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Johannes Tinctoris
... Pausenwerte, Imperfektion, Alteration, Punkte und Proportionen, bis zu den Grundlagen der Kirchentonarten (Modi) und des Kontrapunkts. Dabei hat er auch die …
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Bedeutung und musiktheoretische Leistung
Johannes Tinctoris (um 1435–vor dem 12. Oktober 1511) war ein franko-flämischer, genauer franko-burgundischer Komponist, Musiktheoretiker, Sänger und Kleriker der Renaissance. Seine herausragende Bedeutung liegt in seinen Schriften: Sie bieten die erste eingehende und systematische Darstellung der theoretischen Grundlagen der franko-flämischen Polyphonie des 15. Jahrhunderts. Polyphonie bezeichnet mehrstimmige Musik, bei der mehrere selbstständige Stimmen gleichzeitig erklingen.
Sein Terminorum musicae diffinitorium kann als frühestes musikalisches Lexikon gelten. Darin sind gebräuchliche musikalische Begriffe alphabetisch geordnet und definiert. Die Schrift wurde 1472 verfasst; bei der Druckangabe nennt der Artikel einerseits Treviso um 1473, im Werkverzeichnis jedoch Treviso 1495.
Tinctoris behandelte die zentralen Bereiche der praxisorientierten Musiklehre seiner Zeit:
- Solmisation, also das Bezeichnen und Erlernen von Tonhöhen mit Tonsilben;
- Mensurallehre, die Lehre von Noten- und Pausenwerten;
- Imperfektion und Alteration, also Regeln zur Veränderung musikalischer Zeitwerte;
- Punkte und Proportionen;
- die Grundlagen der Kirchentonarten, auch Modi genannt;
- den Kontrapunkt, also die regelgeleitete Verbindung mehrerer selbstständiger Stimmen.
Außerdem erörterte er Ursprung und Wirkungen der Musik, Fragen, die im Humanismus erneut diskutiert wurden. Unklar ist, ob seine verlorene Schrift De inventione et usu musice auch Themen der musica speculativa, also der stärker allgemein-theoretischen Musiklehre, behandelte.
Tinctoris bezeichnete die Musik seiner Zeit als „ars nova“. Als deren Ursprung nannte er John Dunstable; bis in seine Gegenwart sah er diese neue Kunst vor allem bei Guillaume Dufay, Gilles Binchois, Johannes Ockeghem, Antoine Busnoys, Johannes Regis und Firminus Caron verwirklicht. Die „Anglici“ kritisierte er, weil sie bei einem einzigen Satzverfahren stehen geblieben seien. Er behauptete sogar, nur Kompositionen aus den letzten 40 Jahren seien hörenswert; ob diese Zeitangabe wörtlich oder symbolisch gemeint war, ist offen.
Seine Schriften waren zugleich Würdigung und Kritik der zeitgenössischen Musik. Tinctoris warf Musikern teilweise mangelnde mathematische und lateinische Kenntnisse vor und verfolgte damit eine pädagogische Absicht: Die Musikpraxis sollte verbessert und korrigiert werden.
Obwohl seine theoretischen Werke zunächst nicht umfassend gedruckt verbreitet wurden, fanden sie im 16. Jahrhundert große Beachtung. Franchinus Gaffurius bezeichnete Tinctoris als „auctoritas“; bis in die 1530er Jahre wurde er unter anderem von Pietro Aron und Giovanni Del Lago zitiert. Im deutschsprachigen Raum blieb er durch die gedruckten Traktate Gaffurius’ bekannt, etwa bei Nicolaus Wollick, Andreas Ornitoparchus, Sebald Heyden, Adrianus Petit Coclico und Hermann Finck, der ihn 1556 zu den „novi inventores“ zählte.
Sein kompositorisches Werk ist im Vergleich zu seinem theoretischen Schaffen klein. Es ist jedoch nicht sicher, ob dies seinem tatsächlichen Umfang oder Lücken der Überlieferung entspricht. Seine Messen stehen besonders in der Tradition Ockeghems, Busnoys’ und Regis’. Sie verwenden unter anderem die Motto-Technik am Anfang und Ende der einzelnen Messteile. Vor allem in den Motetten und Chansons zeigt sich ein breites Spektrum kompositorischer Lösungen.
Leben und Wirken
Tinctoris wurde um 1435 in Braine-l’Alleud (Eigenbrakel) bei Nivelles in Brabant geboren. Sein Vater Martin le Taintenier war Magistratsrat oder Schöffe. Vermutlich erhielt Tinctoris seine frühe musikalische Ausbildung in Nivelles.
Der erste direkte Nachweis stammt vom 11. Juli 1460. Er erhielt damals eine Bezahlung für vier Monate Dienst als „petit vicaire“ an der Kathedrale von Cambrai. Dort kam er sicher mit Guillaume Dufay in Kontakt, der zu dieser Zeit „maître des petits vicaires“ war. 1462/63 ist Tinctoris als Succentor an der Kathedrale Sainte-Croix in Orléans belegt. Am 1. April 1463 bezeichnete er sich selbst als „choralium pedagogus“. Zugleich war er als Student der Deutschen Nation an der Universität Orléans eingeschrieben.
Am 1. April 1463 wurde Tinctoris in einer Versammlung der suppositi dieser Abteilung zum Prokurator gewählt. Zu seinen Aufgaben gehörten die Organisation der Generalversammlungen sowie Verwaltungsangelegenheiten bezüglich Matrikelbuch, Gütern, Siegeln, Archiven und Finanzen. Seine Amtszeit endete am 26. Juni 1463. Nach eigener Aussage unterrichtete er anschließend bis 1472 die Chorknaben an der Kathedrale von Chartres. In dieser Zeit erwarb er offenbar einen bedeutenden Ruf. In Loyset Compères Sänger-Motette Omnium bonorum plena, die spätestens 1472 erschien, wird er neben bedeutenden Komponisten seiner Zeit genannt.
In den frühen 1470er Jahren wurde Tinctoris Kaplan und Sänger am Hof des Königs von Aragón in Neapel. Er blieb dort bis etwa 1475. Die Hofkapelle König Ferrantes I. umfasste 26 Sänger, zwei Organisten und zahlreiche Instrumentalisten und gehörte damit zu den größten Italiens. Tinctoris übernahm neben musikalischen auch administrative und rechtliche Aufgaben. 1474/75 übersetzte er im Auftrag des Königs das Statut des Ordens vom Goldenen Vlies aus dem burgundischen Französisch ins Italienische. Außerdem war er Musiklehrer („preceptor“) von Beatrix von Aragón, der Tochter Ferrantes.
Danach ist sein Lebenslauf nur bruchstückhaft überliefert. Sicher ist, dass er mehrfach reiste. Im Mai 1479 wurden in Ferrara Übernachtungskosten für „zoane de tintoris de Bourgogne“ erstattet. Vielleicht besuchte Tinctoris dabei seine Heimat und traf in Lüttich den Komponisten Johannes de Stokem, den er in De inventione et usu musice erwähnt. Am 25. Oktober 1480 erhielt er Dienstgarderobe.
Am 15. Oktober 1487 bat König Ferrantes Tinctoris, neue Sänger für die Hofkapelle zu gewinnen. Beigefügte Empfehlungsschreiben an den französischen König und andere Herrscher zeigen, dass sich die Suche vermutlich bis nach Frankreich, Burgund und Flandern erstreckte. Im September 1488 wird Tinctoris als Empfänger einer Pfründe an Sainte-Gertrude in Nivelles genannt. Ein Gesuch an den Papst vom 24. Oktober 1490 um einen Doktortitel im kanonischen und zivilen Recht bezeichnet ihn als Sänger der königlichen Kapelle in Neapel und als Kleriker in Cambrai. Außerdem hatte er in Orléans den akademischen Grad eines licentiatus erworben.
Wann er Neapel endgültig verließ, ist unbekannt. Zuletzt besaß er den Rang eines archicapellanus. Die Krönung Rodrigo Borgias zum Papst Alexander VI. am 26. August 1492 veranlasste ihn zur Motette Gaude Roma vetus, die nicht überliefert ist. Ein Aufenthalt in Rom zu dieser Zeit ist möglich, aber unsicher. 1493 besuchte er vermutlich Beatrix von Aragón, inzwischen verwitwete Königin von Ungarn. Ein Brief an Juan Marco Cinico da Parma belegt einen Aufenthalt in Neapel 1495/96; ein weiterer Aufenthalt in Rom ist für 1502 nachgewiesen. Seine Pfründe in Nivelles ging am 12. Oktober 1511 an Peter de Concinck über. Daraus folgt, dass Tinctoris kurz zuvor gestorben war. Sein Sterbeort ist unbekannt; genannt werden Nivelles oder Italien.
Kompositionen und Schriften
Die Gesamtausgabe seiner Vokalmusik erschien 1976 als Johanni Tinctoris opera omnia, herausgegeben von G. Melin. Zu den geistlichen Werken gehören mehrere Messen: Missa L’homme armé zu vier Stimmen, Missa sine nomine (I) und (II) zu drei Stimmen, Missa sine nomine zu vier Stimmen sowie Missa Trium Vocum. Verschollen sind Missa Helas (vor 1482), Missa Nos amis (vor 1475; vermutlich nicht identisch mit einer 1979 von Reinhard Strohm identifizierten Messe) und Pater rerum (vor 1482).
Weitere geistliche Kompositionen sind Alleluia zu zwei Stimmen, Credo zu vier Stimmen, Fecit potentiam zu zwei Stimmen, Lamentationes Jeremie zu vier Stimmen (vor 1506), O virgo miserere mei zu drei Stimmen und Virgo Dei throno digna zu drei Stimmen. Die beiden letztgenannten Werke entstanden im Sommer 1476 für Beatrix von Aragón. Das Credo ist identisch mit dem Credo der Josquin Desprez zugeschriebenen Missa L’ami Baudichon.
Zu den weltlichen Werken zählen Comme femme und De tous biens playne, beide zu zwei Stimmen, sowie Difficiles alios delectat pangere cantus, D’ung aultre amer, Helas le bon temps, O invida Fortuna und Vostre regart, jeweils zu drei Stimmen. Le souvenir liegt in einer drei- und einer vierstimmigen Fassung vor. Tout a par moy ist zweistimmig. Mehrere Stücke beruhen auf bereits vorhandenen Stimmen oder Melodien, etwa Comme femme auf dem Tenor einer Chanson von Gilles Binchois, De tous biens playne auf dem Tenor einer Chanson von Hayne van Ghizeghem, D’ung aultre amer auf dem Tenor einer Chanson von Johannes Ockeghem und Le souvenir auf Material von Robert Morton. Tout a par moy verwendet den Tenor einer Chanson von Walter Frye oder Gilles Binchois. Gaude Roma vetus von 1492 ist verschollen, der Text ist jedoch erhalten. Helas le bon temps entstand vor 1501.
Seine musiktheoretischen Schriften wurden als Johannis Tinctoris Opera theoretica in zwei Bänden herausgegeben, 1975 und 1978, ediert von A. Seay. Überliefert oder nachweisbar sind unter anderem Complexus effectuum musices (um 1472–1475, vor 1481 überarbeitet und Beatrix von Aragón gewidmet), Expositio manus (um 1472/73), Liber imperfectionum notarum musicalium (um 1472–1475), Proportionale musices (um 1472–1475), Tractatus de regulari valore notarum (um 1474/75), Scriptum […] super punctis musicalibus (um 1475), Tractatus alterationum (um 1475) und Tractatus de notis et pausis (um 1475).
Hinzu kommen Liber de natura et proprietate tonorum, datiert auf den 6. November 1476, und Liber de arte contrapuncti, datiert auf den 11. Oktober 1477. De inventione et usu musicae entstand um 1481 und wurde nach 1487 gedruckt; erhalten sind nur Auszüge, darunter ein Widmungsbrief an Johannes de Stokem. Das vierte Kapitel wurde 1909 von Karl Weinmann in Regensburg neu gedruckt. Speculum musices, vor 1472 entstanden, ist verschollen. Articuli et ordinatione dell’ordine del Toson d’oro entstand um 1474–1477 und behandelt das Statut des Ordens vom Goldenen Vlies. Zum Werkverzeichnis gehört außerdem der Brief an Juan Marco Cinico da Parma von etwa 1495/96.