüge und Persönlichkeiten wie Saladin zunehmend politisch instrumentalisiert worden.