Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Koptisch-orthodoxe Kirche
Geschichte. Bearbeiten. Die koptische Kirche geht auf das alexandrinisch-ägyptische Christentum der Spätantike (Patriarchat von Alexandrien) zurück. Die …
Inhalt5 Abschnitte
Profil und Bedeutung
Die Koptisch-Orthodoxe Kirche von Alexandrien ist die altorientalische Kirche Ägyptens. Je nach Quelle gehören ihr dort etwa 5 bis 11 Millionen Menschen an; wegen der gesellschaftlichen Situation der Kopten sind genaue Zahlen schwer zu ermitteln. Kleinere Gemeinden bestehen unter anderem in Libyen und im Sudan sowie in Europa, Asien, Amerika und Australien. Seit 2012 steht Papst Tawadros II. an ihrer Spitze.
Die Kirche versteht sich als Fortsetzung des alexandrinisch-ägyptischen Christentums der Spätantike. Nach ihrer Überlieferung wurde sie vom Evangelisten Markus gegründet, der ihr erster Bischof gewesen und 68 n. Chr. in Alexandria als Märtyrer gestorben sein soll. Deshalb heißen ihr Oberhaupt „Papst von Alexandrien und Patriarch des Stuhls des heiligen Markus“ und die Kirche auch alexandrinische Kirche.
Die Bezeichnung „koptisch“ bedeutete ursprünglich „ägyptisch“ und wurde nach der arabischen Eroberung für die einheimische Bevölkerung verwendet. Später bezeichnete sie allgemein die ägyptischen Christen. Der Name Koptisch-Orthodoxe Kirche unterscheidet diese Kirche von der koptisch-katholischen Kirche und von protestantischen Kirchengründungen in Ägypten.
Geschichtliche Entwicklung
Ägyptische Christen litten besonders unter der Christenverfolgung Kaiser Diokletians von 303 bis 311. Die koptische Kirche versteht sich deshalb als Märtyrerkirche. Ihre eigene Zeitrechnung, die „Ära der Märtyrer“, beginnt mit Diokletians Herrschaftsantritt am 29. August 284.
Alexandria war in der Spätantike ein wichtiges Zentrum christlicher Gelehrsamkeit. Zu den bedeutenden Vertretern seiner theologischen Schule gehörten Clemens von Alexandria, Origenes, Didymus der Blinde und Athanasius der Große. Auch das christliche Mönchtum in seinen Formen als Einsiedlerleben und als gemeinschaftliches Klosterleben entstand bei den Kopten. Als wichtige Gründer gelten Antonius (um 251–356) und Pachomios (um 292–346). Bis heute ist die gesamte Kirche stark vom Mönchtum geprägt.
Entscheidend war das Konzil von Chalcedon 451. Die Mehrheit der ägyptischen Christen lehnte dessen Formel ab, Jesus Christus habe zwei Naturen, die „unvermischt, unverwandelt und ungetrennt“ seien. Dadurch trennten sich die nicht-chalcedonischen oder altorientalischen Kirchen, darunter Kopten, Syrer, Armenier und Äthiopier, von den chalcedonischen orthodoxen und katholischen Kirchen. Byzantinische Herrscher versuchten, die chalcedonische Lehre durchzusetzen, und reagierten auf Widerstand mit Repression. Neue Klöster wurden zu Zentren dieses Widerstands; zugleich entwickelte sich Koptisch zur Literatursprache.
Nach persischer Besetzung und erneuten byzantinischen Einigungsversuchen eroberte ʿAmr ibn al-ʿĀs in etwa zwei Jahren Ägypten und Alexandria. Die islamische Eroberung von 642 beendete zunächst die byzantinische Verfolgung. Patriarch Benjamin I. konnte aus dem Exil zurückkehren, und die Kirche erhielt Gebäude und Land zurück. Kopten blieben besonders in der Verwaltung und im Finanzwesen tätig. Hohe Abgaben führten seit 725 zu Aufständen, deren Höhepunkt die baschmurische Erhebung 829/30 war. Einer relativ toleranten Phase unter den Fatimiden folgten stärkere Repressionen unter den Mamluken. Seit dem 12. Jahrhundert traten viele Kopten zum Islam über; 1321 wurden zahlreiche Kirchen und Klöster niedergebrannt.
Versuche einer Vereinigung mit der römisch-katholischen Kirche in den Jahren 1442, 1741, 1895 und 1947 führten nicht zu einer dauerhaften Union, aber zur Entstehung der konkurrierenden koptisch-katholischen Kirche mit etwa 200.000 Gläubigen.
In der modernen Epoche gründete Patriarch Kirellos IV. (1854–1861) öffentliche Schulen für Jungen und Mädchen und eine Druckerei. Während seiner Amtszeit entfiel die Sondersteuer für Christen, zugleich wurden Kopten zum Militärdienst eingezogen. Die ägyptische Verfassung von 1923 stellte Christen und Muslime formell gleich. 1954 trat die Kirche dem Ökumenischen Rat der Kirchen bei. Unter Kirellos VI. (1959–1971) blühten die Klöster erneut auf. Seit 1964 näherten sich orthodoxe und altorientalische Kirchen durch Konsultationen an.
1968 wurde in Kairo die neue Markuskathedrale geweiht. Im selben Jahr übergab die römisch-katholische Kirche einen Teil der venezianischen Reliquien des heiligen Markus, die in der Krypta der Kathedrale verwahrt werden. 1988 nahmen beide Kirchen eine gemeinsame Formulierung an, durch die die seit Chalcedon bestehenden theologischen Meinungsverschiedenheiten nach mehr als 1500 Jahren weitgehend ausgeräumt wurden.
Glaubenslehre und religiöses Leben
Grundlagen der Lehre sind die Heilige Schrift und die kirchliche Überlieferung. In der koptischen Bibel gilt das 3. Makkabäerbuch als kanonisch, während das Buch der Sprüche zweigeteilt wird. Herausragende Bedeutung besitzt das Konzil von Nicäa; weitere anerkannte ökumenische Konzilien gelten als Bestätigungen von Nicäa. Autorität haben außerdem verschiedene alte Konzilskanones, apostolische und pseudo-apostolische Schriften, Schriften der Kirchenväter, Konstitutionen der Patriarchen von Alexandria und liturgische Bücher.
Die koptische Kirche lehnt die Lehre des Eutyches ab, nach der die menschliche Natur Jesu von seiner göttlichen gleichsam aufgesogen werde. Sie versteht sich daher nicht als monophysitisch, sondern als miaphysitisch: Jesus besitzt eine vereinte gott-menschliche Natur. Diese Einheit wird mit Feuer und Eisen in einem glühenden Eisenstück verglichen. Die Kirche beruft sich auf die Konzilien von Nicäa, Konstantinopel und Ephesos und verwendet das Glaubensbekenntnis von Nicäa in seiner ursprünglichen Form.
Kirchenrechtlich versteht sie die Gesamtkirche als Gemeinschaft unabhängiger Partikularkirchen, also eigenständiger Teilkirchen. Sie erkennt die alten Patriarchate sowie einen Ehrenvorrang Roms als Gründung des Petrus an. Alexandria gilt als Gründung des Markus, der als Sprecher des Petrus verstanden wird.
Kennzeichnend sind eine ausgeprägte Marien- und Heiligenverehrung, Wallfahrten und eine ausführliche Engellehre. Zulässig sind religiöse Bilder, aber keine Statuen. Die Fastendisziplin ist streng: An den wöchentlichen Fastentagen Mittwoch und Freitag sowie während vier Hauptfastenzeiten wird auf Fleisch, Eier, Milch, Butter und Käse, meistens auch auf Fisch verzichtet. Besondere Bedeutung haben außerdem Bildung, soziale Dienste, Jugendarbeit und die mit ihr verbundene Sonntagsschulbewegung. Für soziale Dienste und Ökumene besteht ein eigenes Bischofsamt.
Gottesdienst und Gebet
Die Liturgie folgt dem koptischen Ritus, der auf dem alexandrinischen Ritus beruht. Seit dem 2. Jahrhundert wurde neben Griechisch auch Koptisch für Bibellesung, Gebet und Predigt verwendet. Seit dem Mittelalter ist Koptisch vor allem Sakralsprache; heute dient der bohairische Dialekt als Liturgiesprache. Das Katameros legt die Schriftlesungen im Kirchenjahr fest, das Synaxarion ordnet Lebensbeschreibungen von Heiligen und Märtyrern nach dem Kalender.
Für jede Eucharistiefeier bäckt der Sakristan ein rundes Sauerteigbrot von etwa 18 cm Durchmesser. Ein Brotstempel prägt 12 Kreuze und die koptische Inschrift „Heiliger Gott, Heiliger Allmächtiger, Heiliger Unsterblicher“ ein. Die Eucharistie kann nach drei Formen gefeiert werden: der Basilius-Anaphora an gewöhnlichen Tagen, der Markus- oder Kyrillos-Anaphora in Fasten- und Adventszeit sowie der Gregorios-Anaphora an Festtagen. Eine Anaphora ist das zentrale eucharistische Hochgebet. Die Basilius-Anaphora ist am kürzesten; die sehr lange Markus-Anaphora wird selten verwendet. Ein Gottesdienst dauert ungefähr drei Stunden. Liturgische Texte werden häufig rezitiert statt gesungen.
Der Eucharistie gehen Morgenweihrauch, die Gebete der dritten und sechsten Stunde sowie die Liturgie des Wortes mit Lesungen, Evangelium und Predigt voraus. Danach folgt die Anaphora mit Fürbitten, Heiligengedächtnis und Kommunion. Weihrauch wird in Kirchen und Klöstern täglich morgens und abends dargebracht und verweist symbolisch auf den Jerusalemer Tempel. Vor der Kommunion spricht der Priester die „Homologia“, ein Bekenntnis dazu, dass der Leib Christi mit seiner Gottheit „ohne Vermischung, ohne Verquickung und ohne Veränderung“ vereint sei.
Die starke monastische Prägung zeigt sich besonders im Stundengebet. Seit dem 14. Jahrhundert sind sieben Horen, also feste Gebetszeiten, anerkannt: Matutin, Terz, Sext, Non, Vesper, Komplet und Nokturnen. Zu jeder gehören umfangreiche Psalmengebete, meist zwölf Psalmen; im Morgengebet sind es seit neuerer Zeit 19. Sie werden auf mehrere Sprecher verteilt und leise rezitiert, während die biblischen Lesungen lauter vorgetragen werden.
Leitung, Organisation und Verbreitung
An der Spitze steht der Papst von Alexandrien. Tawadros II. wurde nach einem längeren Beratungsprozess unter Beteiligung aller koptischen Bischöfe und der ägyptischen Regierung am 4. November 2012 durch Los unter den letzten drei Kandidaten bestimmt und am 18. November 2012 eingesetzt. Offiziell hat das Oberhaupt seinen Sitz in Kairo und Alexandria; tatsächlich wurde das Patriarchat bereits 1047 nach Kairo verlegt. Dort liegen in ʿAbbāsīya die 1968 geweihte Markuskathedrale und der päpstliche Palast. Die Markuskathedrale in Alexandria bleibt Konkathedrale.
Die Kirche besitzt ungefähr 90 Diözesen, davon etwa 60 in Ägypten. Zu den rund 140 Geistlichen im Bischofsrang zählen der Patriarch, 16 Metropoliten und 40 Generalbischöfe ohne eigene Diözese. Es bestehen mehr als 80 Klöster, von denen über 20 von Bischöfen geleitet werden. In Kairo gibt es seit 1893 ein Priesterseminar und seit 1953 eine theologische Fakultät.
Die meisten Quellen schätzen den christlichen Anteil an Ägyptens Bevölkerung auf 5 bis 10 Prozent; mehr als 90 Prozent dieser Christen seien Kopten. Koptische Quellen und der Fischer Weltalmanach von 2008 nannten dagegen 12 bis 15 Prozent Kopten. Diese Angaben sind ausdrücklich Schätzungen.
Die äthiopisch-orthodoxe Tewahedo-Kirche mit ungefähr 40 Millionen Mitgliedern besitzt seit 1959 einen eigenen Patriarchen und erhielt 1994 volle Unabhängigkeit. Sie erkennt den Papst von Alexandrien weiterhin als Ehrenoberhaupt und die koptische Kirche als Mutterkirche an. Die eritreisch-orthodoxe Tewahedo-Kirche mit etwa 2 Millionen Mitgliedern wurde 1998 autokephal, also kirchenrechtlich selbstständig; ihr Patriarchenthron ist jedoch umstritten.
Außerhalb Ägyptens bestehen Gemeinden und Diözesen in Afrika, Europa, Asien, Amerika und Australien. Im deutschen Sprachraum gibt es Diözesen für Norddeutschland, Süddeutschland sowie Österreich und die Deutschschweiz. Für Österreich werden etwa 5.000 Gläubige genannt; dort ist die Kirche seit 2003 staatlich anerkannt. In den Vereinigten Staaten bestehen drei Diözesen mit deutlich mehr als einer Million Kopten. Für Australien werden etwa 100.000 Gläubige, besonders in Sydney und Melbourne, angegeben. Weitere Gemeinden existieren unter anderem in Kanada, Brasilien, Bolivien, Israel, Libanon, Syrien und zahlreichen europäischen Ländern.